Riva Riva

Reportage

Rendezvous der Rivas

Jan Jepsen am 26.02.2020

Ein „Hafengeburtstag“ der anderen Art: Der Riva Club Deutschland wird zwanzig. Ein Treffen der Schönen und Schnellen im Hamburger Hafen

Das hätte dem Maestro bestimmt gefallen, gut sogar. Seine edlen, ja verehrten Boote auf der ehrlichen Elbe. Mitten im Hamburger Hafen, zwischen Containerschiffen, Schleppern, Barkassen, Schubverbänden und Arbeitsbooten.

Denn Carlo Riva selbst hatte immer betont, man solle seine Boote fahren, statt sie zu schonen. Und zwar nicht nur auf den oberitalienischen Seen an lauen Sommerabenden bei spiegelglattem Wasser, wo die einzigen Wellen im Champagnerglas entstehen.

Nein, der Maestro wollte keinesfalls, dass seine Kunstwerke wie Garagengold behandelt würden, Bootsgaragengold.

Oder in den Designmuseen dieser Welt wie Schneewittchen im Glassarg vor sich hindämmern. Das alles weiß man wohl beim Riva Club Deutschland. Pro Jahr organisiert der Verein eine gemeinsame Ausfahrt. Zum einen aus Liebhaberei, zum anderen mit dem Selbstverständnis von Kulturbeauftragten – die das Erbe Rivas schätzen und wahren.

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Wie Jünger, die seine Kunst in edelster Vollendung staunender Öffentlichkeit vorführen.

Ein Hobby auf hohem Niveau. Wo die schwimmenden Grazien auftauchen, wird sofort das Smartphone für ein Erinnerungsfoto gezückt. Form follows fun, heißt es. Aber ob alles so funktional an den Booten ist – geschenkt. Dafür sind sie schön und schnell – und längst legendär.

Es gibt wohl wenige Marken, deren Glamourfaktor das Bling-Bling der Chrombeschläge oder das Glitzern des perfekt lackierten Mahagonis noch übertrifft. Die Liste der Riva-Eigner liest sich wie ein Who’s who des internationalen Jet­sets einer vergangenen Epoche: Brigitte Bardot, Sophia Loren, Richard Burton, Sean Connery, Gunter Sachs.

The rich, the beautiful, the famous.

Eine bessere PR hätte sich Carlo Riva, der Perfektionist, für seine Boote kaum erträumen können. Seine makellosen, bis ins Detail durchdachten Entwürfe waren zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren Lieblingsspielzeug dieser betuchten Klientel – und viele halten ihnen auch heute die Treue. So gesehen ein wenig schade, dass George Clooney, der eine Riva am Steg seines Sommerhauses am Comer See liegen hat, nicht als Ehrengast des Clubs zum Treffen hinterm Deich am Zollenspieker Yachtclub gekommen ist.

"Hallo, ich heiße Konrad", nimmt mich der Präsident in Empfang. Konrad Börries aus Berlin. Ihm gehört eine Riva Tritone, die huckepack auf einem alten MagirusDeutz angereist ist, der eigens dafür umgebaut und verlängert werden musste. Allemal ein Eyecatcher: Eine Riva auf einem alten Laster. Ein originelles, irgendwie ungleiches Gespann, als würde eine Prinzessin statt in feinem Vierspänner auf dem Ochsenkarren vorfahren – und dabei trotzdem eine gute Figur machen.

"Insgesamt werden wir dieses Jahr sieben Schiffe sein", sagt Konrad Börries.

Eine kleine, aber feine Runde. "Und wieso in Hamburg, in Vierlande hinterm Deich? Macht die neue Elbphilharmonie den Unterschied?" Nein, nein, Börries winkt ab. Der Grund ist viel einfacher: Denn genau hier wurde der Riva Club Deutschland vor zwanzig Jahren gegründet – in der Hansestadt, ganz nach dem Vorbild der Schweden, Italiener und Niederländer, die alle schon über eigene Clubs verfügten. Auch in Deutschland fanden sich schnell genügend Mitglieder, knapp 140 sind es inzwischen, wobei nicht jeder dieser Enthusiasten auch selbst eine Riva besitzt.

Zwei Boote sind extra aus Holland angereist: Eine davon sogar mit royaler Abstammung: "La Grande Bellezza". Der jetzige Eigner hat sie dem Königshaus abgekauft. Dazu kommen zwei Rivas aus Berlin, zwei aus Hamburg, und "Eliza", eine Super Ariston, hat ihre Heimat in Mannheim. Sie steht noch im Stau auf der A7 und schwitzt, während alle anderen Gäste schon im Wasser liegen. Im inzwischen ziemlich knappen Wasser, sollte man sagen.

Der Kranfahrer muss wohl oder übel Überstunden machen und warten: Denn durch die Verzögerung hat die Tide den Zeitplan fürs Kranen weiter durchkreuzt. Und dass man eine Riva bei Niedrigwasser einfach in den Modder eines trockenfallenden Hafenbeckens einsetzt, hätte wohl selbst Carlo Riva missfallen ...

Abends dann ein erstes Treffen am Grillbuffet des Zollenspieker Fährhauses. Fein, das schon. Aber ver­snobt – und da hätten wir das ewige Klischee – ist dann doch etwas ganz anderes. Der Präsident fragt in die Runde der Angereisten, ob es okay sei, wenn der Reporter auf den zwei geplanten Ausfahrten dabei sein könne. Kein Problem! Hens aus Holland hat noch die gesamte Rückbank frei.

