Falkirk Wheel Lowland Canals, Schottland
Britische Inseln

Schottland: Lowland Canals

Christian Tiedt am 29.08.2011

„Millennium Link“ hieß das Projekt: Anfang des Jahrtausends wurde die alte Kanalverbindung zwischen Glasgow und Edinburgh wiederhergestellt.

Lowland Canals, Schottland

Bei Nacht so spektakulär wie bei Tag: das Falkirk Wheel.

Ein Ingenieur muss sich häufig außergewöhnlichen Herausforderungen stellen und große Widerstände überwinden. Das gilt beispielsweise für den Kanalbau, der Planern und Arbeitern nicht nur mit sumpfigem Gelände und felsigen Höhenzügen zu schaffen machen kann, sondern genauso mit den leuchtenden Vorstellungen (aber ebenso leeren Kassen) der staatlichen Bauherren. Das gilt weltweit, gestern wie heute.

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Bildlich lässt sich diese Einleitung mit dem Forth & Clyde Canal und dem Union Canal in Schottland illustrieren. Diese zwei Wasserstraßen, hierzulande kaum bekannt, verbinden die Städte Glasgow und Edinburgh. Vom Osten und Westen kommend, durchschneiden sie die Lowlands und treffen bei dem Ort Falkirk aufeinander.
Den Anfang machte 1790 der Forth & Clyde Canal zwischen den beiden Meeresarmen Firth of Forth (bei Falkirk) und Firth of Clyde, an dem Glasgow liegt.

Lowland Canals, Schottland

Kanalboote am alten Magazin in Linlithgow.

Nach 22-jähriger Bauzeit konnten die Ingenieure Smeaton und Whitworth ihr Werk beklatschen: den ersten Kanal weltweit, der zwei Meere verband. Schnell wurde die Wasserstraße, die auf 61 km Länge über 38 Schleusen und 25 Aquädukte führte (so viel zum Stichwort „lowland“, also „Flachland“!), zum Haupttransportweg. Nebenher sorgte der Kanal immer wieder für skurrile Schlagzeilen, etwa wenn im Bereich der Singer-Nähmaschinenwerke Goldfische gesichtet wurden, weil dort warmes Wasser eingeleitet wurde. 

Lowland Canals, Schottland

Idyllischer Kanalabschnitt westlich von Edinburgh.

Die Industrialisierung war in vollem Schwung, als man sich 1818 entschloss, Edinburgh mit einem weiteren Kanal direkt anzubinden. Nur vier Jahre dauerten die Arbeiten. Allerdings verschleiert die „kurze“ Bauzeit die ungleich verteilten Herausforderungen: Während sich die eine Baufirma von Edinburgh durch ebenes Terrain graben durfte, ging das in Falkirk gestartete Unternehmen fast bankrott: In seinem Bereich lag ein störrischer Höhenzug, der nicht umgangen werden konnte – man musste durch blanken Fels tunneln. 

Als man sich schließlich traf, wurde die Stelle mit einer Brücke überspannt. Ihre beiden Seiten wurden mit steinernen Gesichtern im Stil antiker Tragödien verziert: Jenes, das Richtung Edinburgh blickt, lacht aus vollem Herzen, das andere ist voll trauriger Verzweifelung ...

Die neue Kanalverbindung war ein großer Erfolg, der neben der Fracht auch für alle anderen Arten von Transporten eifrig genutzt wurde. So stellte das von Pferden gezogene „Swiftboat“ die schnellste und komfortabelste Art dar, zwischen den beiden Städten hin- und herzureisen. Damit die planmäßige Reisedauer von sieben Stunden eingehalten werden konnte, war am Bug des Bootes eine Sichelklinge befestigt: Sie kappte kurzerhand die Treideltaue von langsamen Schleppkähnen, die nicht schnell genug ans Ufer auswichen und im Weg waren ...

