Jenste Jenste

Reportage: Jenste

Auferstanden aus Ruinen

Rainer Herzberg am 26.06.2019

Aus einem völlig verrotteten Bootskörper ein originelles Motorschiff komplett neu aufzubauen, dafür haben Christiane und Benjamin Rosel vier Jahre hart gearbeitet

Ja, ja, die im Titel zitierte DDR-Nationalhymne würde hier schon ganz gut passen, und der weitere Textverlauf "und der Zukunft zugewandt" lässt sich auf das Projekt von Christiane und Benjamin Rosel aus Lüdenscheid ebenfalls ohne Weiteres anwenden.

Da haben die zwei vor sechs Jahren ein optisch recht ansprechendes Motorboot erworben. Die "Jenste". Klassisch in den Linien, ganz proper auf den ersten Blick und von innen in dieser Art schiffiger Gemütlichkeit, wie sich die beiden das so vorgestellt hatten.

In der Länge handige 8 Meter, die Breite mit 2,80 Metern ebenfalls reichlich bemessen, und mit einem Tiefgang von rund 1,10 Meter bestens geeignet für herrliche Binnenreviere und nahe Küstenbereiche. Der schwere Mercedes OM 616 mit 65 PS (bekannt vom Unimog) versprach ordentlich Schub, und das Gesamtgewicht von rund 3,5 Tonnen eine stabile Wasserlage. –

Nun gibt es ja immer zwei Sorten von Bootskäufern. Die einen, die ein altes Schrottboot billig erwerben, um es dann selbst zu renovieren – und die anderen, die für gutes Geld ein Schrottboot kaufen und es gar nicht merken, alldieweil deren Erfahrung im Bootskauf gegen null geht.

Das Letztere trifft genau hier auf unsere beiden Neueinsteiger zu. Ursprünglich war die "Jenste" die Negativschale eines Rettungsbootes vom Typ K2, in den 60er-Jahren gebaut bei Blohm & Voss. 1974 kam sie in private Hände und wurde vom neuen Eigner als kleines Motorschiff selbst ausgebaut. Natürlich bemerkten die beiden bei Übernahme 2012 in Lübeck schon, dass die Zeit etwas am Boot genagt hatte. Die Hölzer waren schon ein wenig angeknabbert, und die Technik bedurfte hier und da einer helfenden Hand, aber sie versah laut Vorbesitzer ihren Dienst für ihr Alter noch ganz ordentlich.

Bei der kurzen Probefahrt schwamm das Schiff ohne Wassereinbruch, fuhr zuverlässig mit hörbarem Getöse und wurde so der Stolz der neuen Eigner. Bis, ja, bis die Überführung von Lübeck nach Holland auf der Agenda stand.

Zusammen mit einem Freund ging Benjamin mit seiner Neuerwerbung auf die lange Reise und strandete bereits in Lauenburg. Auf halber Strecke fing das Getriebe an zu rumpeln und wurde schnell lauter als die Maschine. Der Stopp am nächstmöglichen Anleger offenbarte die erste Katastrophe dieser Reise.

Die Maschine war auf dem Motorfundament mit nur noch einem Bolzen verbunden, das Getriebe war nicht fixiert, sondern lag lose auf einem Holzblock. Dadurch kam der Antriebsstrang ins Schwingen, und es bestand die Gefahr, dass sich das ganze Ensemble demnächst selbstständig machte.

Mit einfachen Bordmitteln und ein paar fetten Schrauben brachte man etwas Stabilität ins System und setzte die Fahrt mit stark vibrierender Welle fort. Extremer Dieselgeruch zwang zu einem weiteren Halt. Der linke von zwei Blechtanks war durch Korrosion, und wohl auch durch die Schwingungen, gerissen und entleerte seinen Inhalt in die Bilge. Unsere beiden leidgeprüften Skipper schalteten um auf Tank Nummer 2, pumpten den Treibstoff in Plastikkanister und setzten die Reise fort. Man dieselte mit reduzierter Fahrstufe, aber im Großen und Ganzen optimistisch, weiter Richtung Elbe.

Ziel: die Hitzler Werft in Lauenburg. Hier hoffte man auf Hilfe. Die kam umgehend unter Einsatz eines Krans zum Tragen, denn bei der Besichtigung durch den Werftchef offenbarte sich die Katastrophe Nummer zwei. Durch die Schwingungen der Welle war das Wellenlager komplett ausgerissen und die "Jenste" bis unter die Bodenbretter mit dem Wasser des Elbe-Lübeck-Kanals geflutet. Aufgebockt auf dem Werftgelände in Lauenburg, begann Bennie zunächst mit den groben Aufräumarbeiten, doch je tiefer er in die Technik einstieg, desto klarer wurde, buchstäblich alle technischen Komponenten mussten überholt oder ausgetauscht werden.


So endete hier in Lauenburg die Überführungsreise der "Jenste" – für die nächsten vier Jahre. Geplant war das nicht, denn man dachte, nachdem die Ordnung wiederhergestellt sei, natürlich an eine baldige Weiterreise. Aber es kam ganz anders, und es folgte bald Katastrophe Nummer drei: An dem Tag steht Christiane an der Pantry und rührt einen ihrer berühmten Eintöpfe an. Draußen schüttet es seit Stunden in Strömen, als plötzlich ohne Vorwarnung ein eiskalter Wasserstrom durch die Decke bricht, Teile der Decke in den Kochtopf fallen und sich der Geruch der Erbsensuppe mit dem von fauligem und nassem Holz vermischt.

Der Schrecken der beiden ist groß, steigert sich aber schnell in Entsetzen, als sich weitere Teile der Deckenbeplankung und sogar der Seitenwände fast mit dem Suppenlöffel abtragen lassen.

