Caledonian Canal Caledonian Canal
Britische Inseln

Schottland: Caledonian Canal

Christian Tiedt am 18.07.2013

Mit dem Schlauchboot und Zelt waren wir auf Abenteuertörn in Schottland. Vom Atlantik bis zur Nordsee geht es einmal quer durch die Highlands.

Caledonian Canal

Caledonian Canal

Fotostrecke: Schottland: Caledonian Canal

Alle waren sie gekommen, die im Great Glen etwas zu sagen hatten, die Frasers, die Grants und die MacDonnells of Glengarry, Landbesitzer, Ingenieure und Beamte. Rot waren die nackten Knie unter den wollenen Kilts, denn der 24. Oktober 1822 war ein kalter, windiger Tag im schottischen Hochland gewesen, besonders an Deck einer Dampf-yacht auf dem offenen Loch Ness. Der Stimmung hatte das keinen Abbruch getan – man war einfach zu stolz auf das gewesen, was man zusammen geleistet hatte – oder, mit Blick auf Tausende beteiligter Arbeiter, hatte leisten lassen ...

Caledonian Canal

Caledonian Canals:

Denn an diesem Tag wurde, nach einer Bauzeit von immerhin 19 Jahren, der Caledonian Canal eröffnet. Dieses Meisterwerk der Ingenieurskunst durchschnitt nun die Highlands, eine bislang kaum erschlossene, noch immer wilde Region, und verband den Atlantik bei Fort William mit Inverness an der Nordsee. Frachtsegler bis zu einer stolzen Länge von fünfzig Metern konnten nun in wenigen Tagen von einem Meer ins andere gelangen – und den mehrere Hundert Seemeilen langen Umweg um den Norden Schottlands sparen; Gewässer, die bei den Seeleuten wegen ihrer reißenden Gezeitenströme und dem übellaunigen Wetter so berüchtigt und gefürchtet waren wie keine andere Ecke der britischen Inseln.

Caledonian Canal

Caledonian Canals:

Eine Strecke wie geschaffen

Der neue Kanal folgte dabei einer relativ "einfachen" Strecke: Wie eine tiefe Kerbe durchschnitt der Great Glen die Highlands; nur 35 künstliche Kanalkilometer waren nötig, um beide Küsten und die vier lang gestreckten Seen dazwischen zu einer durchgehenden Wasserstraße zu verbinden. Dennoch hatte man sechs Millionen Tonnen Erde mit Picken und Schaufeln bewegen müssen und Abertausende von Granitblöcken gebrochen, behauen und in Schleusen, Brücken und Hafenmauern verbaut – eine mühsame Arbeit, die schließlich zwölf Jahre mehr in Anspruch  nahm, als Baumeister Thomas Telford ursprünglich eingeplant hatte.

Desto stolzer war man jedoch am Tag der Eröffnung, und als alle sich am Abend nach der ersten Kanalpassage zum Essen versammelten, feierte man das Ereignis in guter schottischer Tradition mit einer ganzen Litanei von Trinksprüchen. Nicht weniger als 39-mal wurde das Glas erhoben – mit Whisky, versteht sich ...

"Welcome to the Caledonian Canal", begrüßt uns das Schild an der Seeschleuse in Corpach – jenem Ort, wo sich vor fast 200 Jahren die eben geschilderte feucht-fröhliche Dinnerparty zutrug. Ein Trampelpfad neben der Kammer führt durch dorniges Gestrüpp hinunter zum Kiesstrand, wo das Salzwasser des Loch Linnhe über die Steine spült. Auch wenn man das offene Meer von hier nicht sehen kann, öffnet sich der rund 60 km lange Fjord weiter im Südwesten doch auf den Atlantik.

Nach Nordosten führt dagegen der Great Glen, hinein zwischen die kahlen Höhenzüge der Highlands mit ihren windgeschliffenen Flanken, deren Grün hell aufleuchtet, wenn die Sonne einen Weg durch die regenschweren Wolkentürme über uns findet. Mitten in diesem Postkarten-Panorama beginnt unsere eigene Reise quer durch Schottland – mit Schlauchboot und Zelt.

