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Britische Inseln

Wales: Llangollen Canal

Christian Tiedt am 14.03.2012

Thomas Telford baute, was andere für unmöglich hielten: Sein Meisterstück ist der Llangollen Canal, der aus den Bergen von Wales nach England führt.

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Der Pontcysyllte-Aqueduct.

Fotostrecke: Wales: Llangollen Canal

Fast schon unverschämt kühn schien der Plan, dessen Federzeichnungen vor dem königlichen Parlamentsausschuss für den Bau neuer Wasserwege ausgebreitet lagen. Bei den hohen Herren sorgte er für zweifelndes Kopfschütteln und Stirnrunzeln unter den gepuderten Perücken. Mit unverhohlener Skepsis addressierte der Vorsitzende folglich auch den beunruhigend jungen Ingenieur vor ihm: „Und wie genau gedenken Sie, Sir, mit Ihrem Kanal das tiefe Tal des wilden River Dee zu queren?“

Thomas Telford stemmte die Hände in die Seiten, reckte das rundliche Kinn so stolz wie möglich vor und verkündete, als ginge es um nichts weiter, als eine Planke über einen Graben zu legen: „I shall build a river through the sky!“ – „Ich werde einen Fluss durch den Himmel bauen!“

Llangollen Canal, England, Wales

Unterwegs auf dem Llangollen Canal.

Der entschlossene Schotte mit dem Blick eines Träumers hielt Wort. Zwanzig Jahre später, im Sommer 1805, war der „unmögliche Kanal“ Wirklichkeit geworden: Aquädukte, die ihresgleichen suchten, spannten sich tatsächlich wie künstliche Flüsse über den Himmel; Tunnel bohrten sich durch harten Fels. Aus dem schroffen walisischen Hochland führte der neue Ellesmere Canal nach England hinab, zum River Mersey und zum Meer – eine weitere Versorgungsader der immer mehr Fahrt aufnehmenden industriellen Revolution.

Heute ist der Qualm der Backsteinschlote längst wieder verflogen und erneut Ruhe eingekehrt – auch entlang des Llangollen Canals, wie Telfords Meisterwerk inzwischen heißt. Seine spektakulären Bauwerke zeugen aber nach wie vor vom drängenden Geist eines Zeitalters, das im wahrsten Sinne glaubte, alle Hindernisse technisch
überwinden zu können. Dieser ganz besondere Reiz war es auch, der uns auf die Spuren Thomas Telfords lockte. Startpunkt unserer Zeitreise mit dem Schlauchboot war jene Stadt im Norden von Wales, deren Namen der Kanal heute trägt.

Llangollen Canal, England, Wales

Die Schleusentreppe von Grindley Brook.

Llangollen: Aus dem Hochland hinab

Und Llangollen ist ein echtes Fleckchen Wales; das fängt schon beim Namen an: „Man spricht es ,Lan-Goch-Lin‘ aus, ganz einfach,,Lan-Goch-Lin‘!“, erklärt uns der weißhaarige und vom Portwein rotnäsige Mr.Evans am Tresen im „Bridge Inn“, wo wir abgestiegen sind. Draußen haben die Touristen die herausgeputzten Straßenzüge aus grauem Stein fest in der Hand, kaufen walisische Nationalfähnchen und rote Stoffdrachen und schießen Fotos vom River Dee, der in seinem Felsenbett mitten durch die Stadt schäumt.

Etwas oberhalb des nördlichen Ufers verläuft dagegen der Llangollen Canal, kaum bemerkt und hinter Bäumen verborgen. Am alten Packhaus – heute ein Café – bauen wir zum Schnauben eines Kaltblüters, der sonst Touristenkähne zieht, unser Zodiac 340 Cadet auf und verstauen die Ausrüstung samt Zelt und Schlafsäcken.

Gerade wollen wir ablegen, da ziehen zwei Narrowboats mit Chartercrews vorbei. Auf dem vorderen flattert die kanadische, auf dem hinteren die australische Flagge vorn an der Kabine – das übliche Zeichen, um auf die Herkunft der Bootsurlauber hinzuweisen. Als wir uns mit knatterndem Außenborder hinter den „Aussies“ einreihen, grüßt uns der Rudergänger grinsend mit dem unverkennbaren Dialekt aus „down under“: „Ich werde wenigstens versuchen, euch nicht zu zerquetschen!“

Gleich hinter Llangollen klammert sich der Kanal in engen Windungen an die steil aufragende Felswand zu unserer Linken und wird für einen guten Kilometer so schmal, dass sich noch nicht einmal zwei Narrowboats begegnen können. Also erstmal an der gekennzeichneten Stelle festmachen. Unsere Kolonne schickt einen „Späher“ mit Handy nach vorn um die nächste Felsnase – wir haben Glück: kein Gegenverkehr in Sicht.

