Thundercats Thundercats
News

Thundercats: Die Wellenreiter

Hartmut Knape am 05.06.2014

Am Südwestzipfel der britischen Insel kämpften Zweier-Crews in Schlauchbooten mit 750-ccm-Außenbordern um den Titel – gegen den Rest der Welt.

Thundercats

Das deutsche Team Roman Vette / Carsten Röhrig in den Brandungswellen

Flugwinkel 70 Grad, der Propeller dreht durch die Luft – das ist doch nicht normal für ein Motorboot, oder? Nein, würde ein normaler Freizeitskipper sagen. "Doch", meint Carsten Röhrig aus Hamm, "besonders bei der Disziplin ‚Surf‘ kommt das häufig vor." Röhrig muss es wissen, denn er war 2013 im britischen Cornwall Teilnehmer bei der Weltmeisterschaft der Schlauchboote. Und dort geht es im wahren Sinn des Wortes öfter mal so hoch her. Die speziellen Schlauchboote sind gebaut wie ein Katamaran, haben keinen festen Rumpf und können auf maximal ein Drittel der Länge zusammengefaltet werden. Angetrieben werden sie von einem Außenborder bis 750 ccm und gesteuert vom Piloten mit der Pinne. Der Copilot muss – wie der Beifahrer in einem Motorrad-Seitenwagen – die Fahrweise im welligen Wasser durch Gewichtsverlagerung optimieren. So eine Weltmeisterschaft dauert eine ganze Woche, mit mehreren Rennen in insgesamt drei Disziplinen.

Disziplin Longhaul

Beim Ausdauerrennen mussten die Konkurrenten vom Basislager in Pentewan etwa 25 km übers Meer östlich in Richtung Plymouth fahren, dann 2,5 km in Richtung Küste den Wendepunkt in der Mündung des Flusses Looe finden und zurück nach Pentewan. Damit war das Rennen aber nicht zu Ende, der Beifahrer musste auf dem Strand zu einer Wendemarke laufen und nach seiner Rückkehr zum Boot stand eine zweite Runde auf dem Meer an, das am Renntag Wellen von bis zu drei Fuß Höhe bot. Nach zwei Stunden hatten die Boote etwa 110 km zurückgelegt und waren im Ziel.

Disziplin Surf

Die zweite Disziplin hört sich nicht nur so an wie Wellenreiten, das ist Wellenreiten! Nach einem Tag Ruhepause war der gesamte Tross quer über die Landzunge von Cornwall ans andere Ufer gereist, an den Atlantik. Hier waren die Wellen naturgemäß höher, die Stelle ist bei Surfern beliebt. Auf dem M-förmigen Kurs mussten die Teams bei jeder ihrer neun Runden vier Mal durch die bis zu fünf Fuß hohe Brandung.

Und wenn man an die Wendeboje kommt, weiß man im Voraus nie, wo gerade der Scheitelpunkt der Brandungswelle ist. So muss vor allem der Copilot mit seiner Gewichtsverlagerung aktuell entscheiden, ob man die Wellen "hoch" anfährt, wodurch das Boot wie auf einer Abschussrampe anschließend durch die Luft fliegt und sich eventuell überschlagen kann, oder ob man sie "tief" durchkreuzt, um besser zur Wende hin einlenken zu können, mit der Gefahr, dass dabei zuviel Wasser ins Boot kommt und der Motor "ausgeblasen" wird.

"Der Copilot hat definitiv den härteren Job," ist sich Röhrig sicher, "er muss sich am meisten bewegen, fällt vom höchsten zum tiefsten Punkt und bekommt damit die meisten Schläge ab." Röhrig spricht aus Erfahrung, denn er fuhr früher als Pilot, bis er seinen Partner wechselte.

Nach einem Tag zum Trainieren folgten zwei Tage mit je zwei Rennen, die durch Nebel und Regen erschwert wurden. Theoretisch dauert jedes Rennen neun Runden, aber da sich gelegentlich ein Boot auf den Wellen überschlägt und das Rennen dann sofort abgebrochen wird, haben die Teams am Ende des Tages insgesamt mehr Runden in den Knochen.

Disziplin Circuit

Zur dritten Disziplin fuhr der Tross zurück auf die ruhigere Südseite der Halbinsel. Nach einem Ruhetag wurden hier die abschließenden vier Läufe gefahren. Der Kurs für die Circuit-Rennen ist grundsätzlich rechteckig, hat aber nicht nur eine zusätzliche S-Kurve in eine Längsseite, sondern auch zwei verschiedene Rundenlängen. Aufgrund der Regeln muss man hier nicht nur Vollgas geben, sondern auch mitdenken und taktieren.

Auf der Startrunde wird grundsätzlich der lange Kurs gefahren, danach folgt eine kurze Runde. Auf den folgenden Runden muss zwei Mal der lange und fünf Mal der kurze Kurs gefahren werden, die neunte und letzte Runde ist wieder eine kurze Runde. Aber wann man in der Mitte die kurzen oder die langen Runden fährt, bleibt jedem Team selbst überlassen. Der Führende nach dem Start wird sicher zuerst kurze Runden fahren, um möglichst lange das freie Wasser vor sich zu haben.

Die hinteren werden früher die langen Runden fahren, um danach möglichst noch aufzuholen. Auf alle Fälle wird das Feld kräftig durcheinander gewirbelt, erst in der letzten Runde ergibt sich die endgültige Reihenfolge. Natürlich muss man im Eifer des Gefechtes darauf achten, die richtigen Rundenzahlen auf den richtigen Strecken zu fahren.

Die Weltmeisterschaft

Neben den Gastgebern waren Teams aus Deutschland, Irland, Norwegen, Schweden und Russland am Start. Die weiteste Anreise aber hatten die Teams aus Südafrika, wo diese Sportart ganz besonders beliebt ist und die meisten Weltmeister zu Hause sind.

Der Titel ging in diesem Jahr an das südafrikanische Team Barry und Drickie Marx, von denen Barry bereits 2010 eine Goldmedaille gewonnen hatte. Die Silbermedaille holte sich Markus Hinz aus Stade mit seinem Copiloten Marc Pertzsch aus Lübeck, obwohl ihr Boot bei der Disziplin "Surf" beschädigt worden war. Das englische Team "Ahmad Tea" stellte ihnen ein Ersatzboot zur Verfügung, damit sie im Circuit-Rennen überhaupt noch an den Start gehen konnten.

Die deutschen Fahrer haben sich zur "German Inflatable Powerboat Assoziation" (G.I.P.A.) zusammengeschlossen. Sie starten unter anderem beim Hafenfest Stralsund (7./8. Juni), beim Waterfront Bremen Cup (21./22. Juni) sowie beim Rennen in Rendsburg (6./7. September). Weitere Information unter: www.thundercatracing.info          

Hartmut Knape am 05.06.2014