Jeanneau NC 9

23.03.2013 Peter Lässig - Eile mit Weile: Mit der Jeanneau NC 9 folgt das zweite Boot der französischen Werft im neuen Design der berühmten, größeren Schwester NC 11.

Jeanneau NC 9
© Morten Strauch
Jeanneau NC 9

Jeanneau, eine der Großen in der europäischen Werftszene, hat mit dem NC-Konzept schon einmal abgeräumt, als sie 2011 mit der NC 11 "Powerboat of the Year" wurde. Die kleinere NC 9 folgt der gleichen Idee des "Appartements auf dem Wasser". Eine Nummer kleiner fällt auch die Motorisierung aus, statt zwei Motoren gibt es nur einen. Die NC 9 wil kein Renner sein, sondern ein Boot für angenehme Fahrten auf Binnen- und außerhalb von Küstengewässern.

In der gesamten Verarbeitung ist von gut bis mangelhaft alles dabei: hochglänzendes Gelcoat außen, glatte Innenschale samt versiegeltem Laminat, aber auch allenthalben nicht behandelte Kunststoffschnittkanten. Man blickt auf eine ordentlich verbaute Technik und Elektrik, wo jedoch Schläuche und Kabel auf scharfkantigen Ecken scheuern. Wichtige Teile, wie die 12-V-Sicherungen und Relais, sind kaum erreichbar eingebaut. Gut hat uns hingegen der gesamte Innenausbau gefallen. Ein Motor und ein Antrieb brauchen das optionale Bugstrahlruder beim Manövrieren, insbesondere dann, wenn man rückwärts fährt und den Kurs ändern muss.

Auch bei Seitenwind oder Querströmung benötigt man den kleinen Schubs am Bug. Langsam voraus fährt das Testboot "linientreu". Kurs und Krängung ändern sich nicht, wenn Personen den Platz wechseln. Damit die vom Boot erzeugten Wellen auf akzeptablem Niveau bleiben, fahren wir die langsamen Passagen mit knapp
7 kn und lassen dabei den Motor 1400/min drehen. Mit zunehmender Fahrt geht die NC 9, ohne sich viel zu vertrimmen, ab 14 kn (2600/min) in Gleitfahrt über.

Die Höchstgeschwindigkeit messen wir mit 28 kn, während der Motor 150/min mehr dreht als vom Hersteller erlaubt. Dies liegt an der geringen Beladung unseres Testbootes. Wir haben die  NC 9 bis zu einem Tempo von 20 kn (3000/min) mit ganz beigetrimmtem Antrieb gefahren und sind dann von Trimmposition -5 auf 0 hochgegangen. Jedes Trimmen davor oder mehr Trimmen danach wirkte sich negativ auf die Geschwindigkeit aus.

Ab einem Tempo von 20 kn fährt man in schneller Gleitfahrt im wirtschaftlichen Bereich, wo eine Tankfüllung für etwa 137 sm und bei Vollgas für 135 sm am Stück reicht – plus Reserven. Damit verfehlt das Testboot in Gleitfahrt unsere Minimalforderung von wenigstens 150 sm zuzüglich Reserve knapp. Besser sieht es beim Schalldruck aus, wo wir im geschlossenen Salon bei Vollgas maximal 82 dB/A gemessen haben.

Positiv werten wir ebenfalls alle mit Höchstgeschwindigkeit gefahrenen Extremmanöver. In den immer enger verlaufenden Kurven neigt sich das Testboot zum Kurvenmittelpunkt und zieht unbeirrt seine Bahn. Dass dabei die Seitensicht eingeschränkt wird, liegt am Kabinendach, das sich ins Sichtfeld bewegt. Die 180°-Wenden gleichen fast normalen Kurvenfahrten und bewirken am Fahrstand eine gut haltbare Fliehkraft von
0,8 g. Beim Verreißen des Ruders folgt das Boot dem eingeschlagenen Kurs, und bei der Fahrt über die Slalombahn bringt man die NC 9 ungefährlich zum Pendeln über die Längsachse.

