Clubschiffe Clubschiffe
Reportagen

Ein Herz und ein Kiel

Ingrid Bardenheuer am 25.01.2014

Herein in die gute Stube, Hier spielt die Musik: Und Geschichten zum Staunen erzählen sie auch: Clubschiffe, die schwimmenden Heime der Vereine.

Clubschiffe

Stilvolles Heim: „„Rheinschnook“ vom 1. MBC Speyer.

Oskar ist mal kurz "hinne nunner". Wir brauchen eine Drahtbürste, und "hinne nunner", hat er gesagt, "do findste scho …" Und wirklich: Oskar taucht aus dem Halbdunkel der Achterpiek wieder auf und hat eine Drahtbürste in der Hand. Damit macht er sich nun am Typenschild der "Ascapha" zu schaffen. Die kleine Metalltafel liegt seit Jahrzehnten gut verborgen unter einer dicken Farbschicht.

Gerade eben erst, so im Vorbeigehen, haben wir sie entdeckt. Oskar setzt noch zwei, drei Mal die Bürste an. Dann bläst er die Anstrichreste weg. Gleich erfahren wir, wie alt das Vereinsboot der Wassersportfreunde "Neptun" in Aschaffenburg am Main tatsächlich ist. Ganz schön aufregend, so eine Geschichte über Clubschiffe.

"Das wird gefeiert!" Oskar, der eigentlich Oskar Häcker heißt und Vorsitzender der Wassersportfreunde "Neptun" ist, strahlt. Die "Ascapha" stammt laut Typenschild von 1953 und wird somit exakt in diesem Jahr stolze Sechzig, was bis vor wenigen Minuten niemand wusste. Eine seltsame Fügung, die uns auf den beinahe übergangenen Ehrentag der "Ascapha" stoßen ließ. Haben Clubschiffe womöglich eine Seele, neigen sie am Ende sogar zu Befindlichkeiten? Scheint fast so.

Mit der Baunummer 60 lief die "Ascapha" auf der Schiffswerft Ludwig Karcher in Freistett, Baden, vom Stapel. Ein patentes Stahlkajütboot, 19,20 m lang und 3,48 m breit. Sein Job war Taucherschiff fürs WSA. Einen Motor besaß die "Ascapha" seinerzeit noch nicht, man schleppte sie halt dorthin, wo sie gebraucht wurde. Nach einem langen Arbeitsleben auf dem Main gelangte die "Ascapha" in private Hände.

Der neue Eigentümer spendierte ihr einen in die Jahre gekommenen 75 PS Johnson Außenbordmotor, nur zum Herrichten der "Ascapha" kam er nicht. Das machten dann die Wassersportfreunde "Neptun", die das Schiff als Nächste übernahmen. Eine ganze Saison haben sie allein zum Entrümpeln gebraucht. Der Ölofen flog raus, auch diverses Gerät, das auf der "Ascapha" zurückgelassen worden war.

Ein liebevoll gestalteter Clubraum entstand und manches mehr. Der Johnson blieb dran, so kann die "Ascapha" auf ihre alten Tage noch ein bisschen Bewegung bekommen. Wie rüstig sie ansonsten ist, belegen obligatorische Wanddickenmessungen – unverändert 8 mm. Bald ein Vierteljahrhundert verbringt die "Ascapha" nun schon bei den Wassersportfreunden "Neptun". Für Oskar ist sie ein "Stück Leben", seine "zweite Heimat". Und leise fügt der 71-Jährige hinzu: "Do hängt mei Herz dran …"

Dass die "Ascapha" ausgerechnet bei unserem Besuch ihren runden Geburtstag enthüllt, ist ein Ding. Wundersames umgibt auch die "Johannisburg", die im Aschaffenburger Floßhafen gleich neben den Wassersportfreunden "Neptun" liegt. 

Das Schiff, etwa Mitte der 1920er-Jahre in Brohl am Rhein auf Kiel gelegt, dient dem Motorboot und Wasserskiclub Aschaffenburg als schwimmendes Vereinshaus. 1980 haben sie das ehemalige Fahrgastschiff ge-kauft, das zuvor auf dem Rhein zwischen Bingen, Assmannshausen und Rüdesheim pendelte. Aus dem nüchternen Transportmittel machte der Club Zug um Zug ein gemütliches Heim.

