CCS-Ausbildungstörn CCS-Ausbildungstörn
Britische Inseln

England: Solent und Isle of Wight

Christian Tiedt am 05.11.2011

Der Cruising Club der Schweiz bildet Mitglieder auf der eigenen Motoryacht aus. Wir waren an Bord der „Rolling Swiss II“ in Südengland mit dabei.

CCS-Ausbildungstörn

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Fotostrecke: Südengland: Ausbildungstörn

Wild rüttelt der Wind an den eingerollten und fest verzurrten Sonnenschirmen auf der Terrasse der Hafenbar, die zur Haslar Marina in Gosport gehört. Sie werden nicht gebraucht an diesem trüben Apriltag, dessen bleierne Wolken mit fest geschlossenen Reihen über den Süden Englands ziehen. Der Wirt wischt Gläser aus und sieht immer wieder zum einzigen besetzten Tisch hinüber.

CCS-Ausbildungstörn

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Bootscrew, so viel ist klar. Aber was für einen Reim er sich wohl auf das Stimmengewirr macht, dass unter den fünf Männern herrscht? Französisch und Deutsch kann er sicherlich erkennen, aber ob er mit dem kehligen Schweizerdeutsch etwas anfangen kann, das ebenfalls gesprochen wird?

Die fünf, das sind zum einen Philippe, der für eine große Versicherung arbeitet und zwischen Zürich und Luzern lebt, und Jean-Daniel, Fachzahnarzt aus dem Lavaux im französischsprachigen Teil der Schweiz. Beide sind eigentlich eingefleischte Segler. Dazu kommt Marc, der sein Geld als Bauingenieur in Zürich verdient.

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Alle drei gehören zum CCS, dem Cruising Club der Schweiz. Die kleine Runde, zu der auch Kollege Morten und ich selbst gehören, ist gerade erst zusammengetroffen: Gosport ist der Ausgangspunkt für einen mehrtägigen Ausbildungstörn.

Die Ausbildungsyacht, die „Rolling Swiss II“, liegt weiter unten im Hafen. Für sie ist die Übungssituation genauso neu wie für Philippe, Jean-Daniel und selbst Skipper Marc, denn es ist die erste Saison des neuen Halbgleiters. Die wird im Sommer 2011 noch weit führen, in die Bretagne, durch den Nord-Ostsee-Kanal und bis nach Skagen. Dabei sollen Motoryacht-skipper für den eigenen Club ausgebildet oder auf die Prüfung zum Schweizer Schiffsführerausweis vorbereitet werden. Doch auch Meilen- oder Urlaubstörns für Mitglieder sind im Angebot.

Skipper Marc, der die Anschaffung der Trader 42 und ihre Ausrüstung begleitet hat, zählt die Übungsinhalte der kommenden Tage auf: Bootsmanöver, Törnplanung, Navigation, klassisch und elektronisch, das Verhalten bei Wind und Strom, das Einbeziehen der Gezeiten, eine Nachtfahrt und vieles mehr. Doch zuerst geht es an Bord, zur technischen Einweisung. Wenn das Bier geleert ist, versteht sich.

Die technische Einweisung erfolgt in allen Einzelheiten und beginnt bei den Rettungsmitteln: Pyro-Signale, EPIRB (die automatische Seenot-Funkbake), nicht zuletzt die „grab bag“ – eine fertig gepackte und wasserdicht verschlossene Tasche mit allem, was man im Ernstfall in der Rettungs-insel braucht oder brauchen könnte. Wir klemmen uns nacheinander in den blitzblanken Maschinenraum zwischen die beiden Diesel und klettern unter den Holzschreibtisch in der Achterkabine; dort befindet sich, verborgen hinter einer Klappe, die Notruderanlage mit Handpinne.

Alles ist penibel beschriftet, Schweizer Gründlichkeit möchte man sagen, aber auf einem Ausbildungsschiff, wo der Großteil jeder Crew immer wieder neu an Bord ist, eine absolut einleuchtende Maßnahme. Weiter geht es zur Schalttafel am Niedergang: Hinter einer Glastür brennen dort ungefähr so viele Lämpchen wie im Kontrollraum eines Kraftwerkes und geben ein flimmerndes Gesamtbild der an Bord laufenden Geräte, Batterien, Konverter und Generatoren. Am Ende unserer Einführungsrunde sind wir sicher, in jeden Winkel über und unter Deck einmal geschaut oder gegriffen zu haben. Es kann losgehen!

