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Reportage: RIB-Piraten

Eins, zwei, drei – Vollgas!

Sebastian Fuchs am 03.10.2018

90 Minuten Nervenkitzel und Adrenalinkick mit den RIB-Piraten: extremes Speed-Feeling, das sonst nur Rettungskräften, der Polizei, Kampftauchern oder Greenpeace- Aktivisten vorbehalten ist

Die Hamburger sind kreativ, wenn es darum geht, den vielen Millionen Touristen im Jahr Attraktionen zu bieten: Abenteuerlustige können auf der Alster stehpaddeln, schamfrei mit motorisierten Miniatur-Seifenkisten durch die City heizen, Dialoge im Dunklen führen oder mit dem Sightseeing-Amphibien-Bus in und durch die Elbe gleiten.

Wem diese Erlebnisse noch nicht das Blut in den Adern gefrieren lassen, kann seit acht Jahren in den Genuss einer atemberaubenden Speedboot-Fahrt im Schlauchboot kommen.

Bereits der Erstkontakt macht gute Laune: Auf ihrer Basis am City-Sportboothafen verbreiten die RIB-Piraten dezentes Südseefeeling. Eine rustikale Holzhütte mit wetterfesten Planen geschützt, eine Bar mit Palmen, ein stattlicher Grill und viele Tische laden zum Hinsetzen und Staunen ein.

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Neben dem Blick auf die Elbphilharmonie sind es vor allem die drei pechschwarzen RIBs mit Totenkopf-Branding, die Eindruck auf Touristen wie auch Einheimische machen. Hinter der cleveren Geschäftsidee stecken Frank Procopius und Caroline Schmidt, zwei waschechte Abenteurer, die nicht nur privat ein Paar, sondern gemeinsam dem RIB-Fieber verfallen sind. 

Sie wollten das extreme Speed-Feeling, das sonst nur Rettungskräften, der Polizei, Kampftauchern oder Greenpeace- Aktivisten vorbehalten ist, für jedermann zugänglich machen.

Dabei war der Weg zur Lizenz lang und steinig, das kommerzielle Schnellbootfahren im Hafengebiet zu ermöglichen. Um ihren Traum vom Sightseeing mit Nervenkitzelgarantie zu verwirklichen, haben die beiden einen langen Atem beweisen müssen. Die zuständigen Behörden mussten von der Sicherheit und Zuverlässigkeit des Unternehmens überzeugt werden.

Der einzige Unterstützer war der City Sporthafen mit seinem Vorstand, die von der Idee begeistert waren, und die bis heute die Station mit den Liegeplätzen an die RIB-Piraten vermieten. Heute sind die RIB-Piraten das einzige Unternehmen, das im Hamburger Hafen regelmäßig fahren darf.

Die Macher

Der in Hamburg geborene Frank Procopius habe immer "verwackelte Hobbies" gehabt, gibt er zu. Er war Fallschirmspringer, Jetski-, Dragster- und Harley-Fahrer sowie Kunstflugpilot.

"Heute brauche ich nicht mehr zu arbeiten, denn ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht", sagt er und ergänzt: "Ich hatte eine richtig geile Kindheit, hing meistens mit meinem Vater und seinen beiden Brüdern ab – zwischen Autos, Tankstellen und KFZ-Werkstätten.

Ich habe von klein auf Benzin im Blut. Das kommt mir bei den Piraten zugute, ich habe Ahnung von Motoren, und die brauchst du als Bootsbesitzer auch. Unsere Boote warten wir akribisch, denn sie stehen unter hoher Belastung. Wir fahren mit einem RIB bis zu 500 Stunden im Jahr."

Obwohl bereits sein Vater zur See gefahren ist, begann Frank Procopius selbst erst spät mit dem Wassersport. Seinen Motorbootführerschein erlangte er 2004 im Alter von 41 Jahren, "weil ich mal Wasserflugzeug machen wollte". So richtig Feuer gefangen hat er dann bei seiner ersten RIB-Ralley, an der er 2007 am Roten Meer in Ägypten teilnahm. 

