Schlepper Schlepper

Reportage: Hamburger Hafenschlepper

De Schlepper un sien Crew

Jan Jepsen am 22.08.2019

Wir begleiten die Crew des Hamburger Hafenschleppers ZP „Boxer“. Ein Tag zwischen Ozeanriesen, Containerbergen und Escort-Service.

Sie hören auf "Bear", "Boxer", "Bison" und "Bulldog". Was nach den Rausschmeißern und Türstehern des Hamburger Hafens klingt, dem Tor zur Welt, verhält sich in Wahrheit genau umgekehrt: Die Schiffe sind echte Abschleppprofis, jeder für sich fähig, 80 Tonnen durchs Wasser zu ziehen.

Und so sehen sie auch aus – kraftstrotzend, echte Muskelprotze. Ein wenig aufgepumpt. Als kämen sie gerade aus der Muckibude.

Die Rede ist von Schleppern, den Originalen. Ohne diese Helfer im Hafen wären die Containerriesen – als größte fahrende Konstruktionen des Menschen – ziemlich aufgeschmissen. Einmal in die Elbe eingelaufen, wären sie so plump und hilflos wie ein Pottwal in der Reuse, unfähig, auf so engem Raum allein zu manövrieren. Geschweige denn an- und abzulegen. Höchste Zeit für eine kleine Hommage an die treibende – oder besser: ziehende – Kraft der Weltwirtschaft.

Hamburger Schlepper

Ohne Schlepper läge nicht nur Hamburgs Hafen im Dornröschenschlaf. Der gesamte Handel käme zum Erliegen.

Ich bin zu Gast an Bord des ZP "Boxer", 24 Meter lang, halb so breit. 2012 vom Stapel gelaufen. Ein hochmodernes Spezialschiff der Firma Kotug Smit Towage. Markenzeichen der Reederei: ein leuchtend roter Rumpf. An der Schlepperbrücke in Neumühlen nimmt mich Käpt’n Rocco Voss in Empfang.

Ein schlaksiger Zwei-Meter-Mann norddeutscher Machart. Früher mal Fischer, ist er mittlerweile seit zwei Jahrzehnten Schlepperkapitän. Immer Schichtbetrieb, erzählt er. Zwei Wochen frei, zwei Wochen auf Standby.

"Ein guter Arbeitsrhythmus, vor allem für die Leber", meint er grinsend.

"Schau dich um, keine Hemmungen, was willst du wissen?" Mal sehen: "Rocco", frage ich, "ist das vielleicht ein Künstler- oder ein besonderer Kapitänsname?" So könnte schließlich auch sein Schlepper heißen. "Nein, nein", lacht er. "Rocco und seine Brüder" sei damals der Lieblingsfilm seiner Eltern gewesen. Mit Alain Delon. Deswegen. Dann zeigt mir der Käpt’n erst mal die "wichtigste Maschine" an Bord: die Kaffeemaschine in der Pantry. "Die steht niemals still", gesteht Rocco. "Für die Crew liefert sie das, was der Schlepper für den Hafen bringt: die entscheidende Schubkraft."

Hamburger Schlepper

Für die anderen Motoren an Bord ist der Maschinist zuständig: zwei Caterpillar-Diesel, die es zusammen auf stolze 5600 PS und damit eine Zugkraft von 80 Tonnen bringen. Für maximale Manövrierbarkeit, sorgen zwei Ruderpropeller von Rolls Royce, die rundum schwenkbar sind. Mittels Joystick und Fingerspitzengefühl lassen sie sich von einem Sitz auf der Brücke dirigieren.

Dritter Mann an Bord ist eine Leihkraft von den Kapverdischen Inseln. Die gute  – und aus Sicht der Reederei "günstige" – Seele. Bootsmann und Smutje in Personalunion. Er sorgt dafür, dass die Mägen voll sind, der Kaffee frisch, das Deck sauber und die Rundumverglasung der Brücke nicht von der Gischt fleckig oder vereist ist.

Der erste Kunde ist im Anmarsch: "Um 16.30 Uhr sollen wir die einlaufende ,Tokyo Triumph‘ der Reederei Evergreen an den Haken nehmen", meint Käpt’n Rocco. An der Hamburger Landesgrenze beim Heizkraftwerk Wedel im Empfang nehmen und erst mal nur begleiten – zur Sicherheit. "Escort-Service" nennt sich das im Abschlepper-Jargon. Ab einer gewissen Tonnage sei das Vorschrift auf der Elbe. Und so ein "Ultragroßes Containerschiff" – die Bezeichnung lautet wirklich so – wie die 365 Meter lange "Tokyo Triumph" fällt locker darunter.

"Bei Maschinenausfall reißt bei so einem Riesen sofort die Ruderwirkung ab", erklärt Rocco. Schiffsrumpf samt Containergebirge böten dem Wind dann eine dankbare Angriffsfläche, die die Segelfläche eines Windjammers locker um das Doppelte übersteige.

"Und wenn 150 000 Tonnen auf der Elbe plötzlich sich selbst überlassen sind, ist das nicht gut", meint Rocco. "Damit das nicht passiert, sind wir da."

Schlepper

Heute hat der Containerkapitän drei Schlepper gebucht, zwei achtern, einen am Bug.
Die erste Stunde des Einsatzes gleicht noch einer gemütlichen Kaffeefahrt. Mit Autopilot tuckert ZP "Boxer" spritsparend elbabwärts: Övelgönne, Teufelsbrück, Blankenese und Falkenstein ziehen an Steuerbord vorbei, Waltershof, Finkenwerder und das Airbus-Gelände an Backbord. Kurz vor Willkomm Höft legen wir uns bei Schulau auf Standby. Dann kommt die "Tokyo Triumph" in Sicht. Langsam schiebt sie sich im Gegenlicht elbaufwärts.

