Skrei-VM, Lofoten, Norwegen Skrei-VM, Lofoten, Norwegen

Reportage: Kabeljau-WM

Skrei! - Teil 3

Christian Tiedt am 20.11.2017

Die Mole an Backbord endet, und vom letzten Felsen winkt die Fiskerkona zum Abschied – die lebensgroße Skupltur einer Fischersfrau. Sofort gehen die schnelleren Boote mit der Fahrt herauf, um zu den besten Fangplätzen zu kommen. Die Formation strebt auseinander, und jeder für sich muss es nun mit dem Vestfjor­-
den aufnehmen. Während einige Starter mit dem Wind laufen, stemmen sich an­dere gegen die steilen Wellen. Hoch fliegt die Gischt, wenn schnelle Sportboote durch die Kämme gehen, während die größeren Kutter und Trawler schwer durch die aufgewühlte, tiefblaue See des Fjords stampfen.

Bald sind die weit verteilten weißen Rümpfe und Deckshäuser nur noch tanzende Punkte auf der großen Wasser­fläche. Die "Sundt Flyer" hält zunächst eine zentrale Position, doch als sich eines der gecharterten Schiffe mit Maschinen­pro­blemen meldet, ist Geschwindigkeit gefragt, um die drei Seemeilen schnell
zu bewältigen. Aber genau dafür ist der 28 Tonnen schwere Rettungskreuzer mit zwei 1000-PS-starken MAN-Dieseln und Jetantrieben ausgestattet.

Skipper Thomassen entscheidet, vorsichtshalber bei dem Problemfall vorbeizuschauen. Er drückt seinen Joystick leicht nach vorn, RS 138 spannt die Muskeln und beschleunigt mit röhrenden Motoren in wenigen Augenblicken auf knapp 40 Knoten. Schnell ist das andere Boot ausgemacht und erreicht, ein Angelkutter aus dem Nachbarort Kabelvåg. Drüben hat man die Situation aber wieder im Griff, winkt zum Dank herüber und angelt mit durchgebogenen Ruten weiter.

So vergeht die Zeit auf dem Vestfjorden. Auf ihrem Weg durch das Teilnehmerfeld können die Seenotretter immer wieder beobachten, wie Skrei an Deck gezogen wird. Es scheint ein erfolgreicher Tag zu werden.
Dass hier laichbereiter Fisch gefangen wird, stößt selbst unter Sportanglern mitunter auf Kritik. Gleichzeitig ist die Befischung strikt reglementiert. So sind nur Langleinen und Handangeln, aber keine Netze erlaubt. Das sorgt örtlichen Angaben zufolge nicht nur dafür, dass die Bestände nicht gefährdet werden, sondern dass sie sich sogar entwickeln können. So soll die Größe der gefangenen Exemplare in den vergangenen Jahren stetig angestiegen sein.

Schon deutlich vor Ende des Wettkampfs kehren die ersten Boote schwer beladen nach Svolvær zurück. An der mit dicken Reifen geschützten Pier vor der Fischhalle wird der Fang angelandet, dann wird schnell Platz für die Nächsten gemacht. Zwischen Fischkisten, Taurollen und aufgeschossenen Trossen balancieren Gabelstapler Kisten voller Skrei, der bereits gewogen und versorgt wurde. Angler stehen in Gruppen zusammen, darunter viele Frauen. In den ge­rö­teten Gesichtern zeigt sich Erleichterung und Freude.

Drinnen dominieren weiße Plastikschürzen und scharfe Messer. Ein Angler lässt sich in inniger Um­armung mit seinem Fang fotografieren, und neben der Waage zeigt ein Vater seinem Sohn, wie man mit leichter Hand richtig filetiert. Fachmännische Dis­kussionen, viele Gesten. So groß? Tatsächlich? Die dicksten Brocken hängen bestaunt am Haken, knapp 22 Kilogramm bedeuten in diesem Jahr den Sieg.

Danach gibt es den Fang frisch auf den Pappteller – das VM-Meny: frittierte Skreizunge mit Kartoffeln und geraspelten Karotten, dazu eine Dose Lofotpils – und ab geht’s ins Festzelt, wo die Gasbrenner auf voller Leis­tung laufen und sich die erschöpften Teilnehmer von der Wärme wie eine Decke einwickeln lassen. Lachen und Schunkeln auf langen Holzbänken, während die Band vorn auf der Bühne Country spielt und sich die Ersten trauen zu tanzen. Man feiert in die Dunkelheit hinein.

Keiner bemerkt, wie ein Schatten mit Positionslichtern durch den Hafen gleitet. Es ist die "Sundt Flyer", die wieder ausläuft. Draußen treibt doch noch einer mit einer Leine im Propeller.

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Christian Tiedt am 20.11.2017
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