Bootsbauer Bootsbauer

Reportage: Bootsbauer

Traumjob Bootsbauer

Rainer Herzberg am 25.01.2018

Handwerksberufe liegen im Trend. Der des Bootsbauers bietet eine spannende Kombination vieler Disziplinen

Handwerksberufe werden für Jugendliche immer interessanter. Inzwischen steigt die Zahl der Abiturienten ganz erheblich, die zunächst eine handwerkliche Berufsausbildung absolvieren, um möglicherweise später darauf aufbauen zu können oder sogar mit einem Studium abzuschließen.

Dabei bleiben sie in der Fachrichtung meistens auf ein Gebiet beschränkt – Holzbearbeitung, Metallbau, Mechanik und Elektrik sind die beliebtesten Themen. Nun gibt es aber auch Berufe, die ein ganz breites Spektrum abdecken und in denen enorme Vielseitigkeit gefragt ist.

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Dazu gehört ganz besonders der Bootsbau, ein anerkannter Ausbildungsberuf nach dem Berufsbildungsgesetz (BBiG) und der Handwerksordnung (HwO). Bei der Bootsbaulehre kann man zwischen zwei Fachrichtungen wählen: Neu-,Aus- und Umbau oder Yachttechnik.

Hier muss der Umgang mit vielfältigen Werkstoffen erlernt und verstanden werden. Holz, Metall, Faserverbundstoffe, GFK, Harze, Farben und Klebstoffe sind Materialien, mit denen der Bootsbauer konfrontiert wird. Dazu kommen Maschinen und eine komplexe Bootstechnik.

Nicht überall im Land ist dieser sehr regionalspezifische Beruf bekannt. Die Bootsbaubetriebe liegen in der Regel am Wasser; in anderen Landesteilen wissen daher viele nicht, dass es diese so vielseitige und interessante Sparte überhaupt gibt und dass vor allem die Übernahme- und Aufstiegschancen am Ende der Lehrzeit mehr als gut sind.

Oft sind die Bewerber für diesen Beruf schon in der Jugend mit Wassersport in Berührung gekommen und haben Erfahrung als Segler oder Motorbootfahrer, sei es durch das Boot der Eltern oder die Mitgliedschaft in einem Club. Interessant für viele ist sicher auch, dass es nach Abschluss der Ausbildung durchaus die Möglichkeit gibt, mal für ein paar Jahre im Ausland zu arbeiten und damit seinen Horizont in alle Richtungen zu erweitern.

Grundsätzlich aber versuchen die Boots- und Yachtbaubetriebe, ihre Auszubildenden zu halten und im eigenen Betrieb zu integrieren. Die Branche hat gut zu tun, auf der Straße wird kaum einer – oder eine – landen. Schließlich sind inzwischen gut zehn Prozent der Azubis weiblichen Geschlechts und schlagen sich in diesem Job mit Bravour.

Was muss man mitbringen?

Grundsätzlich wünschen sich oder verlangen die Ausbildungs­betriebe folgende Voraussetzungen:                  
• Haupt- oder Realschulabschluss
• gute Noten in den Fächern Deutsch, Rechnen,
Raumlehre und Zeichnen                                
• Gesundheit und kräftige Konstitution,
keine Allergien gegen Lacke, Harze und Holzstaub
• gutes räumliches Vorstellungsvermögen
• überdurchschnittliches Formempfinden und
handwerkliches Können 
Ganz allgemein wird auch erwartet, dass der Bewerber die Maschinen und Geräte, die für die unterschiedlichen Werkstoffe geeignet sind, richtig einsetzt und sie sicher bedienen und an­wenden kann.

Wo kann die Ausbildung absolviert werden?

Der Deutschen Boots- und Schiffbauer Verband (DBSV) führt eine Liste aller Betriebe, die in der jeweiligen Region, nach Postleitzahlen geordnet, Bootsbauer und Bootsbauerinnen ausbilden. Interessenten finden sie im Internet unter www.dbsv.de/de/ausbildung-zum-bootsbauer.

Nach der Auswahl eines oder mehrerer Unternehmen reicht man dort seine Bewerbung ein. Die Lehre findet im dualen System der Berufsausbildung statt, läuft über dreieinhalb Jahre und endet mit dem Abschluss der Gesellen­prüfung. Die entsprechenden Berufsschulen befinden sich in Lübeck-Travemünde, Bremen, Duisburg und Brake. Auszubildende aus Bundesländern, in denen es keine passende Berufsschule gibt, besuchen die Berufsschule der Handwerkskammer Lübeck, in der auch die Fotos für diesen Beitrag entstanden.

Wie gelingt der Einstieg?

Bevor ein Interessent einen Lehrvertrag erhält, wird er üblicherweise ein halbjähriges Praktikum absolvieren. Das gibt sowohl dem Bewerber als auch dem Ausbildungsbetrieb die Möglichkeit, die Eignung zu prüfen und sich erst dann endgültig zu entscheiden. Fällt das Ergebnis positiv aus, wird das Ganze mit einem Ausbildungsvertrag besiegelt.

Wie läuft die Ausbildung ab?

Nun beginnt das duale System zu greifen. Der Auszubildende wird zunächst im Betrieb über einen Zeitraum von drei Monaten mit einfachen Arbeiten betraut, um erste Eindrücke von seinem späteren Beruf zu bekommen. Dann wechselt er für vier Wochen auf die Berufsschule, um anschließend wieder in seinen Lehrbetrieb zurückzukehren. Dieser Zyklus zieht sich über den gesamten Ausbildungszeitraum hin, wobei in der Summe zehn Unterrichtsblöcke à vier Wochen zu absolvieren sind, um das theoretische und praktische Wissen im Hörsaal und in den Werkstätten zu vertiefen.

