SAR-Hubschrauber der Coastguard SAR-Hubschrauber der Coastguard
Reportagen

Rettungsübung mit dem Hubschrauber

Christian Tiedt am 12.08.2011

Seilschaft auf See: Auf dem Solent in Südengland waren wir dabei, als die britische Coastguard SAR-Übungen mit der Sportschifffahrt durchführte.

SAR-Hubschrauber der Coastguard

Da muss jeder Handgriff sitzen: Rettungsübung mit einem SAR-Hubschrauber der britischen Coastguard im Solent.

Da kommt er, ich kann ihn sehen!“ Mit ausgestrecktem Arm zeigt Marc auf den kleinen Punkt am blauen Himmel achteraus. Jeder an Bord dreht den Kopf. In weitem Bogen zieht der Helikopter über das Wasser und schwenkt dann langsam auf gleichem Kurs ein.

Fotostrecke: Übung mit dem SAR-Hubschrauber

Hören kann man ihn noch nicht; der Fahrtwind und die beiden 350 PS starken Diesel der „Rolling Swiss II“ übertönen alles. Mit 15 Knoten pflügt die Motoryacht durch den Solent. Der Bug zeigt auf die schroffen Kreideklippen der Needles, die sich wie ein schartiges Sägeblatt von der Westspitze der Isle of Wight in den Ärmelkanal hinausschieben.

Über unserem breiten Kielwasser schließt der Helikopter auf. Die rote Bugnase ist jetzt deutlich zu erkennen, ebenso die Sonnenreflexe auf der Windschutzscheibe. Da knackt es im Lautsprecher des UKW-Funkgerätes am Steuerstand: „Rolling Swiss, Rolling Swiss! This is Coastguard Rescue. Keep your speed and heading.“ Verstanden! Kurs und Geschwindigkeit beibehalten! Jetzt wird es gleich losgehen.

Was wie ein echter Rettungseinsatz wirkt, ist zum Glück nur eine Übung für die Besatzung in der Luft – und natürlich auch für uns auf dem Wasser: Wir sind an Bord der „Rolling Swiss II“, einer 13,30 m langen Trader 42. Der Halbgleiter gehört dem CCS – dem Cruising Club der Schweiz – und wird seit diesem Sommer als Ausbildungs- und Fahrtenyacht der Motorbootabteilung eingesetzt. Zu Saisonbeginn war die „Rolling Swiss II“ in Südengland unterwegs, wo auch wir für einen Übungstörn an Bord gingen (die Reportage darüber folgt in der nächsten BOOTE-Ausgabe).

Der Helikopter hat jetzt fast zu uns aufgeschlossen. Immer lauter wird das Dröhnen des Rotors, sein „Downwash“ (so wird der Abwind bezeichnet) peitscht die Wasseroberfläche an Backbord achteraus zu weißem Schaum.
Wir sind (für unsere Verhältnisse) schnell unterwegs. Diese Anweisung hatte der Pilot, genau wie den zu steuernden Kurs, schon vor dem Sichtkontakt durchgegeben. H

ubschrauber lassen sich leichter manövrieren , wenn Gegenwind über den Rotor streicht. Da es heute jedoch fast windstill ist, müssen wir eben zusätzlich für den nötigen Fahrtwind sorgen. Während Philippe am Steuer den Blick nur nach vorn richtet, behalten die anderen den Hubschrauber im Auge. Die Tür an seiner Steuerbordseite ist geöffnet, der Mann an der Winsch winkt uns zu.

Die Höhe des Agusta Westland 139 entspricht jetzt kaum noch der Bootslänge unserer Trader 42. Ein weiteres Besatzungsmitglied tritt in die Tür, wird an der Winsch eingeklinkt und hängt kurz darauf schon am Stahlseil unter dem Bauch des Helikopters. Schritt für Schritt wird er abgefiert.

Wie die meisten Länder mit Küstenlinie, betreibt auch Großbritannien SAR-Hubschrauber. Dort gehören die fliegenden Search-and-Rescue-Einheiten zur Küstenwache, zur Air Force oder zur Royal Navy, die eine Reihe von Stützpunkten im ganzen Land unterhalten. Die modernen, mittelgroßen Coastguard-Hubschrauber vom Typ AW 139, eine englisch-italienische Koproduktion, sind knapp 14 m lang, mit zwei 1500-PS-Triebwerken rund 300 km/h schnell und überall auf der Welt in Rettungs- und Transportrollen im Einsatz.

