Nachtfahrt mit dem Boot Nachtfahrt mit dem Boot

Mit dem Boot durch die Dunkelheit

Voll ins Schwarze: Nachtfahrt in Südengland

Christian Tiedt am 02.03.2016

Nachts schlafen alle anständigen Menschen? Kann sein. Wir haben den Cruising Club der Schweiz jedenfalls auf einem ungewöhnlichen Praxistörn begleitet – und hatten dabei durchaus „finstere“ Absichten.

Fotostrecke: Mit dem Boot nachts durch die Dunkelheit

Blitze über der See

Wo ist die verdammte Tonne geblieben? Gerade eben war sie noch querab an Backbord, keine zwei Bootslängen entfernt. Wir haben extra aufgestoppt, damit ich ein Foto machen kann. Doch als ich nur wenige Sekunden später mit gewechseltem Objektiv aus dem Schutz des Verdecks wieder hinausschaue, ist da nur noch Finsternis, kein rotes Blitzen mehr über dem aufgewühlten Wasser. Stattdessen trifft mich feine Gischt im Gesicht. Der Wind reißt sie von den kurzen Wellenkämmen, die sich mit aller Macht dem drängenden Ebbstrom entgegenstemmen. Das Boot muss sich bereits gedreht haben!

Am niedrigen Himmel steht ein orangener Schein. Das muss Cowes sein. Oder doch Southampton? Ein paar Augenblicke nur war ich nicht aufmerksam und habe schon die Orientierung verloren.

Wo ist die Tonne, vielleicht schon gefährlich nahe? Ich kann ihre hellen Glockenschläge hören, nur sehen kann ich sie nicht. Zum Glück bin ich der Einzige an Bord der "Rolling Swiss 2", der innerlich vom Kurs abgekommen ist: Skipper Marc weist am Verdeck vorbei nach Steuerbord. Und da bockt das rundliche Spierengerüst von "East Lepe" in der See, schon eine runde Kabellänge entfernt! Ein roter Blitz, dann noch einer, keine Frage. Natürlich hatten Steuermann Peter und Navigator Urs unsere Position die ganze Zeit im Blick. Doch ich merke mir sehr genau: Wer einmal nicht aufpasst...

Im März auf dem Solent

Die erste Lektion ist also gelernt – und das ist gut so. Schließlich sind wir deshalb hier, Anfang März in völliger Dunkelheit auf dem Solent, dem schmalen Meeresarm, der die Isle of Wight von der englischen Südküste trennt. Zu einer Zeit also, wenn die meisten Yachten noch an Land unter ihren Winterplanen schlummern und ihre Crews lieber zielsicher zu Fuß den nächsten Pub ansteuern.

"Solent Lights": Der Name ist Programm auf diesem Praxistörn. Vier Tage lang (beziehungsweise drei Nächte) steht die Navigation bei Nacht im Vordergrund.

Landfeste und schwimmende Seezeichen, befeuerte und unbefeuerte, Kennung und Wiederkehr, Sektoren und Richtlinien. Dazu kommen die anderen Fahrzeuge, Fähren, Frachter und Fischer, mit ihrer ständig wechselnden Geometrie aus Positionslichtern, rot, weiß und grün.

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Christian Tiedt am 02.03.2016
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