Im Vorfeld der Feierlichkeiten zum 50-jährigen Bestehen des MWCA vor zwei Jahren passierte dann das: Der 1. Vorstand und frühere Berufs-schiffer, Kapitän Rolf Berndt, sichtet das Material für eine Festschrift. Ein Foto von 1980 zeigt drei Clubkameraden auf der "Johannisburg", die damals noch "Sonja" hieß. Das Trio begleitet die Überführung des ausgedienten Fährbootes von Assmannshausen nach Aschaffenburg.

Einer der Männer winkt einem gerade vorbeifahrenden Tanker zu. Rolf Berndt stutzt und schaut sich die Aufnahme genauer an. Das Binnenschiff auf dem Bild kennt er nur zu gut. Und er weiß auch, wer in dem Moment, als das Foto geschossen wurde, am Ruder der "TMS Antje-Andreas" stand: Er selbst. Erst Jahre danach lernen sich Rolf Berndt und der MWCA kennen.

Der Club ist auf der Suche nach einem Skipper, der die Befähigung zum Steuern der 19,50 m langen und 3,89 m breiten "Johannisburg" hat. Rolf Berndt besitzt das Große Patent, findet Gefallen an der Aufgabe. Und am Verein. Seit 1986 ist er dabei, übernimmt später den Vorsitz des MWCA – ohne zu ahnen, dass sich ihre Wege schon viel früher, bei der ersten Fahrt der "Johannisburg" als Clubschiff, gekreuzt haben. Ein erstaunlicher Zufall.

"Wollt ihr ihn mal sehen?" Klar sind wir neugierig auf den alten Dieselmotor der "Johannisburg". Mit einem markigen "Hey!" und einem ebensolchen "Hop!" schieben zwei Mann den Tresen unter Deck beiseite. Darunter ist der Deutz. Baujahr um 1955, 90 PS, 800 U/min bei Volllast. "Das ist alles noch solide", sagt Berndt und streichelt den Koloss mit seinem Blick. "Soll ich ihn mal starten?" Unbedingt. Anstandslos springt die Maschine an und verfällt, im Takt der Ventile, in ein melodisches Stampfen. Musik pur.

Alle fünf Jahre wird die "Johannisburg" offiziell begutachtet und in einer Werft generalüberholt, schließlich ist sie nach wie vor für die Personenschifffahrt auf dem Main zugelassen. Von innen und außen ordentlich konserviert, ist das vormalige Fährboot unbeschadet über die Jahre gekommen. "Schiffskörper null Rost, Wandstärke wie neu – 4 mm und mehr", freut sich Rolf Berndt. Auch die "Rheinschnook" des 1. MBC Speyer schaut noch blendend aus. Und das trotz eines, mit Verlaub, kapriziösen Vorlebens.

Das 26,90 m lange und 4,78 m breite Stahlschiff mit dem keck aufragenden Vorsteven wurde 1911 in den Niederlanden gebaut. Die ursprünglich auf den Namen "Hansweert" getaufte "Rheinschnook" schlägt zunächst eine klerikale Laufbahn ein. Als "Schiffer-Missionskirche" wird sie, da ohne eigenen Antrieb, von Einsatzort zu Einsatzort getreidelt.

Nach dem 1. Weltkrieg ist Schluss mit fromm, die "Hansweert" wird erst schwimmendes Kino, dann ziehen Künstler bei ihr ein. Auf das bunte Volk folgt ein Schreiner, dann geht die "Hansweert" unter. Den Handwerksmann trifft keine Schuld, es war eine Flut, die das Schiff in den 1920ern erst kentern und dann sinken ließ. Die "Hansweert" wird gehoben und inspiriert alsbald den deutschen Flaschenbierverkäufer Adam Mellein.

Der Ex-Lotse erwirbt die traurigen Reste und macht daraus erneut ein Schiff, das er nach Sondernheim an den Rhein verlegt. Die "Hansweert" wird zur "Rheinschnook" und erhält ein Lokal samt angeschlossenem Krämerladen für Flussschiffer. Jetzt hätte es der Kahn kuschelig haben können, wären da nicht schon wieder düstere Zeiten aufgezogen.

Gegen Ende des 2. Weltkriegs soll die "Rheinschnook" von der deutschen Wehrmacht gesprengt werden, was Adam Mellein mit einer kühnen Entführung seines Schiffes und dessen Verbringung in irgendein Unterholz zu verhindern weiß. Nach Kriegsende erhält die "Rheinschnook" vorübergehend einen französischen Pass, kommt aber wieder zurück zu ihrem Adam Mellein.

