Bar der Bootsleute Bar der Bootsleute

Reportage

Die Bar der Bootsleute

Marcus Krall am 23.02.2020

Wer in Monaco eine Hafenbar betreibt und zwischen Megayachten auf einer Grand Banks wohnt, muss schon ein besonderer Vogel sein. Zu Hausbesuch bei Gerhard Killian.

Als wir die zweite Flasche Chateau Astros – den vielleicht besten Rosé der Region – öffnen, krame ich in den hinteren Hirnwindungen ein Gedicht von Joachim Ringelnatz hervor und zitiere einen Part:

"In der Kneipe ,Zum Südwester‘ ballt sich manchmal eine Hand, knallt ein Möbel an die Wand. Doch in jener selben Schenke schäumt um einfache Getränke schwer erkämpftes Seemannsglück."

Mein Gegenüber verzieht das Gesicht. "Willst du mich beleidigen?", fragt Gerhard Killian in herrlichem Wiener Slang.

"Nur, weil meine Kneipe am Hafen liegt, wird sich hier nicht geschlagen, und einfach kannst du diesen Rosé doch wohl auch nicht nennen."

Ich beruhige ihn mit der nächsten Strophe:

Bar der Bootsleute

"Die Matrosen kommen und gehen. Alles lebt vom Wiedersehen. Ein gegangener Gast sehnt sich zurück."

Jetzt strahlt er wieder.

"Ja", sagt er, "so ist es. Die Leute kommen immer wieder. Manche jeden Tag, manche nach ein paar Monaten. Touristen habe ich ja eh kaum."

Mein Blick streift die Hafenmauer des Port de Fontvieille, Monacos kleineren und gemütlicheren Hafens, und sieht die Aussage Killians bestätigt. Bestimmt 100 Menschen sitzen dort, trinken, lachen. Vor und unter der markanten Markise mit der Aufschrift "Gerhard’s Café" noch einmal 50 andere, manche in strahlend weißer Uniform und erkennbar auf den Booten und Yachten des Hafens beschäftigt. Der Abend wird hier für viele wahrscheinlich länger als geplant, morgen Früh kurz bereut und dann irgendwann in der Woche wiederholt. Seit über 20 Jahren geht das nun schon so, und fast jeden Abend steckt Gerhard Killian als Zeremonienmeister mitten im Geschehen.

1996 übernimmt er das ehemalige "La Regatta", nachdem er zuvor dort den Wirt einen Winter über vertreten hat. "Der hatte keine Lust mehr, wollte das Café schließen und dann verkaufen. Ich habe ihn überredet, es zunächst mir zur Probe zu überlassen und ein Vorkaufsrecht einzuräumen." Als Killian sich sicher ist, dass sein neues Abenteuer funktionieren wird, kauft er die Bar mit einem Freund zusammen, nennt sie Gerhard’s Café, lässt innen eine gewisse österreichische Gemütlichkeit einziehen und informiert alle Kapitäne, Crews und Yachteigner, die er kennt, über seinen neuen Status.

Da in Monaco in der 1990er Jahren noch keine allzu lebendige Barszene besteht, füllen sich der Tresen und die Mauer davor jeden Abend relativ rasch. Zunächst kommen viele Deutsche, Österreicher und Schweizer, dann auch Briten, Holländer, Franzosen, Italiener und natürlich Monegassen. Tagelöhner auf Yachten mischen sich mit gut situierten einheimischen Ladys, Privatiers mit dem Autokennzeichen MC mit jungen, braun gebrannten Schönheiten. "Allabendlich", sagt Killian, "entsteht hier eine gewisse Melange, die ein­zigartig ist. Wie ich das geschafft habe, weiß ich auch nicht." Wer sich indes ein wenig mit Gastronomie auskennt, sieht, dass Killian vieles richtig macht:

Exzellenter Service paart sich mit für Monaco fairen Preisen. Zudem ist der Chef fast jeden Abend persönlich vor Ort und pflegt mit nahezu jedem Gast auf eine charmante wienerische Art eine erstaun­liche Bandbreite des Small Talk – von Politik über Beziehungsprobleme bis zur Ersatzteilbeschaffung von großen Marine-Motoren. Seine Historie schadet ihm dabei nicht; schließlich stand Killian vor der Übernahme des La Regatta noch nie hinter einem Tresen, sondern immer davor und vor allem auf so einigen Decks. Nach dem Militärdienst als Pionier zur See heuert er bei der Reederei Fahje als Matrose an und fährt auf der Donau und in Norddeutschland "zur See".

