Sunseeker Manhatten Sunseeker Manhatten

Bootsklau: Sunseeker Manhatten

Wanted Spezial – Odyssee ohne Happy End

Gernot Apfelstedt am 23.09.2015

Eine gestohlene Sunseeker führt die Ermittler von Pantaenius und MCS in die Ukraine. Das gesuchte Boot wird ausfindig gemacht und die Odyssee beginnt.

Alles beginnt in Kroatien, in der ruhig gelegenen Marina Vrsar im Frühling 2012. Vor einer vertäuten Sunseeker 70 Manhattan steigen drei Männer aus einem Kleinbus. Wie die Überwachungskameras später zeigen, betreten die Unbekannten das Schiff und machen es binnen kürzester Zeit fertig zum Ablegen. 

Drei Tage später, so lautet zu diesem Zeitpunkt die offizielle Version der Geschichte, findet der Eigner der Motor-yacht seinen Liegeplatz verlassen vor. Umgehend meldet er sein Schiff bei seinem Versicherungspartner Pantaenius Monaco als gestohlen. Traurige Routine für das Unternehmen, das weltweit mehr als 80 000 Eigner betreut. Michael Kurtz, Mitbegründer und Manager der monegassischen Pantaenius-Niederlassung macht sich vor Ort an die Fahndung nach der gestohlenen Yacht. 

Parallel wird Marine Claims Service (MCS) mit der internationalen Suche nach der "Mark J" beauftragt. Vor Ort lassen die Versicherungsspezialisten einige Anhaltspunkte aufhorchen. Der italienische Eigner und sein Captain sollen sich laut eigener Aussage zum Tatzeitpunkt in Italien aufgehalten haben. Dennoch wurde die "Mark J" kurz zuvor vollgetankt.

Auch ein Gespräch mit der italienischen Bank des Eigners, der zum Zeitpunkt des Diebstahls genau genommen nur Leasingnehmer war, wirft kein gutes Licht auf die Geschichte. Zum Zeitpunkt des Diebstahls standen noch etwa 2,5 Millionen Euro aus. Genau einen Monat vor Fälligkeit der nächsten Rate, die diesmal weitaus höher ausgefallen wäre, verschwindet das teure Schiff spurlos.

Sunseeker Manhatten

Sunseeker Manhatten 

Gemeinsam mit dem kroatischen MCS-Repräsentanten Damir Baf arrangiert Kurtz ein Treffen mit dem gefeuerten Kapitän der "Mark J" in Kroatien. Tatsächlich hatte der Eigner mit ihm über die Möglichkeit eines "Verschwindens der Yacht" gesprochen. Kurtz glaubt ein bekanntes Muster zu erkennen: Leasingverträge mit niedrigen Einstiegsraten locken Käufer und machen erhebliche Investitionen zu vermeintlich günstigen Vorhaben.

Nach drei Jahren jedoch steigen die Raten exorbitant an. Vor der Finanzkrise wurden die Schiffe dann in der Regel mit Gewinn verkauft und der Leasingnehmer stieg auf das nächstgrößere Exemplar um. Doch seit dem Zusammenbruch des Gebrauchtmarktes lassen sich viele Schiffe nur noch mit enormen Verlusten verkaufen. In der Verzweiflung entdeckt der ein oder andere Eigner sein kriminelles Potenzial. Die Indizien sprechen eine eindeutige Sprache, doch die Beweise fehlen. Die Yacht muss gefunden werden.

Anfang Juni 2012 liefert ein türkischer Broker einen ersten Hinweis. Die Spur führt auf den ukrainischen Gebrauchtbootmarkt, wo eine baugleiche Sunseeker unter dem Namen "Yasmine" aufgetaucht ist. Kein unbekannter Umschlagplatz für gestohlene Schiffe. Die MCS-Ermittler aktivieren alle lokalen Kontakte und suchen systematisch die ukrainischen Gewässer ab – ohne Erfolg. Selbst eine Suche per Helikopter liefert keine neuen Erkenntnisse.

Im November spürt ein Kontaktmann den Broker auf, der versucht hatte, eine Sunseeker 70 Manhattan in der Türkei zu verkaufen. Auch diesmal setzte er auf eine bebilderte Anzeige. Die Parallelen sind eindeutig. Selbst die Tagesdecke in der Eignerkabine stimmt mit der Ausstattung der gesuchten "Mark J" überein. Die Hamburger MCS-Zentrale lässt die Fotos von ihren Kontakten in der Ukraine analysieren. Tatsächlich kann der Liegeplatz der "Yasmine" lokalisiert werden. Eine kleine Marina nahe der Stadt Odessa.

Als der MCS-Ermittler Damir Baf vor Ort eintrifft, findet er einen leeren Liegeplatz vor. Die nervös gewordenen neuen "Eigner" hatten die Motoryacht mit Hilfe eines kleinen Eisbrechers weggeholt. Im Januar 2013 dann endlich der Erfolg: Die Yacht findet sich auf einem ziemlich verlassenen Werftgelände in Kherson.
Umgehend werden die lokalen Behörden informiert. Trotz eindeutiger Indizien erhalten die im Februar 2013 angereisten Baf und Kurtz lediglich zwei Stunden für ihre Untersuchungen auf dem Schiff. Doch die Zeit reicht aus, um zweifelsfrei zu beweisen, dass es sich bei der "Yasmine" um die gestohlene "Mark J" handelt. Zu stümperhaft wurden Rumpfnummer und andere Identifizierungsmerkmale ausgetauscht.

Mehrere quälende Verhandlungen vor Gericht folgen. Im Oktober 2013 erlaubt das Gericht die Überführung des heruntergekommenen Schiffs nach Italien. Als es losgehen soll, schreiten die Zollbeamten ein. Von einer Erlaubnis, die Yacht zu Wasser zu lassen, sei in den Dokumenten nichts zu lesen. Nach dreitägigem Ringen mit den lokalen Behörden darf sich die Yacht endlich auf den Weg machen. Die Hoffnung auf ein glimpfliches Ende wächst. Ohne nähere Begründungen verweigert der ukrainische Zoll jedoch weiterhin die Freigabe des Schiffs. Baf wird klar, dass die Lage aussichtslos ist. Behörden, die sich unter Vorwänden gegenseitig sabotieren, und Zollbeamte, die eindeutig auf eigene Rechnung arbeiten, lassen ihn erahnen, wie einflussreich die Hintermänner der Aktion wirklich sind. Der nächste Prozess vor einem Gericht in Odessa wird eingeleitet und wenige Monate später gewonnen.

Die Freude über die positive Entscheidung der Richter fällt verhalten aus. Auch diesmal verweigert der örtliche Zoll die Abfertigung. Die Situation für die Ermittler wird zunehmend grotesker. Nach einem weiteren Papierkrieg und einigen Einschüchterungsversuchen von Seiten der ukrainischen Beamten, hat der MCS-Ermittler Baf alle nötigen Papiere zusammen, um das Schiff aus dem Zuständigkeitsbereich der korrupten Behörden zu befreien. Doch diesmal stellen sich schwer bewaffnete Männer in den Weg. Sie drohen, jeden festzunehmen, der die Leinen der Sunseeker berührt.

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Gernot Apfelstedt am 23.09.2015