Immer wieder können wir durch den grünen Baldachin der Bäume entlang des Treidelweges in das Tal des Dee sehen, das weit unter uns liegt und von Regenwolken verdunkelt wird, die sich jetzt an den kahlen Flanken der Berge sammeln. Nur träge fließt das braune Wasser des Kanals. Wir sind kaum schneller: Im Treideltempo geht es Richtung England. Schon das Tempolimit von 4 Meilen pro Stunde (rund 6 km/h) ist nicht gerade hoch gegriffen, trotzdem sind die meisten „Narrows“ noch gemächlicher unterwegs.

Um die Ohren unserer Mitreisenden nicht über Gebühr mit unserem Zweitakter zu strapazieren, legen wir deshalb an einer der niedrigen Steinbrücken eine improvisierte Picknickpause ein und gönnen uns Sandwiches mit Bacon und Tomate.

Pontcysyllte Aqueduct: Hart am Abgrund

Im kleinen Hafen von Trevor treffen wir unsere Mitreisenden dann wieder; sie haben hier, kurz vor dem großen Aquädukt von Pontcysyllte, schon wieder festgemacht. Als sie uns kommen sehen (oder vielmehr: hören), winken sie zu uns herüber: „Hey, ihr beiden aufgeblasenen Typen! Genug gefahren, kommt lieber mit auf ein Bier in den ,Duke of Wellington‘!“ Es ist noch nicht mal Mittag. Außerdem zeigt sich gerade zum ersten Mal die Sonne, zwar
noch zaghaft, aber wer weiß? Wir zucken entschuldigend die Schultern und biegen nach rechts ab, zum Aquädukt.

Da sich von der anderen Seite jedoch gerade eine ganze Karawane von „Narrows“ zur Überquerung aufgemacht hat, binden wir unser Boot kurz vor dem kleinen Kanalmuseum an und werfen einen Blick in die Geschichte. Schon die nüchternen, technische Daten des Pontcysyllte Aqueducts sind monumental: Über eine Distanz von exakt 307 m führt Telfords „Fluss durch den Himmel“, an der höchsten Stelle verläuft er 38 m über den Stromschnellen des River Dee. Neunzehn aufstrebende Pfeiler aus gelbem Backstein tragen die schlanken,
gußeisernen Bögen mit dem Kanaltrog und dem Treidelpfad daneben.

Seinerzeit stellte die Konstruktion Telford und seinen ausführenden Bauleiter William Jessop jedoch vor große Probleme – hatte man doch schlicht zu wenig Erfahrung mit der Errichtung ähnlicher Bauwerke. Außergewöhnliche Ideen waren gefragt: Schließlich zementierte man die Ziegel mit Mörtel zusammen, dem auch Zitronensaft und Ochsenblut beigemischt waren. Und die Fugen zwischen den gegossenen Trogteilen wurden mit walisischem Werg kalfatert, das man vorher in kochenden Zuckersud getaucht hatte ...

Hohe Stabilität war auch deswegen so wichtig, weil so viel Gewicht wie möglich gespart werden musste; so hat zwar der schmale Treidelpfad ein sicherndes Geländer an der Außenseite, der Kanal selbst jedoch nicht – eine „spannende“ Tatsache, wenn man im offenen Schlauchboot sitzt. Nur wenige Zentimeter ragt die schmale, äußere Kante der eisernen Seitenwand des Troges über den Wasserspiegel hinaus. Würde man Wellen machen,
regnete es unten im Tal.

Mit entsprechender Ehrfurcht geht es also hart am Abgrund hinüber zum rettenden Ufer. Höhenangst? Bloß nicht dran denken! Es ist wahrlich nicht nur das grandiose Bergpanorama, das einem den Atem raubt; wer hier über Bord geht, braucht keine Rettungsweste, sondern einen Fallschirm ...

Chirk Tunnel: In die Finsternis

Auf die Vogelperspektive folgt der Tunnelblick, denn bald geht es unter die Erde. Schon der knapp 200 m lange Tunnel von Whitehouse gibt einen ersten Vorgeschmack, doch richtig unheimlich wird es eine Viertelstunde später: Der Chirk Tunnel ist auf dem Papier zwar auch nur einen knappen halben Kilometer lang, sein dunkler Schlund ist trotzdem schwarz wie Tinte. Jetzt wissen wir wenigstens, was es mit dem eindrucksvollen Scheinwerfer auf sich hat, den jedes Narrowboat auf dem Vorschiff hat!

