Irlands grünes Herz Irlands grünes Herz

Charter und Revier: Royal Canal in Irland

Irlands Grünes Herz: Der Royal Canal

Robert Tremmel am 07.08.2015

Früher war der Royal Canal die Hauptschlagader Irlands, heute ist er ein Quell der Ruhe. Das jüngste Charterrevier der grünen Insel im Porträt.

Fotostrecke: Irland: Royal Canal

Royal Canal, Irland

Richmond Harbour bei Cloondara, wo der Royal Canal in den Shannon mündet.

Die moosgrüne Insel sei das Land der Klöster, Schlösser und Schafe, heißt es. Reichlich Guinness und Whiskey würden hier fließen. So zumindest hatten wir uns Irland vorgestellt. Das Bild stimmt schon, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte machen die Menschen und ihre Geschichten aus, wie am dritten Tag unserer Hausboottour auf dem Royal Canal, als wir am lockhouse in Coolnahay eintreffen.

Claire Christie, eine Dame in den Sechzigern, bittet uns in das urige Schleusenwärterhäuschen – zwei Zimmer mit
je drei mal vier Metern, kleinen Fenstern und vielen bunten Blumen draußen am Gartenzaun. Schon ihr Vater schuftete an den schweren Eisenkurbeln von Schleuse Nummer 26. An dieser Funktionsweise hat sich seit 1818 nicht viel verändert. Außer, dass es heute nur noch vier Schleusenwärter am 146 Kilometer langen Kanal gibt statt vier Dutzend. Ihre Häuschen sind verfallen oder als romantische Cottages verkauft.

In Coolnahay liegt der Scheitelpunkt des Kanals. Nach Osten und Westen läuft das Wasser zu Tal, das aus einem nahen Stausee kommt. Bis nach Dublin wären es 96 Kilometer – vier straffe Fahrtage, zu viel für diesen einwöchigen Törn. Bis zu diesem Zeitpunkt haben wir seit dem Start in der Charterbasis von Locaboat in Cloodara immerhin schon 20 Schleusen und 50 Kilometer zurückgelegt, die wir auf dem Rückweg jetzt noch einmal vor uns haben.Wer es wie wir bis zu den Christies hinauf schafft, wird zur tea time mit selbst gebackenen Scones sowie Orangenkonfitüre belohnt und bekommt kleine Geschichten vom irischen Landleben zu hören.

Irlands grünes Herz

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Einst sei die gute Stube das Schlafzimmer von Mutter und Tochter gewesen, gleichzeitig aber auch Küche. Der Rauch zog unter das Dach ab – einen Kamin gab es nicht. Claire berichtet, dass fast jeden Abend ein Dutzend Bauernburschen aus der Umgebung zum Tanzen kamen. Bei den Christies gab es nämlich immer jemanden, der die Uillean Pipes oder das Akkordeon zum Klingen brachte.

"Wir waren bettelarm, aber es war eine lustige Zeit", erinnert sich Claire. "Glauben Sie, die Bengel von nebenan hätten je etwas aus der eigenen Speisekammer mitgebracht?" Zu Weihnachten habe es für die Tanzrunde eine Flasche Guinness gegeben, "und selbst die kam von uns", empört sich Claire mit einem Lächeln. "Ihr solltet an einem Mittwochabend im ,Rustic Inn‘ von Abbeyshrule aufkreuzen. Dort treffen sich jetzt die Leute. Die machen ihre Musik noch so wie früher", rät Claires Mann Patrick zum Abschied.

Seit der Wiedereröffnung des Kanals im Jahr 2010 fahren Schleusenmeister in den blauen Werkstattwagen von Waterways Ireland auf den endlosen Rad- und Wanderwegen am Kanalufer entlang. Unser lock keeper heißt Philip Hennessy, so wie der Cognac, der auf einen Iren zurückgeht. Jeden Morgen und Abend gibt uns der 38-Jährige ein Briefing zur anstehenden Tagesetappe, die wir mit ihm gemeinsam planen. An den vielen Schleusen treffen wir uns bis zu zehnmal am Tag.

