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Reportage: Nordkap / Norwegen

71° 10,2' N: Ganz oben

Thomas Kittel am 28.12.2016

Nordnorwegen ist ein Abenteuer für sich. Thomas und Jutta Kittel nahmen die Herausforderung auf eigenem Kiel an

Es gibt Grund zum Feiern: Wir haben den Polarkreis überquert! 66°33,9’ nördlicher Breite bestätigt der Plotter am Steuerstand von „Azura“. Wir sind also auf der Höhe von Alaska und Sibirien. Nur der Golfstrom sorgt dafür, dass hier im Norden Norwegens etwas andere klimatische Bedingungen herrschen.

Wie „hoch“ wir aber dennoch sind, merkt man beispielsweise in Häfen mit großen Gebäuden oder in tief eingeschnittenen Fjorden, in die das Signal unseres Fernsehsatelliten nicht mehr hineinreicht. Auch unser Barometer, das per Funk aus Frankfurt mit der Uhrzeit versorgt wird, liefert auf einmal seltsame Daten. Es ist nicht die Batterie, wie zuerst vermutet. Unsere Distanz zur Heimat übersteigt seine Reichweite.

Am Tiefenmesser merken wir ebenfalls, dass wir nicht mehr in der Ostsee unterwegs sind: Obwohl Raymarine nur bis etwa 200 m Tiefe korrekte Daten garantiert, hält sich das Gerät wacker und zeigt in den extrem tiefen Fjorden schon einmal Tiefen von über 700 m an – laut Seekarte durchaus korrekt.

Nach Norden hin nimmt auch die Tide deutlich zu. Im südöstlich von Bodø gelegenen Saltstraumen gibt es den stärksten Gezeitenstrom der Welt: Alle sechs Stunden werden 400 Millionen Kubikmeter Wasser mit einer Geschwindigkeit von 20 Knoten durch die drei Kilometer lange und nur 150 Meter breite Meerenge zwischen Salten- und Skjerstadfjord gepresst. Schnell fließendes Wasser und Strudel sind unter der Saltstraumen-Brücke gut zu beobachten. Ein Paradies für Angler, die auf schnelle Beute hoffen. 

Auf den Lofoten soll uns laut Wetterbericht so etwas wie schönes Wetter ereilen – mit Sonne und Temperaturen von 12–13 Grad Celsius. Das wäre dann immerhin schon doppelt so viel wie im Augenblick! Und tatsächlich: Bei immer noch frischem Wind, aber blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein, verlassen wir Bodø.

Als wir die Insel Landegode runden, zeigen sich am Horizont schon die schneebedeckten Gipfel der Lofoten. In einem Halbkreis liegen sie in ganzer Breite vor uns und wachsen mit zunehmender Nähe majestätisch aus der Norwegischen See heraus – als hätte jemand die Alpen genommen und ins Meer gestreut.

An die sechs Stunden können wir dieses wunderschöne Panorama genießen, bevor wir Henningsvær erreichen. Diese völlig vom Stockfisch geprägte, vorgelagerte kleine Inselgruppe wird als "Venedig des Nordens" angepriesen – die Werbung ist sich eben für nichts zu schade. Aber der kleine Fischerhafen ist wirklich niedlich und beherbergt neben einigen Geschäften ein sensationelles Fischrestaurant, das jedem Superlativ standhält. Wer Fischsuppe, Rentiercarpaccio, Walsteak (gilt übrigens als Fleisch) oder auch Bacalao (Stockfisch) mag, kommt voll auf seine Kosten.

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Thomas Kittel am 28.12.2016
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