In den Tassen dampft noch der Kaffee vom Frühstück, als sich die Crew am nächsten Morgen an die Törnplanung für den Tag macht. Die Verantwortlichkeiten wechseln von Tag zu Tag, sodass jeder mehrmals jede Aufgabe übernimmt. Mit spitzem Bleistift werden Revierführer gewälzt, Strömungstabellen befragt und Gezeitenkurven interpoliert. Was macht das Wetter? „Wight: Südwest 3-4, zunehmend 5, sonnig, vereinzelt Nebel.“ Klingt für Anfang April sehr freundlich, kein Problem für die mit CE-Kategorie A zertifizierte Trader 42 und vor allem kein Vergleich zum stürmischen Grau des gestrigen Tages.

Es soll von Portsmouth nach Yarmouth gehen. Das Ziel liegt auf der Isle of Wight, knapp 20 Seemeilen entfernt. Langsam füllt sich das weiße Blatt Papier des Törnplans mit einer Liste von Kursen, Positionen und Peilungen. Wie setzt der Strom, und wann lässt er sich ausnutzen? Mit ihm im Rücken spart man Zeit und Sprit. Konzen-triert besprechen Philippe und Jean-Daniel die gewählte Route. Auf der Seekarte läuft ihr feiner Strich von Wegpunkt zu Wegpunkt: „Outer Spit“, „Sturbridge Shoal“ und darüber hinaus, weiter nach Westen.

Skipper Marc lässt sich die Planung genau erklären: Soll es über den flachen „Inner Swashway“ hinausgehen, wo die Sportboote unter sich sind, oder über das Hauptfahrwasser? Er weist auf die zahlreichen Zusatzbemerkungen hin, die auf der Seekarte in Lila eingedruckt sind und oft genug mit dem Wort „caution“ beginnen – Vorsicht! Nicken am Tisch, das Radiergummi wird gezückt, und eine kleine Korrektur lässt die „Rolling Swiss II“ danach etwas weiter nördlich aufs anschließende Kartenblatt wandern.

Am besten kann man sich den Solent als großes Flussdelta vorstellen; nicht das eines einzigen Stromes, sondern als Bündel mehrerer kleiner Flüsse, wie Test und Itchen (die das Southampton Water bilden), den River Hamble und den Beaulieu River. Dazu kommen im Osten die großen Lagunen von Portsmouth, Langstone und Chichester. Davor liegt die Isle of Wight wie ein Korken auf der Flasche. Doch der Korken sitzt nicht fest. Er lässt einen schmalen Meeresarm mit Ausgängen im Westen und im Osten – den Solent.

Vor der Steganlage der Haslar Marina dreht die „Rolling Swiss II“ die ersten Kreise. Philippe sitzt am Steuer. Geübt wird das Manövrieren mit zwei Maschinen (unseren Seglern an Bord natürlich bislang unbekannt) und das An- und Ablegen am Kopfsteg bei leichtem Strom. Gefühl ist gefragt bei zweimal 380 PS unter den Händen, besonders, wenn man sonst nur einen „Flautenschieber“ gewohnt ist. Steuerbord voraus, Backbord achteraus und um-gekehrt.

Vom Bug des grasgrün gestrichenen Feuerschiffes nebenan, einst schwimmendes Seezeichen vor der Küste, heute fest vertäutes Wahrzeichen der Marina, sehen zwei Männer dabei zu, wie wir unsere Pirouetten tanzen. Sie zeigen den erhobenen Daumen und rufen etwas, von dem man nur „Swiss“ versteht, aber ob sie den Bootsnamen meinen oder die Flagge mit dem Schweizerkreuz am Heck, erfahren wir nicht. Es wird Zeit, dass wir uns auf den Weg machen.

Die wuchtigen Festungswälle, hinter die sich Portsmouth viele Jahrhunderte duckte, bleiben langsam im Kielwasser zurück. Aber die Silhouette der Stadt verbindet vor dem diesigen Himmel gestern und heute. Da sind einerseits die filigran aufragenden Masten und Rahen der altehrwürdigen „Victory“, Flaggschiff des legendären Lord Nelson bei seinem großen Sieg vor Kap Trafalgar im Jahr 1805. Nicht zu Unrecht wurden diese Schiffe damals stolz als „wooden walls“ of England bezeichnet, die „hölzernen Schutzmauern“ ihres Landes.