Start in Corpach am Loch Linnhe

Unser erster Weg führt in das Kanalbüro  am Hafenbecken zwischen Corpach Sea Lock und der ersten Doppelschleuse. Drinnen werden wir freundlich von zwei Mitarbeitern von British Waterways Scotland empfangen, ein Anmeldungsformular wartet schon auf dem Tresen. Knapp 65 britische Pfund bezahlen wir für eine sieben Tage gültige licence – knapp 80 Euro. Zusätzliche Tage würden je 1,20 Pfund pro Meter extra kosten, abzurechnen bei der Ankunft in Inverness. Obendrauf gibt’s eine Gewässerkarte. Unseren Sharan dürfen wir auf dem Schleusenparkplatz stehen lassen. "Wenn ihr den in zwei Wochen nicht abgeholt habt, dann wissen wir, dass euch das Loch-Ness-Monster erwischt hat", ruft man uns lachend hinterher: "Das Biest mag Gummi!"

Am Warteschwimmsteg oberhalb der Doppelschleuse von Corpach wassern wir die 3,60 m lange Grand Corvette C 360, hängen unseren bewährten 15-PS-Zweitakter von Yamaha ans Heck und stauen, pressen und verspannen, bis die gesamte Ausrüstung untergebracht ist, von den Ersatzkanistern über Zelt und Schlafsäcke bis zu Campingkocher, Ersatzpropeller und Fotoausrüstung. Jetzt warten wir nur noch auf die bereits angekündigte "Begleitung" für die Etappe: eine norwegische Segelyacht, die mit uns gemeinsam über die erste Schleusentreppe in Banavie gehen soll. Einen gemütlichen Becher Darjeeling später hat die "Stina", eine Stahlketsch aus Bergen, zu uns aufgeschlossen. Wir lassen der "Dame" den Vortritt und beginnen unsere Fahrt Richtung Nordsee

Allerdings kommt bereits nach einer Biegung "Neptune’s Staircase" in Sicht – und diese macht ihrem Namen alle Ehre: Über acht Stufen (also hintereinander anschließende Schleusenkammern) könnte der Meeresgott hier in einem Zug rund zwanzig Meter höher steigen. Das übernehmen wir in diesem Fall. Drehbrücke und Untertor der ersten Kammer sind bereits geöffnet, und wir können sofort einlaufen. Die eisernen Stemmtore sind massig und tonnenschwer – erst 1969 wurden sie automatisiert. Bevor die Magie von Elektrizität und Hydraulik am Caledonian Canal Einzug hielt, zählten nur die Muskeln der Schiffsbesatzungen und Schleusenwärter, die gemeinsam an Spill und Spake schwitzten, damit es schneller ging. Torflügel für Torflügel, Treppenstufe für Treppenstufe.

Während es für uns Kammer um Kammer nach oben geht und die Tore sich hinter uns schließen und vor uns öffnen, kommen wir mit den Norwegern ins Gespräch. Die fünf jungen Burschen sehen allesamt aus wie wahre Wikinger – was zum Großteil daran liegt, dass sie sich seit dem Reisebeginn in Bergen nicht mehr rasiert haben. Vier Wochen sei das her, in der Zwischenzeit habe man die Nordroute gesegelt, über die Orkneys und die schottische Westküste bis hier hinunter. "Über den Kanal geht es jetzt zurück zur Nordsee und nach Hause", erzählt man uns. Ein in Norwegen beliebter Rundtörn. Allerdings sei das Wetter sehr schlecht gewesen.
"Hat es sich trotzdem gelohnt?", fragen wir. "Natürlich", kommt es wie aus einem Mund, "das Bier ist billiger als bei uns!"

Ben Nevis und Loch Lochy

Der westliche Teil des Caledonian Canal liegt im Schatten der höchsten Berge Großbritanniens. Der mächtigste von ihnen, Ben Nevis, erhebt sein kahles Haupt bis in 1344 m Höhe und zieht zu jeder Jahreszeit Wanderer, Kletterer und Offroad-Biker an, für die Fort William der Ausgangspunkt ist. Der benachbarte Aonach Mòr ist wesentlich einfacher zu erklimmen – dank der einzigen Kabinenseil-bahn der britischen Inseln. Nach der voll verglasten Schwebefahrt bietet die Bergstation auf 800 Höhenmetern spektakuläre Ausblicke: auf den Great Glen mit dem haarfeinen Silberband des Kanals – im Westen bis zum Loch Linnhe, im Osten bis zum Loch Lochy – und im Norden über die kargen Kämme der Highlands.

