Aquino 1190 Aquino 1190

Test: Aquino 1190

Stahlboot aus Deutschland

Ralf Marquard am 25.03.2017

Hübsch gemacht: Mit der Aquino 1190 verleiht die Kuhnle Werft aus Rechlin ihrer Flotte ein modernes Outfit

Wer schon mal mit den Kormo­ranen der Kuhnle Werft unterwegs war, weiß es: Die "Dinger" sind praktisch aufgeteilt und fast unverwüstlich. Ideal, wenn da nicht diese Optik wäre! Bezeichnungen wie "fahrendes Bügeleisen" oder "Stahlross" sind keine Seltenheit.

Harald Kunhle ist jedoch davon überzeugt, dass die Linien dieser "Boote mit Charakter" auch in 20 bis 30 Jahren noch zeitlos elegant sein werden

Dennoch hat sich die Werft des Wunschs einiger Kunden angenommen, ein modernes Stahlboot zu bauen. Herausgekommen ist die Aquino 1190, die bei Kuhnle im Charterbetrieb läuft, aber ebenso, wie die gesamte Kormoran-Baureihe, als Eignerver­sion angeboten wird.

Fotostrecke: Aquino 1190

 Wir fuhren unser Testboot auf der Müritz, Ausgangspunkt war die Kunhle-Charterbasis in Rechlin. Schon beim Ablegen fällt sofort auf, dass man es den Skippern möglichst leicht machen möchte, denn das Boot ist mit einem Joysticksystem ausgerüstet.

Es macht das An- und Ablegen zum Kinderspiel

Man muss den Stick nur in die gewünschte Richtung drücken, und die Aquino bewegt sich exakt und zielgenau auf die gewählte Marschroute. Selbst das Kreiseln um die eigene Achse bewältigt der Rumpf mühelos; der Stick wird dafür nach links oder rechts gedreht. Möglich macht dies die hydraulische Anlage der Aquino. Sie besteht aus einer Hydraulikpumpe, die anstatt eines Getriebes an den Motor geflanscht wird. Diese treibt wie­derum die Hydraulikmotoren von Bug-, Heckstrahlruder und Propellerwelle an.

Schiebt man den Hebel nach vorn, verhält sich die Aquino erst mal wie ein Boot mit Wendegetriebe. Je höher die Drehzahl, desto schneller fährt sie. Auffällig ist aber der Punkt um 1750 U/min, denn ab hier nimmt die Geschwindigkeit (11,5 km/h) bis zur Maximaldrehzahl von 2850 U/min kaum noch zu (etwa 0,3 km/h). Die theoretische Rumpfgeschwindigkeit von etwa 15 km/h erreicht das Boot damit nicht. Ein Zeichen, dass die Feinabstimmung zwischen Diesel, Hydraulik und Propeller noch nicht stimmt. Unsere Testkombination fährt somit bei 1750 U/min wirtschaftlich und erreicht mit einer Tankfüllung (550 l) abzüglich 15 % Reserve respektable 750 km. Zügelt man die Drehzahl noch etwas, ergeben sich schnell Reichweiten im vierstelligen Kilometerbereich.

Gelenkt wird an schiffigen Steuerrädern, die man an beiden Fahrständen leichtgängig dreht. Um den Geradeauskurs zu halten, heißt die Devise: einpendeln lassen und nur wenig gegenlenken. Als vorteilhaft erweist sich hier die Ruderlagenanzeige, mit der man nach einer Kurve schnell die Mittelstellung wiederfindet; beim anschließenden Geradeauskurs darf man nur ganz wenig um diesen Punkt pendeln, um nicht in Schlangenlinien zu fahren. Wer das Ruder komplett quer legt, erlebt keine Überraschung – das Testboot legt sich nur gering auf die Kurvenaußenseite und fährt gemütlich um die Kurve.

Als Fahrerplatz befindet sich unter Deck ein frei stehender, erhöhter Sportsitz mit Armlehnen. Manko: Wenn man direkt vor dem Steuerrad Platz nimmt, ist die Beinfreiheit sehr gering, da er sich nicht weit genug nach hinten schieben lässt (der Fuß berührt die Salonbank). Ansonsten ist der Fahrstand sehr nüchtern gehalten und bis auf den Kompass mit allem ausgerüstet, was man benötigt. Hinter den dunklen Scheiben ist die Fahrgemeinschaft gut geschützt; für Regenwetter installiert die Werft zwei Scheibenwischer, allerdings fallen die Wisch­felder nur winzig aus. Auf das Oberdeck zum Außenfahrstand führen zwei Treppen mit Geländer, die für den sicheren Auf- und Abstieg gut di­mensioniert sind. Anlegen geht von der oberen Etage eine Nummer übersichtlicher als von der unteren. Hier oben finden auch die meisten Aktivitäten an der frischen Luft statt, denn unten integriert

der Konstrukteur nur eine Plattform, die nach achtern offen ist. Eine Badeleiter, bedienbar über einen Tampen, ist in die Reling an Steuerbord integriert. Gleich da­neben und recht ungewöhnlich: ein in
der Seitenwand untergebrachter Anker. Dieser ist als Zweitanker vorgesehen, am Bug sitzt noch der Hauptanker mit elek­trischer Winde.
Unter Deck findet man drei Kojen im Vorschiff und zwei in der Achterkabine. Vorbildlich: Alle haben unter der normalen Matratze eine Spezialauf­lage (Gisatex), die für gute Unterlüftung sorgt. Als Notbett lässt sich noch die Sitzecke im Salon umbauen. Mehr als fünf Personen sind für längere Zeit jedoch nicht empfehlenswert. Optimal ist die Belegung mit vier Crewmitgliedern. Im Salon steht die Pantry
mit Drei-Flammen-Gaskocher, Backofen, großer Spüle und Kühlschrank. Weiteren Komfort bieten zwei Nasszellen, die mit WC (elektrisch), Dusche und Waschbecken komplett ausgerüstet sind.   
Die Antriebseinheit erreicht man zur Sichtkontrolle bequem über ein kleines Luk im Salonboden, bei Servicearbeiten entfernt der Techniker eine große Klappe und kann uneingeschränkt schrauben. Die Installationen hat die Werft im gesamten Boot ordentlich ausgeführt. Bei den Einbauten stören uns die nicht abgerundeten Ecken, an denen man sich leicht Blessuren holt. Ins Sachen Verarbeitung zeigt sich ein passables Bild, besonders auffällig jedoch die unschöne Apfelsinenhaut auf den Lackoberflächen. Gut: die Schweißnähte.

DEN GESAMTEN TEST DER AQUINO 1190 FINDEN SIE IN DER BOOTE-AUSGABE 8/16, DIE ES AB DEM 20.07.2016 IM HANDEL GIBT

 

Datenblatt: Aquino 1190

Werft: Kuhnle Werft
Typbezeichnung: Aquino 1190
CE-Kategorie: C - Küstennahe Gewässer
Material von Rumpf und Deck: Stahl
Länge (m): 11,90 m
Breite (m): 3,90 m
Verdrängung (kg): 15,50 t
Preis: 380.205,00 €
Ralf Marquard am 25.03.2017
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