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Mit der Zeit lernen wir von Phil, wie die uralten Schleusen mit ihren schweren Stemmtoren funktionieren. Wer will, darf nach einer Einweisung übrigens gern selbst Hand anlegen. Die Gebühren sind im Charterpreis enthalten.
Zum Start der Tour in Cloondara war die Crew in einer Hinsicht nervös: Unser Hausboot, eine Pénichette FB 1020, war immerhin 3,55 Meter breit. Die nutzbare Breite der 46 Schleusenkammern des Royal Canal beträgt aber gerade einmal knapp vier Meter – eine enge Geschichte. Und richtig spannend wird es bei den zahlreichen alten Rundbogenbrücken: Da muss man nicht nur rechts und links an den Scheuerleisten aufpassen, sondern ebenso auf das Deckshaus des Hausbootes, und nicht zuletzt den eigenen Kopf! 

Vom Ungeübten ist volle Konzentration gefordert; man muss sich mit den trägen Bewegungsabläufen des Bootes erst vertraut machen. Schon nach einem Tag laufen die kleinen Korrekturen vor Schleusen, Brücken und Kurven aber wie von selbst. Am Ende war der Skipper dann der Entspannteste von allen. Manchmal kommt man erst am Steuer so richtig zur Ruhe – und die sanfte, grüne Landschaft der irischen Midlands leistet dabei von Beginn an tatkräftige Unterstützung.

Fast von Beginn an. Zunächst pflügen riesige Maschinen durch die Landschaft und hinterlassen ein schwarz-braunes Torffeld bis zum Horizont – ein Tagebau von der Größe eines mittleren Flughafens, der bis an das Ufer des Kanals reicht! Das gewährt immerhin spannende Einblicke. Seit jeher ist Torf ein populäres Heizmittel in Irland. Das Moor, das die Grundlage für den Torf bildet, gehörte bei der Konstruktion des Kanals zur größten Herausforderung der Ingenieure, da ein Steinbett das Wasser im Kanal halten musste. Lange wurde nach einer möglichen Trasse durch das bis zu 20 Meter mächtige Moor gesucht.

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Die ersten Menschen, die die tückische Gegend vor mehr als 2000 Jahren durchstreiften, bauten sich einen Knüppeldamm aus Eichenbohlen. Das Moor hat diese frühe Straße konserviert. An der Fundstelle ist sie im Corlea Trackway Visitor Center ausgestellt. Warum wollten die Kelten ausgerechnet hier über das Moor? Diesem Rätsel nimmt sich das multimediale Museum an. Es liegt eine Viertelstunde zu Fuß von Mosstown Harbour entfernt, einem Anleger der Gemeinde Keenagh.

Von nun an wird die Landschaft aber mit jeder Stunde lieblicher. Auf den Weiden grasen Rinder und Pferde. In Brannighan Harbour lassen wir den ersten Tag nach fünf Schleusen und 23 gefahrenen Kilometern ausklingen. Wir sind nur zwei Booten begegnet, da ist etwas Highlife in den Pubs der Kleinstadt Ballymahon angesagt, die über einen Feldweg mit unserem Liegeplatz verbunden ist.

Wir landen schließlich im "Canal Turn". Hier treffen sich die jüngeren Leute auf ein Bier. An der Theke sitzen wir neben Rory, der uns von blonden Frauen erzählt, die er als Musiker auf seiner Deutschland-Tournee getroffen habe. Deutschland ist ihm in sympathischer Erinnerung. Das Publikum war für seine irischen Gitarrensongs sehr empfänglich und bereit, eine gute Münze in den Hut zu schmeißen. Dann kritzelt er auf einen Bierdeckel einen kleinen Song: Music unifies, destiny devides. Frei übersetzt: "Musik bringt Freunde zusammen, die vom Lauf der Dinge getrennt werden."