Gegen die Eisenbahn konnte sich die Kanalverbindung lange behaupten. Erst der Siegeszug des Automobils besiegelte ihr Schicksal. In den Sechzigerjahren machte man sich beim Straßenbau nicht mehr die Mühe, die Trassen auf hohen Brücken über die Kanäle zu führen. Ebenerdig war es wesentlich billiger – nur passte nun kein Schiff mehr hindurch.

Alte Aquädukte begannen zu bröckeln, die Schleusentore wurden dermaßen morsch, dass sie selbst im geschlossenen Zustand genug Wasser zur Entwässerung durchließen. Der letzte Schleusenwärter war da schon lange abgezogen. Das Moos der Geschichte begann die Kanäle zu überwachsen.

Erst eine neue Zeit ließ die Erinnerung an die alte Wasserstraße zurückkehren, neue Nöte und eine neue Einnahmequelle. Wie der Kanal, hatte auch die Region zwischen den Städten längst die Schattenseiten der wirtschaftlichen Entwicklung kennengelernt und litt unter Strukturschwäche. Da geriet der Tourismus in das Blickfeld einiger weitsichtiger Menschen. Die Kanäle wollte man neu erschließen und Urlauber anlocken. Nur wie?

Ein Großteil der Bausubstanz war nicht nur hoffnungslos marode; das wichtige Anschlussstück zwischen den beiden Kanälen bei Falkirk – eine einst stolze Schleusentreppe mit immerhin elf Stufen, war längst überbaut. Auf den zugeschütteten Kammern stehen heute Häuser. Zudem blieb der Zweifel, ob nur die Bootsurlauber allein genug Geld in die Kassen spülen würden, um das große Projekt zum Erfolg zu führen.

Etwas Spektakuläres musste her, etwas, das auch Menschen anzog, die nicht auf eigenem Kiel reisten. Enthusiasten rührten die Trommel und sammelten Unterschriften. Schließlich stimmten auch die offiziellen Stellen in den Chor mit ein. 

Das Projekt bekam den passenden Namen „Millennium Link“ – die Verbindung des Jahrtausends. Einerseits spielte er auf den Zeitrahmen an, die 1999 begonnenen Arbeiten sollten 2002 abgeschlossen sein (die „kleineren“ Arbeiten, wie einzelne Schleusen und Brücken, bereits 2000), andererseits auf die Dimension des Erdachten. Denn was da auf den Bildschirmen der Architekten als Lückenschluss bei Falkirk entstanden war und säuberlich auf große Pläne übertragen wurde, war nichts Geringeres als das spektakulärste und modernste Schiffshebewerk der Welt.

Viele Ideen hatte man durchgespielt, um die mächtigen 35 Meter Höhenunterschied zwischen den beiden Kanälen technisch zu überwinden: Klassische Konstruktionen wurden schnell verworfen, über eine Seilbahn, an der die Tröge wie Gondeln hingen, dachte man schon länger nach. Auch über eine Bootswippe: Würde ihre Mittelachse überquert, klappt das hintere Ende des Troges nach unten. Hydraulik würde es wieder nach oben befördern.

Schließlich entschied man sich für eine Technik, die an ein Riesenrad erinnert – daher auch der Name „Falkirk Wheel“. Zwei gegenüberliegende Tröge (oder „Gondeln“) rotieren um eine horizontale Nabe, angetrieben von einem Hydraulikmotor. Da beide Gondeln genau 300 Tonnen wiegen, genügen 1,5 Kilowattstunden an Elek-trizität für die halbe Umdrehung zwischen oben und unten.

Die Baukosten beliefen sich dagegen auf immerhin 84 Millionen Pfund. Zur Eröffnung gab sich sogar die Queen die Ehre. Viele folgten ihr. Heute ist das „Wheel“ die unumstrittene Attraktion des Kanals und beliebtes Ausflugsziel. Der Dank in Falkirk dafür gilt Ingenieuren und Architekten, die das Rad im wahrsten Sinne neu erfunden haben ...  

Christian Tiedt am 29.08.2011