Ein Jahr nach dessen Tod, 1966, erwirbt der 1. MBC Speyer das Schiff als Clubheim. Fortan schwimmt die "Rheinschnook" im malerischen Reffen-thal. Dabei bleibt es natürlich auch nicht. Beim Fronleichnam-Hochwasser 1978 gerät die "Rheinschnook" abermals in Bedrängnis und geht nur deshalb nicht verloren, weil man sie in letzter Minute näher an Land verlegt und dort notfallmäßig sichert. Als der Pegel sinkt, hockt die "Rheinschnook" unbeschadet, aber trockenen Kieles auf der Liegewiese des Vereins. Und nun?

Sie wird aufgebockt, bekommt eine neue Außenhaut und mehrere Betonblöcke als stützenden Unterbau. Versorgungsleitungen werden gelegt, Zugänge zu Gast- und Lagerräumen entstehen ebenso wie eine hübsche Terrasse vor dem gestrandeten Schiff. "So thront die Hundertzweijährige bis zum heutigen Tag auf ihrer Wiese", beschließt Clubsprecher Gert Steinheimer seine Rückschau. Doch das Flusswasser kann jederzeit zurückkommen und der "Rheinschnook" nasse Füße machen.

Für den Fall hält der 1. MBC Speyer das bis heute nicht motorisierte Schiff ohne Wenn und Aber schwimmtauglich. Führungsschienen stellen ein gesittetes Aufschwimmen und Zurücksinken der umtriebigen Lady in ihr Betonbett sicher. Man kennt sie ja und ihre Flausen.

Gegen Ende des 2. Weltkriegs, weit jenseits des Rheins. Die sowjetische Armee hat das Frische Haff erreicht und den Ring um das einstige Ostpreußen geschlossen. Ein Entkommen ist nur noch über die Ostsee möglich. Zahllose Flüchtlinge versuchen sich Anfang 1945 per Schiff, trotz Fliegerangriffen und Torpedobeschuss, nach Westen durchzuschlagen.

Auch ein zu dem Zeitpunkt fast 20 Jahre alter Schraubendampfer, gebaut bei der ostpreußischen Union Gießerei, legt ab. Um die 600 Menschen drängen sich auf dem etwa 40 m langen und 5 m breiten Schiff. Es wird sein Ziel erreichen und später an den Neckar gelangen, wo es bis zu seiner Außerdienststellung in der Weißen Flotte fährt.

Noch im selben Jahr, 1969, geht die "Heimat", so heißt der Dampfer, an den Motoryacht-Club Kurpfalz Mannheim. Bei der Schiffswerft Braun in Speyer wird das Oberdeck angehoben und der genietete Stahlrumpf wo nötig verstärkt. Im Schlepp erreicht die "Heimat" 1970 ihren Liegeplatz beim MCK. Dort erfolgt ein aufwendiger Innenausbau in Eigenleistung. Der Dampfer, der laut Schiffsbrief eine Maschinenleistung von 180 PS hatte, ist heute ohne Motor. Den Rumpf ließ der Club inzwischen auf mindestens 10 mm aufdoppeln.

Behaglich ist die "Heimat" geworden und funktionell. Der Erwerb eines solchen schiffigen Schätzchens ist das eine. Aber dann. "Mehrere Hunderttausend DM", so MCK-Vorstand Michael Martini, investierte sein Verein schon zu Vor-Euro-Zeiten in die "Heimat". Der jährliche Unterhalt kostet einen Batzen, alle zehn Jahre wird zudem eine Werftvisite fällig.

Die letzte schlug mit rund 35 000 Euro zu Buche, Abbau und Transport der "Heimat" nicht eingerechnet. Solche Summen wollen gestemmt sein. Der etwa 300 Mitglieder starke MCK ist weder gemeinnützig, noch wird er bezuschusst, wie Michael Martini betont. "Wir machen das alles aus eigener Leistung", sagt er, "und indem der Vorstand sehr, sehr wirtschaftlich arbeitet."

Für den Motoryacht-Club Kurpfalz Mannheim und andere Vereine ist ein schwimmendes Clubheim ohnehin alternativlos. Eine Bleibe an Land bauen – oft verwehrt. Container auf Pontons setzen – zweckmäßig, aber nicht annähernd so charmant wie ein Oldie. Ein angejahrtes Schiff, oft erworben von längst pensionierten Vorständen, mit Herzblut und Barem zu hüten und zu pflegen, bedeutet auch, die eigene Tradition fortzuführen. Und, nicht zuletzt, ein Kulturgut für alle zu erhalten. Tolle Sache.

Ingrid Bardenheuer am 25.01.2014