Zudem sind die Tunnel Einbahnwege; man muss sich also nicht nur selbst den Weg weisen, sondern gleichzeitig auch Boote warnen,die vom anderen Ende in den Tunnel einfahren wollen. Und nun kommen wir mit unserer Taschenlampe daher, deren Kegel kaum das feuchte Halbrund vor uns aufhellt, während es von der Decke ständig dick und kalt herabtropft.

Immer wieder müssen wir uns mit den Händen an den schleimigen Steinen entlangtasten. Da bleibt nur zu hoffen, dass das langsam näher kommende Licht vor uns diesmal wirklich das am Ende des Tunnels ist, und nicht der Scheinwerfer eines anderen Bootes ...

Ellesmere: Englands sanfte Hügel

Wieder im Freien, überqueren wir das ganz aus Stein errichtete Aquädukt von Chirk und gleichzeitig die Grenze nach England. Auch die Berge haben wir verlassen und fahren hinein in das fruchtbare Farmland der Grafschaft Shropshire. Kleine Höfe,die Felder von wilden Rosenhecken eingefasst, liegen nun auf beiden Ufern des Kanals, dazwischen immer wieder leuchtende Teppiche aus Gänseblumen. 

Die Sommersonne steht schon fast im Westen, als wir in völliger Einsamkeit an die erste der beiden Schleusen der New Marton Locks kommen. Hier ist rustikaler Handbetrieb angesagt – eine willkommene Abwechslung nach den langen Stunden auf dem Kanal. Es wird gekurbelt und gestemmt, dann ist der Weg wieder frei.

An den schönen, wilden Stellen des Kanalufers haben schon „Narrows“ für die Nacht festgemacht. Mit schweren Erdnägeln hängen sie an der feuchten Uferböschung und nicken im Takt unserer Wellen. Wohlig warm leuchten ihre Fenster, und aus dem Ofenrohr auf dem Dach kringelt sich blauer Rauch in den Abendhimmel. 

Noch vor Sonnenuntergang erreichen wir unser Tagesziel Ellesmere, das am Ende eines kurzen Stichkanals liegt. Der restaurierte Speicher und der alte mechanische Kran am Hafen zeugen von der Zeit, als der Ort ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt und Marktflecken war. Heute bringen die „Narrows“, die aufgereiht an der Kanalmauer liegen, vor allem Urlauber in die Stadt.

Im letzten Licht spannen wir die Plane über das Boot, schultern unsere Taschen und machen uns auf die Suche nach ein paar weichen Betten für die Nacht. Im „Black Lion“ am Ende der Wharf Road werden wir schnell fündig; unser Dachzimmer mit den uralten Balken und knarrenden Bohlen suchen wir aber erst auf, nachdem wir uns unten im Pub mit einem Pint Pale Ale vom Fass die nötige Bettschwere geholt haben ...

Als wir am nächsten Morgen nach einem Zwischenstopp beim „Spar-Markt“ von Ellesmere zum Hafen kommen, steht eine Gruppe Bootsleute schon um unser Zodiac herum, das zwischen den langen, bunten „Narrows“ kaum zu entdecken ist. „Na, das ist ja wohl das kleinste Kanalboot, das ich je gesehen habe“, werden wir lachend begrüßt. Nach ein bisschen Smalltalk über Woher, Wohin und Wetter bekommen wir schließlich noch den Tipp, der Stadt Whitchurch unbedingt auch einen Besuch abzustatten.

So ruhig wie der Canal fließt auch der Tag dahin; keine Schleusen vor uns und schon gar keine Aquädukte. Wir nutzen die Zeit für viele Pausen und den einen oder anderen Spaziergang weg vom Wasser. Über einen stillen Feldweg erklimmen wir bei Cornhill einen kleinen Hügel. Aus dem Schatten einer knorrigen, stolzen Eicheheraus überblicken wir die weite, sanft gewellte Patchwork-Landschaft der Western Midlands mit ihren Feldern, Wiesen, Weiden, durchwoben vom silbernen Band des Kanals.

Whitchurch: Stufe für Stufe zum Ziel

An der Grenze Shropshires zu Cheshire erreichen wir schließlich Whitchurch, dessen Gebiet schon vor mehr als zwei Jahrtausenden von den Römern besiedelt wurde, bevor die Stadt im Mittelalter von den Normannen neu gegründet wurde. Aber so gemütlich die kleine Stadt mit ihren elisabethanischen Fachwerkhäusern und entlang der High Street auch ist; sie hat den entscheidenden Nachteil, dass ihr Stichkanal nicht mehr bis ins Stadtzentrum führt. Vom Ende des inzwischen wieder schiffbaren Stücks sind es fast zwei Kilometer bis ins Zentrum.

Die Nacht verbringen wir wenig erholsam im einzigen Gästezimmer eines Pubs, in einer besseren Besenkammer, die zu allem Überfluss direkt über dem Schankraum liegt. Als am Abend unten auch noch eine Karaoke-Party ihren Lauf nimmt und die Zapfhähne kaum noch geschlossen werden, wünschen wir uns auch an Bord unseres eigenen „Narrows“ – vergeblich ...