Die klassische tea time ist längst vorbei, als wir die Schleuse von Gairlochy verlassen und den ersten der großen Seen erreichen: Loch Lochy, der sich über immerhin knapp 15 km im Tal des Glen ausdehnt. Der Himmel über uns ist längst in festem Grau verwoben und drängt weiter herab. Dafür ist kaum noch Wind spürbar. Wir verabschieden uns fürs Erste von den Norwegern und geben Gas. Bald fliegt die Gischt zu beiden Seiten über die ölig-träge Oberfläche des Sees; breit läuft das Kielwasser aus. Dunkel zieht das Ufer vorbei, als es in Gleitfahrt nach Nordosten geht. Es wird Zeit, einen Platz zum Übernachten zu finden.

Noch in Banavie hatten wir einen Tipp bekommen: Als wir in der letzten Kammer von "Neptune’s Staircase" darauf warteten, dass sich das Tor öffnet, kamen wir mit einem Pärchen aus Halle ins Gespräch, das seine schweren Rucksäcke an eines der alten Spills gelehnt hatte und sich die Schleusung ansah: In der vergangenen Nacht hatten die beiden ihr Zelt am nördlichen Ende des Loch Lochy aufgeschlagen, auf einer flachen Kiesbank am Ufer.

Ein Pub auf dem Wasser

Tatsächlich finden wir die Stelle, zum Anlanden ist es jedoch selbst mit hochgeklapptem Motor fast zu seicht. Wir wollen schon aufgeben, als wir doch noch auf eine etwas tiefere Rinne stoßen, die genug Wasser hat, um mit den Rudern bis zum Ufer zu staken. Die Lage ist gut, der steinige Boden aber nicht besonders eben. Dafür ist die Landstraße, die am See entlangführt, an dieser Stelle außer Sicht. Schnell steht das Zelt – und dann machen wir uns zu Fuß auf den Weg. Denn die beiden Backpacker hatten noch einen zweiten
guten Rat für uns ...

Ein kurzer Marsch durch eine Kiefernschonung dicht am Ufer bringt uns wieder zum Kanal und zur Doppelschleuse von Laggan. Dort liegt der "Eagle Barge Pub" – aber nicht an Land, sondern auf dem Wasser: im stählernen Bauch eines alten Binnenschiffes, das in seinem "ersten Leben" auf Rhein und Waal rackerte. Über die Gangway geht’s an Bord:. "Come in & get warm", steht auf der blank polierten Holztür des Niedergangs. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen!

Drinnen kommt man bei Fassbier von der Isle of Skye schnell mit anderen Crews ins Gespräch: Wer wir seien, wo wir herkämen und – immer wieder – ob uns die midges nichts ausmachten in unserem offenen Boot. Die winzigen, fliegenden Blutsauger werden auch als "Geißel der Highlands" bezeichnet; so unscheinbar wie hartnäckig hinterlassen sie beim Biss stark juckende Stellen. Wir verweisen stolz auf unser Abschreckpotenzial: Dschungelmilch, Autan und halbwegs insektendichte Kleidung. Am besten hilft jedoch Wind, denn schon bei schwachen Brisen müssen die Leichtgewichte am Boden bleiben – und davon gibt es in Schottland auch im Sommer nicht zu wenig.

Über den Loch Oich nach Fort Augustus

Gemeinsam mit zwei Charterbooten passieren wir am nächsten Morgen die beiden Schleusenkammern von Laggan und den "Eagle Barge Pub", danach folgt der Loch Oich. Der See ist wesentlich flacher als Loch Lochy, deshalb zieht sich eine gebaggerte und bezeichnete Fahrrinne von einem zum anderen Ende. Es wird ein entspannter Tag bei leichtem Sonnenschein; wir lassen uns nicht hetzen und nutzen ein schmalen, von blühenden Ginsterbüschen geschützten Strand zum Frühstück mit Aussicht. Es gibt Scones und Cheddar aus Fort William, dazu Kaffee aus dem Alubeutel.

