Ruhrgebiet Ruhrgebiet

Törn: Ruhrgebiet

Pulsschlag aus Stahl

Bodo Müller am 14.01.2018

Dieses Charterrevier ist einmalig. Zwischen stählernen Industriegiganten wachsen Natur und Kultur. Ein ungeschminkter Bericht aus dem Pott

Fotostrecke: Das Ruhrgebiet

Die Charterbasis, in der wir unser Schiff übernehmen, liegt in der Marina Rünthe in Bergkamen am Datteln-Hamm-Kanal. Am Hafen lädt eine Promenade mit Grünanlagen, Bänken und Gaststätten zum Bummeln ein. In der Marina haben etwa 300 Sportboote ihren Liegeplatz. Es gibt jeden Service rund ums Boot, bis hin zur Tankstelle und Fäkalienentsorgung, die Anlage ist sauber und gepflegt. Es riecht nach blühenden Linden und frisch geschnittener Hecke. Kaum noch vorstellbar, wie es hier bis in die Neunzigerjahre aussah: Der Rünthe-Hafen war der Kohle-Umschlagplatz Nummer Eins im Ruhrpott. Von einer Halde, die hoch war wie ein mehrstöckiges Haus, schaufelten Bagger das schwarze Gold auf Schiffe, Güterzüge und Lkw.

Die Fassaden der Häuser waren pechschwarz, und keine Hausfrau wagte es, die Wäsche draußen auf die Leine zu hängen. Der alte Angler auf dem Steg sagt es mit seinen Worten: "De Nasenstein’ war’n immer schwarz un’ hart wie a Brikett".

Wir übernehmen unser Boot, eine Gruno 36 Compact Sport. Sie ist das neue Flaggschiff von Yachtcharter Knuth. Wohin steuert man während einer Charterwoche im Ruhrgebiet? Da wir das Revier überhaupt nicht kennen, folgen wir der Empfehlung des Vercharterers Michael Knuth: "Fahrt über Datteln-Hamm-Kanal, Dortmund-Ems-Kanal und Rhein-Herne-Kanal nach Westen, bis die Ruhr nach Südosten abzweigt und dann flussaufwärts, bis ihr die Villa Hügel der Familie Krupp seht."

Schon die Namen der Gewässer klingen nach Schwerindustrie, Koks und Stahl. Michael sieht meinen Blick und ergänzt: "Ihr werdet begeistert sein, wie grün es hier ist. Lasst euch überraschen vom Kulturkanal". Wieder fragende Blicke.

"Der Rhein-Herne- Kanal war die Schlagader des Kohletransports. Seit 2010 wird die Wasserstraße zum Kulturkanal umfunktioniert."

Gegen 16 Uhr lassen wir die Marina achteraus, neugierig auf das Ruhrgebiet. Wir folgen dem wie mit dem Lineal gezogenen Datteln-Hamm-Kanal nach Westen bis Datteln und biegen anderthalb Stunden später links ab in den Dortmund-Ems-Kanal. Unser Tagesziel ist das alte Schiffshebewerk Henrichenburg. Gegen 19 Uhr laufen wir in ein Hafenbecken ein, an dessen Ende ein alter Industriebau hoch in den Himmel ragt. Das Hebewerk?

Der nette Hafenmeister Roland Müller vom MBC Lünen nimmt die Leinen an, richtet die Fender und schreibt gerade die Quittung aus, als ich ihn frage, ob wir hier richtig vor dem alten Schiffshebewerk liegen. "Nee, hier war die alte Schachtschleuse. Wir sind der Motorboot Club Lünen. Wenn ihr vor dem Schiffshebewerk anlegen wollt, müsst ihr die nächste Einfahrt nehmen." Er reicht freundlicherweise das Liegegeld zurück und ruft hinterher: "Wenn da kein Platz ist, könnt ihr gerne zurückkommen."

Fünf Minuten später sind wir richtig. Vor uns wird gerade das Hebewerk aus dem Jahre 1899 mit Licht in Szene gesetzt. Wir nehmen den letzten freien Gastliegeplatz im Yachtclub Hebewerk Henrichenburg und sitzen so in erster Reihe, als die farbige Illumination des technischen Denkmals beginnt. Erst am nächsten Tag erfassen wir die Dimension des Schleusenparks Waltrop, der unter anderem aus folgenden Bauwerken besteht: Altes Schiffshebewerk Henrichenburg (1899–1966), Alte Schachtschleuse (1914–1989), Neues Hebewerk (1962–2005), Neue Schachtschleuse (seit 1989). Sämtliche Wasserbauwerke sind eingebettet in eine parkartige Landschaft mit Ausstellungsgebäuden und vielen technischen Spielereien für Kinder und Erwachsene. Für diese faszinierende Welt des Wassers und der Technik sollte man sich ruhig einen ganzen Tag gönnen. 

Die gesamte Törnreportage über das Ruhrgebiet lesen Sie in der Februar-Ausgabe von BOOTE, die es ab dem 17. Januar 2018 im Handel gibt. Abonnenten natürlich schon eher.

Bodo Müller am 14.01.2018
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