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"Wir sind damals 500 Seemeilen in einer Woche mit dem RIB durch die niederländischen Antillen geheizt. Anschließend musste man sich in vielen anderen sportlichen Disziplinen beweisen. Das Ganze wurde in Holland im Fernsehen übertragen. In der Zeit habe ich mich in diesen Bootstyp verliebt. RIBs sind unmittelbar, wendig, schnell und unfassbar robust: reine Arbeitstiere."

"Caro habe ich 2008 in Hamburg kennengelernt, sie hat unser Team zu den ABC-Inseln begleitet”, so Frank über seine ebenfalls motorsportverrückte Freundin und heutige Geschäftspartnerin Caroline Schmidt. "Dort wurde die Idee geboren, das RIB-Bootfahren im Hamburger Hafen anzubieten. "Sie ist an der mecklenburgischen Seenplatte aufgewachsen und somit wasseraffin von klein auf! 2009 kauften sich Frank und Caro das erste Boot.

Damals noch blauäugig, wie Frank heute sagt, denn auf welche  bürokratische Odyssee sie sich einlassen würden, war den beiden Gründern damals noch nicht klar. Zunächst boten sie Touren auf der Nord- und Ostsee an, aber ihr Traum war der Hamburger Hafen.

Damals war es noch undenkbar, die Genehmigung dafür zu bekommen. "Kein Wunder, dass die Hamburger Behörden dem Unternehmen kritisch gegenüberstanden. Das Wasserflugzeug, das hier früher flog, ist zweimal verunfallt. Einmal gab es fünf Tote, einmal zwei Tote.

Und dann kommst du mit einer Sache an, die es hier noch nie zuvor gegeben hat. Unsere RIBs sind um ein vielfaches schneller als Barkassen. Klar haben die nicht gejubelt. Das Vertrauen mussten wir uns erst langsam erarbeiten."

Über Jahre hinweg konnten die beiden Firmengründer beweisen, dass sie es ernst meinen mit ihrem Vorhaben und so sukzessiv Vertrauen aufbauen. Anfangs durften sie nur im Schleichtempo durch den Hafen fahren, was sich laut Caro so anfühlte, "als wäre man mit einem Porsche in der Spielstraße unterwegs".

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Für das Team der RIB-Piraten gelten daher heute zwei Grundsätze: Safety First – und: kein Stress mit den Behörden. Frank Procopius beobachtet äußerst penibel seine Geschwindigkeitsanzeige, wenn er mit seinem Boot aus dem Hafen fährt. Ihr sachkundiger Umgang mit den Booten und ihre vorsichtige Fahrweise zahlte sich aus: "Dass wir hier unsere RIBs fahren dürfen, ist mir heilig. Das würde ich nie riskieren."

Die nautische Zentrale, die mit modernster Technik die Bewegungen und Geschwindigkeiten der Schiffe im Hafen überprüft, nennt Frank lächelnd "Rennleitung" und respektiert deren Regeln genau. In all den Jahren haben weder er noch seine Crew ein Knöllchen eingefahren.

Zur Hafenleitung, der Wasserschutzpolizei und den Barkassen-Kapitänen haben die Piraten ein hervorragendes Verhältnis. Kreuzt man sich, wird einander fröhlich zugewunken. Auch wenn Piraten im Ursprung die Rüpel der Weltmeere sind – auf Höflichkeit und Diplomatie legen Frank und seine Crew in der realen Welt großen Wert. Im Wasser wie an Land.

Für die RIB-Piraten, die die höchsten Auflagen an Mensch und Material erfüllen möchten und müssen, steht Sicherheit an erster Stelle. Das fängt laut Chefpirat Frank beim tadellosen Zustand der Boote an und geht bis zur Qualifikation der Fahrer. Ein RIB mit seinen 300 PS auszureizen, will gelernt sein. Der sichere Umgang mit den Schlauchbooten muss durch eine fundierte Ausbildung gewährleistet sein.

Alle Fahrer werden seit Gründung der RIB-Piraten eigens ausgebildet. "Auch wer ein großes Patent hat, oder wer Schlepper fährt, kann nicht unbedingt Schlauchboot fahren," erklärt Frank. 

Alle Piraten sind daher entweder Ausbilder bei einer Behörde, hauptberufliche Kapitäne mit einem Unlimited Patent und im Hamburger Hafen auf Seeschiffen unterwegs, oder haben einen militärischen Schifffahrtshintergrund. So entsprechen sie laut Frank Procopius dem höchsten Sicherheitsstandard, der in Deutschland möglich ist.

