Azimut Grande 27M Azimut Grande 27M

Azimut Grande 27M

Eine runde Sache

Marcus Krall (BOOTE EXCLUSIV) am 21.11.2017

Azimut prescht mit neuen Modellen in das Megayacht-Segment. Die Grande 27M beeindruckt mit einem Widebody-Konzept und einem Interior von Achille Salvagni

Gestern noch hätte uns der Mistral einen Strich durch die Rechnung gemacht. Heute Morgen liegt der Golfe de La Napoule ruhig und glitzernd vor uns. Lediglich etwas Restschwell schwappt durch die Bucht vor dem südfranzösischen Cannes, der für unsere Testkandidatin jedoch kein Hindernis darstellt – die Azimut Grande 27M misst über alles 26,78 Meter.

Unter anderem mit diesem Modell ordnet die Azimut-Benetti-Gruppe ihre Oberklasse der Marke Azimut Yachts neu. Zeitgleich ist die Azimut Grande 35M erschienen, also die größere Schwester der 27M. Während das Exteriorstyling von Stefano Righini stammt, also quasi Azimuts Hausdesigner, wurde für das Interior Achille Salvagni verpflichtet.

Fotostrecke: Azimut 27M

Der noch recht junge Gestalter mit Niederlassungen in Rom, New York und London ist vor allem für die Einrichtung von Residenzen oder großer Formate wie "High Power III" (Ex-"Numptia") oder "Aurora" bekannt. Salvagni jedenfalls scheint das maritime Leben in seiner Essenz begriffen zu haben.

Denn während auf vielen Yachten gern scharfe Kanten zu sehen sind, mit denen man bei Seegang nicht Bekanntschaft machen möchte, sucht man diese auf der Azimut Grande 27M nahezu vergeblich. Die meisten Möbel besitzen abgerundete Ecken, zudem herrschen im gesamten Interior geschwungene, weiche Linien vor.

Sie passen hervorragend an Bord einer Yacht, wie natürlich harte Geometrie im Interiordesign ebenfalls ihre Berechtigung hat – laut Salvagni allerdings eher an Land. Seinen Stil nennt er "neue italienische Renaissance" und orientiert sich bei seiner Gestaltung tatsächlich an dieser Epoche aus dem 15. und 16. Jahrhundert, als die großen Künstler etwa da Vinci oder Michelangelo hießen.

Selbstredend müssen zu diesem Ansatz auch die Möbel passen. Sie tragen ebenfalls Salvagnis Handschrift und wurden extra für die 27M angefertigt. Was bei gro­ßen Formaten ab etwa 50 Meter Länge durchaus üblich ist, gehört in der Klasse, in der die 27M spielt, zur Ausnahme und unterstreicht den Anspruch, mit dem die Werft an dieses Modell herangeht.

Das Layout der Yacht gehört eigentlich ebenfalls in eine etwas andere Liga. Während der Salon mit einer Sitzgruppe – neun Plätze, Coffeetable, verstecktes TV-Gerät in der Decke – und einem Speise­platz für zehn Gäste eher herkömmlich ausgestattet ist, folgt diesem Bereich die Eignersuite auf dem Hauptdeck.

Eine solche Lösung, die noch vor wenigen Jahren 40-Meter-plus-Yachten vorbehalten war, hält derzeit verstärkt Einzug in die Einstiegsklasse des Superyachtings. Sie wird der Werft aus dem norditalienischen Avigliana und ihren Händlern sicher den einen oder anderen Kunden zusätzlich bescheren. Dass die Mastersuite über die gesamte Breite reicht und damit über ein ordentliches Volumen verfügt, gilt vielleicht als weiteres Kaufargument.

Überhaupt gefällt die Kabine durch ihre Aufteilung in mehrere Ebenen. Wer sie betritt, steigt zunächst vier Stufen hinab und bekommt unweigerlich das Gefühl, in einen anderen und privateren Teil der Yacht zu gelangen; ins Bad geht es dann weitere zwei Stufen hinab. Rund vier Quadratmeter große und mittig verstärk­te Scheiben versorgen die Kabine mit Tageslicht, Salvagnis Möbel sind stimmig eingepflegt. Eine Ankleide ergänzt das Ensemble.

Der Look dieser Azimut Grande 27M, der vornehmlich aus den Hölzern Eiche, Walnuss und Mahagoni besteht, nennt sich übrigens "Riviera". Weitere Einrichtungsvarianten sind "Gran Milano" und "Dolce Vita", wobei letztere die klassischste Dekormöglichkeit ist.

