Bénéteau Barracuda 9

02.03.2013 Peter Lässig - Mit der neuen , nur knapp 9 m langen Bénéteau Baracuda 9 bietet die französiche Werft einen weiteren maritimen Allrounder an – inklusive Flybridge.

Bénéteau Barracuda 9
© Bénéteau Yachts
Bénéteau Barracuda 9

Eigentlich kennt man Boote wie die Barracuda 9 eher aus Skandinavien, wo sie, außer für den Wassersport, auch als Arbeitsboote genutzt werden und gemeinhin den Ruf eines „maritimen Allradfahrzeugs“ genießen. An solch einen Alleskönner hat auch die französische Werft Bénéteau in Saint Hilaire de Riez gedacht und die beiden Barracuda-Modelle 6 und 9 auf Kiel gelegt.

Die Barracuda 9 ist eine angenehme Lebensbegleiterin. Man kann mit ihr zum Angeln hinausfahren oder elegant zum nächsten Restaurant cruisen; sie eignet sich gleichermaßen als Transporter oder Zugboot für Wasserski-Fans; Rauwasser wird stets souverän bewältigt. Man kann das Boot mit oder ohne Flybridge haben. Sofern nicht mehr als vier Personen an Bord sind, ist es in der CE-Kategorie B zertifiziert (außerhalb von Küstengewässern). Bei mehr Personen gilt CE-Kategorie C (küstennahe Gewässer).

Was die Verarbeitung angeht, polarisiert unser Testboot. Bei der Alpi-Holzverarbeitung im Kabinentrakt blickt man in den Ablagen über den Klapptischen auf Tacker-Klammern, und bei einigen Holzkanten fehlt der Feinschliff. Kritik gilt auch den technischen und elektrischen Installationen, wo zum Teil wildes Kabelgewirr oder Schläuche auf Ecken und Kanten scheuern.

Besser fällt die Motorenmontage aus, die Versorgungsrohre sind wasserdicht in der Motorwannenwandung befestigt. Nicht zufrieden sind wir mit den eckigen Kunststoffkanten vom Dachüberhang und am Eingang zum Wohnbereich. Dass darüber hinaus etliche Kunststoffschnittkanten im Boot nicht ordentlich behandelt sind, mindert dennoch nicht den positiven Gesamteindruck der Kunststoffverarbeitung. Wir werten gerade noch mit einem „Gut“, was auch der glatten Innenschale geschuldet ist.

Fahren und Manövrieren

Unser Testboot ist mit dem Bénéteau-Air-step-Rumpf ausgestattet. Das bedeutet, dass während der Fahrt gezielt Luft unter den Boden geleitet wird, was dem Boot zu effizienterem Fahren verhelfen soll. Unser Testboot ist mit zwei Mercury-Verado-Viertakt-Außenbordmotoren bestückt. Dank gegenläufiger Getriebe fährt es bei gleichen Motordrehzahlen stur geradeaus und dreht in langsamer Fahrt auf der Stelle, wenn ein Getriebe in Vorwärts- und das andere in Rückwärtsposition geschaltet ist. An- und Ablegen bereitet da keine Mühe, und das optionale Bugstrahlruder wird nur bei störendem Seitenwind oder bei Querströmung benötigt.

Um die vom Boot erzeugten Wellen auf niedrigem Niveau zu halten, fahren wir die langsamen Passagen mit maximal 1500/min oder mit einem Tempo von 6 kn. Um 3000/min oder ab 10 kn beginnt das Testboot zu gleiten und senkt ab 3500/min kaum merklich den Bug, um dann als Vollgleiter übers Wasser zu rauschen. Innerhalb des vom Hersteller erlaubten Drehzahlbandes haben wir bei 6300/min eine Höchstgeschwindigkeit von 38 kn gemessen.

Wirtschaftlich ist man mit dem Testboot in schneller Gleitfahrt mit einem Tempo von 22 bis 26 kn unterwegs, wenn die Motoren 4000–4500/min drehen. Für die Reichweiten bedeutet das in langsamer Fahrt einen theoretischen Aktionsradius von knapp über 220 sm, bei wirtschaftlicher Fahrt 127 sm und bei Vollgas 85 sm, zuzüglich jeweils 15 % Reserve. Damit erfüllt das Testboot unsere Forderung von einer 150-sm-Mindestreichweite plus Reserve nur in langsamer Fahrt.