Klein aber fein: Die schwarze Flotte der Piraten

Die Piraten-Flotte besteht derzeit aus drei Festrumpf-Schlauchbooten, sogenannten "Rigid Inflatable Boats", kurz RIBs. Zwei italienische Exemplare der Marke "Capelli" und ein britisches aus dem Haus "Ribcraft". 

Spricht der Chef über seine Boote, gerät er ins Schwärmen: "Die RIBs sind für den harten Offshore-Einsatz konzipiert und werden unter anderem von den Navy S.E.A.L.s oder von Sea Shepherd bei ihren Aktionen auf offener See eingesetzt.

Aus gutem Grunde: Der Bootstyp ist unverwüstlich und geht mit dem Rumpf durch die Wellen wie das warme Messer durch die Butter." Die wendigen Speed-Boote wiegen zwischen 1,9 und 2,5 Tonnen, sind knapp 8 Meter lang und durch die neuesten umweltfreundlichen Yamaha-Triebwerke mit bis zu 300 PS ausgerüstet.

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Damit erreichen die Boote Geschwindigkeiten im beladenen Zustand von bis zu 90 km/h. Dass er außerhalb der Stadtgrenzen auf über 50 Knoten beschleunigt, ist für Frank normal. Vollgas Richtung Altes Land.

Wer einen Trip mit den Piraten bucht, kann sich auf eine wohlüberlegte Choreografie freuen: Von der Elbphilharmonie geht es zunächst in gemütlichem Tempo Richtung Landungsbrücken. Nachdem die Boote den Fisch-markt und das Hamburg Cruise Center Altona passiert haben, verdoppeln sie ihre Geschwindigkeit und düsen am schönsten Strand Hamburgs mit dem beliebten Café "Strandperle" vorbei.

Ab Teufelsbrück wird das Tempo noch einmal gesteigert, und es geht am Blankeneser Elbufer mit dem bekannten Treppenviertel entlang. Den meisten Landratten stehen jetzt schon die Haare sprichwörtlich zu Berge, dabei war das erst der Anfang.

An der Hafengrenze hinter Tonne 125 ab Kraftwerk Wedel werden die Boote gestoppt und die Gäste von dem Bootsführer auf den Highspeed-Teil sensibilisiert. Dann erst geht es richtig los: mit Höchstgeschwindigkeit in Richtung Altes Land. Jede Welle ein Vergnügen, wenn die  Landschaft vorbeirast und das Boot Kurven fährt, bei denen sich auch erfahrene Wassersportler an den Haltegriffen festklammern.

Nachdem die Boote und Piloten ausgiebig gezeigt haben, was sie können, wird auf der Südseite der Elbe zurück Richtung Hamburg gefahren: vorbei an weiteren Sehenswürdigkeiten wie dem Airbus-Werk, den Container-Brücken, Blohm + Voss Dock und Musical "König der Löwen".

Container-Riesen aus aller Welt scheinen dabei zum Greifen nah. Nun wird eine Geschwindigkeit gefahren, bei der die Bootsführer Fragen beantworten können. Insgesamt werden bei einer Tour rund 50 Kilometer zurückgelegt. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine gut gekämmte Frisur die Tour unbeschadet überlebt, ist weniger als gering.

Schietwetter? Kein Problem!

Man möchte meinen, dass Hamburg mit seinen durchschnittlich 130 Regentagen im Jahr und ständigem Wind nicht der optimale Standort für Hochgeschwindigkeits-Bootstouren ist, doch das Gegenteil ist der Fall. Vor dem bekannten Hamburger "Schietwetter" sollten Interessierte keine Angst haben:

Jedes Wetter hat laut Frank seine eigene Qualität. "Gerade wenn das Wetter eckig ist, macht das RIB-Fahren Spaß", meint Frank. "Die schönsten Touren haben wir manchmal im Februar, wenn es eiskalt ist, und wenn es stürmt. Dann haben unsere Kunden einen dichten Kontakt zu den Elementen und kommen in der Regel mit einem tierischen Grinsen von Bord."

