Nachtfahrt mit dem Boot Nachtfahrt mit dem Boot

Mit dem Boot durch die Dunkelheit

Voll ins Schwarze: Nachtfahrt in Südengland - Teil 2

Christian Tiedt am 02.03.2016

Durchgeführt wird die Fahrt vom Cruising Club der Schweiz, bei dem wir einmal mehr als Gäste mit an Bord sind. Zwar ist die vereinseigene Motoryacht "Rolling Swiss 2", eine seefeste Trader 42 mit rund dreizehn Metern Länge, mit jeder erdenklichen Elektronik voll ausgestattet (inklusive Plotter mit AIS- und Radaroverlay), auf dieser Reise wird aber old school navigiert werden, mit Kompass, Karte und Kursdreieck. Die moderne Technik soll höchstens als Rückversicherung im absoluten Zweifelsfall dienen.

Grau über dem River Hamble

Nur sechs Stunden vor unserer Begegnung mit der Fahrwassertonne "East Lepe" zwischen Wind und Strom, sitzen wir gemütlich um den Tisch im Salon der "RS2" herum. Der dampfende Darjeeling  in den Bechern tut sein Bestes, um das schwere Grau draußen über dem River Hamble, den niedrigen Ufern und der Port Hamble Marina aufzuwärmen.

Murky nennt man dieses Wetter hier, noch eine Spur trostloser als trübe. In der chandlery steht der Verkaufsständer mit den dicken Handschuhen nicht von ungefähr direkt am Eingang.

Die Stimmung ist trotzdem erwartungsvoll gespannt. Denn mitten in unserer Runde sitzt Andy. Er kommt aus der Nähe, arbeitet als Trainer für Skipper und als Prüfer für die Royal Yachting Association. Keine Frage, dass er den Solent kennt wie seine eigene Badewanne.

Ein ganz spezielles Revier

Im Sommer zählen die geschützten Gewässer zwischen der Grafschaft Hampshire und der Isle of Wight zu den traditionsreichsten Wassersportrevieren weltweit. Die Cowes Week lockt im August jährlich hunderte von Segelyachten aller Klassen an, die sich dann in Regatten miteinander messen. Weiter im Inneren liegen die große Hafenstadt Southampton und die wichtige Marinebasis Portsmouth.

Dazu kommen gewundene Flussläufe, ausgediente Forts, viele, sehr viele, flache Stellen und noch die eine oder andere "regionale Spezialität".

So haben selbst die Gezeiten ihren eigenen Willen hier: Dem Ärmelkanal verdankt der Solent ein "doppeltes Hochwasser", das neun Stunden aufläuft. Da der Ebbstrom dagegen nur drei Stunden Zeit hat, fällt er umso stärker aus.   

Wichtige Tipps vom Fachmann

Zwei Stunden lang gibt uns Andy jede Menge Tipps für die Route der nächsten Tage und zählt auf, worauf wir achten müssen: "Vorsicht mit unbefeuerten Tonnen, wenn die übrigen im Fahrwasser befeuert sind. Man schneidet dann schnell eine kritische Ecke und sitzt auf dem Schlick". Auch mit der Leuchtstärke sei das so eine Sache, erklärt er: "Manche Tonnen brennen heller als andere und wirken näher, obwohl sie weiter weg sind."

Für den späten Abend empfielt er uns den Hafen von Southampton: "Da wird heute ein neues Kreuzfahrtschiff getauft, die "Britannia".

„330 Meter lang, ein echter Gigant. Sogar die Queen kommt, und es gibt ein Feuerwerk." Wir können in der ersten Reihe dabei sein: "Sucht euch einen schönen Platz bei der Tonne ,Gymp Elbow‘, da habt ihr freie Sicht auf das Spektakel". Mit dem trockenen Nachsatz: "Wenn die Wolken aufreißen". Ein bisschen britischer Humor im Grau von Port Hamble.

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Christian Tiedt am 02.03.2016