Nelson, der bei der Seeschlacht selbst durch die Kugel eines französischen Scharfschützen den Tod fand, kehrte, in ein Branntweinfass eingelegt, an Bord des Schiffes zurück nach England. Heute ist der kanonenstarrende Dreidecker zwar ein Museumsschiff, aber trotz seines Alters von fast 250 Jahren noch immer in commission, also im aktiven Flottendienst, und dient als geschichtsträchtige Bühne bei wichtigen offiziellen Anlässen.

Gegenwart und Zukunft symbolisiert dagegen der hoch aufragende Spinnaker Tower auf den Gunwharf Quays nahe der östlichen Hafenmole von Portsmouth. Wie ein silbernes, leicht geblähtes Segel an nadelscharfem Mast, ragt er 170 m hoch in das aufklarende Blau über uns. Von See kommend, dient er als unverwechselbare Landmarke. Von seiner Aussichtsplattform hat man dagegen einen großartigen Blick über den Ärmelkanal in Richtung Frankreich. Eröffnet wurde er im Oktober 2005, dem 200. Jubiläum der Schlacht von Trafalgar ...

Flaschengrün leuchtet der Solent an diesem Tag, doch sein Wasser ist trübe. Die vielen Schwebeteilchen sind ein ebenso deutliches Zeichen für den starken Tidenwechsel in diesem Revier wie die schweren Fahrwassertonnen, die mit deutlicher Schräglage im zerrenden Gezeitenstrom an ihren schweren Ketten ächzen. Nur wenige Segelyachten sind so früh in der Saison unterwegs, hin- und wieder schneidet ein RIB durch die See – praktisches Verkehrsmittel auf den weit verzweigten Wasserwegen des Solent.

Von achtern kommt mit dröhnenden Turbinen ein Luftkissenboot auf und ist schon vorbei: Hovercrafts pendeln als Hochgeschwindigkeitsfähren zwischen Portsmouth und der Isle of Wight. Sie sind genauso schnell wie laut – 45 kn schaffen sie locker – und eine interessante Begegnung im Fahrwasser.

Nördlich von Sturbridge Shoal sind wir dann mehr oder weniger allein. Zeit für die nächste Lektion: In hohem Bogen fliegt ein Fender über Bord: „Boje über Bord!“ Jetzt zeigt sich, wie sehr die Tide mit uns spielt. Während der auf Rettung wartende Fender in einen kleinen, für den Solent typischen Strömungswirbel gerät und mehr oder weniger auf einer Stelle bleibt, treibt die massige und tiefgehende Trader 42 schnell ab.

Ein erster Anlauf bringt uns nicht näher, auch wenn der als Ausguck eingeteilte Jean-Daniel ständig Richtung und Entfernung zum schnell schrumpfenden „Gummikopf“ des über Bord Gegangenen  durchsagt. Auch der zweite Versuch muss abgebrochen werden; erst beim dritten Mal kann sich Jean-Daniel, jetzt mit dem Bootshaken bewaffnet, an der treibenden Fenderleine einpicken. Übung ist alles, und beim vierten Durchgang dauert das Bad des Fenders keine zwei Minuten mehr. Wechsel auf dem Fahrersitz, noch mal von vorn!

Am Nachmittag erreichen wir Yarmouth im Nordwesten der Isle of Wight. Eine lange Holzpier für die Urlauber, ein Kirchturm zwischen gemütlichen Giebeldächern und eine große Autofähre prägen das Bild. Mit dem Motorboot weist uns der harbour captain einen Platz am Schwimmsteg zu, der Strom setzt verflixt ungünstig. Doch sanft geht die „Rolling Swiss II“ längsseits, das Training in Portsmouth hat sich gelohnt. Anerkennendes Nicken aus dem Cockpit der Segelyacht neben uns.

Der Hafen ist zwar voll, fast jeder Liegeplatz belegt, hier gilt das aber dennoch als leer. In der Hauptsaison im Sommer, wenn eine Regatta die nächste jagt und jeder Wochenendskipper auf Törn geht, sind die Marinas im Revier so dicht gepackt, dass man auch trockenen Fußes an Land kommt, wenn man eigentlich an Dalben oder einer Muring liegt. Schilder an der Hafeneinfahrt warnen dann schon von Weitem, dass alles belegt ist. Die rechtzeitige Anfrage per Funk kann einigen Frust vermeiden.