Tags darauf werden unten im Hafenbecken nach dem Skipperbriefing die ersten Motoren angeworfen. Bei diesem polyphonen V8-Konzert ist die Elbphilharmonie das passende Ziel. Und es erinnert an das Harley-DavidsonTreffen, das an diesem Wochenende ebenfalls hier stattfindet.

Auf dem Wasser mit von der Partie sind das legendäre Flaggschiff der Werft, die Riva Aquarama, zwei Tritone mit stilisiertem Dreizack im Cockpit, eine Ariston, eine Super Ariston mit einem Chris-Craft-V8-Motor mit 350 PS und zwei Floridas. Das Modell Olympic ist vorsichtshalber in der Heimat am Iseosee geblieben, jenseits der Alpen.

Mitglieder dürfen ohnehin auch ohne Boot zu den Treffen kommen und mitfahren, wo Platz ist. Wie bereits erwähnt, muss man ja noch nicht mal selbst ein Exemplar besitzen, um dem Club beizutreten. Begeisterung plus Beitrag langt vollkommen.

Die erste Ausfahrt geht in halber Gleitfahrt elbabwärts, Richtung Stadt. Und wie bestellt, oder weil es die südländische Herkunft der Boote verlangt, macht auch die Sonne ihre Aufwartung. Wie stolze Bräute ziehen sie ihre weißen Schleppen durchs Wasser. Ein erhebender Anblick – buchstäblich.

Hinterm Deich fliegen die Reetdachhäuser und Windräder an uns vorbei. Irgendwie habe ich Wagners "Walküre" im Ohr. Da wird klar, warum man sich nicht in Blankenese trifft: Auf dem flachen Wasser der Elbe oberhalb Hamburgs gibt es keine Geschwindigkeitsbegrenzung!

Wenn Rivas noch etwas können außer fare una bella figura – eine gute Figur machen – dann ist es Geschwindigkeit: Je nach Modell pendeln die Tachonadeln zwischen 70 und 80 km/h.

Nur mit den Heckwellen der anderen muss man aufpassen, sonst kann es plötzlich sehr nass werden. Kurz danach wandelt sich die Idylle von Vierlanden und wird zu Industriehafen-Romantik. Ein Anblick mit Seltenheitswert: Die Rivas zwischen Raffinerien und Con­tainer­riesen. Unter der Köhlbrandbrücke hindurch fädeln sich die filigranen Boote in den regen Schiffsverkehr der Unterelbe ein. An Backbord Fisch­markt und Landungsbrücken, an Steuerbord die Trockendocks von Blohm + Voss. Und genau voraus die neue Elbphilharmonie.

Hamburg erweist sich als würdige Bühne für das Schaulaufen der Schönen. Die Bedingungen an diesem Tag sind wie gemacht: wenig Wind, Hochwasser und nur mäßig kabbelig, selbst hier, zwischen Spundwänden und Kaimauern. Die Boote lieben das flache Wasser ihrer Kinderstube auf den ober­italienischen Seen. Flüsse mit Gezeiten und Nordseeanbindung ist nicht ihr natürliches Habitat. Aber bei diesem Geburtstagswetter nehmen sie es gelassen. 

Hinter dem City Sporthafen biegt die Flotte in den Kehrwiederfleet und damit in die Speicherstadt. Auf den Brücken über uns werden die Köpfe gedreht. Ein Filmteam unterbricht seinen Dreh und lässt die Schauspieler wie Komparsen stehen, als unter ihnen sieben echte Diven vorbeiziehen und in den Nikolaifleet einbiegen. Eine schöner als die andere. Mittagspause dann am Sandtorkai, Hamburgs ältester Kaimauer. Heute ist hier der Traditionsschiffhafen der Stiftung Hamburg Maritim beheimatet. Und selbst in diesem Umfeld stehlen die Rivas an diesem Tag allen anderen die Show.

Nach der obligaten Besichtigung der Elphi geht es zurück in die Marschlandschaft elbaufwärts. Statt wieder die Süderelbe zu nehmen, bleiben wir diesmal auf der Nor­der­elbe und passieren die Elbbrücken. Die Flottille löst sich auf dem Heimweg auf. Manche Eigner genießen es, bei ihren Rivas die Zügel locker zu lassen, nachdem man im Hafengebiet zu "schlappen" zwölf Knoten Marschfahrt verdammt war. Kaum im Hafen, werden die Boote blank gewienert. Als Anlegeschluck werden Schaumwein und Gin Tonic ausgeschenkt.

Tags drauf steht Lauenburg auf dem Programm, es geht also elbaufwärts mit einem anschließendem Besuch im schönen Elbschifffahrtsmuseum, den allerdings nur ein kleiner Teil der Rivaisten wahrnimmt. Wie lärmend und mühselig sich damals die geradezu urzeitlichen Kettenschlepper mit mehreren Kähnen hintendran die Elbe hochquälten, ist allerdings schon weit von der Leichtigkeit der vergangenen Tage entfernt.

Statt Kaffee tranken die armen Elbschiffer sogenannte Arschbackenbrühe, um aufrecht zu bleiben – ein Gebräu aus gerösteten Gerstenkörnern. Doch man kann sicher sein, dass Carlo Riva, als Handwerker und Bootsbaumeister von besonderen Gnaden, sich garantiert selbst dafür interessiert hätte.

Diesen Artikel finden Sie in der Februar-Ausgabe 2020 von BOOTE. Hier erhältlich.

Jan Jepsen am 26.02.2020