Zu heiligen Ufern Zu heiligen Ufern
Britische Inseln

Irland: Shannon

Christian Tiedt am 15.03.2011

Hinein ins Herz der „Grünen Insel“: Mit dem Charterboot auf dem Shannon – irische Kultur, idyllische Natur und tiefschwarzes Bier.

Zu heiligen Ufern

Steinernes Fenster in die Vergangenheit: die eindrucksvolle frühchristliche Klosteranlage von Clonmacnoise am Shannon. Durch den öffentlichen Anleger unterhalb der Anlage auch für Charterboot-Crews gut zu erreichen.

Ciarán konnte zufrieden sein. Sicher mehr als einmal blickte er vom Hügel hinab auf das Kloster, das er selbst gegründet hatte. Auf die steinernen Zellen der Brüder und auf die kleine Kirche aus rauem Stein, die sie erst in diesem Jahr fertiggestellt und geweiht hatten, im Jahre des Herren 549. Sein Blick ging weiter, über die grünen Hügel und die Schleife des großen Flusses, an tSionainn, benannt nach der keltischen Göttin, die in ihm wohnen sollte.

Ciarán, der Mönch und Missionar, kannte die störrische Haltung der Bevölkerung nur zu gut, wenn es um die Bewahrung alter, vorchristlicher Traditionen ging, schließlich war er im Gegensatz zu vielen anderen Kirchenmännern, die nach Irland gekommen waren, selbst hier geboren. Und hatte nicht der Strom selbst ihn hierher geführt von seiner Insel im Loch Rí, weiter im Norden?

Fotostrecke: Irland: Shannon

Fast fünfzehn Jahrhunderte sind seitdem vergangen. Ciarán, längst als Heiliger verehrt, starb noch im Jahr der Weihung seiner Kirche. Doch sein Kloster gedieh und wurde zu einem  der großen geistlichen Zentren Irlands im frühen Mittelalter. Mehr Kirchen wurden gebaut, eindrucksvolle Hochkreuze und Rundtürme errichtet. Erst im 12. Jahrhundert sank der Stern von Clonmacnoise, wie die Anlage noch heute heißt, und geriet langsam in Vergessenheit und Verfall.

Doch inzwischen kommen wieder Boote auf dem Shannon, Charterboote, und statt Pilgern bringen sie Touristen, die hier, mitten im Herzen der „Grünen Insel“, einen Blick in die steinernen Fenster der Vergangenheit werfen wollen – wie auch wir auf diesem Törn.

Unser Startpunkt ist die kleine Stadt Carrick-on-Shannon am Oberlauf des Flusses, rund 150 km (oder 2,5 Autostunden) von der Hauptstadt Dublin entfernt. Zwischen den grauen, steinernen Straßenzügen auf beiden Ufern spannt sich hier eine alte Brücke über den Shannon; unsere Charterbasis von Carrick Craft liegt unmittelbar nördlich davon.

Wir checken ein und dürfen uns zunächst ein 15-minütiges (deutsches) Video anschauen, das Neulinge mit den Regeln auf dieser Wasserstraße vertraut macht. Doch die regionalen Besonderheiten sind schnell abgehandelt: Da wäre zum einen die Notflagge, die passenderweise das rote Kreuz des irischen Schutzpatrons St. Patrick zeigt, und zum anderen die ungewöhnliche Betonnung auf dem Shannon.

Bei der Fahrt flussabwärts hat man hier an Steuerbord rote Tonnen oder Baken mit runden Toppzeichen. An Backbord dagegen sind sie schwarz mit quadratischen Toppzeichen – zugegebenermaßen selbst bei guter Sicht nicht die allerbeste Signalfarbe ...

Mit dem Schlüssel für unser Boot bekommen wir noch einen Spannungswandler in die Hand gedrückt. Landstrom ist hier (bei Charterbooten) unüblich; zum Aufladen elektronischer Geräte an Bord ist er also unverzichtbar.

Nachdem das Gepäck an Bord ist, geht es ans „Bunkern“; das ist auch zu vorgerückter Stunde kein Problem, da der riesige „Tesco“-Supermarkt im Ort 24 Stunden geöffnet hat. Natürlich landen auch einige typisch irische, recht „bunte“ Spezialitäten im Wagen, wie Red Cheddar oder Black und  White Pudding (Achtung: Blutwurst, keine Süßspeise!). Auf „Guinness“ verzichten wir – zumindest in Dosen. Denn das schwarze Nationalgetränk der Iren schmeckt frisch gezapft einfach viel besser – wie zum Beispiel im „Oarsman“, dem alten Pub der Flussschiffer, praktischerweise nur fünf Minuten zu Fuß vom Hafen entfernt ...