Um im Training zu bleiben, können bei den SAR-Übungen der Coastguard auch immer wieder Sportboote einbezogen werden, wenn es Einsatzsituation und Verhältnisse zulassen, wie die „Rolling Swiss II“ an diesem Tag. Natürlich ist die Teilnahme freiwillig – aber welcher Skipper lässt sich diese Erfahrung schon entgehen?

Was uns an diesem Nachmittag bevorsteht, wird in der Rettungssprache „High-Line“-Manöver genannt; also das Absetzen oder Abbergen einer Person von Deck mit dem Winschseil des Helikopters. Der genaue Ablauf wird der Bootscrew in der Regel vor Beginn des Anfluges durch die SAR-Besatzung mitgeteilt. Das kann über Funk passieren (bei einem Notfall auf UKW-Kanal 16), mittels Tafeln oder Lautsprecher.

In unserem Fall werden wir die weiteren Schritte direkt an Bord erklärt bekommen – von dem Coastguard-Mann im orangen Overall, der dicht über der Wasseroberfläche am Seil auf uns zuschwebt und wenige Augenblicke später mit einem beherzten Griff an die Reling auf das Achterdeck der „Rolling Swiss II“ klettert. Er hakt sich aus, schleudert den Haken weit nach achtern und gibt dem Piloten das eindeutige Signal „Daumen hoch“. Der rot-weiße Coastguard-Heli dreht erstmal ab.

Unter dem knallgelben Helm mit dem Sonnenschutzvisier kommt ein Gesicht hervor, das trotz der unkonventionellen Art an Bord zu kommen vor allem eines ausdrückt: Ruhe. Mit wenigen routinierten Blicken hat der Rettungsflieger die Situation an Bord abgecheckt: keine Panik, keine Verletzten in Sicht. Gut! Dann werden einmal ringsum zur Begrüßung die Hände geschüttelt.

Während sich der Helikopter abseits hält, werden wir nun in Englisch auf das „High-Line“-Manöver vorbereitet. Mit der Krankentrage soll das Abbergen einer Person simuliert werden. Ob wir alles verstanden haben? Konzentriertes Nicken. Unsere Hände stecken schon in Arbeitshandschuhen.

Mit unserem Funkgerät ruft der SAR-Mann den Helikopter zurück, der schon bald wieder leicht nach achtern und Backbord versetzt über uns fliegt. Nur was direkt ins Ohr gesprochen wird, ist jetzt noch zu verstehen. Immer noch läuft die „Rolling Swiss II“ mit 15 Knoten Fahrt nach Westen auf die Needles zu.

Mit einem Ballastbeutel beschwert, wird nun die „High Line“ zu uns herabgelassen. Sie wird während der nächsten Minuten die „Nabelschnur“ zwischen Heli und Boot und darf auf keinen Fall festgemacht werden oder sich verhaken; stattdessen wird sie sauber an Deck aufgeschossen. Nun folgt die Trage selbst. Mit der „High Line“ wird sie zum Boot gezogen, während der Mann oben an der Winsch langsam, aber stetig Lose gibt.

Mit der Trage an Bord wäre es jetzt an der Zeit für den Verletzten „einzusteigen“. Sie bleibt leer, zum Glück. Dafür hängt sich unser „Besucher“ jetzt selbst wieder an den Haken, klettert auf die Reling, stößt sich ab und ist schon mit der Trage zusammen auf dem Weg nach oben. Um seine Pendelbewegungen zu minimieren, hält einer von uns die „High Line“ straff und lässt sie dabei gleichmäßig durch die Hände wandern. Schlinge um Schlinge verschwindet von Deck, bis er schließlich nur noch den Ballastbeutel in der Hand hält.

Jetzt gibt der Mann an der Winsch „Daumen hoch“ – und das Ende der Leine steigt nach oben. Der Heli kippt zur Seite und fliegt in einem langgezogenen Bogen davon, bis er bald nur noch ein kleiner Punkt über dem Solent ist. 

Christian Tiedt am 12.08.2011