Die Reaktionen bei den mit Höchstgeschwindigkeit gefahrenen 180°-Wenden lösen sich in Luft auf, die unter dem Rumpf zu den Propellern geleitet wird. Das Boot dreht in die Kurven ein und verliert schnell an Fahrt, ohne zu schaukeln oder einzuhaken. Unspektakulär verlaufen gleichfalls die immer enger verlaufenden Kurven, wo sich das Testboot leicht zum Kurvenmittelpunkt neigt und bis auf untere Gleitgeschwindigkeit von allein abbremst.

Mit ganz beigetrimmten Motoren fangen dann ab einem Kurvendurchmesser von etwa 50 m die Propeller an zu ventilieren. Das Luftschnappen hört auf, wenn man aus den Kurven herauslenkt und das Boot wieder Fahrt aufnimmt. Ein sich leicht aufbauender Widerstand in der Hydrauliksteuerung verhindert allzu hektische Ruderbewegungen, was das ohnehin ungefährliche Pendeln auf dem Slalomkurs einschränkt. Beim Verreißen des Ruders folgt die Barracuda dem einmal eingeschlagenen Kurs bereitwillig.

Das Rauwasserverhalten unseres Testbootes gefällt und gibt keinen Anlass zur Kritik, auch wenn man die Fahrt etwas anpassen muss. Den meisten Fahrspaß hat man auf der Flybridge, wo es zwar etwas zugig zugeht, man aber von der See so gut wie nichts mitbekommt. Fahrer und Crew sehen oben vom Vorschiff gerade mal den Anker und sonst nichts, was sich unmittelbar vor dem Boot tut. Das verführt (mehr als am unteren Fahrstand) dazu, die Fahrt auch in rauer See schneller anzugehen. Unten bekommt man jeden "Wellenkracher" optisch und akustisch mit. Oben weder das eine noch das andere; man spürt lediglich minimal, wie sich das Boot durch die Wellen bewegt, weil alles stark gedämpft ankommt.

Auf der Mini-Flybridge teilt die Fahrgemeinschaft sich eine gemeinsame, nicht verstellbare Sitzbank. Im Pilothaus sitzen Fahrer und Co. in viel Raum beanspruchenden und allseits verstellbaren Schalensitzen. Sowohl oben als auch unten hat man bequem und sicher Platz im Boot. Im unteren Bereich muss der Beifahrer sich daran gewöhnen, dass er vor dem offenen Zugang zum Wohn-Schlaf-Trakt sitzt. An beiden Fahrständen hat der Skipper alles im Blick und im Griff und gelangt an sämtliche Schalter.

Auf der Flybridge soll eine Spoilerscheibe den Wind abhalten; unten sitzt man hinter einer großen Glasfront und genießt einen passablen Rundumblick. Voraus sorgen zwei Scheibenwischer mit bescheidenem Wischfeld bei schlechtem Wetter für (beschränkte) Sicht. Ein Analogkompass ist Serie, das Lot kauft man sich dazu.
Ab 3000/min steigt der Schalldruck im Cockpit über die 85-dB/A-Komfortgrenze. Das werten wir noch mit ausreichend, da im Pilothaus beziehungsweise in der Kabine bei offenen Türen die Messwerte darunterliegen.

Motor, Tank, Elektrik

Die Werft hat sich gezielt für Außenbordmotoren entschieden, "da man damit agiler vorankommt". Das trifft auf die beiden 200 PS starken Mercury Verado zu. Sie hängen gut am Gas und liefern Vorschub, wenn man ihn benötigt. Das Boot wird entweder mit maximal zwei 200-PS-Motoren oder mit einem 300-PS-Außenborder offeriert. Wählen kann man zwischen den Marken Honda, Suzuki, Yamaha und Mercury, für die man in der Bénéteau-Werft gegen Aufpreis dann das Equipment vormontiert.