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Der Hafen von Ballymahon gehört zu den schönsten am Kanal. Das alte Ticket-Büro der einstigen Kanalgesellschaft wurde zu einem Treffpunkt von Gemeindegruppen umgewandelt. Wer sich für die Geschichte der "Wiederauferstehung" des Royal Canals interessiert, sollte sich über den Schleusenmeister einen Kontakt geben lassen. Die Veteranen der ersten Stunde, die in den Sechzigerjahren die Idee ins Rollen brachten, erzählen gern, wie sie anfangs als Fantasten belächelt wurden. Aber steter Tropfen habe den Stein gehöhlt, gegen alle Widerstände, erzählt man uns mit einem Augenzwinkern: "Wir erreichten so viel mit so wenig über einen so langen Zeitraum, dass wir uns heute in der Lage fühlen, selbst Alles mit Nichts zu versuchen."

Das könnte noch wichtig werden, denn die weitere Erhaltung des Kanals kostet Geld, und nach der Bankenkrise wurden die Etats auch bei Waterways Ireland zusammengestrichen. Arbeit macht beispielsweise das Uferschilf: Es wächst in die Fahrrinne und muss von Spezialbooten, die wir auf unserer Tour häufig sehen, abgemäht werden. Hinzu kommt, dass der Wasservorrat des Kanals in dieser flachen Gegend nicht mehr als zehn Boote pro Tag verträgt. Vielleicht liegt der Schlüssel des Erhalts deshalb auch im allgemeinen Tourismus entlang des Kanalufers. Angler, Radler, Reiter, Wanderer und Naturliebhaber aus Irland und Großbritannien sollen sich hier erholen, Festland-Europäer wären auch nicht schlecht. Einige von ihnen sind schon da.

Ballymahon und der hübsche Nachbarort Abbeyshrule sind ein gutes Beispiel für das Potenzial der Midlands: Klöster, Schlösser und der Liebreiz der Landschaft. Dazu Besuchermagneten wie die Guinnessbrauerei und das Amüsierviertel Temple Bar in Dublin. Mit dem öffentlichen Regionalverkehr sind diese Ziele vom Royal Canal auch für jene Hausbooturlauber ohne große Anstrengungen erreichbar, die es auf ihrem Törn nicht ganz bis in die irische Haupstadt schaffen.   

Auf unserem Rückweg erinnern wir uns an die Empfehlung der Christies von Schleuse 26 und machen noch in Abbeyshrule fest, einer preisgekrönten Blumenstadt, die zwar nur zwei Pubs, etwa zwanzig Häuser und eine ehrwürdige Klosterruine besitzt, aber dafür jede Menge irischen Charme.

Im "Rustic Inn" erwartet uns der versprochene Musikabend, und unser Schleusenwärterpärchen hat nicht übertrieben. Enkelkinder und uralte Großeltern sitzen zusammen und spielen bis spät in den Abend hinein feucht-fröhliche Folksongs und schwermütige Balladen – Lieder, die hier jeder kennt: "Rocky Road to Dublin", "Fields of Athenry", "The Auld Triangle". Die Stimmung ist gut und so familiär, wie sie nur in einem irischen Pub sein kann. Man kommt schnell ins Gespräch. Es gibt schließlich so viel zu erzählen!
 

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Pénichette 1020 FB: Länge 10,20 m, Breite 3,55 m, zwei Doppelkabinen (ein Zusatzbett möglich), zwei Nasszellen (Dusche/WC), zwei Fahrstände (innen und außen). Bugstrahlruder. Wochenpreise: 1085–2100 Euro.

Das Boot
Pénichette 1020 FB: Länge 10,20 m, Breite 3,55 m, zwei Doppelkabinen (ein Zusatzbett möglich), zwei Nasszellen (Dusche/WC), zwei Fahrstände (innen und außen). Bugstrahlruder. Wochenpreise: 1085–2100 Euro.