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Dabei brauchen sich die Gäste auf die Tour nicht vorzubereiten: "Unsere Passagiere werden von uns mit sehr guten, extrem wetterfesten Jacken und Hosen unseres Gründungspartners Helly Hansen ausgestattet. Dass jeder Passagier eine automatisch auslösende Rettungsweste trägt, ist genauso Standard wie die Sicherheitseinweisung vor jeder Fahrt." 

Einzig wenn die Elbe zufriert, stechen die Piraten nicht in See, aber das ist in den letzten Jahren glücklicherweise nicht passiert. Ein weiteres Problem kann der Wind werden: Ab dauerhaft sieben Windstärken nehmen die Piraten aus Sicherheitsgründen keine Passagiere mehr mit auf ihre Fahrten.

Die Belastung für die Passagiere könnte zu groß werden. Dann fährt Frank lieber mit seiner Crew raus auf die Elbe, um das Beherrschen der Boote bei widrigen Bedingungen zu trainieren. Das macht er auch noch, wenn über zehn Windstärken angesagt sind.

Nervenkitzel, will gelernt sein

"Unsere Fahrten stellen die Bootsführer vor eine herausfordernde Aufgabe: Sie müssen so schnell fahren, dass es richtig Spaß macht, aber so sicher, dass die Gäste nicht übermäßig belastet werden. Durch die großen Seeschiffe, die Barkassen und die Fähren haben wir immer andere Wellenbilder auf der Elbe.

Hier zeigt das leichte Speed-Boot, was es kann." Der perfekte Ritt durch die Wellentäler hat seine Tücken und will gekonnt sein: "Wenn ich nur das Gas stehen lasse und über die Welle springe, kann es für die Passagiere ungemütlich werden, deswegen drosseln wir das Tempo kurz oben auf der Welle, um dann wieder richtig Gas zu geben: eine Technik, die das Fahrvergnügen maximiert und trotzdem Sicherheit garantiert.

Dafür brauchst du als Fahrer das richtige Feeling." "Wellengang und raues Wetter machen den Schlauchbooten nichts aus", schwärmt Frank, "Dieser Bootstyp ist Kummer gewohnt und lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Unsere RIBs vertragen laut Hersteller zehn Windstärken.

Die brauchen kein Chichi und kein Teak-Deck, um Männerherzen höher schlagen zu lassen. Und unser Piratenschwarz sieht natürlich richtig schön böse aus. Dabei sind die so robust – so ein Ding im Hamburger Hafen auf die Seite zu legen ist unmöglich."

Die Wendigkeit der Schnellboote hilft auch anderen: Fünf bis zehnmal im Jahr kommt es vor, dass Frank und seine Crew Menschen aus Notlagen retten. Darüber redet der Unternehmer nicht gern, sondern tut es einfach. Havarierte Segler, gekenterte Boote, Sportboote mit Motorschaden – wenn auf der Elbe etwas passiert, sind die Piraten durch ihre wendigen Speed-Boote häufig schnell vor Ort.

"Ich sehe schon am leicht panischen Blick, wenn die Leute mit ihren Booten im Fahrwasser liegen, dass ich helfen muss. Ich habe schon so viele Segel- und Motorboote geschleppt. Erst neulich habe ich ein Power-Boot angehängt, das schlapp gemacht hatte, ich habe den kurz nach der Rumpfgeschwindigkeit seines Bootes gefragt und ihn dann in seinen Hafen direkt in seine Box zurückgebracht."

Das Geschäft floriert

Über mangelnde Kundschaft können sich Frank und Caro nicht beklagen, das Adrenalin-Geschäft floriert – die Hansestadt ist ein beständiger Touristenmagnet. Am Wochenende fahren die Piraten meist Einzelbucher und Pärchen, in der Woche vorwiegend Gruppen.

Gefahren wird zwischen 10 und 18 Uhr im Zweistunden-Rhythmus. Das Erfolgsduo setzt auf Expansion. Demnächst wird der Betrieb wachsen, verrät Frank, "aber über ungelegte Eier spricht man ja nicht. Ich sage nur soviel: Es wird geil."

Diese Reportage stammt aus BOOTE-Ausgabe 11/2017.

11/17

BOOTE Ausgabe 11/17

Sebastian Fuchs am 03.10.2018