Seenotretter Seenotretter

Reportage: Seenotretter

Einsatz im Eismeer

Christan Tiedt am 25.01.2020

Auch jenseits des Polarkreises gibt es für Seenotretter keine Winterpause: Unterwegs mit Norwegens Redningsselskapet

Stille herrscht im Steuerhaus der "Oscar Tybring". Ein kleiner Engel hängt von der getäfelten Decke zwischen Kabelleitungen hervor. An seinem Faden dreht er sich wie ein schüchternes Kind, zuerst zur einen, dann zur anderen Seite. Ganz schwach glänzt sein goldenes Gesicht.

Das einzige Licht kommt von draußen, von den Laternen auf der vereisten Pier und jenen an den Fassaden der restaurierten Lagerhäuser der Tollbodgate. In zwei Wochen ist Weihnachten. Mittwinter, die dunkelste Zeit des Jahres.

Um neun Uhr morgens ist der Himmel noch so schwarz wie in tiefster Nacht. Zwar wird Tromsø von der Dämmerung bald für wenige Stunden in fahles Zwielicht gehüllt werden, doch auf die Sonne selbst wird man vergeblich warten: Knapp vierhundert Kilometer jenseits des Polarkreises, im hohen Norden Norwegens, bleibt sie von Ende November bis Mitte Januar hinter dem Horizont verborgen.

Fotostrecke: Seenotretter

Doch das Leben läuft nicht nur weiter, es legt sogar einen Gang zu, zumindest auf dem Wasser. Die Fischerei hat Hochkonjunktur, alles wartet auf den "Wanderer", den skrei: So nennen die Norweger den Winterkabeljau, der bald wieder von der Barentssee die Küste herunterziehen wird, um zu laichen.

Zurückgehende Bestände durch Überfischung und Klimawandel sind zwar ein Thema, doch scheint es hier oben in dieser Hinsicht noch besser zu stehen als anderswo. Zu fangen gibt es offenbar genug – und damit auch jede Menge Arbeit. 

Die andächtige, vorweihnachtliche Ruhe auf der "Oscar Tybring" täuscht also – auch wenn das Schiff kein Trawler ist: Es gehört zur Redningsselskapet, kurz RS, der "Rettungsgesellschaft", wie die norwegischen Seenotretter heißen. Und die drei Männer, die jetzt mit vollen Einkaufstüten vom Dienstgebäude über den verharschten Schnee herankommen, haben die Nacht sehr wohl an Bord verbracht. In Bereitschaft.

Zusammen bilden sie die Besatzung der "Oscar Tybring". Skipper Odd Arne Hermansen ist seit zwanzig Jahren dabei. Ein Kerl wie ein Baum, mit schütterem blonden Haar und lautem Lachen. Den Seemannsgang hat er sich früh angewöhnt, wie viele seiner Kollegen war er selbst Fischer: "Jan Mayen und Spitzbergen. Da ist das hier doch wesentlich angenehmer", sagt er schmunzelnd.

Roger Pettersen hat den gleichen beruflichen Werdegang. Der Co-Skipper kommt zwar etwas kleiner daher, hat aber ebenso viel Humor. Außerdem sammelt er Dinge: Zu Hause hat er ein Stück Teakdeck, das von der "Tirpitz" stammt. Das deutsche Schlachtschiff wurde noch im letzten Kriegswinter nicht weit entfernt bei der Insel Håkøya von britischen Bombern versenkt. Die Krater der an Land explodierten Bomben sind geblieben – wie Reste des Wracks.

"Auch heute schwimmt hin und wieder noch was auf, Seestiefel und so", erzählt Pettersen.

Chefingenieur Andreas Lerøy, der Herr der Maschine, ist der Jüngste im Trio und ruhender Pol an Bord, kein Mann allzu vieler Worte, dafür ruhig und präzise. Erst im Mai hat er beim RS angefangen. Vorher ist er auf Offshore-Versorgern gefahren, bis der Job ihm zu unbeständig wurde:

"Wir waren auf den Kanarischen Inseln stationiert, ganz schön für den Urlaub. Aber wenn man an Bord sitzt und wochenlang wartet, bis wieder ein Auftrag zum Auslaufen kommt, verliert vieles den Reiz."

Unter Deck kocht Roger einen strammen Kaffee. Erst gestern hat die 28-Tage-Schicht der Crew begonnen, Weihnachten und Silvester werden an Bord gefeiert. Gewohnt wird hier auch, obwohl es in jedem Stützpunkt Betten gibt. Seeleute sind da eigen und Seenotretter nicht anders.