Gleich am ersten Tag auf dem Fluss wird deutlich, warum die „Grüne Insel“ so grün ist. Echtes Patchwork-Wetter bringt mal Sonne, vor allem aber viel Regen vom nahen Atlantik. Zwischen dicken Güssen und feinen Sprühschleiern sehen wir den ersten Regenbogen, als es nach Süden geht. Neben den Charterbooten sind auch viele einheimische Skipper unterwegs, zumeist in etwas in die Jahre gekommenen (aber meist mit ihren Klöppelgardinen und Blumentöpfen sehr wohnlich wirkenden) Kajütbooten.

Die Landschaft hier an der Grenze zwischen den Counties Leitrim (auf dem Ostufer) und Roscommon (im Westen) verläuft mit sanften Hügeln, durch die der Shannon seine weiten, fast schon seenartigen Schleifen zieht. Die Ufer sind flach und von im Wind wogendem, silbrigem Schilf eingerahmt, die Navigation zwischen Rot und Schwarz zwar gewöhnungsbedürftig – aber unsere großformatige Gewässerkarte an Bord ist ausgezeichnet.

Nach einer Stunde erreichen wir den Jamestown Canal, der an dieser Stelle eine nicht schiffbare Flusswindung „abkürzt“, und das einzige echte Kanalstück im gesamten Törnverlauf darstellt. An seinem Ende liegt Albert Lock, unsere erste Schleuse. Mit ihren hölzernen Toren gibt sie sich noch recht urtümlich. Vor dem gemütlichen Wärterhäuschen leuchten Blumen in der mal schnell vorbeischauenden Sonne, und ein Schild verrät den Betreiber auch in gälischer Sprache: Uiscebhealaí Éireann – die irische Wasserstraßenverwaltung. Wir drücken der freundlichen Schleusenwärterin 1,50 E in die Hand (der Standardtarif pro Boot), und machen uns zusammen mit zwei Crews aus Dänemark und der Schweiz auf die Weiterfahrt.

Über den Lough Bofin kommen wir nach Roosky. Zwar schließt sich die Klappbrücke direkt vor uns, doch wir passen auch so noch darunter hindurch. Nutzen tut uns das allerdings wenig: Hinter dem eisernen dickbauchigen Rumpf des zum Hausboot umgebauten Frachtkahns vor uns passen wir nicht mehr in die folgende Schleusenkammer. Schulterzuckend lächelt die junge Schleusenwärterin vom Tor zu uns herunter, in knallgelbem Regenanzug vor schwarzer Wolkenwand. Mittagspause!

Die grüne, leicht gewellte Landschaft um uns herum wird nun völlig glatt gezogen. Der Lough Forbes, eigentlich nur eine Reihe weiter Buchten, wird abgelöst von einer Passage mit eng gesetzten Steinbaken, die bis vor die Tore von Tarmonbarry führt, unserem Tagesziel.  Gegenüber des Schleusenwehres machen wir am langen öffentlichen Anleger des Ortes (fast immer kostenlos) fest und nutzen ein vorbeiziehendes blaues Himmelsfenster zum Erkundungsspaziergang.

Von der Klappbrücke wandern wir auf der Hauptstraße nach Westen bis zu einer Esso-Tankstelle mit Shop am Ortsausgang. Auf dem Rückweg flüchten wir uns vor dem nächsten Schauer in das Bar-Restaurant von „Keenans Hotel“. Keineswegs zu spät, wie sich zeigt, denn der dunkle Schankraum ist gut gefüllt – im Fernsehen läuft Gaelic Football, eine nur auf der Insel beheimatete, sehr körperbetonte Mischung aus Fußball und Rugby.  Außerdem gibt es warme Küche nur (wie in den meisten Pubs) bis 20 Uhr, danach geht nur noch flüssige Nahrung über den blankpolierten Tresen.