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Als gebürtiger Österreicher, aufgewachsen zwischen Bergen, träumt er indes noch von ganz anderen Revieren – erst einmal vom Mittelmeer, dann vielleicht vom Atlantik oder sogar der Südsee. "Es war 1978", erinnert sich Killian, als wäre es gestern gewesen, "als ich dann die passende Anzeige in einem Bootsmagazin las: 27-Meter-Yacht benötigt neuen Matrosen."

Dass der Liegeplatz in Antibes wäre, stand da noch, das war es. Killian schickt einen Lebenslauf an die angegebene Adresse und ist wenig später der neue Mann für alle Decksarbeiten auf der Benetti "Nordlicht V". In Palma damit angekommen, steigt er auf die 37 Meter lange "Santa Cruz III" um, einen CRN-Bau aus Ancona, geht nach dieser Heuer zwei Jahre auf Mallorca an Land – "Die Frauen!" –, bevor er dann mit einem richtigen Großformat die Weltmeere bereist.

Als Crewmitglied der 86 Meter langen "Nabila", der bis dato größten, jemals in Italien gebauten Yacht, ist kein Geringerer als der "berühmte" Waffenhändler Adnan Khashoggi sein Chef. "Wir waren praktisch auf
der ganzen Welt unterwegs", sagt Killian, der auf "Nabila" auch als Taucher und Beiboot-Fahrer arbeitet, "in der Karibik, vor Brunei oder auf Sri Lanka." Ob Khashoggi von Bord auch sein Business betrieb, vermag Killian nicht zu sagen, wohl aber, dass es ihn wieder an Land zieht, nachdem er seine erste Ehefrau kennengelernt hat. Sie arbeitet als persön­liche Assistentin von Fabio Perini, dem Inhaber der Perini-Navi-Werft in Viareggio, liebäugelt aber mit einem Umzug nach Monaco. "Irgendwie", so Killian, "hörte sich das gut an. Es war letztlich ein Impuls, sich dort anzusiedeln."

Mit seinen maritimen Vorkenntnissen ist sehr schnell klar, dass Killian in Monaco "irgendetwas mit Booten" machen muss. Er eröffnet einen Yacht-Service und bekommt durch Mundpropaganda immer mehr Kunden, die er nach kurzer Zeit auch als Broker betreut. "Wartung, Kauf und Verkauf und zwischendurch einen Espresso im La Regatta, das war mein Leben", schmunzelt Killian, als wir auf die draußen vorbeifahrenden und bestimmt 70, 80 Meter langen Yachten blicken.

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Sie laufen den Port Hercule an, neben dem Port de Fontvieille, dem "Firmensitz" von Killians Café, der zweite Hafen Monacos. "Meine Nachbarn", sagt er. "Kannst du morgen aus der Nähe beobachten." Szenenwechsel. Es ist Sonntagmittag, bis morgen Früh hat sich Killian freigenommen und "nach Hause" eingeladen. Am Kai der Capitainerie gleich vorn in Richtung Stadt hatte er den Weg beschrieben, der an Skurrilität kaum zu überbieten ist. Entlang der gläsernen Fassade des Yacht Club de Monaco, dem wohl elitärsten Yachtclub der Welt mit etlichen Milliardärsmitgliedern, und an Megayachten mit drei oder mehr Decks vorbei, die von den Crews fortwährend gewienert werden, bleibe ich schließlich an einer klassischen Gangway stehen, die im Verhältnis zu den Nachbarn verschwindend schmal aussieht.

Im Korb davor liegen drei Paar Schuhe, Killian winkt schon vom Achterdeck der "Tertia", und hinter seinem Rücken lugt ein kleines blondes Mädchen – der Mann wohnt mit seiner Familie auf einer Grand Banks 50. Und mit der Ziffer ist selbstverständlich die Länge in Fuß gemeint!

