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Törn: Warthe-Netze-Seenplatte / Polen

Hundert Kilometer Einsamkeit

Bodo Müller am 15.07.2017

Die Warthe-Netze-Seenkette ist das jüngste Hausbootrevier in Polen. Wir gingen auf Entdeckungsreise im Herzen Europas.

Es schüttet wie aus Kannen. Der Sturm treibt den Regen vor sich her, sodass der polnische Himmel mit dem Wasser verschmilzt. Bei solchem Wetter ist es gut, ein solides  und geräumiges Charterboot zu haben –
wie unsere Kormoran 1140. Als erstes und bislang einziges deutsches Charterboot liegt sie in der Marina Ślesin im Herzen der Warthe-Netze-Seenkette. Ich gebe zu, dass ich bis vor wenigen Wochen weder von diesem Revier noch von der Marina Ślesin gehört hatte.

Als ich den Hafenmeister am Telefon fragte, wo seine Marina denn genau liege, antwortete er präzise: "500 Kilometer westlich vom Mittelpunkt Europas."

Wer jetzt an Holland oder Frankreich denkt, liegt völlig daneben. Europas geografischer Mittelpunkt befindet sich beim litauischen Dorf Purnuškės, nahe der Grenze zu Weißrussland. Und 500 Kilometer westlich davon befindet man sich mitten in Polen.

Genau hier liegt die Warthe-Netze-Seenkette, die auch nach ihrem größten Gewässer, dem Gopło-See, benannt wird und sich etwa 100 Kilometer weit in Nord-Süd-Richtung erstreckt. Die Flüsse Warthe und Netze – auf Polnisch Warta und Noteć – vereinigen sich 60 Kilometer östlich der Oder und münden dann bei Frankfurt in diese ein. Sie entspringen jedoch im zentralen Teil Polens, und in ihrem mittleren Lauf, zwischen den Städten Konin und Ślesin, kommen sie sich schon einmal bis auf 20 Kilometer nahe.

Seit 1949 verbindet der Warthe-Gopło-Kanal die beiden Flüsse.

Das dadurch entstandene Seengebiet wird heute War­the-Netze-Seenkette genannt. Als Verkehrsweg war sie zwar nie von Bedeutung, da nur kleine Schiffe bis zu etwa einem Meter Tiefgang fahren können. In trockenen Sommern geht obendrein oft überhaupt nichts mehr – außer vielleicht für Bootsurlauber wie uns.

Den Sonntag nach der Schiffsübergabe nutzen wir zum Einkaufen. In der Kleinstadt Ślesin haben alle Supermärkte ge­öffnet. Das Angebot ist reich­haltig, die Preise sind auf EU-Niveau, einheimische Agrarprodukte jedoch deutlich billiger. Am Gemüsestand duftet es nach frisch geernteten Tomaten. Umgerechnet kosten sie weniger als einen Euro pro Kilo.

Was das Wetter angeht, macht uns Hafenmeister Bartosz Mut: "Am Montagabend wird es südlich von hier, bei Konin, ein paar Sonnenlöcher geben." 

"Konin an der Warthe? Super! Da wollen wir mit dem Boot sowieso hin …" Doch Bartosz schüttelt nur den Kopf: "Ehe ihr dorthin fahren könnt, müsste es noch drei Wochen so weiterregnen. Das Wasser dort ist nur noch 30 Zentimeter flach. Durch den neuen Flusshafen kannst du in Gummistiefeln spazieren."

Fotostrecke: Warthe-Netze-Seenkette

Der Hafenmeister sieht mein langes Gesicht: "Macht das lieber mit dem Auto. Auf dem Weg dorthin könnt ihr dann gleich die Basilika der Muttergottes von Licheń besuchen. Dann hört der Regen am Dienstag auf, der Herrgott schickt euch ein paar Sonnenstrahlen, und ihr könnt nach Norden über den Gopło-See in Richtung Kruszwica fahren. Auf dieser Strecke werdet ihr zwar auch nicht viel Wasser haben, aber vielleicht ja eine Handbreit mehr, als die Kormoran braucht."

Gesagt, getan: Am Montag geht es also erst mal auf der Landstraße nach Süden. Auf halbem Wege zwischen Ślesin und Konin verbreitert sich der Wasserweg zu einem Labyrinth aus kleinen Kanälen und flachen Seen, die zur Fischzucht genutzt werden. Auf einem aufgeschütteten Deich führt eine schmale Straße über diese Wasserlandschaft nach Osten.

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Bodo Müller am 15.07.2017
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