Wissen muss man, dass die DPH-C-Z-Antriebe von Volvo Penta im Einschlagwinkel begrenzt sind und bei der NC 9 in voller Fahrt Kurvendurchmesser unter knapp drei Bootslängen nicht zulassen. – Rauwassser bot der Main uns nicht. Beim Überfahren der eigenen Wellen hinterlässt der Rumpf positive Eindrücke. Der Fahrer sitzt auf einem nach Steuerbord offenen Sitz vor einem gestaffelten Armaturenträger.

Steuerung und Schaltung funktionieren präzise und leichtgängig. Die Sicht ist ungetrübt, zumal Defrosterdüsen und Scheibenwischer die Windschutzscheibe frei halten. Ein Teil der Sitzbank ist klappbar fürs Fahren im Stehen. Die Beifahrer sitzen auf der umgeklappten Dinette-Sitzbank, haben keinen Seitenhalt nach Backbord, aber vor sich eine Holzgriffleiste.

Motor, Tank, Elektrik

Die einzig mögliche Motorisierung ist ein 260 PS starker Dieselmotor von Volvo Penta mit Duo-Prop-Z-Antrieb. Er steht unter einer großen, leicht zu öffnenden Cockpitbodenklappe und ist für Service und Kontrolle von allen Seiten gut zugänglich. Der Motorraum mit integriertem Stauraum ist nach vorn erweitert und beinhaltet neben gut gehalterten Batterien den Kunststoffkraftstofftank. Der dazugehörige Kraftstoffhahn ist vom Bodenstauraum im Salon, wo auch 230-V-Sicherungen untergebracht sind, fernbedienbar.

Während die Hauptschalter sich perfekt zugänglich am Eingang der Kabine befinden, muss man sich zu den 12-V-Siche-rungen durch den Bodenstauraum im Salon durch eine Öffnung nach Steuerbord in den Technikraum quälen. Das ist beim ruhig liegenden Boot für normal gewachsene Personen kaum möglich, geschweige denn bei Wellengang.

Sicherheit

Das achtern offene Cockpit hat eine wirksame Drainage vor der Salonschiebetür.  Weiteres Plus: zwei fernbedienbare Feuerlöscher im Motorraum. Die integrierte Antislipstruktur auf den begehbaren Kunststoffflächen erweist sich bei Feuchtigkeit nur als bedingt wirksam. Gut ist, dass der Motorraum im Ernstfall (neben elektrischen Pumpen) manuell gelenzt werden kann.

Wohnen und Ausrüstung

Zwei separate Kabinen und eine wandelbare Dinette bieten Platz für sechs Personen zum Schlafen. Als Eignerkabine dient die Bugkabine mit Doppelkoje, deren gerundete Form beeinträchtigt jedoch den Schlafkomfort, da die Matratze an den Seiten des Fussendes kürzer ausfällt. Darüber hinaus vermissen wir unter der Schlafstätte eine Unterlüftung. Zum Stauen oder um an das Bugstrahlruder zu gelangen, klappt man die Koje hoch, Außerdem stehen ein Schrank und Bodenstauraum bereit. Licht gelangt durch zwei seitliche Fenster und das Decken-Fluchtluk, das der Belüftung dient.

Die zweite Kabine steckt an Backbord unter dem Fahrstand, Fahrersitz und Salon. Im Eingangsbereich hinter der Tür ist Platz für eine Person zum Stehen; zum Schlafen muss man sich bücken und über die Matratze in die Koje krabbeln. Steh-, Kopfhöhen und Liegefläche sind beschränkt. Durch ein Längsfenster mit eingebautem Bullauge gelangen Licht und Luft herein. Zum Stauen bieten sich am Eingang ein Schrank und Stauräume unter der Matratze an.