Fehlt zum Tagesabschluss nur noch die Nachbesprechung: Hat alles so geklappt, wie die Crew geplant hat? „Würdet ihr beim nächsten Mal etwas anders machen?“, fragt Skipper Marc. Manöver werden diskutiert, die Route noch einmal durchgegangen. Dann kann das Logbuch des ersten Törntages geschlossen werden. Alles, was jetzt noch folgt, kann auch in guter, örtlicher Tradition im Pub erfolgen. Fish and chips und frisches Ale soll es im „Bugle Coaching Inn“ am George Square geben, nur einen Steinwurf vom Hafen entfernt.

Seekarten und Skizzenblätter werden weggeräumt, die Nationale mit dem weißen Kreuz eingerollt. Dann macht sich die kleine Gruppe durch alte Gassen aus Ziegel und Fachwerk zum letzten Wegpunkt des Tages auf. Denn auch Geselligkeit, so wird betont, würde groß geschrieben beim Cruising Club der Schweiz.

WAS SKIPPER WISSEN MÜSSEN

Der Cruising Club der Schweiz (CCS) Der Club Mit mehr als 6500 Seglern und Motorbootfahrern ist der 1955 gegründete Cruising Club der Schweiz (CCS) einer der größten Yachtclubs des Landes. Die Aus- und Weiterbildung spielt dabei eine ebenso große Rolle wie der Sport selbst. Aus diesem Grund betreibt der CCS gleich eine ganze Reihe von Yachten und bietet ein umfangreiches Törnprogramm für seine Mitglieder an, das von der Ausbildungsfahrt mit Prüfung bis zum Ferientörn reicht. Infos: www.cruisingclub.ch

Die Motorbootabteilung Abgedeckt werden alle Bereiche des Motorbootsports im Tourenbereich, von der Binnen- und Küstenfahrt bis hin zur hohen See. Seit dem vergangenen Jahr hat auch CCS Motorboot eine eigene Yacht; ihre zweite Törnsaison hat die „Rolling Swiss II“ gerade erfolgreich abgeschlossen. Infos: www.ccs-motorboot.ch

Die Yacht Die „Rolling Swiss II“ ist ein 13,30 m langer Halbgleiter vom Typ Trader 42 (CE-Kategorie A). Drei Doppelkabinen bieten Platz für sechs Personen. Die Motorisierung besteht aus zwei Cummins-Dieseln mit je 380 PS. Infos: www.tradermotoryachts.com

Das Revier Der Solent  trennt die Isle of Wight von der englischen Südküste. Seine Ausgänge im Westen und Osten führen in den Ärmelkanal, in seinem Schutz liegen die Hafenstädte Southampton und Portsmouth, das gleichzeitig wichtiger Marinestützpunkt ist. Bekannt ist der Solent vor allem als traditionelles Sportbootrevier, besonders im Sommer um die traditionelle „Cowes Week“ herum, eine der größten Regattaveranstaltungen der Welt.

Die Gezeiten Die größte (und ungewöhnlichste) Herausforderung für Skipper ist der Gezeitenverlauf im Solent. Aufgrund mehrerer Faktoren tritt dort ein „doppeltes Hochwasser“ (double high water) ein, wobei auf ein erstes und schwächeres Hochwasser ein zweites, stärkeres folgt. Aus diesem Grund fällt die Flutperiode mit neun Stunden wesentlich länger aus als die Ebbe mit rund drei Stunden.

Die Häfen Die Infrastruktur für Bootsleute könnte im Solent kaum besser sein. Neben den gut betonnten und befeuerten Fahrwassern (besonders in den Flussmündungen) gibt es eine Vielzahl von komplett ausgestatteten Marinas und Stadthäfen. Die Häfen sind sehr groß, dennoch kommt es im Sommer regelmäßig zu Liegeplatzmangel. Viele Plätze (an Murings oder Dalben) haben zudem keinen Landzugang. Für diesen Fall steht ein Hafentaxi zur Verfügung, das  per Telefon oder Funk gerufen werden kann.

Die Literatur Wer auf dem Solent auf Törn gehen möchte, sollte sich vorher mit den nautischen Gegebenheiten vertraut machen. Wir empfehlen den „Solent Cruising Companion“ von Derek Aslett als Revierhandbuch (Wiley Nautical, ISBN 978-0-470-98828-2, etwa 30 E) und ergänzend das Buch „Solent Hazards“ von Peter Bruce (Boldre Marine, ISBN 978-1-871680-31-7, etwa 20 E). Dazu kommt der offizielle Sportbootkartensatz „SC 5600: The Solent and Approaches“ (Admiralty Leisure, ISBN 978-0-70-778-0535).

Christian Tiedt am 05.11.2011