Die Berufsschüler wohnen dann wie beispielsweise in Lübeck-Travemünde im schuleigenen Internat, das etwa 450 Plätze  bietet und über vielfältige Freizeiteinrichtungen verfügt. Nicht alle aber nutzen dieses komfortable Angebot. Einige Schüler legen zusammen und mieten sich in einem Ferienhaus ein, und manch einer kommt sogar mit dem eigenen Boot, um darauf zu übernachten. Den Liegeplatz gibt’s unmittelbar hinter der Schule.

Welche Fachrichtungen gibt es?

Nach zwei Ausbildungsjahren steht Teil eins der Gesellenprüfung auf dem Plan. Hier trennt sich der gemeinsame Weg, denn jetzt gilt es, sich für eine der beiden Optionen zu entscheiden: die Fachrichtung Neu-, Aus- und Umbau oder die Fachrichtung Technik. Beide enden getrennt mit dem jeweiligen zweiten Teil der Gesellenprüfung.
Der Lehrstoff ist enorm umfangreich und verlangt den Auszubildenden in hohem Maße Engagement, Konzentration und Lernbereitschaft ab.

Im gemeinsamen Ausbildungsprogramm bis zur ersten Teilprüfung stehen wichtige Grundlagen auf dem Programm: die manuelle und maschinelle Herstellung von Bauteilen, die Verarbeitung von Faserverbundwerkstoffen, die Auswahl von Rumpfkonstruktionen, die Bearbeitung von Deckskonstruktionen, der Einbau technischer Anlagen sowie Konstruktionslehre.

Im zweiten Ausbildungsblock weichen die Inhalte je nach gewählter Fachrichtung voneinander ab. Im Zweig Neu-, Aus- und Umbau liegt der Schwerpunkt unter anderem auf der Herstellung von Rümpfen und Oberflächen, Decks und Masten sowie auf deren Instandhaltung.

In der Fachrichtung Technik beschäftigen sich die Auszubildenden dagegen mit Antriebs-/Vortriebstechnik, Ruderanlagen, elektrischen und elektronischen Bordsystemen, dem Einbau von Versorgungs- und Komfortsystemen sowie der Ausrüstung und Instandhaltung von Riggsystemen.

Nahezu 90 Prozent der angehenden Bootsbauer und Bootsbauerinnen schließen die Ausbildung mit der bestandenen Gesellenprüfung ab. Sind die Leistungen mal nicht so befriedigend, können sie in einer Nachprüfung verbessert werden. Aussteiger sind selten. Es kommt aber vor, dass sich ein Auszubildender während seiner Lehrzeit für eine jeweils andere Fachrichtung entscheidet. Bis zum Teil eins der Gesellenprüfung ist das möglich.

Zum Bestand der Schule in Lübeck-Travemünde gehören sogar eine Bavaria-36-Segelyacht und ein Motorboot, auf denen die Aspiranten nicht nur den Bootsführerschein erwerben können, sondern auch während längerer
Segeltörns richtige Seemannschaft in der Praxis erlernen. Die offene Ostsee liegt dort schließlich unmittelbar vor der Tür.

Wie kann man sich weiterbilden?

Das maritime Kompetenzzentrum in Lübeck-Travemünde bietet regelmäßig Fortbildungslehrgänge an. Heutzutage kann schon bald nach der Gesellenprüfung mit der Weiterbildung zum Bootsbaumeister begonnen werden. Früher war dafür eine mehrjährige Berufserfahrung vorgeschrieben, mittlerweile wird das nicht mehr verlangt.

Der andere Weg führt über ein anschließendes Bachelor- und Master-Stu­dium, das in Deutschland unter anderem an Hochschulen in Hamburg, Berlin und Kiel absolviert werden kann. Auf diesem Weg haben fertig ausgebildete Bootsbauer die Gelegenheit, sich tiefer gehende mathematische, natur- und ingenieurwissenschaftliche Grundlagen anzueignen, ergänzt um Fächer, die speziell im Schiffbau gefragt sind.

Was macht die Tätigkeit so attraktiv?

Der Beruf des Bootsbauers ist einer der handwerklich facettenreichsten und anspruchsvollsten überhaupt – und im Übrigen einer der ältesten der Welt. Kaum in einer anderen Branche wird so viel Kreativität und technische Vielseitigkeit gefordert. Oft gibt es wahre Künstler unter den Absolventen, und nicht wenige haben es in diesem Gewerbe durch ihr Können zu Berühmtheit gebracht.

Und der Verdienst? Nach abgeschlossener Aus­bildung liegt das Einstiegsgehalt bei etwa 2000 Euro pro Monat, wobei die Höhe natürlich auch von der Größe des Betriebes und den individuellen Fähigkeiten und Qualifikationen des Bewerbers abhängt. Aber entscheidend bei den Bootsbauern ist wohl eher die Zufriedenheit im Job und das Gefühl, mit Geist und Hand etwas geschaffen zu haben, das anderen Menschen viele Jahre lang Freude bereitet – ein Boot, eine Yacht oder vielleicht ein ganz besonderes Aus­rüstungsdetail.

Dieser Artikel erschien in der BOOTE-Ausgabe 3/2017

Rainer Herzberg am 25.01.2018
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