Bevor wir ablegen – es soll vors Cap Ferrat gehen –, ist noch Zeit für einen kleinen Rundgang. "Ein Freund von mir, Werftbesitzer aus San Remo, hatte das Boot am Kai liegen", erklärt Killian die Historie der "Tertia". "Sie war in einem schlechten Zustand, hatte aber einen guten Preis", schmunzelt er, der zuvor bereits schon Boote mit 17 und 18 Meter Länge besessen hatte und derzeit als Spaßboot auch noch eine Expression 21 fährt.

"Das Gute an der Grand Banks ist aber ihr riesiger Salon mit der offenen Küche."

Was an Land seit einigen Jahren en vogue ist, wurde hier schon 1972 eingebaut. Der Salon ist dabei unverkennbar das Familienzimmer: Die Spielsachen der kleinen Lisa liegen neben denen des älteren Sohns, dazwischen die Geschäftspost von Killian, Zeitschriften seiner Freundin Lilly. Das Ruderhaus dient derzeit als provisorische Wickelstation; unter Deck besitzt Sohn Timo eine Kabine, die Eignersuite bewohnt der Rest der Familie, eine weitere ist für Gäste reserviert.

"Seit neun Jahren wohne ich an Bord, zunächst nur mit meinem Sohn, dann kamen Lilly und Lisa hinzu", sagt Killian mit einem stolzen Lächeln.

Er mietet noch ein Apartment in erster Hafenlage, das er aber fast nie benutzt. "Nur wenn das Wetter richtig schlecht ist oder wir das Boot zur Formel 1 an Gäste verchartern." Dass die Kinder über Bord gehen könnten, davor hat er keine Angst. "Dem Timo ist nichts passiert, und auch die Kleine ist sehr vorsichtig."

Netze wird er demnächst trotzdem spannen, und Schwimmwesten in Kleinstgröße liegen sowieso an Bord. Wir
legen ab. Routiniert verlässt Killian den Liegeplatz, den er bereits zusammen mit seinem vorigen Boot übernommen hat und den er wahrscheinlich vererben wird.

"Die Warteliste ist enorm lang", sagt er. Durch die lange Mietzeit habe er zudem keine allzu hohen laufenden Kosten.

Es geht nun vorbei an vielen Megayachten, die selbst am Sonntagmittag vollkommen unbelebt erscheinen; lediglich auf einer feiern ein paar Männer, noch oder schon ordentlich beschwipst. "Wahrscheinlich Engländer", kommentiert Killian mit seiner gastronomischen Expertise und steuert die Ausfahrt des Fürstentums an. Linker Hand wird derzeit Monacos neuer Stadtteil im Meer aufgeschüttet, rechts fliegen die Hubschrauber am Heliport gerade im Minutentakt ein. Später werden wir erfahren, dass Charlotte Casiraghi an diesem Wochenende ihre Hochzeit gefeiert hat. Mit acht Knoten cruisen wir nun an den schönen Orten der Côte d’Azur – Cap d’Ail, Eze-sur-Mer und Beaulieu-sur-Mer – entlang, und das Gespräch steuert erneut auf Killians Berufsleben zu.

Ob auch Fürst Albert manchmal zu ihm komme, frage ich. "Ein Bild von ihm haben wir ja permanent hängen", lacht er. "Aber klar, er kommt ab und an, wird vorher angekündigt und bringt seine Security mit. Der Fürst ist sehr volksnah." Zu den anderen Prominenten, die bei ihm einkehren, gehören aktuell aber vor allem ehemalige Rennfahrer. Es fallen nun Namen wie Coulthard, Rosberg, Leclerc, Hülkenberg, aber auch Schumacher. "Der Michael", sagt Killian und macht eine kleine Pause, "der Michael hat bei mir seinen Geburtstag gefeiert. Er wollte nur ein paar Würstchen gegrillt haben, nichts Großes.

Als ich dann das Barbecue begann, kam allerdings recht zügig die Polizei." Man hätte sich in der Nachbarschaft, so die Beamten, über die Rauchentwicklung beschwert. Als Killian ihnen von seinem prominenten Gast erzählt, winken sie ab – prominent sei in Monaco doch fast jeder. "Der Ärger", so Killian, "hielt sich allerdings in Grenzen. Die Strafe betrug lediglich 52 Franc. Ich zahlte sofort und grillte weiter. Die Polizei fuhr davon und kam nicht wieder." 

 

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der September-Ausgabe 2019 von BOOTE. Hier erhältlich.

Marcus Krall am 23.02.2020