Doch nicht nur an Land schaut man ins Glas: Als wir zum inzwischen voll belegten Anleger zurückkommen, liegen wir plötzlich im Päckchen – ein einheimisches Kajütboot hat außen festgemacht (vom Vercharterer nicht gern gesehen, aber was sollen wir machen?).  Drüben thront schon ein Heineken-Fass über dem Armaturenbrett, und aus den Tiefen der Kuchenbude kringeln Zigarettenqualm und die Klänge von Bluegrass, Country und Folk von „Shannonside Radio“ in den von einem Regenbogen überspannten Abendhimmel.

Noch breiter schiebt sich der Shannon südlich der Schleuse von Tarmonbarry durch sein flaches, mooriges Bett, und Rinder und Pferde grasen am Ufer. Dann folgt ein Schirm hoher Bäume bis zur Eisenbahnbrücke von Bord na Mona. Dahinter ist der Blick frei auf das klobige Heizkraftwerk von Lanesborough. Befeuert wird der Klotz – auch das dürfte typisch irisch sein – mit Torf. Der Ort selbst verfügt am Ostufer ebenfalls über einen großzügigen öffentlichen Anleger und gute Versorgungsmöglichkeiten – wir werden auf dem Rückweg hier festmachen.

Bald dahinter kann der frische Westwind seinen Atem zum erstenmal richtig ausspielen: Der Lough Ree beginnt. Zunächst noch recht schmal, wird sein Trichter nach Süden hin schnell breiter. Lange Schaumstreifen liegen auf dem tiefen Blau, die kurze, steile See lässt unser schweres Boot aber nur selten bocken. Wildromantisch wirkt die Landschaft jetzt, flache Inseln voller Vögel und Schafe liegen wie leuchtend grüne Haine in paradiesischer Ungestörtheit vor dem dunklen Wolkenpanorama.

In einer Beziehung täuscht die weite Fläche des Lough Ree: Trotz seiner Ausdehnung ist er keineswegs tief. Zwar sind alle unsicheren Stellen mit Seezeichen bestückt und in der Karte erfasst; besonders bei schlechter Sicht ist dennoch Vorsicht geboten. Aus diesem Grund ist das Hauptfahrwasser auf dem See auch mit richtigen Tonnen bezeichnet, mannshoch, noch genietet und mit vom Rost zerfressenen Toppzeichen. Die roten sind zudem von Süd nach Nord mit den weißen Ziffern von 1 bis 9 nummeriert.

Langsam überholt uns ein größeres Charterboot. Auf der Flybridge scharrt der Skipper zur Begeisterung seiner Kinder schon mit den Hufen, will ein „Rennen“ mit uns. Doch wir können nicht mithalten – unser Hebel liegt schon auf dem Tisch. Lange vor uns erreicht er den südlichen Abfluss des Sees, wo vor dem Gelände des Lough Ree Yacht Clubs Kinder in Jollen immer wieder in die Fahrrinne hineinschießen.

Doch es ist nur noch ein kurzes Stück zurück auf dem Shannon und unter zwei hohen Schnellstraßenbrücken hindurch und an modernen Ferienhaussiedlungen bis zur alten Stadt Athlone, auf Irisch Áth Luain, genau in der geografischen Mitte Irlands. Zeit, dass wir uns mal einen „richtigen“ Hafen gönnen: An den modernen Stegen der Silver Quay Marina (direkt vor dem wenig inspirierten Neubau des Radisson-Hotels), legen wir unsere Leinen über die Klampen.

Drei Sehenswürdigkeiten bietet der geschäftige Verkehrsknotenpunkt: die doppeltürmig und himmelstrebend aufragende Peter-und-Pauls-Kirche, die wuchtige Festung, die wie ein ergrauter Landsknecht gleich daneben am Ufer hockt und das sehenswerte Stadtmuseum (mit Ausstellung über den Shannon) beherbergt, und natürlich „Sean’s Bar“ – Irlands ältesten Pub.

Schon im Jahr 900 sollen sich an gleicher Stelle, dicht neben der damaligen Furt, von der die Stadt ihren gälischen Namen hat, durstige Reisende erfrischt haben. So zumindest verbrieft es das „Guinness–Buch der
Rekorde“.  Dazu kommt noch ein echter kulinarischer Tipp: Das „Olive Grove Restaurant“ an der Costume Pier bietet eine wirklich außergewöhnliche Verbindung mediterraner und asiatischer Küche. Die Schleuse von Athlone ist moderner und größer als die bisherigen. Hinter ihr endet die Stadt wie abgeschnitten. Weitläufige Flutwiesen liegen jetzt zu beiden Seiten, ein genauer Uferverlauf ist nicht immer auszumachen. Auch deswegen fordert uns die Karte trotz Betonnung auf, stets in der Fahrwassermitte zu bleiben.