Wir schauen uns nun das Unterdeck an, auf dem auf dieser Testyacht vier Kabinen installiert wurden. Wer möchte, kann auch eine weniger ordern. Eigner ohne Absicht zu verchartern können ihren Gästen so etwas größere Unterkünfte gönnen. Soll indes irgendwann doch verchartert werden, gilt die Vier-Kabinen-Version als erste Wahl.

Sowohl die Einzel- als auch die Doppelkabinen wirken äußerst gemütlich. Ganz besonders gelungen ist übrigens der Zugang nach unten: Achille Salvagni entwarf eine geschwungene Treppe, die ein absolutes Novum im Serien- und Semi-Custom-Segment darstellt. Sein fließender Stil kehrt überall an Bord wieder.

Doch wie sieht es mit der Performance der Azimut aus? Statt im sogenannten Raised Pilothouse, also dem vom Hauptdeck nach oben verlagerten Steuerstand, drücken wir die Gashebel nun auf der Flybridge langsam nach vorn. Zwei je 1397 kW starke MAN-V12-Motoren kommen im Maschinenraum in Wallung.

Bei 1000 U/min zeigt das GPS eine Geschwindigkeit von 9,4 Knoten, der Verbrauch liegt nun bei 70 Litern pro Stunde für beide Motoren zusammen. Bei 1500 Umdrehungen sind es 14 Knoten und 230 Liter, bei 2000 Umdrehungen zeigen die Instrumente 21,5 Knoten und 500 Liter, und bei der Maximaldrehzahl (2355 U/min) messen wir 28 Knoten und 700 Liter. In der Spitze übertreffen wir sogar den Wert, den die offizielle Spezifikation aufweist. Dort gibt die Werft als Höchstwert 27 Knoten an.

Der Geräuschpegel variiert in der Range von 1000 bis 2355 Umdrehungen zwischen 53 und 65 Dezibel im Ruderhaus; im Salon und in der Eignersuite auf dem Hauptdeck liegt er bei Fullspeed bei 71 respektive 73 Dezibel. Wären wir konstant mit 22 Knoten unterwegs, würde der Tank nach eingerechneter Zehn-Prozent-Reserve für 370 Seemeilen nonstop reichen. Bei zehn Knoten weniger könnten wir 800 Meilen weit fahren, ohne zu tanken. Die Bunker im Rumpf fassen insgesamt 9500 Liter Diesel.

Azimut Yachts reduzierte bei der Grande 27M das Gewicht übrigens durch starken Einsatz von Karbon – eine Technik, die im Segelyachtbau nahezu Standard ist. Jedenfalls besteht der gesamte Aufbau samt Flybridge und Hardtop aus dem leichten schwarzen Material.

Was bereits im vergangenen Jahr bei der kleineren 72 Fly zu beobachten war, bestätigt sich bei der Grande 27M: Karbon lässt mehr Volumen zu, einen tieferen Schwerpunkt und verspricht höhere Geschwindigkeiten. Nach mehrjähriger Entwicklungszeit investierte Azimut in einen 26 Meter langen, sechs Meter hohen und acht Meter breiten Ofen, in dem komplette Decks und Aufbauten in einem Stück "gebacken" werden können.

Bei bis zu 100 Grad verteilen 24 separat zu steuernde Ventilatoren die Wärme im Raum, Sensoren leiten die Daten an Rechner weiter, mit denen der Vorgang überwacht wird. Mitunter dauert ein Backvorgang bis zu einen Tag lang – je nach Größe des Teils. Obwohl die Technik teurer als die GFK-Verarbeitung ist, soll der Mehraufwand laut Werft nicht an den Kunden weitergegeben werden.

Gibt es an der neuen Azimut denn etwas auszusetzen, fragen wir uns nach der Testfahrt. Man muss schon etwas nachdenken. Wenige kleine Verarbeitungsfehler übersehen wir ob der Tatsache, dass es sich um die Baunummer eins handelt. Das Treppenhaus indes knarrt und knarzt ein wenig und benötigt eventuell eine bessere Einpassung ins Interior. Ansonsten zeigt der Daumen für die Grande 27M nach oben.  

Dieser Text stammt aus der boote Exclusiv Ausgabe 6/2017

Marcus Krall (BOOTE EXCLUSIV) am 21.11.2017
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