Gegenüber der Außenkabine geht’s ins Bad mit WC und Dusche (mit einem Bullauge zum Lüften). Das Testboot war mit elektrischem WC und Fäkalientank bestückt – beides Extra. Der Salon glänzt an Steuerbord mit einer wandelbaren Dinette und gegenüber mit der ordentlich ausgestatteten Pantry, an der es nichts auszusetzen gibt. Am Tisch ist Platz für vier. Freiluftvergnügen: über das transparente und elektrisch bedienbare Schiebedach.

Das Cockpit dominiert eine in Längsrichtung verschiebbare Sitzbank mit Stauraum darin; zwei Türen gewähren Zugang zur Badeplattform mit Badeleiter, die auch vom Wasser aus gut handhabbar ist. Die Seitendecks fallen unterschiedlich breit aus, das Vordeck bietet Platz für eine Sonnenliege und einen selbstlenzenden Ankerkasten mit Bugbeschlag. Anker, Kette und Winsch stehen auf der Zubehörliste. Die Reling ist rundum stabil, und Handläufe am Salondach geben besten Halt.

Die Jeanneau NC 9 ist fahrfertig ausgestattet. Von RINA attestierte Navigationslampen und sechs passende Belegklampen zählen wie vieles mehr zum Standard. Ein Analogkompass gehört dazu, ein Echolot nicht. Darüber hinaus bieten die Ausstattungspakete "Premiere" und "Preference" alles Notwendige, um sich sein Boot zu gestalten.

Datenblatt: NC 9

Werft: Jeanneau
Typbezeichnung: NC 9
CE-Kategorie: B - Außerhalb von Küstengewässern
Material von Rumpf und Deck: Kunststoff
Länge (m): 9,43 m
Breite (m): 3,15 m
Verdrängung (kg): 4,83 t
Preis: 148.036,00 €
Testfazit:
Positiv:
Negativ:

Artikel empfehlen |  Artikel drucken

Das könnte Sie auch interessieren

Hellwig Marathon V 485: Hellwig Marathon V 485
Test-Boote Hellwig Marathon V 485 17.10.2014 —

Die Hellwig Marathon V 485 eignet sich als Sportboot für Einsteiger, ambitionierte Wassersportler – und natürlich solche, die es werden wollen.

[mehr]

Espevaer 28: Espevaer 28
Test-Boote Espevaer 28 13.10.2014 —

Die Espevaer 28 ist ein gemütliches Stahlboot fürs Wasserwandern zu zweit, das wir auf den Gewässern rund um Grou auf Herz und Nieren geprüft haben.

[mehr]

Broom 370: Broom 370
Test-Boote Broom 370 11.10.2014 —

Broom 370: Ein grundsätzlich überarbeiteter Innenraum sorgt für frischen Wind. Wir testeten das Boot auf dem Markermeer vor Lelystad.

[mehr]

Quicksilver Captur 555 Pilothouse: Quicksilver Captur 555 Pilothouse
Test-Boote Quicksilver Captur 555 Pilothouse 10.10.2014 —

Ganz klein und doch erstaunlich groß: Mit der Captur 555 Pilothouse bringt US-Hersteller Quicksilver das nächste preisgünstige Einsteigerboot.

[mehr]

Beneteau Flyer 6: Test Beneteau Flyer 6
Test-Boote Bénéteau Flyer 6 08.10.2014 —

Bénéteau Flyer 6 – Ein Rumpf und drei unterschiedliche, gelungene Konzepte. Peter Lässig fuhr sie mit Außenborder zwischen 150 und 200 PS.

[mehr]

Schlagwörter

JeanneauNC9Jeanneau NC9News_Jan_1

Ausgabe kaufen

Boote im Abonnement

Verpassen Sie keine Ausgabe, sparen Sie bares Geld und lassen Sie sich jede Ausgabe bequem ins Haus bringen.


AKTUELLE AUSGABE