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Szene-Report

Corona-Rückblick

Gernot Apfelstedt, Johannes Erdmann, Jill Grigoleit, Ralf Marquard, Christian Tiedt am 22.03.2021

Das Jahr, als alles anders war: Die Corona-Pandemie traf im März 2020 auch die Wassersportbranche völlig überraschend – und brachte ungeahnte Herausforderungen mit sich. Ein Rückblick

Eigentlich schien im Februar vergangenen Jahres alles wie immer zu sein. Noch regte sich nichts unter den Winterplanen in den Häfen. Doch die Ruhe war trügerisch, denn eine heimtückische Welle näherte sich mit rasender Geschwindigkeit: SARS-CoV-2, eine neue und ungleich gefährlichere Variante des Coronavirus. Mit der einer Naturkatastrophe eigenen Unerbittlichkeit überrollte die Pandemie eine völlig überraschte Gesellschaft, drang in jeden Winkel und veränderte nahezu alle Aspekte des täglichen Lebens. Auch die Bootsbranche, von Berufswegen zwar mit echten Stürmen befasst, sah sich wie viele andere Wirtschaftszweige vor noch nie da gewesene Herausforderungen gestellt. Um im Bild zu bleiben: Man schwamm noch – aber das Wasser unter Deck stieg weiter. Auch staatliche Hilfen konnten keine Kontaktsperren umgehen oder zerbrochene Lieferketten reparieren. Und so wurden die kommenden Wochen und Monate zu einer Zeit völlig neuer Erfahrungen, die oft genug auf die harte Tour gemacht wurden. Mit Einsatz und Einfallsreichtum suchten alle Betroffenen nach Lösungen für kleine und große Probleme, vom Hygienekonzept für Kunden und Mitarbeiter bis hin zur virtuellen Ausstellungshalle. Viel wurde dazugelernt. Und auch wenn das Virus heute, zwölf Monate später, noch immer nicht Geschichte ist, wäre man jetzt zumindest auf eine nächste Welle vorbereitet. Auf den folgenden Seiten schildern Beteiligte aus allen Bereichen der Branche, wie sie 2020 erlebt haben – unser Rückblick auf das Jahr, als alles anders war.

Werften

HanseYachts AG

Regelrechter Run
Erfolgreich auf virtuelle Messen und Privatshows umgestellt 

Corona

Jens Gerhardt mit entsprechender Schutzmaske auf
dem Firmengelände in Greifswald

Die besondere Heraus­­forderung für die deutschen Werften waren die lückenhaften oder sogar fehlenden Lieferketten. Ein Interview mit Dr. Jens Gerhardt, CEO von der HanseYachts AG (Fjord und Sealine) zur Corona-Pandemie.

BOOTE: Was war für Sie die größte Herausforderung?

Dr. Jens Gerhardt: Die Herausforderung bestand darin, die Mitarbeiter bestmöglich zu schützen und gleichzeitig die Produktion aufrechtzuerhalten. Stockende Materialflüsse und fehlende Mitarbeiter aufgrund der staatlichen Schutzmaßnahmen wie Grenzschließungen und Quarantänebestimmungen hatten zudem erhöhte Produktionskosten zur Folge.

BOOTE: Mit welchen negativen Auswirkungen waren Sie konfrontiert ?

Gerhardt: Zu den bereits oben genannten Auswirkungen kam natürlich noch der Ausfall fast aller Bootsmessen weltweit, die zum Teil schon in der fortgeschrittenen Planung von uns waren. Wir haben aber erfolgreich auf virtuelle Messen umgestellt. Auch Presse-Veranstaltungen und Foto-Shootings für unsere neuen Boote waren nur sehr eingeschränkt möglich.

BOOTE: Gab es auch positive Aspekte?

Gerhardt: Durch unsere schnell umgesetzten Eigenmaßnahmen, zu denen die strikte Abschottung der Produktionsbereiche und ein stark auf­gestocktes Materiallager gehören, konnten wir durchgehend produ­zieren und auch weiter neue Modelle entwickeln. Seit dem Sommer verzeichnen wir markenübergreifend
einen regelrechten Run auf unsere Yachten, sodass wir bis zum kommenden Sommer ausverkauft sind.