Ohne große Kraftanstrengung verwandelte Benjamin sein einst schönes Salonschiff in ein Cabrio, indem er die gesamte brüchige Deckenkonstruktion abhob, und feststellen musste, die "Jenste" war durchgängig verrottet. Der komplette hölzerne Auf- und Ausbau flog raus.

Am Ende blieb einzig die Rumpfschale übrig. Man stand unter freiem Himmel.

Der Gipfel des Zumutbaren war erreicht, als Benjamin zu allem Übel auch noch durch das hölzerne Gangbord einbrach und mit großem Getöse einen schmerzvollen Absturz in den Maschinenraum erlebte. Der Traum vom gemütlichen Schiffchen zerstob wie ein Wölkchen im Wind.


In dieser Situation gab es für ihn zunächst nur einen Gedanken: "Sprengen". Den ganzen Schrotthaufen versenken und sich dann zur Freizeitgestaltung um einen Schrebergarten bemühen. Aber wer Benjamin kennt, weiß auch, der gibt so schnell nicht auf, ist ein exzellenter Handwerker, und wenn der ein Ding in die Hand nimmt, baut der selbst aus ein paar rostigen Ölfässern einen Luxusdampfer. Seine Frau Christiane, aus dem gleichen unnachgiebigen und robusten Holz geschnitzt, setzte ihren Mann alsbald unter Dampf und entschied:

"Wir bauen den Kahn wieder auf." Was jetzt kommt, passt glänzend zum zweiten Satz der Hymne "und der Zukunft zugewandt".


Buchstäblich jeden Monat ging’s nun über vier Jahre für ein langes Wochenende von Lüdenscheid nach Lauenburg. In dieser offenen Ruine wurde sommers wie winters unter freiem Himmel gekocht, ferngesehen und geschlafen. Waren Regen oder Schnee angesagt, hielt eine alte Lkw-Plane den niedrigen Innenraum trocken. Bei Kälte sorgte ein Heizlüfter für Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. Urlaub? Undenkbar.

Jenste

All die Jahre wurden Weihnachten und Silvester unter allereinfachsten Bedingungen auf der "Jenste" verbracht.

Als Geschenke gab es nichts als Arbeit. Gegen Ende der Renovierung konnte man die beiden sogar über einen Zeitraum von zwei Monaten jedes Wochenende in Lauenburg treffen. In der Zwischenzeit leistet Benjamin rund 30 Überstunden pro Monat zusätzlich, um die Renovierungskosten und Materialien bezahlen zu können. Drei Einkaufstüten voller Belege und Rechnungen zeugen von den immensen Ausgaben. Auf die Frage, was das Ganze denn gekostet habe, zucken beide mit den Schultern:

"Bei 20 000 haben wir aufgehört zu rechnen."

Abriss und Wiederaufbau der "Jenste" liefen nach einem genau festgelegten Plan ab. Zunächst wurde der Rumpf mit der Flex abgezogen, mit sieben Schichten Glasfaser und Epoxid neu belegt und lackiert. Anschließend wurden Sperrholzschablonen für den Decksaufbau angefertigt und in Lüdenscheid ein komplett neuer Aufbau aus seewasserbeständigem Aluminium zugeschnitten, geschweißt und verschraubt.

Der Mast wurde nun im Kiel auf einer Bahnschiene fixiert, das Deck neu eingezogen und das Ganze mit 650 (!) handgesägten Holzleisten aus Mahagoni und Meranti beplankt. Die Leisten entstanden in wochenlanger geräuschvoller Arbeit in Benjamins Keller, sehr zum Kummer seiner sonst so geduldigen Nachbarn. Der Kajütaufbau mit all seinen Dämmungen und Beplankungen ist derart robust geartet, dass man ihn getrost als beschusssicher bezeichnen kann.

Jenste

Nun mussten noch die Motorfundamente erneuert, ein neues Getriebe montiert, die Welle gezogen und gerichtet und die Lager ausgetauscht werden. Zu Hause drehte Benjamin  gleich noch neue Borddurchlässe, schweißte neue Tanks und einen Druckausgleichsbehälter aus Edelstahl und schmiedete bei der Gelegenheit eine neue Reling auch noch mit.

Als Edelstahlschweißer hat er einen unübertroffen hohen Anspruch an seine eigene handwerkliche Leistung. Last, but not least wurde nun auch noch die gesamte marode Elektrik entfernt und komplett neu verlegt, bestückt mit nostalgischen Schaltern aus den Sechzigern und einem brandneuen Motorinstrumentarium.

Jenste


Jetzt galt die weitere Aufmerksamkeit dem Innenausbau. Dieser Job lag in den Händen von Christiane, die mit viel Sorgfalt und Geschmack für die gemütliche Ausstattung sorgte. Als dann noch die grundüberholte antike Messingseetoilette montiert war, war aus der einst verrotteten "Jenste" ein charaktervolles und romantisches Schmuckstück geworden. Benjamin und Christiane hatten ihr Traumschiff wieder. Besser als neu, und das allein durch die Hände zweier unbeugsamer und fleißiger Bootsenthusiasten. Die "Jenste" wurde ins Wasser gekrant und innerhalb von neun Tagen von Lauenburg nach Elburg in Holland überführt. Dass auch das nicht ganz ohne Komplikationen abging, wollen wir hier aber milde verschweigen …

Jenste

Diesen Artikel finden Sie in der Juli-Ausgabe von BOOTE. Hier erhältlich ab dem 19.Juni.2019. 

Rainer Herzberg am 26.06.2019