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Mit dem Boot durch die Dunkelheit

Voll ins Schwarze: Nachtfahrt in Südengland - Teil 3

Christian Tiedt am 02.03.2016

Seeklar! Um 18:20 Uhr slippen wir die Leinen und richten den Bug flussabwärts. Der Angler auf dem Kopfsteg reibt sich seinen Bart angesichts der Schweizer Yacht, die mit brennenden Positionslichtern und dem ablaufenden Wasser in die einsetzende Dunkelheit hineinsteuert.

Auslaufen in die Nacht hinein

Im schwachen roten Schein seiner Stirnlampe sitzt Urs über den Kartentisch gebeugt, und ordnet dem bunten Blinken  zu beiden Seiten der schmalen Rinne die jeweiligen Tonnen auf dem Papier zu, im Rücken den roten Sektor des Leitfeuers von Warsash auf dem Ostufer des River Hamble. Der Südquadrant "Hamble Point" schließlich markiert die Flussmündung, wir haben den Solent erreicht.

Es wird windiger, kälter und noch dunkler. Weit voraus hängt der Abglanz des beleuchteten Cowes an den Wolken.

Sobald sich die Augen an die Schwärze ringsum gewöhnt haben, tauchen auch dicht über der See immer mehr Lichtpunkte auf, mal schwach und zitternd, mal klar und durchdringend. Rot und grün für das Hauptfahrwasser von Calshot Reach, dem wir jetzt folgen, weiß für die Kardinalzeichen der Untiefen.

Ein funkelndes Dreieck aus Lichtern

Natürlich waren wir alle schon nachts auf dem Wasser unterwegs, aber ein unbekanntes Revier mit seinen Besonderheiten  lässt die Sinne auf Hochtouren arbeiten. Besonders deshalb, weil es so wenig zu erfassen gibt und sich Geschwindigkeiten, Distanzen und die ganze räumliche Wahrnehmung aufzulösen scheinen. Voraus jetzt ein Fahrzeug auf Gegenkurs, stehende Peilung. Zunächst sehen wir nur Rot und Weiß, doch dann kommt Grün dazu und bildet mit den anderen Farben ein gefährlich funkelndes Dreieck. Kollisionskurs!

Wir weichen sicherheitshalber weiter nach Steuerbord aus. Eine gute Idee, denn der Andere scheint wirklich den kürzesten Weg zu nehmen

Es ist eine Hochgeschwindigkeitsfähre auf dem Weg von Cowes nach Southampton, die bald darauf mit drönenden Jets, hell leuchtender Fensterreihe und steiler Heckwelle an uns vorbeischießt. Bei diesem lautstarken Auftritt ist das zusätzliche gelbe Funkellicht im Mast des Katamarans eigentlich fast überflüssig...

Die lieben Gewohnheiten

Das nächste "Fahrzeug", dem wir begegnen, verdient dagegen kaum diesen Namen: Vor Calshot Spit ist ein Feuerschiff in der Seekarte eingezeichnet. Im Kegel des Handscheinwerfers finden wir dann aber doch nur noch eine etwas größere rote Tonne vor; obwohl es sich also um ein einfaches Lateralzeichen handelt, hat man das weiße Licht des ehemaligen light vessel beibehalten – die Briten pflegen eben ein enges Verhältnis zu lieben Gewohnheiten.

Apropos britisch: An Steuerbord lauert jetzt die Bramble Bank im Dunkel, ein sehr flacher Keil aus Sand, der sogar hin und wieder trockenfällt.

Damit stellt die Untiefe nicht nur das hartnäckigste Schifffahrtshindernis im mittleren Solent dar, sondern gleichzeitig einen der seltsamsten Sportplätze der Welt: Einmal im Jahr treffen sich den Mannschaften der Segelclubs von Cowes und Hamble hier zum Cricket – selbst dann, wenn es mit dem Trockenfallen nicht ganz so klappt und die Spieler bis zu den Knien in den Wellen stehen...

Feuerwerk zum Abschluss

Unsere Kurslinie zieht sich als feiner Bleistiftstrich weiter bis nach "East Lepe", meiner "verlorenen" Tonne. Dann wenden wir und folgen unserem eigenen Kielwasser zurück nach Norden und weiter in das Southampton Water. Schließlich haben wir noch eine Audienz bei der Königin!

Deren Krone können wir auf der Tribüne am Ocean Dock dann zwar nicht ausmachen, die "Britannia" selbst ist unter einem Dom aus roten und blauen Laserstrahlen aber nicht zu übersehen.

Und als unsere "Rolling" ihren exklusiven Zuschauerplatz bei der Tonne "Gymp Elbow" einnimmt, keine halbe Seemeile von dem Kreuzfahrtriesen entfernt, geschieht doch noch das Wunder: die Wolken reißen auf. Und so endet diese Nacht, die so finster begann, mit einem Feuerwerk aus Farben am Himmel über Southampton.

Fotostrecke: Mit dem Boot nachts durch die Dunkelheit

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Christian Tiedt am 02.03.2016