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Unerträglicher Schwebezustand

Jürgen Straßburger am 24.07.2014

BOOTE sprach mit dem Vorstand des Vereins PROLAHN über die ungewisse Zukunft des Flusses. Was sind die Ziele, und wie sollen sie erreicht werden?

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Die Lahn bei Nassau: Geht ohne Unterhaltung durch den Bund eine ganze Region baden?

BOOTE: Der Verein PROLAHN ist gegründet worden mit dem Ziel, die Lahn in ihrer jetzigen Form als Bundeswasserstraße zu erhalten. Warum eigentlich?

PROLAHN: Nur so lange, wie die Lahn Bundeswasserstraße ist, gibt es die Garantie, dass sie unterhalten werden muss. Das steht so im Gesetz. Natürlich, der Fluss muss nicht unbedingt Bundeswasserstraße sein, aber es ist für uns die sicherste Option, die Lahn zumindest so zu erhalten, wie sie jetzt ist. 

BOOTE: In der Diskussion um die Entwidmung der Lahn ist immer wieder zu hören, dass schon aus Gründen des Hochwasserschutzes die Anlagen wie Wehre und Schleusen weiterbetrieben werden müssen. Gleichzeitig hört man von Politik und Verwaltung, dass man die Lahn als Bundeswasserstraße unbedingt loswer-den wolle. Gibt es denn überhaupt Chancen, die Lahn in irgendeiner Form zu betreiben, wenn der Bund sagen sollte: "Nee, wir nicht mehr"?

PROLAHN: Ein ganz klares "Nein". Es hat ja Gespräche gegeben mit Hessen, mit Rheinland-Pfalz und auch mit den Kommunen. Die sind an der Lahn so klamm, dass sie andere Probleme haben, als die Lahn zu unterhalten. Das ist abwegig.

BOOTE: Also droht die Renaturierung der Lahn, wenn der Bund aussteigt?

PROLAHN: Leute, die so etwas sagen und wollen, haben absolut keine Ahnung von Natur. Wenn man die Lahn tatsächlich absenken und renaturieren würde, also "Schleusen auf und Wehre weg", dann käme ja nicht nur die Schifffahrt zum Er-liegen, sondern auch unsere Quellen – Fachingen, Bad Ems usw. – würden versiegen. Das Wasser würde im tiefen Lahntal einfach weglaufen. Noch schlimmer aber stände es um die Bewältigung von Hochwasser. Die Schichtleiter an den Schleusen und Wehren sind ja nicht nur dazu da, um die Bötchen durchzulassen, sondern um die Lahn zu regulieren. Und ohne Regulierung des Flusses durch Wehre gäbe es an der Lahn die absolute Katastrophe. Entweder durch Hochwasser oder durch Austrocknung.   

BOOTE: Die Regulierung der Lahn zur Abwehr schlimmster Auswirkungen von Hochwassern und Austrocknung ist also ein ganz wichtiges Ziel Ihres Vereins. Lässt sich zugespitzt daraus folgern, dass die Abwehr von Hochwasser und Austrocknung quasi "automatisch" auch die Schifffahrt sichert? 

PROLAHN: Genau das ist richtig, weil die meisten Wehre tatsächlich nur vom Wasser aus gewartet, gepflegt und repariert werden können. Heißt: Man braucht dazu ein Schiff, das hin und her fährt. Und das geht nur, wenn es funktionierende Schleusen gibt oder in jeder Schleusenstufe ein Schiff – was ja wohl illusorisch ist.

BOOTE: Dann wird ja der Slogan der Schifffahrtsverwaltung "Wir machen Schifffahrt möglich" durch Hochwasserschutz zur Realität.

PROLAHN: So ist es.

BOOTE: Also ist die Schifffahrt auf der Lahn ein Nebeneffekt des Hochwasserschutzes, weil sonst die ganze Region im wahrsten Sinn des Wortes "baden gehen" würde.             

PROLAHN: Richtig. Man muss auch bedenken, dass große Uferstrecken an der Lahn mit Lkw oder Pkw – geschweige denn mit schwerem Arbeitsgerät – überhaupt nicht erreichbar sind. Also kann nur von der Lahn aus repariert und in Ordnung gehalten werden. Dazu braucht man Schiffe und Wasser.

BOOTE: Weiß man das auch in Berlin?