Wieder haben wir feinstes irisches Wetter, als es nach Südwesten geht. Nach dem schmutzigen Morgen hat es aufgeklart, und Haufenwolken mit silbernen Bäuchen wandern über den hohen Himmel. Noch einige Stunden können wir diese Idylle mit der Stille um uns herum genießen, dann werden wir unseren Punkt zur Umkehr erreicht haben: Clonmacnois, Ciaráns „heilige Ufer“. Schließlich, nach einer letzten Schleife, ragen seine beiden Rundtürme und die dachlosen Mauern der Kirchen am Ufer auf. Mal wieder marschiert eine Regenfront heran, doch wir sind schneller und erreichen die Steganlage noch vor den ersten Böen.

Auch zwei Kanuten haben es gerade so geschafft, ziehen abgekämpft ihr Boot auf den Steg und blicken ratlos der Wolkenbank entgegen. Doch ein älteres Pärchen auf einem eisernen Kanalboot erbarmt sich und winkt die beiden an Bord ihrer „Deirdre“. Kurz darauf klatschen die ersten fetten Tropfen auf den Shannon und steigern sich bald zu heftigem Trommeln. Doch auch dieser Wolkenbruch dauert kaum eine halbe Stunde. An seinem Ende steht – wie immer  – ein Regenbogen.

WAS SKIPPER WISSEN MÜSSEN

Die Firma Carrick Craft gehört zu den ganz großen Anbietern für Bootscharter auf dem Shannon und dem Erne und ist seit 35 Jahren im Geschäft. Verteilt auf drei Stützpunkte (Carrick- on-Shannon und Banagher in der Republik Irland, Tully Bay in Nordirland) bietet Carrick Craft eine große Flotte von sieben verschiedenen Kajüt- und Hausboottypen an, die je nach Größe Platz für zwei bis acht Personen bieten. Die Charter aller Boote ist führerscheinfrei (mit Einweisung) und ab einem Alter von 21 Jahren möglich. Information und Buchung: Carrick Craft, Reservations Office, Kinnego Marina, Oxford Island, Lurgan, Co. Armagh BT66 6NJ, Nordirland. Tel. 0044-26-38 34 49 93. www.carrickcraft.com (auch auf Deutsch)

Das Boot Unterwegs waren wir mit einem 11 m langen Haus- boot der Wexford-Klasse (s. unten). Die Aufteilung mit einer (trennbaren) Doppelkoje im Bug und zwei Einzelkojen in einer zweiten Kabine im Heck ist für eine Familie oder vier Einzelpersonen bestens geeignet. Das Innere ist geräumig und gemütlich und die Küchenausstattung komplett. Zudem verfügt der Typ über Zentralheizung, eine elektrische Toilette, und (ab dieser Saison) TV mit DVD-Player und einen 240- V-Bordnetzanschluss. Beim Manövrieren hilft ein Bug- strahlruder, und als Navigationsgrundlage befindet sich ein hervorragender Sportbootkartenatlas des Flusses (auch komplett auf Deutsch) an Bord.

Das Revier Der Shannon ist bei Weitem das bekannteste und abwechslungsreichste irische Binnenrevier und verfügt dank jahrzehntelanger Chartertradition über eine ausgezeichnete Infrastruktur. Von der ungewöhnlichen (aber sonst unkomplizierten) Betonnung ein- mal abgesehen, ist er auch für Einsteiger ein ideales Revier. Schiffbar ist der Fluss für Char- terboote auf einer Länge von 257 km (plus zahlreiche Abstecher) zwischen dem Lough Allen im Norden, wo der Shannon-Erne-Waterway anschließt, und Killaloe im Süden. Infos: www.waterwaysireland.org

Die Törnetappen (in km)

Carrick-on-Shannon – Tarmonbarry  (36) 
Tarmonbarry – Athlone (43)
Athlone – Clonmacnoise (16)
Clonmacnoise – Lanesborough (46)
 Lanesborough – Roosky (24)   
Roosky –  Carrick-on-Shannon (24)
   
Gesamt: 189 km

Christian Tiedt am 15.03.2011