Eine Kammer für jeden, dazu in der Messe ein Arbeitsplatz mit Computer und die Küche mit Sitzecke nebenan. Auf dem Tisch liegt das "RS Magasinet" mit einem pelzumrahmten Frauengesicht auf dem Titel: Die Umweltpolitikerin Sandra Andersen Eira hat nicht nur Fischerboot und Familie, sondern nebenbei noch das Äußere eines Fotomodels.

"Freiheit ist nicht das Gleiche wie Freizeit", sagt sie. "Interessant", findet Roger.

An den Wänden ringsum hängen die Erinnerungen des Schiffs, alte Bilder und Wappen von den Lofoten bis nach Kirkenes. Die "Oscar Tybring" ist schon viel rumgekommen, hieß sogar schon einmal anders und ist beileibe nicht der neueste Rettungskreuzer in der Flotte.

In Dienst gestellt wurde sie 1988. Einmal konnte sie nordöstlich von Vardø russische Seeleute retten. Roger war damals schon dabei. "Deren Kahn war so verrostet, dass die See ihn einfach kaputt geschlagen hat, als der Antrieb ausfiel", erzählt er. "In der Rettungsinsel an Deck warteten die, bis das Schiff unter ihnen wegsackte – und wären dann beinahe von den Antennen wie von einem Netz in die Tiefe gezogen worden. Glück gehabt."

Der Rettungskreuzer ist ein Schiff mit Geschichte. Zudem wurde er technisch gerade komplett überholt. "Da haben wir endlich ein Bugstrahlruder bekommen", lacht der Skipper. "Das macht vieles einfacher." 

Klarmachen zum Auslaufen! Leben kommt ins Steuerhaus, eine Anzeige nach der anderen verbreitet rötlichen Schein, auch die beiden großen Plotterbildschirme. Eine Kontrollfahrt nach Skjervøj steht auf dem Programm, etwa 55 Seemeilen nordöstlich von Tromsø. Dort ist die Fischerei unterwegs. Andreas meldet die Maschine klar, während Odd Arne den "Papierkram" auf dem Tablet erledigt.

Dann kommt das rich­tige Logbuch dran. Co-Skipper Roger kontrolliert Sicherheitsausrüstung und Rettungsmittel auf Vollständigkeit, von Überlebensanzügen und Rettungswesten bis hin zu Augenspülung und Pflastern. An der Decke, neben dem Engel: vier imposante Raketen und das dazugehörige Leinenschussgerät.

Achteraus entfernt sich die "Oscar Tybring" von der Pier, dreht und lässt Tromsø hinter sich, die hell erleuchteten Hotels, das verschneite Standbild Roald Amundsens bei der Domkirche und die Eismeerkathedrale am anderen Ufer. Wie eine gefrorene Woge ragt das Wahrzeichen empor. Unter dem Heck schäumt es auf, als Odd Arne die Gashebel nach vorn schiebt: Der weite Bogen der Tromsøbrua ist passiert. Im letzten Licht geht es mit zwanzig Knoten auf dem Grøtsund nach Nordosten. Dort lauert schon die neue Nacht. Es ist halb eins am Nachmittag. Ob es heute noch einen Einsatz geben wird, steht zwar nicht fest.

"Aber eigentlich ist dann doch sehr oft etwas zu tun. Meistens sind es Netze oder Leinen im Propeller, die zu Hilferufen führen", erzählt Odd Arne. "Das kann beim Fischen immer mal passieren, selbst wenn man aufpasst."

In der Regel gehe ja auch alles gut, fügt er ruhig hinzu – nur leider eben nicht immer. Wie bei den beiden polnischen Touristen, die mit ihrem Angelboot kenterten und nicht rechtzeitig gefunden werden konnten.

An Steuerbord ziehen die Lyngen-Alpen vorbei, da meldet sich das Funkgerät: Die "Aurora Explorer" hat sich auf dem Weg zum whale watching an einer Fischfarm eine Leine eingefangen. Dank der zweiten Maschine ist der Katamaran allerdings noch manövrierfähig. Die Küstenwache hat mitgehört. Der Taucher des Patrouillenschiffs "Heimdal", das auf den Fisch­gründen ebenfalls nach dem Rechten sieht, wird sich darum kümmern.

Als Roger die Meldung gerade einträgt, wird der RS-Kreuzer direkt angerufen: Diesmal ist es ein Fischerboot, die "Skjersgrunn". Sie hat ihr eigenes Netz überlaufen. Die Position liegt im Kvænangenfjord ein paar Seemeilen östlich von Skjervøy, doch der Südwest treibt die Fischer auf die Küste bei Reinfjord zu. Sie müssen notankern, um nicht auf den Felsen zu landen. Odd Arne legt die Hebel auf den Tisch.

