Skrei-VM, Lofoten, Norwegen Skrei-VM, Lofoten, Norwegen

Reportage: Kabeljau-WM

Skrei!

Christian Tiedt am 20.11.2017

Wenn der Winter endet, werden die Lofoten zum Schauplatz eines besonderen Spektakels – der Weltmeisterschaft im Kabeljauangeln. Der begehrte Fisch hat dort sogar einen eigenen Namen: Skrei

Fotostrecke: Skrei-VM

Noch liegt nächtliche Stille über Svolvær. Die Straßen, die zum Hafen hinunterführen wie die Sjømannsgata, sind menschenleer. Ihre blassen Laternen beleuchten von grauem Winterstaub bedeckte Autos, vertrocknetes Gras und harte, scharfkantige Schneereste zwischen den Gebäuden. Die Kleinstadt auf den Lofoten schläft, und mit ihr nicht nur ihre 4400 Einwohner, sondern eine für die frühe Jahreszeit ungewöhnlich große Anzahl Touristen.

Viele Hundert Sportangler sind es, die den Gastwirten und Hoteliers schon Anfang April für ein Wochenende zu vollen Häusern verhelfen.

Die meisten der erwartungsvollen Gäste stammen aus allen Ecken Norwegens (die von hier oben aus gesehen, zwei Breitengrade nördlich des Polarkreises, allerdings fast alle im Süden liegen, wie die knapp 1000 Flugkilometer entfernte Hauptstadt Oslo). Aber auch Schweden und Russen sind dabei, ebenso wie Deutsche, Polen und sogar Japaner. Für den herandämmernden Tag hoffen sie alle auf ein Zusammentreffen mit einem anderen Weitgereisten: dem skrei.

Das norwegische Wort bedeutet "Wanderer" und ist so etwas wie ein wohlverdienter Ehrenname: Denn eigentlich handelt es sich beim Skrei um besonders großen und kräftigen Kabeljau.

Der zieht im Winter in gewaltigen Schwärmen mit Millionen von Artgenossen aus der arktischen Barentssee jenseits des Nordkaps die norwegische Küste hinab bis in die vom Golfstrom erwärmten Gewässer rund um die Lofoten. Hier laicht der Skrei und zieht seinen Nachwuchs groß – im nassen "Vorgarten" von Svolvær sozusagen.

Zum Ausklang der Fangsaison, die von Anfang Januar bis Ende April reicht, wird  die beschauliche Hafenstadt deshalb zum Schauplatz für eine ganz besondere Mischung aus sportlichem Wettkampf und ausgelassenem Volksfest: die Skrei-VM, die "Weltmeisterschaft im Skrei-Angeln".

Asbjørn Inge Thomassen kennt das Spektakel nur zu gut: Er stammt selbst aus Svolvær und ist einer der Skipper von RS 138 "Sundt Flyer", dem dort stationierten 17-Meter-Kreuzer der redningsselskapet, der norwegischen Seenotretter.

Für die vierköpfige Crew liegt das wilde Angel­wochenende diesmal am Ende ihrer dreiwöchigen Schicht. Da ist noch einmal volle Aufmerksamkeit gefragt. "Wir fahren mit der Flotte raus, um sofort helfen zu können", erzählt Thomassen. Die meisten Zwischenfälle seien zum Glück Routine: "Etwa wenn ein Boot eine Leine in den Propeller bekommt. Dann heißt es rein in den Trockenanzug und tauchen."

Doch es gibt auch andere Situationen: "Besonders bei schlechtem Wetter kann bei so vielen Booten und so vielen Personen eine Menge passieren", sagt der erfahrene Seenotretter nachdenklich. "Wenn jemand über Bord fällt, egal ob draußen oder im Hafen, braucht er vor allem Glück. Und das ist leider nicht immer der Fall."

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Christian Tiedt am 20.11.2017
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