PROLAHN: Genau das ist das Problem. Dort ging man lange Zeit davon aus, dass es bei den Diskussionen um die Lahn immer um die Erhaltung der Schiffbar-keit ginge. Dass es aber eigentlich  um Hochwasser- und Quellenschutz geht, ist dem Verkehrsministerium erst seit kurzer Zeit bewusst.  

BOOTE: Vor diesem Hintergrund scheinen Vorstellungen des Bundes, die Unterhaltung der Lahn an andere Träger, seien es Bundesländer, Kommunen oder gar Privatunternehmen, abzugeben, illusorisch? 

PROLAHN: Derartige Vorschläge, auch wenn sie in teuren Gutachten vorgebracht werden, gehen völlig an der Realität vorbei. Bringen wir es auf den Punkt: Eigentümer der Bundeswasserstraße Lahn ist der Bund. Und so lange es keinen Käufer gibt, wird der Bund auch Eigentümer bleiben. Und dazu heißt es im Grundgesetz: "Eigentum verpflichtet". Mehr muss man dazu nicht sagen.

BOOTE: Hochwasserschutz hat für PROLAHN also die höchste Prioriät. Wenn der Fluss unter diesem Aspekt Bundeswasserstraße bleibt, müsste der Verein ja auch ein Interesse daran haben, dass der Bootstourismus an der Lahn nachhaltig belebt wird.  Was kann PROLAHN in dieser Hin-sicht tun?

PROLAHN: Daran arbeiten wir schon seit geraumer Zeit. So haben wir gerade die 5. Auflage einer informativen Broschüre herausgegeben, in der wir die wichtigsten Service-Einrichtungen für den Wassersport auf der Lahn vorstellen. Mit dieser Broschüre werben wir weit über unsere Region hinaus für die Lahn. Außerdem ist die Broschüre im Download auch auf unserer Website verfügbar (www.prolahn.de)

BOOTE: Kann denn PROLAHN als Verein, beispielsweise durch eigene Messeauftritte, überregional für den Bootstourismus auf der Lahn werben?

PROLAHN: Das ist für uns sehr schwierig, denn Tourismusförderung und Gemeinnützigkeit lassen sich nicht vereinbaren. 

BOOTE: Das Angebot an Häfen und öffentlichen Liegeplätzen mit gutem Service ist an der Lahn eher dürftig. Engagiert sich der Verein für eine Verbesserung dieser Situation?

PROLAHN: Wir haben das intensiv versucht über die Kommunen. Aber stellen Sie sich vor, dass nur drei Gemeinden überhaupt Mitglied bei PROLAHN sind. Alle anderen reagieren überhaupt nicht auf unsere Anfragen. Also ist von dieser Seite kein Interesse da, gemeinsam mit uns was zu machen. Die jammern: "Wir haben kein Geld" und erkennen gar nicht, dass PROLAHN ja nicht in erster Linie für die Bootsfahrer da ist, sondern mit dem Einsatz für die Erhaltung der Lahn in ihrer jetzigen Form entschieden auch die Inte-ressen der Kommunen wahrnimmt.

BOOTE: Das scheint aber bei den Kommunen nicht anzukommen.

PROLAHN: Trotz all unserer Bemühungen und Aktivitäten bisher leider nicht.

BOOTE: Wie steht denn die Schifffahrtsverwaltung zu baulichen Investitionen zugunsten des Wassersports?

PROLAHN: Heute überhaupt kein Problem mehr. Vor Jahren war das ein Riesenproblem. Nicht zuletzt durch PROLAHN ist die Verwaltung zugänglich geworden für alle möglichen Anfragen. Aber es fragt keiner an, weil niemand bereit ist, zu investieren.

BOOTE: Lahnskipper, mit denen ich gesprochen habe, würdigen die Arbeit von PROLAHN positiv. Gleichzeitig aber sind sie nicht bereit, sich zu engagieren. Es herrscht eine fast depressive Resignation. Stimmt mein Eindruck?

PROLAHN: Das trifft es völlig auf den Kopf. Die Leute winken ab und sagen: "Vergiss es, das wird doch eh nichts! Die machen eh, was sie wollen." Auch die Mitarbeiter der Schifffahrtsverwaltung sind von dieser Resignation erfasst, weil sie nicht wissen, woran sie sind und weil sie nicht wissen, wie es mit der Lahn weitergeht. Das ist für alle Betroffenen ein unerträglicher Schwebezustand.

Das Interiew führte BOOTE-Mitarbeiter Jürgen Straßburger.

Jürgen Straßburger am 24.07.2014
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