Capelli Tempest 770 WA Capelli Tempest 770 WA

Test: Capelli Tempest 770 WA

Darf’s etwas mehr sein?

Erich Bogadtke am 08.04.2018

Das solide konstruierte RIB aus dem hause Capelli bietet Freude am Fahren und eine lange Zubehörliste

Man kann, was man tut. Und Capelli kann RIBs, angefangen beim 2,20-m-Tender bis hin zum exakt 10,07 m langen Flaggschiff, der Tempest 1100.

Die italienischen Bootsbauer werben mit solider Konstruktion, bester Qualität, einem großzügigen Raumangebot und einer kompletten Ausstattung. Aber lösen sie das auch ein?

Fotostrecke: Capelli Tempest 770 WA

Der stark aufgekimmte Rumpf, der Rauwasserkomfort verspricht und hält, und der maßgeschneiderte Tragschlauch zeigen keine Mängel. Die geklebten Nähte sind perfekt, das Laminat an den Schnittstellen verrundet und versiegelt. Gut in Form präsentieren sich auch die aus Edelstahl gefertigten Beschläge.

Auf Deutsch: Bugkorb, (klappbarer) Geräteträger, Belegklampen, Badeleiter, Handläufe und Ankerhalterung zählen zu den Pluspunkten. Die Techniker überzeugen den Tester mit solidem Batteriekasten und -hauptschalter, ordentlich verlegten Kabeln und einer Kraftstoffanlage, die serienmäßig mit Leitungen aus Kupferrohr und Gewebeschlauch, Absperrhahn, Wasserabscheider, Niro-Tank und Inspektionsluk ausgerüstet wird.

Ein Kritikpunkt: An den Anschlüssen fehlen die zweiten Schlauchschellen. Doppelt hält besser!

Das Attribut „großzügig" gilt allein für das Raumangebot im Cockpit und auf dem Vordeck, wo es Platz für eine wandelbare Hecksitzbank, Sonnenliege, Pantrykonsole, große Stauräume, Bimini-Top und Heckdusche gibt.

In der Schlupfkabine kann es dagegen schon mal eng werden – besonders für XL-Leute, die sich auf den harten Polstern der V-Koje sicher nicht wohlfühlen und in dem Mini-Toilettenraum, in dem ein Pump-WC steht, nur schwer Platz finden.

Das Thema Ausstattung steht unter der Überschrift "Alles, was gut und teuer ist". Wer auf der Zubehörliste, auf der unter anderem Pantry mit Kocher, Spüle und Kühlschrank, Badeplattform, Persenninge, Geräteträger, Fäkalientank und Flexiteak-Cockpitboden stehen, in die Vollen geht, kann auf den Standardpreis noch einmal 20 000 Euro draufrechnen. Im Gegenzug erhält er dann einen Week­ender, der keinen Wunsch offenlässt.

Seitenstabilität, selbstlenzendes Cockpit, Anti-Slip-Struktur, gut platzierte Hand­läufe, Badeleiter, Automatik-Lenzpumpe, Tank­raumgebläse und Feuerlöscher gewährleisten die notwendige Sicherheit, Yamahas F 250 sorgt für die Freude am Fahren.

Der mit Vierventiltechnik und variabler Nockenwellensteuerung ausgestattete V6-Motor beschleunigt die 1600 kg schwere Capelli bei 5600 U/min auf 42,2 kn. Nicht nur Drehzahl und Speed zeigen, dass der montierte Stahlpropeller eine gute Wahl ist.

Richtig getrimmt, bleibt der Bug beim Übergang zur Gleitfahrt da, wo er hingehört – auf dem Wasser. Das Boot lässt sich ohne Einhaken, Schaukeln und Prop-Ventilation in enge Kurven und Kreise steuern. Kritikwürdig finden wir die hydraulische Steuerung, die beim Herausfahren aus dem schnellen Kreisverkehr schwergängig wird, sowie den Fahrersitz, der keiner ist und auch keiner sein soll.

Der gepolsterte Deckel der Pantrykonsole hat keine Rückenlehne und bietet null Seitenhalt. Da kann man dem Fahrer, der hin­ter der stark getönten Windschutz­schei­be bei Dunkelheit und Regen im Blindflug unterwegs ist, nur Standfestigkeit wünschen. Wo’s langgeht, zeigen ihm Plotter und Kompass, wie es dem Motor geht, die digitalen Yamaha-Instrumente.

Auf der Beliebtheitsskala weit oben steht die Verbrauchsanzeige. Wer sich am stets leichtgängigen Gang-Gas-Hebel in Zurückhaltung übt, kann bei wirtschaft­licher Gleitfahrt (gut 20 kn) mit einer beacht­lichen Reich­weite von 162 sm planen. Plus Reserve, versteht sich.

Richtig wohl fühlt sich der "flüsternde Riese" aber erst bei 35 kn. Mit 92 dB(A) arbeitet er dann zwar laut, aber ohne zu nerven. Wie war das noch mal? Der Ton macht die Musik. Heavy Metal, also 96 dB(A) und 2,23 l/sm, spielt der Yamaha erst bei Vollgas.

Beim lang­samen Walzer in Verdrängerfahrt geben geringer Wel­len­schlag und Kurs­stabilität den Takt an. Bleiben die Ma­növrier­­­­ei­genschaften, die von kleinen Drehkreisen, direktem Umsteuern und Pro­pellerventilation in Rückwärtsfahrt gekennzeichnet sind.

Fazit:
Wer in zusätzliches Zubehör investiert, bekommt mit der Capelli 770 WA ein komplett ausgerüstetes, erstklassig verarbeitetes RIB mit sportlichen, aber sicheren Fahreigenschaften. Gewöhnungsbedürftig
ist allein der Stehplatz für den Fahrer.

Erich Bogadtke am 08.04.2018
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