BOOTE: Auf welchen Messen werden Sie 2021 ausstellen?

Gerhardt: Wir werden auf allen Messen ausstellen, die in diesem Jahr stattfinden dürfen, und hoffen, dass spätestens in Palma der Startschuss für eine gelungene Messesaison fällt.

Wie viele andere Firmen stellte auch HanseYachts AG auf Homeoffice um. So hat der CEO Dr. Jens Gerhardt nicht nur ein Büro auf dem Firmengelände in Greifswald, sondern auch im heimischen Norderstedt. Von dort
erledigt er etwa 60 bis 70 Prozent seiner Auf­gaben. Auch die Marketing- und die Verkaufsabteilung arbeiten viel im Homeoffice. Bei der Prototypabteilung und vor allem in der Produktion sind diese Möglichkeiten nicht gegeben. Ein gut angelegtes Hygienekonzept sollte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bestmöglich vor Covid-19 schützen. Trotz all dieser Maßnahmen kam es im Herbst 2020 dennoch zu einem Ausbruch. Dazu die Pressemitteilung: "Im November war HanseYachts AG erstmals von einem Corona-Ausbruch am Hauptstandort in Greifswald betroffen, der bis Ende November durch umfang­reiche Quarantäne-Maßnahmen ganzer Abteilungen eingedämmt werden konnte." Und wie hält die HanseYachts AG den Kontakt zu den Händlern? "Das findet momentan ausschließlich di­gital statt, ich besuche keine der Händler mehr persönlich und bin zu 90 Prozent im Homeoffice. Unsere letzten Händlertagungen haben wir auch virtuell abgehalten, so konnten wir beispielsweise am 24. Februar 156 Motorboot-Teilnehmer erreichen", so Sales Director Maxim Neumann. 

Bavaria Yachts

Die ausgefallenen Messen sind ärgerlich

"Während des ersten Lockdowns in Europa sank von März bis Juni 2020 der Auftragseingang zügig auf null. Das war natürlich ein Schock. Aber ab Mitte Juni nahmen die Auftragseingänge wieder verstärkt zu. Ab Juli ging die Zahl steil nach oben. Fast schon ein Boom. Wir haben dann unsere Produktionsplanung angepasst. Seit September 2020 läuft die Produktion wieder auf Maximum. Wir sind als Werft für das laufende Geschäftsjahr 2020/21 ,fast‘ ausverkauft. Im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 war natürlich die Aufrechterhaltung der Lieferketten eine große Herausforderung. Durch die teilweise Schließung der Grenzen und ganzer Produktion von Lieferanten hat unser Einkauf alle logistischen Möglichkeiten ausgeschöpft, um alles, was wir zur Produktion brauchten, nach Giebelstadt zu schaffen. Die vielen ausgefallenen Messen und wegen der Reisebeschränkungen mangelnden Möglichkeiten, unseren Kunden unsere neuen Boote wie die Bavaria SR41 und Bavaria Vida 33 vorzustellen, sind schon wirklich negative Auswirkungen. Und selbst in der Werft ist die Kommunikation unter den Mitarbeitern anders als vorher. Viele sind im Homeoffice", berichtet Michael Müller (CEO).

Hellwig Bootsmanufaktur

Zwei neue Modelle

Die größten Herausforderungen waren "coronakonforme Produktionsbedingungen, Materialbeschaffung (Lieferanten im Lockdown – Spediteure, die nicht fahren), Kunden "bei der Stange halten", Mitarbeiter nicht in die Kurzarbeit schicken müssen, ungewöhnlich hohe Preiserhöhungen (Materialeinkauf), Lieferanten, die einfach nicht mehr da sind, lange Lieferzeiten, Mitarbeiter in Quarantäne, generell höherer Krankenstand in der Produktion. Wir haben die Zeit genutzt, um unsere Produktion umzubauen. Büros und Lager wurden renoviert, zwei neue Bootsmodelle entworfen", so Michael Hammermeister (Geschäftsführer).

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Gernot Apfelstedt, Johannes Erdmann, Jill Grigoleit, Ralf Marquard, Christian Tiedt am 22.03.2021
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