Die Schlepper gehen auf Position und geben das Geleit.  "Boxer" eskortiert achtern, quasi Stoßstange an Stoßstange. Von "Vorsicht, Abstand halten!" keine Spur. "Falls der Dampfer plötzlich aus dem Ruder läuft, müssen wir schnell eingreifen können", meint Rocco und zirkelt sein plötzlich ziemlich winzig wirkendes Schiff unter dem turmhohen Heck routiniert auf Position.

Erst auf Höhe von Teufelsbrück, sozusagen auf den letzten Metern in Richtung Kaianlage, werden die Leinenverbindungen hergestellt. Jetzt geht auch der Hafenlotse drüben an Bord. Schon das Annehmen der Sorgleine von oben hat seine Tücken: Mit dem dünneren Seil muss die fette Schlepptrosse des Schleppers an Bord des Containerschiffs geholt werden. Damit sie auch bei Wind unten ankommt, wird sie von der Mannschaft oben beschwert.

"Katastrophe, was einem da neuerdings alles entgegenkommt", klagt der Maschinist. Von wegen alles Gute kommt von oben: "Uns sind schon massive Schäkel und Holzpflöcke aus 30 Meter Höhe an Deck gekracht."

Da stellt niemand mehr die Helmpflicht an Bord des Schleppers infrage. In einem anderen Fall nützt aber selbst der Helm wenig: Materialermüdung, ein echtes Horrorszenario. Denn selbst eine armdicke Trosse kann unter Spannung brechen.

Schlepper

Die Kräfte, die dann wirken, wenn die Enden durch die Luft peitschen, sind jenseits von Gut und Böse: "Dagegen ist so ein kiloschwerer Schäkel von oben wie ein Schmetterling", sagt der Käpt’n. "Da fliegt der Helm dir dann samt Kopf weg."

Kurz drauf ist es so weit: Der Showdown der Schlepper steht bevor. Die "Tokyo Triumph" muss auf Höhe des Cafés Strandperle im Strom gedreht und rückwärts an ihren Liegeplatz bugsiert werden. Vom Hafenlotsen kommt der Befehl zum etwas groben Wasserballett.

Per Funk wird er für die drei Schlepperkapitäne zum Chefdirigenten – allerdings ohne jede künstlerische Exzentrik: Auch hier herrscht Routine pur, als auf Kanal 74 die Kommandos für den konzertierten Einsatz durchgegeben werden, wann welcher Schlepper vorn oder achtern wie viel Schub geben oder abbremsen soll.

Die Schleppleine an Bord des "Boxer" kommt straff, sehr straff, und knarrt bedrohlich, als käme Goliath auf die Streckbank. Ein Zittern und Schnauben geht durchs Schiff, die Schornsteine qualmen. Käpt’n Rocco zieht passend dazu an seiner E-Zigarette und qualmt mit seinem Schlepper um die Wette. "Junge, Junge, was müssen wir wieder schuften", sagt er trocken.

Schlepper

Ironischer geht es kaum: kleine Fingerbewegungen für einen Menschen, riesige Kraftübertragung auf dem Wasser. Selten wird im wahrsten Sinne nur mit Fingerspitzengefühl so viel Tonnage bewegt.  

Dass Glaube Berge versetzen kann, ist bekannt, zumindest unter Gläubigen. Mindestens genauso ehrfürchtig wird man, als sich die endlose grüne Wand über uns ganz langsam zu drehen beginnt. Selten lässt sich die Trägheit einer großen Masse so anschaulich erleben. Der Schlepper legt sich ins Zeug, und plötzlich kocht ringsum das Wasser.

Schon lauert ein Schwarm Möwen über uns. "Die freuen sich", sagt Rocco. "Manchmal gibt’s beim Manövrieren die berühmte ,Boxer‘-Bouillabaisse." Aale und Fische, die in die Flügel der beiden Azimuth-Antriebe unter dem Rumpf geraten und den räuberischen Vögeln als Häppchen serviert werden.

Stück für Stück wird die "Tokyo Triumph" rückwärts in den Waltershofer Hafen bugsiert. Vorbei an den anderen Pötten.

"Je enger, desto besser", meint Käpt’n Rocco eindeutig zweideutig. Er mag die Herausforderung, wenn es kniffelig wird.

Und liebt seinen Job. Knapp 400 Meter Schiff, mehr als 10 000 Container und 150 000 Tonnen Gewicht zwischen den anderen Giganten an die Pier zu drücken – das ist Über-Maßarbeit.

Schlepper

Zwei Meter fehlen noch. "Boxer" schiebt jetzt direkt von der Seite. Vollkontakt – und alle Kraft voraus für die letzten seitlichen Zentimeter in eine der größten Parklücken der Welt. Alles in allem dauert das Manöver fast drei Stunden. Geschafft!

Die Sonne geht, die Ausflugsdampfer kommen. Und der Maschinist ist ein bisschen genervt. Wer lässt sich schon gern beim Arbeiten begaffen, wenn dabei drüben mit Bier gefeiert wird? Käpt’n Rocco nimmt es gelassener: Leben und leben lassen, meint er. Die Hafenrundfahrt muss ihren Gästen auch was bieten.

"Hafen hautnah. Erste Reihe." Und am Burchardkai findet nun einmal das ganz große Kino statt: "Giganten der blauen Stunde" oder so ähnlich. Was nach David gegen Goliath aussieht, müsste eigentlich "David und Goliath" heißen – gemeinsam für die Weltwirtschaft. Ja, es darf ruhig geklatscht werden!

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der August-Ausgabe 2019 von BOOTE. 

Hier erhältlich

Jan Jepsen am 22.08.2019