Die Charterfirma
Die europaweit vertretene Firma Locaboat betreibt einen Stützpunkt in der Ortschaft Cloondara – das erste  Charterangebot dieser Art auf dem Royal Canal. Wegen der engen Brückendurchfahrten werden drei kleinere Modelle des Hausboottyps Pénichette für maximal sieben Personen angeboten. Die Kanaltour kann auch in Ergänzung zu einem mehrwöchigen Bootsurlaub mit Fahrt über den Shannon eingeplant werden. Für One-Way-Törns steht dazu eine weitere Basis in Ballinamore am Shannon-Erne-Waterway zur Verfügung. Kontakt: Locaboat Holidays, Postfach 867, 79008 Freiburg, Tel. 0761-20 73 70. www.locaboat.com

Der Kanal
Seit 2010 ist der 200 Jahre alte Royal Canal wieder durchgehend schiffbar. Zuvor war er knapp 50 Jahre lang geschlossen und streckenweise verlandet. Die Länge beträgt 146 Kilometer. 46 handbediente Schleusen sind zu überwinden, die nutzbaren Abmessungen der Kammern betragen 21 x 3,90 m. Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit ist mit 6 km/h recht gemütlich. Durchfahrtshöhe: 3,00 m, Wassertiefe: 1,20 m. Wie die übrigen Binnenwasserstraßen Irlands ist auch der Royal Canal führerscheinfrei. Privatboote benötigen ein jährliches Permit zur Benutzung (Kosten: 126 E).

Häfen und Ziele
Der Etappenplan (s. links) orientiert sich an sieben Fahrtagen. Umgekehrt wird in Mullingar. Der Royal Canal hat nur zwei Häfen mit Serviceaustattung (Strom, Wasser und Sanitäranlagen), Cloondara und Mullingar. Eine elektronische Wertmarke mit Guthaben für die Sanitärgebäude ist bei Locaboat erhältlich. Bei allen anderen Liegestellen ist man auf die bordeigene Versorgung mit Wasser und Strom angewiesen. Prinzipiell kann überall am Kanalufer angelegt werden. Sowohl Mullingar und Ballymahon eignen sich als Stützpunkt für Ausflüge ins Umland, etwa nach Athlone sowie nach Dublin, oder auch in das Whiskey-Museum nach Tullamore. Eine Weiterreise nach Dublin auf dem Wasser ist derzeit nicht empfehlenswert, aber möglich. Für die große Umfahrt über Grand Canal und Shannon sind eigene, langwierige Vorbereitungen nötig, da eine Eisenbahnbrücke in Dublin, die nur einmal im Monat geöffnet wird, die Wasserstraße unterbricht. Der Zeitplan kann bei Waterways Ireland erfragt werden.

Revierführer
Waterways Ireland gibt einen detaillierten "Guide to the Royal Canal" auf Englisch heraus. Darin enthalten sind Revierkarten, Schleusenangaben, Gastliegeplätze, Serviceeinrichtungen und Versorgungsmöglichkeiten an Land. Das 78-seitige Ringbuch befindet sich an Bord der Charterboote oder kann für 10 Euro im Online-Shop von Waterways Ireland bestellt werden: www.shopwaterwaysireland.org

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Törnetappen
Cloondara (Richmond Harbour) ▹  Keenagh (Mosstown Harbour)............. 12 km, 5 Schleusen
Keenagh  ▹  Ballymahon (Brannighan Harbour)......................................... 10 km, 2 Schleusen
Ballymahon  ▹  Abbeyshrule........................................................................ 7 km, 1 Schleuse
Abbeyshrule  ▹  Ballynacargy...................................................................... 8 km, 3 Schleusen
Ballynacargy  ▹  Coolnahay Harbour........................................................... 8 km, 3 Schleusen
Coolnahay Harbour  ▹  Mullingar................................................................. 9 km, keine Schleusen
Gesamt (hin und zurück):............................................................................ 108 km, 38 Schleusen

Robert Tremmel am 07.08.2015
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