Voraus herrscht jetzt Schwärze. Im eisigen Licht der Bugscheinwerfer stieben Möwen auseinander, nur für einen Augenblick sichtbar wie die Funken über einem Lagerfeuer. Abgerissene Gischt fliegt in leuchtenden Fetzen über das Vorschiff.

In Höchstfahrt schneidet die "Oscar Tybring" durch die Wellenkämme. Andreas hat seine Anzeigen im Auge: Mit mörderischer Lust saugen die dröhnenden Diesel den Sprit für zweitausend PS durch die Leitungen. Dann ist das Ziel erreicht: Als die Bugwelle zusammenfällt, wird die Decksbeleuchtung eingeschaltet. Voraus funkeln Lichter: der Havarist und ein paar andere Boote, die seelenruhig weiterarbeiten. Solange keine Lebensgefahr besteht, ist Zeit Geld. Auf dem Plotter ist die Küste genau zu sehen. Sie ist keine fünf Kabellängen entfernt.

Die beiden Besatzungsmitglieder warten schon. Sie sind sehr jung und winken, während ihre zehn Meter lange Cleopatra 33 in der unruhigen See rollt. Roger und Andreas stehen in Rettungswesten auf dem Achterschiff. Sorgfältig schießt der Co-Skipper die Wurfleine mit dem Gewicht auf, um sie dann zielgenau aufs Vorschiff der "Skjersgrunn" zu befördern. Odd Arne nimmt vorsichtig Fahrt auf. Die eigentliche Trosse folgt der Leine und verschwindet langsam achteraus, Hand über Hand ausgegeben, damit keine Kinken entstehen. Schließlich rasselt auch die angeschäkelte Kette über das Süll. Wie eine gespannte Bogenseite kommt das Geschirr stramm und ruckt ein:

Mit sechs Knoten geht es jetzt gemeinsam durch die Dunkelheit Richtung Skjervøy. Aus den Lautsprechern im Steuerhaus kommt der Soundtrack für die letzte Etappe des Tages: Rogers Country-Playlist. Bobby Bares schmachtet seinen größten Hit "Detroit City". Die Diesel summen den Refrain mit: I wanna go home, I wanna go home, Oooh-oh, how I wanna go home...

Im Hafen von Skjervøy nimmt der Kreuzer das Fischerboot dann zum Anlegemanöver an die Seite. Dessen Fang muss sofort auf Eis und wird längsseits an der Lagerhalle im Neonlicht von Bord gegeben. Fünfzehn fette Fische gibt es als Dank direkt für die Retter. Die richtige Rechnung kommt später.

Feierabend – in Bereitschaft: "Oscar Tybring" verholt zu einer anderen Pier, wo die RS einen reservierten Liegeplatz hat. Mit scharfem Messer und der Routine eines ehemaligen Fischers filetiert der Skipper die Geschenke selbst, bevor sie eingefroren werden. Der Rest geht an die Garnelen im Hafen:

"Dann haben alle was davon", sagt er zufrieden.

Roger hat derweil unter Deck das Essen auf den Tisch gezaubert. Heute ist er Küchenchef. Natürlich gibt es Fisch: butterzarten Kabeljau mit Mandelkartoffeln, dazu Sauerrahm, gebratenen Speck und Béarnaise, zum Schluss noch Himbeerkompott mit Sahne. In den Gläsern ist nur Wasser. Wer möchte, kann aber Milch haben.

Alt wird heute niemand mehr an Bord, Essen und Wärme sorgen für die nötige Bettschwere. Noch ein bisschen lesen oder E-Mails schreiben, dann kehrt wieder Ruhe auf der "Oscar Tybring" ein. Schlaf ist wichtig, schließlich weiß niemand, wann der nächste Anruf kommt.

Draußen schimmern derweil Skjervøys Lichter über dem schwarzen Wasser. Zweitausend Menschen leben hier, heute Nacht sind es drei mehr. Noch zwei Wochen bis Weihnachten und vier bis zur Ablösung. In fünf Wochen kehrt die Sonne zurück. Hoch oben am kalten Himmel, hinter dichten Wolken verborgen, tanzt das Nordlicht.

Christan Tiedt am 25.01.2020
    Anzeige
  • Branchen News
    Anzeige
  • Das könnte Sie auch interessieren