„Wir haben kein Qualitätsproblem“
Nach jahrelangen Diskussionen tritt am 1. Mai 2012 eine Reform der Sportbootführerscheine Binnen und See in Kraft, die den Einstieg in die Sportschifffahrt erleichtern soll, ohne Sicherheitsaspekte zu vernachlässigen: Beide Fragenkataloge wurden auf 300 Fragen reduziert – wobei die ersten 72 Basisfragen identisch sind – und die theoretische Prüfung auf das Multiple-Choice-Verfahren umgestellt.
Die Anforderungen für die praktische Prüfung liegen dann etwas höher. Dass das Thema Führerschein trotz dieser Fakten weiter Wogen schlägt, hat mit einer unterschiedlichen Bewertung dieser Reform zu tun. Für die einen – in erster Linie ADAC-Sportschifffahrt und Bundesverband Wassersportwirtschaft – nur ein Schritt in die richtige Richtung, wollen die vom Staat mit dem Führerscheinwesen beliehenen Verbände – besonders der Deutsche Motoryachtverband (DMYV) – keine weiteren Zugeständnisse machen und verlangen ein Ende der Reformen (siehe dazu auch BOOTE 10/11).
Meinungsverschiedenheiten der beiden Lager gibt es nicht nur in Sachen Abbau von Hürden (Führerscheinfreiheit bis 15 PS, statt wie bisher 5 PS), sondern auch hinsichtlich der Qualität der Ausbildung. So fordert Dr. Steffen Häbich, Leiter Wassertourismus & Sportschifffahrt des ADAC, stets aufs Neue verbindliche Mindeststandards für Ausbildungsstätten und ein „einheitliches Qualitätssiegel“ (BOOTE 11/11).
„Bauchläden mit Dumpingpreisen“ (Häbich) sollen auf diese Weise aus dem Verkehr gezogen werden. Eine Position, die ebenfalls nicht unwidersprochen bleibt. Heinz Fr. Adorf, der beim DMYV das Kompetenzcenter Führerscheinwesen/Ausbildungsstätten leitet, hielt im Gespräch mit BOOTE Gegenrede.
Mit seinem unablässigen Verlangen nach Mindeststandards, so kritisiert Adorf seinen ADAC-Widerpart, erwecke Häbich den Eindruck, dass in Deutschland keine fachlich fundierte Ausbildung zum Erwerb der Sportbootführerscheine geleistet werde. Das Gegenteil sei der Fall: „Wir haben kein Qualitätsproblem.“ Maßstab für Qualität ist in Adorfs Augen letztlich die Prüfung. Die niedrige Durchfallquote spreche für sich.
Der Referatsleiter des DMYV preist in diesem Zusammenhang das verbandseigene Qualitätssiegel „Vom DMYV anerkannte Ausbildungsstätte“. Die Richtlinien für die Verleihung dieses Prädikates sind auf der DMYV-Website (www.dmyv.de) im Download-Bereich für jeden einsehbar, ebenso die für die Erteilung der Ausbilderlizenz. Dafür muss der Ausbilder (neben der Volljährigkeit) eine Reihe von Anforderungen erfüllen:
Besitz der Sportbootführerscheine Binnen und See, möglichst auch des Sportküstenschifferscheines, eines Funkzeugnisses (UBI, SRC oder LRC; gleichwertige Funkzeugnisse werden anerkannt). Mindestens drei Jahre nachgewiesene eigene Bootspraxis. Teilnahme an einem vom DMYV veranstalteten Seminar für Rhetorik, Pädagogik, Didaktik.
Bundesweit gibt es derzeit 241 vom DMYV anerkannte Ausbildungsstätten, die ebenfalls auf der Verbandswebsite aufgelistet sind. Ein einheitliches Qualitätssiegel für alle Ausbildungsstätten – wie von Häbich gefordert – macht für Adorf schon wegen der je nach Fahrtgebiet und Sparte unterschiedlichen Klientel keinen Sinn.
„Außerdem haben wir in Deutschland Gewerbefreiheit“, betont Adorf mit Hinweis auf die von Häbich ins Feld geführten „Bauchläden mit Dumpingpreisen“ und fügt hinzu: „Das ist der Markt.“ Jeder Führerscheinaspirant könne sich seine Schule selber heraussuchen, entsprechend seinem Zeitbudget und seinen finanziellen Möglichkeiten. Auch für Autodidakten solle der Zugang zum Sportbootführerschein offen bleiben.
Einen Seitenhieb Richtung „Reformer“ kann sich Heinz Fr. Adorf nicht verkneifen: Man könne nicht auf der einen Seite den Führerschein bis 15 PS freigeben wollen (für den DMYV sei dies ohnehin nicht zu verantworten) und auf der anderen Seite höhere Anforderungen an die praktische Ausbildung stellen. „Das beißt sich.“ Adorf plädiert für ein Ende der Führerscheindiskussion. Das bereits bestehende modulare System habe sich bewährt. „Wir müssen irgendwann zur Ruhe kommen.“
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