Im Orkan auf Island Im Orkan auf Island
Abenteuer

Orkan: Nur noch auf allen Vieren zu Bug

Harald Paul am 30.05.2014

Auf Island warten Harald und Silvia Paul auf den Sommer, um ihre Expedition fortzusetzen. Hier erzählen sie, wie sie die Winterstürme erlebten.

Im Orkan auf Island

Im Orkan auf Island

Der westlich angehaltene Kurs von Norwegen soll uns in diesem Sommer 2013 bei unserer geplanten Tour "Donau-Alaska" wenigstens bis zur Ostküste Kanadas bringen. Die ersten größeren Etappen über die Shetlands und Faröer bis nach Island lassen sich dank unserer neuen, großflächigen Stützbeseglung gemütlich meistern. Islands Ostküste, mit all ihren tiefen Fjorden und den geschützten Ankerplätzen, bietet uns vor den für die Jahreszeit zu früh einsetzenden Starkwinden den ausreichenden Schutz.

Im Bereich der Halbinsel Langanes im Nordosten warnt der örtliche Funkdienst dann jedoch ununterbrochen vor großen Eisbergen und stürmischen Winden. Durch kurze Etappen und erhöhte Aufmerksamkeit kompensieren wir diese Vorkommnisse. Ab und zu krängt das Schiff ein wenig mehr als gewohnt, doch im Großen und Ganzen steckt unser 20-Tonnen-Langkieler bislang alles gut weg.

Erst im Seegebiet Horngrunn, das den Westfjorden Islands vorgelagert ist, erhalten wir den ersten derben Nackenschlag: Durch das Zusammentreffen des Irmingerstroms mit der entgegenlaufenden Tide und einer saftigen Brise aus verschiedenen Richtungen, brodelt das Meer um uns herum ordentlich auf. Kurze, steile See, brechende Kämme und ruckartige Schiffsbewegungen bleiben uns im Gedächtnis.

Doch wir erreichen unseren Zielhafen in Ísafjörður, ganz im Nordwesten der Insel. Bei einem ordentlichen Hamburger und einer Portion Pommes kommt man schnell wieder zu Kräften und ist für neue Herausforderungen bereit.

Der Gedanke an die Überfahrt nach Ostgrönland, die von hier aus erfolgen soll, hält uns auf Spannung. Aber ständige Sturmwarnungen schließen die ohnehin kleinen Wetterfenster für die rund 340 sm lange Überfahrt zur ostgrönländischen Insel Ammassalik. Ein neuer Plan, der die Strecke auf offener See fast halbiert, hat den nördlicher gelegenen Nansenfjord zum Ziel. Ein Blick auf die Eiskarte bestärkt uns, weil sich zu dieser Jahreszeit, Ende August/Mitte September, selbst dort oben das Eis langsam zurückzieht. Kaum ist der Plan zu Ende gedacht, öffnet sich laut Vorhersage tatsächlich eine kleine Wetterlücke, die genau mit ihrer Windrichtung und Stärke für uns passend ist.

Beim Auslaufen begegnen wir einem Trawler, der uns vor den großen Eisbergen noch weit vor der grönländischen Küste warnt. Mein Inneres wehrt sich etwas gegen diese Überfahrt, weil es zu dieser Jahreszeit schon einige Stunden dunkel wird und wir mit unserer Schiffsgröße gegenüber jeglichem Eis die sicheren Verlierer sind. Dennoch erreichen wir nach zwei Etmalen und einigen Maschinenaussetzern Grönland.

Wie vorhergesagt gibt es zwar nur vereinzeltes Packeis, doch habe ich die Gletscherbrocken – sogenannte bergy bits – der zahlreich einmündenden Gletscher unterschätzt. Diese blockieren nicht nur fast alle verfügbaren Ankerplätze, sondern schieben sich zudem in großer Zahl als fast undurchdringliche Eisfläche vor der Küste entlang. Dichtester Nebel und Winde aus verschiedenen Richtungen machen das Manövrieren in den Abertausenden von Eisbrocken nicht leichter.

Seemeile um Seemeile kämpft sich der Bug der Smelne durch die stürmische See Richtung Süden. Kaum eine Rastmöglichkeit bietet sich an, und die Starkwinde scheinen niemals nachzulassen. Langsam kommt die Einsicht, dass wir den Süden Grönlands und die weiteren Törnziele zumindest in diesem Sommer nicht mehr erreichen können. Einstimmig fällt die Wahl zur Umkehr nach Island.
Island, eine gespaltene Insel mitten im Nordatlantik, unter der die feurige Lava auf ihren nächsten Ausbruch wartet. Die tektonischen Platten der nordamerikanischen und der eurasischen Seite driften jährlich einige Zentimeter auseinander. Die Region der Westfjorde (isländisch Vestfirðir) ganz im Nordwesten soll mit ihren zahlreichen Einschnitten unsere Heimat für die nächsten Monate sein. Zunächst scheint diese Entscheidung glücklich, weil uns das Wetter mehr als wohlgesonnen ist. Doch hier auf Island wechselt die Wetterlage mit einem Fingerschnippen ins Desaster.
Ende Oktober verhüllt der erste Schnee die Landschaft und hellt die Nächte etwas auf. Unsere "Gypsy Life" nächtigt in einem kleinen Fjord auf einer 5-m-Tiefenlinie an einem 40 m langen ausgebrachten Ankergeschirr. Die zunehmenden Winde lassen mich die tatsächliche Position überprüfen, indem ich die aktuellen GPS-Koordinaten bis auf die dritte Stelle hinter dem Komma mit dem vergleiche, was ich zuvor in der Seekarte eingetragen hatte. Das Ergebnis: Der Anker hält nicht. Zum ersten Mal, nach Zehntausenden von Seemeilen, reichen fünfzig Kilogramm Ankergewicht und 40 m Kette nicht aus, um unsere Smelne auf Position zu halten. Mein Verdacht fällt auf die neuen Masten mit ihrer größeren Windangriffsfläche.
Nur auf allen vieren kann ich den Bug erreichen, so fällt der Wind von den Bergen herunter. 

DEN GESAMTEN BERICHT VON HARALD PAUL FINDEN SIE IN DER JUNI-AUSGABE VON BOOTE, DIE ES AB DEM 28. MAI IM HANDEL GIBT.

Harald Paul am 30.05.2014