Etwas weiter am Ufer sehen wir die efeuüberwucherten Mauern von Glengarry Castle aus den Bäumen ragen. Davor liegt ein Hausboot der besonderen Art vor Anker: Ein hölzerner Fischkutter mit bunten Blumenkästen vom Steven bis nach achtern. Sein bärtiger Bewohner winkt uns freundlich.

Der Wind nimmt zu, als wir den See verlassen und auf dem nächsten Kanalstück die Schleusen von Cullochy und Kytra durchfahren. Es geht bereits wieder zu Tal; die Scheitelhaltung des Caledonian Canal mit dem Loch Oich liegt hinter uns, und die nächste Schleusentreppe wartet schon – Fort Augustus, am Südwestende des Loch Ness. An der Wartestelle im Oberwasser machen wir das Schlauchboot fest und melden uns bei einem der Schleusenwärter an. Es wird etwas dauern – zwei Segelyachten und ein Trawler aus Aberdeen haben gerade den Weg nach oben angetreten.

Wir nutzen die Zeit für einen ersten Rundgang. Ohne unsere schweren Jacken schlendern wir an den fünf Schleusenkammern entlang; Der gemütliche Ort mit seinen 600 Einwohnern lebt vom Tourismus, und der Kanal ist seine größte Attraktion. Entsprechend lebendig geht es zu: Spielende Kinder, tollende Hunde und prall gefüllte Picknickkörbe teilen sich die Rasenflächen zu beiden Seiten der Schleusentreppe, ein bagpiper sorgt mit seinem Dudelsack für die lautstarke Untermalung: Mull of Kintyre, Men of Harlech, Auld Lang Syne. Von einer Steinmole können wir weit auf den Loch Ness hinaussehen: blaues Wasser und Schaumkronen. Aber wir wollten ohnehin an diesem Tag in Fort Augustus bleiben. "Scots Kitchen" hat noch ein B&B-Zimmer für uns frei, und das "Lock Inn" sieht nach der passenden Abendunterhaltung aus.

Der letzte Höhepunkt: Loch Ness

Nun also der letzte Höhepunkt unserer Reise (und die größte Herausforderung für unser Schlauchboot): Loch Ness selbst. 37 Kilometer ist der See lang und bis zu 230 Meter tief – genug Platz also für jedes Monster, um sich auch noch in den kommenden Jahrzehnten vor allzu neugierigen Blicken zu verstecken. Wir können jedenfalls keinen noch so unscharfen Buckel aufs Foto bannen. Unsere Probleme sehen eh ganz anders aus: Zwar hat der Wind auf Nordwest zurückgedreht, doch weht er immer noch so stark, dass wir von den kurzen Wellen selbst unterhalb des Ufers einen Schlag nach dem anderen verpasst bekommen. An Gleitfahrt ist da nicht zu denken, nass werden wir durch die überkommende Gischt aber auch so. Unsere Thermosflasche ist längst gelenzt, als wir nach drei Stunden die Ruinen von Urquhart Castle ausmachen, dessen verwitterte Zinnen die berühmteste Landmarke des Loch Ness bilden.

Im gut geschützten Gasthafen von Urquhart Bay machen wir fest, wechseln die Kleidung und nehmen einen Bus zur Burg. Durch Reisegruppen und Schulklassen bahnen wir uns einen Weg durch den Eingangsbereich und hinaus auf das Freigelände zwischen den ehemals eindrucksvollen Mauern der mittelalterlichen Anlage. Es zieht uns zum Grand Tower, der dem Zahn der Zeit weitgehend entgangen ist. Über hölzerne Treppen geht es hinaus zur obersten Plattform, wo jemand ein kleines schottisches Fähnchen mit dem Andreaskreuz in einen Mauerriss gesteckt hat.

Unter uns liegt der Loch Ness, sein nördliches Ende ist schon zu erkennen. Morgen werden wir die letzten zwanzig Kilometer bis Inverness in Angriff nehmen, die letzte Schleusentreppe in Muirtown passieren und unseren Törn quer durch die faszinierenden Highlands an der steinernen Pier der Sea Port Marina abschließen. Und darauf werden wir dann anstoßen, in guter schottischer Tradition, wie einst die Erbauer des Caledonian Canal – mit mindestens einem guten schottischen Whisky ...

Christian Tiedt am 18.07.2013