Mecklenburgische Seenplatte Mecklenburgische Seenplatte

Törn: Mecklenburgische Seenplatte

Fünf Tage im Herbst

Christian Tiedt am 20.03.2016

Goldener Oktober auf der Mecklenburgischen Kleinseenplatte: In der Nachsaison kehrt schnell Ruhe im Revier ein – die perfekte Zeit für einen Chartertörn zwischen Sonne und Nebel. Unser Reisetagebuch.

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Tagesziel: Rechlin / Müritz  • 20 KM

Zwischen Steg und Festmacher funkelt am Morgen ein Spinnennetz voller Tautropfen. Schade um das Kunstwerk, aber wir müssen ablegen: Gegen 10 Uhr holen wir die Leinen ein und motoren vom Liegeplatz in der Marina Eldenburg, unserem Charterstützpunkt bei Waren. Das Boot haben wir schon gestern übernommen, einen nagelneuen 12-Meter-Stahlverdränger vom Typ Schulz 40. Wir sind gespannt!

Der himmelblaue Rumpf von "Lotte" ist hoffentlich ein gutes Omen; momentan hängt nämlich noch geschlossenes Grau über uns.

Über den Reeckkanal gehts erstmal zur Binnenmüritz, extra langsam für den Angler, der in seinem winzigen Holzboot aufrecht steht, und uns unter seinem weiten Poncho gar nicht wahrzunehmen scheint.Dann aber hinaus auf die große, offene Müritz – und dazu Pullover und heißen Kaffee "auf die Brücke". Wir haben etwa 3 Beaufort aus West. Das reicht für eine kurze Welle, die hin und wieder Gischt über das Vorschiff schickt.

Vorn sitzen und die Einsamkeit genießen, das versucht René genau ein Mal... Schön frisch also, da machen wir die "Kuchenbude" lieber erstmal ganz dicht.

Südkurs. Schloss Klink an Steuerbord, "Dicker Baum" an Backbord – eine Untiefe. Der erste Hoffnungsschimmer (im wahrsten Sinne) zeigt sich aber kurz nach 12 Uhr, ungefähr querab der Tonne "Müritz-Mitte": Einzelne Sonnenstrahlen lassen die weite Wasserfläche um uns herum silbern erstrahlen. Tatsächlich ist zum Nachmittag hin Auflockerung angesagt, wäre schön, wenn die Wetter-App gleich zu Beginn unserer Charterwoche richtig liegen würde!

Später: Marina Claassee, Rechlin. An der Innenseite von Steg 2. Was für eine Wandlung: Hier im "Süden" der Müritz scheint tatsächlich die Sonne!

Also raus aus den langen Ärmeln, den Tee in der Dose lassen und stattdessen ein entspanntes Bier als Anlegeschluck. Goldener Oktober, so kann es gern weitergehen! Zu Fuß danach vom Hafendorf zum Luftfahrttechnischen Museum Rechlin, etwa zehn Minuten entfernt. Tolle Sammlung alter Technik; sogar der Wassersport ist vertreten, mit Motorbooten wie dem "Wellenbinder" aus Mahagoni, die zu DDR-Zeiten beim VEB Schiffswerft Rechlin als "Konsumgüter" produziert wurden. 

Tagesziel: Rheinsberg  42 km

An den Schleusen spart man in der Nachsaison wirklich eine Menge Zeit! Wo man im Sommer durchaus eine Stunde oder länger wartet, ist man jetzt fast immer gleich nach Ankunft mit dabei. Da fällt es dann nicht weiter ins Gewicht, dass wir erst um 11.30 Uhr im Hafendorf Müritz loskommen. Die Sonne hat es sich leider wieder anders überlegt: Sie verbirgt sich hinter undurchdringlichem Grau. Dafür haben wir keinen nennenswerten Wind mehr und können die Seiten und die Rückwand des Verdecks bei der Fahrt offen lassen.

Nach der Passage der Kleinen Müritz geht es ins Grüne: der Mirower Kanal liegt vor uns, das erste Stück der Müritz-Havel-Wasserstraße.

Dass der Herbst vor der Tür steht, lässt sich nicht leugnen: Gelbe Blätter gleiten von den Bäumen und treiben auf dem ruhigen, dunklen Wasser. An der Schleuse Mirow steht die Ampel schon auf Grün, ein Charterfloß fährt vor uns ein, und völlig entspannt, ohne jedes Gedränge, geht es nach unten.

Die Liegeplätze an der Mirower Schlossinsel sind jetzt sicher besonders reizvoll: Die Sanierung des spätbarocken Ensembles, umgeben von Park und See, wurde gerade erst abgeschlossen. Wir lassen die Gelegenheit trotzdem aus. Macht nichts, denn unser Tagesziel hat sein eigenes Schloss: Rheinsberg.

Südlich von Mirow beginnt die Mecklenburgische Kleinseenplatte. Zotzensee, Vilzsee und Labussee werden durchfahren, viel offenes Wasser, und die Schleusen von Diemitz und Canow zwischendurch sorgen kaum für Verzögerung. Vorbei an der langen Reihe von verlassenen Ferien- und Bootshäusern an der Engstelle zwischen Canower und Pälitzsee:

Leere Balkons mit gestapelten Stühlen und ungefegtes Laub auf Treppen und Türschwellen. Warten auf den Winter – und den nächsten Frühling.

Biegen nach Süden ab, zu den Rheinsberger Gewässern, und verlassen kurz vor 16 Uhr die Schleuse Wolfsbruch. Jetzt ist es noch einsamer, fast verwunschen. Am Tietzowsee hängt Nebel am Ufer, feiner Regen beginnt zu fallen. Eine Stunde später machen wir im Hafendorf Rheinberg fest, es ist zum Glück wieder trocken. Abendspaziergang am Ufer entlang zum Rheinsberger Schloss – und danach (nicht nur zum Aufwärmen!) in den urigen Ratskeller am Markt.

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Christian Tiedt am 20.03.2016
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