Gut, dass der sonnige Morgen darauf schnell alle gewittrigen Gedanken vertreibt. Das Land fällt jetzt schneller nach Norden ab, und bald erreichen wir die prächtig restaurierte Schleusentreppe von Grindley Brook. Über drei enge Kammern geht es 19 Fuß (also knapp 6 m) in die Tiefe. Um den großen Ansturm von Charterbooten in der Hauptsaison bewältigen zu können, führt hier sogar ein Schleusenwärter die Regie – mit Anpacken dürfen die Crews aber trotzdem. Die unmittelbar unterhalb folgenden drei Einzelschleusen müssen dafür dann wieder allein bedient werden, ebenso wie die vier nun auf den nächsten 10 km noch folgenden alten Schleusen.

Das Land ist jetzt von kleinen Tümpeln, Seen und sumpfigen Gräben durchzogen. Immerhin, es geht dem River Mersey und der Irischen See zu! Doch so weit wollen wir nicht kommen: An der Klappbrücke von Wrenbury, einem weiteren alten Umschlagplatz am Kanal, wählen wir unseren Punkt zur Umkehr – etwa 20 km, bevor der Llangollen Canal bei Nantwich in den Shropshire Union Canal mündet.

Im „Dusty Miller Pub“ gleich am Kanalufer bereiten wir uns auf die Rückkehr nach Wales vor. Für den nächsten Tag ist Regen vorhergesagt – aber was soll’s? Vielleicht haben wir ja Glück auf dem Weg zurück nach Llangollen, immerhin wird es bergauf gehen, Stufe für Stufe auf der steinernen Treppe von Thomas Telford.

WAS SKIPPER WISSEN MÜSSEN

Llangollen Canal: Länge: 70 km von Llangollen bis zur Einmündung in den Shropshire Union Canal bei Hurleston, 60 km bis Wrenbury. Bootsabmessungen (max.): 21,9 m Länge, 2 m Breite, 2,10 m Höhe, 0,60 m Tiefgang. Höchstgeschwindigkeit: 6 km/h. Schleusen: 21, Tunnel: 3, Aquädukte: 2.

Charter: Auf dem Llangollen Canal gibt es eine ganze Reihe von Narrowboat-Vercharterern, etwa Black Prince Holidays (Standort Chirk), Chirk Marina, Chirk, Wrexham LL14 5AD. www.black-prince.com. Der Preis für ein 4-Personen-Boot liegt je nach Saison etwa zwischen £ 900 und £ 1500 (960 bis 1600 € ).

Auf eigenem Kiel: Viele der größeren Marinas am Llangollen Canal (in den Törnführern vermerkt) verfügen über Sliprampen. Bedenken Sie aber auf jeden Fall schon vorher die geringen Abmessungen der Wasserstraßen und
Schleusen (s. oben). Für die Schleusen benötigen Sie einen speziellen Vierkantschlüssel, der in den meisten Marinas erhältlich ist. Außerdem ist eine Bootslizenz Pflicht (s. unten)

Befahrensgenehmigung: Jedes Wasserfahrzeug muss eine Befahrensgenehmigung haben. Der Preis für die Lizenz (license) richtet sich nach Dauer, Bootsgröße und befahrenem Revier (für unser Schlauchboot lag er für eine Woche bei rund 25 €). Bezug und Informationen: British Waterways (Headquarters and Craft Licensing), Willow Grange, Church Road,Watford, Hertfordshire WD17 4QA, Tel. 0044-1923-22 64 22. www.britishwaterways.co.uk

British Waterways ist die zuständige Behörde für Betrieb und Unterhalt des Kanalnetzes; für den Llangollen Canal ist die Außenstelle Northwich zuständig: BW General Managers, Navigation Road, Northwich, Cheshire CW8 1BH, Tel. 0044-1606-72 38 00. www.britishwaterways.co.uk

Törnführer und Karten

  • Waterways World Canal Guide 2: Llangollen and Montgomery Canals. Etwa 10 €. ISBN 978-1870002-89-9,www.amazon.de
  • Waterways Guide 4: Four Counties & the Welsh Canals. OS-Nicholson, etwa 17 €. ISBN 978-0-00-721112-8, www.collins.co.uk

Internet: Aktuelle Informationen zu Sperrungen, Service und Versorgungsmöglichkeiten sowie kostenlose Törnführer zum Herunterladen für den Llangollen Canal und das gesamte Kanalnetz Großbritanniens gibt es auf der offiziellen Seite www.waterscape.com

Christian Tiedt am 14.03.2012