Die Batterien stehen gut gehaltert an Backbord unter dem Cockpitboden, zugänglich von oben über eine Bodenklappe. Die dazugehörigen Hauptschalter samt Sicherungen findet man im Pilothaus unter der Sitzbank hinter einer Klappe. Der Kraftstofftank steht mittig unter dem Cockpitboden. Man sieht ihn nicht, wenn man die große Bodenklappe öffnet, da er von oben verdeckt ist, damit der Raum darüber zum Stauen genutzt werden kann.

Den Benzinfluss sollen über die Zündung schaltbare Magnetventile regulieren. Gesehen haben wir die aber ebensowenig wie Kraftstoffvorfilter, wo man sich bei der Spritreinigung auf den Motorenhersteller verlässt. So sauber die Motoren außen ins-talliert wurden, so wuselig und teilweise unübersichtlich geht es unter Deck weiter. Nur dort, wo man, ohne sich zu verrenken, hinschauen kann, verläuft alles in geordneten Bahnen.

Sicherheit

Hier punktet die Barracuda 9 mit ihren sicheren Fahreigenschaften. Positiv werten wir die Cockpitinnenhöhe und die fast umlaufende Handlaufreling. Neben elek-trischen Lenzpumpen lässt sich die Bilge auch manuell lenzen, und Wasser im Cockpit läuft ungehindert außenbords. Nicht gefallen hat uns die Anbringung der Schiebetürgriffe im Pilothaus, die man besser nur oben anfasst, damit man sich beim Schließen nicht versehentlich die Finger quetscht.

Wohnen, Cockpit und Ausrüstung

Die Barracuda 9 ist vom Raumangebot und wegen der eingeschränkten Stehhöhen im Vorschiff mehr der Familie der Daycruiser zuzuordnen. Eine ausladende Koje, wo man sich ob der T-Form entscheiden muss, quer oder längs darauf zu schlafen, ist genauso vorhanden wie der separate Raum mit Marine-WC und Spülbecken samt Duschschlauch-Armatur. Stauraum unter Liegen und unter dem Fußboden im Pilothaus gibt es genug. Letzterer ist aber mit den beiden wuchtig erscheinenden Schalensitzen fast schon ausgefüllt. Um da auf die Heckbank zu gelangen, muss man sich zwischen den Sitzen hindurchschlängeln. Der begrenzten Räumlichkeit angepasst, sind an den Seitenwänden zwei Klapptische angebracht.

Eine Pantry gibt es nicht, aber einen losen Kocher. Wer einen Kühlschrank haben möchte, muss beim Bootskauf eines der drei Ausstattungspakete "Avantage", "Elegance" oder "Nordic" ins Auge fassen, in denen neben verschiedenen anderen Dingen das Extrazubehör, wie Bugstrahlruder oder Warmwasserbereiter, enthalten sind. Eine Flybridge-Abdeckung wird nicht angeboten. Ansonsten ist die Barracuda 9 fahrfertig ausgestattet: mit 230-V-Landanschluss, RINA-attestierten Navigationslampen, sechs (uns zu klein erscheinenden) Belegklampen, einem Ankerkasten mit Bugbeschlag vorn sowie einer Heckbadeleiter mit Haltegriff und einigen Dingen mehr. Vermisst haben wir eine Scheuerleiste, die ihrem Namen wirklich Ehre macht. 

Datenblatt: Barracuda 9

Werft: Bénéteau
Typbezeichnung: Barracuda 9
CE-Kategorie: B - Außerhalb von Küstengewässern
Material von Rumpf und Deck: Kunststoff
Länge (m): 8,91 m
Breite (m): 2,96 m
Verdrängung (kg): 3,40 t
Preis: 112.110,00 €
Testfazit: Die Barracuda 9 ist ein Boot für kurze Trips, bei denen man mit zwei Personen auch mal übernach- ten kann. Es ist ein vielseitig ein- setzbares Sportboot, das draußen mehr Platz als drinnen bietet; ab
4 Personen wird’s im Pilothaus eng. Die Fahreigenschaften sind in Ordnung, solange man sich Wind, Wetter und Wellen anpasst. In der Verarbeitung sehen wir noch Verbesserungsbedarf.
Positiv:
Negativ:

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