Hausboot vs. Stahlyacht Hausboot vs. Stahlyacht
Reportagen

Trend-Vergleich: Hausboot vs. Stahlyacht

Torsten Moench am 16.11.2013

Hausboote liegen im Trend: Immer mehr Familien zieht es zum „fahrenden Heim auf Zeit“ statt auf die klassische Charteryacht. Doch warum eigentlich?

Hausboot vs. Stahlyacht

Hausboot vs. Stahlyacht: zwei Trends im Vergleich

Fotostrecke: Vergleich: Hausboot vs. Stahlyacht

Zum Selbstverständnis eines Wassersportlers gehörte bisher, dass sein schwimmender Untersatz entsprechend maritim daherkommt. Hochgezogener Bug, armdicke Scheuerleisten und traditionelle Teakdecks sollen Freunden und zufälligen Zaungästen von vornherein klarmachen: Hier kommt ein Schiff, und wer hinterm Steuerrad sitzt, ist per se ein Kapitän.

Seit Kurzem scheint es nun eine neue Klientel zu geben, der solcher "Standesdünkel" fremd ist. Schlimmer noch: Sie outet sich sogar gern als "Süßwasser-Matrosen" und zeigt das weithin sichtbar durch ihre oft bunt bemalten Miethausboote auf Seen und Flüssen quer durch die Republik. Was in England, Frankreich oder den Niederlanden keine Besonderheit ist, scheint sich nun ebenso in Deutschland zu etablieren, wenn auch in leicht modifizierter Form. Insbesondere Charteranbieter verzeichnen ein gestiegenes Interesse an dieser Art des Wassertourismus. Doch was steckt hinter dem "Trend zum Hausboot"? Wir gingen der Frage nach und verglichen ein traditionelles 13-m-Stahlboot mit einem etwa gleich großen Hausboot im Charterbetrieb.

Ausgangspunkt unserer mehrtägigen Reise war die Marina Brandenburg-Plaue, in der auch die Firma Brauckmann-Boote, eine der größten Charter- und Gebrauchtboot-Anbieterinnen der Region, ihren Sitz hat. Neben Hausbooten des Typs Bunbo von Aquare-Charter kann man hier auch "normale" Charterboote wie unsere Passion Classic 12.60 Premium von Bootscharter Brandenburg mieten.

Zu den Booten

Vor Ort angekommen, galt unser erster neugieriger Blick dem Hausboot, einem Bunbo 11.60. Obwohl nominell rund einen Meter kürzer als der stählerne Kontrahent Passion 12.60, überraschte das Bunbo (Bungalow-Boot) mit üppigem Platzangebot. Neben der rund 13 qm großen teilüberdachten Terrasse, auf der sich auch der hölzerne Steuerstand befindet, bietet das Boot zwei Schlafräume mit herkömmlichen Doppelbetten, ein "Badezimmer" mit Dusche und WC sowie den etwa 10 qm großen "Wohn- und Speisebereich" mit komplett ausgestatteter Küchenzeile inklusive Gasherd und Holzofen zum gemütlichen Heizen.

Warum die hausbezogenen Begrifflichkeiten? Nun, maritimes Flair mag auf dem Bunbo einfach nicht aufkommen. Wer am Ikea-Esstisch sitzt und sich umschaut, fühlt sich mehr an ein skandinavisches Ferienhaus denn an ein Boot erinnert. Genau das ist es aber, was den Charme der "schwimmenden Gartenlaube" ausmacht. Manchen Urlaubern erscheinen nun mal Bollerofen und Kiefernmöbel vertrauter und heimeliger als kardanisch aufgehängte Wallas-Kocher und Teakhandläufe an Bord.

Lässt man seinen maritimen Anspruch beiseite, stellt sich auf dem Bunbo schon nach wenigen Minuten der berühmte Wohlfühleffekt ein. Nichts, was man nicht von zu Hause oder aus dem Ikea-Katalog kennt, stellt sich dem unerfah-renen Bootsneuling in den Weg. Ausschweifende Erklärungen zur Steuer-standinstrumentierung kann sich der Einweiser des Charterunternehmens und Aquare-Chef Günter Großmann ebenso ersparen wie den auf Booten obligatorischen Blick in die Bilge oder aufs Bordnetzpaneel. Das Bunbo ist aufgrund der simplen Machart schlichtweg selbsterklärend. Hinzu kommt, dass sich das Leben auf ihm auf nur einer Ebene abspielt. Treppen oder Niedergänge, insbesondere für kleine Kinder und ältere Bootsleute oft ein Problem, gibt es auf dem Hausboot nicht.

Für eine ausgeglichene Energiebilanz kommen als Beleuchtung ausschließlich Strom sparende LED-Lampen zum Einsatz, die 120-Ah-Bordnetzbatterie wird über ein Solarmodul permanent nachgeladen, sodass auch mehrtägige Ankerbuchtaufenthalte kein Problem darstellen. Apropos Ankern: Neben dem Standardanker verfügt das Bungalow-Boot über zwei sogenannte Ankerpfähle. Sie ermöglichen es, das Boot in seichtem Wasser bis etwa einen Meter Tiefe exakt so auszurichten, wie man gern liegen möchte. Beachtung von Schwoikreisen und nächtliche Bootsbewegungen gehören damit der Vergangenheit an.

Einzig der Fahrstand mit Drehzahlmesser und Echolot sowie der am Heck leise vor sich hinsäuselnde 20-PS-Honda-Außenbordmotor weisen den Urlauber darauf hin, dass sein Ferienhaus nebenbei auch noch ein Sportboot mit WSA-Kennzeichen ist.

Anders die Einführungsrunde auf der Passion 12.60 Premium. Schon der Weg über die rutschhemmend beschichtete Badeplattform über das großzügige Achterdeck in den holzvertäfelten Salon zeigt uns: Dies ist ein Charterboot, wie es im Buche steht. Das massive Schiebeschott am Niedergang, das vergleichsweise große Edelstahlsteuerrad und nicht zuletzt die strahlend weiße Hochglanzlackierung  unterstreichen nachhaltig den schiffigen Charakter unserer "Jonas".

Die Aufteilung ist, wie bei Charterbooten üblich, auf die Belange von zwei Familien ausgelegt. So finden vier Personen in zwei großen Doppelkabinen ausreichend Platz. Eine Nasszelle mit Dusche und WC pro Kabine ist ebenso Standard wie der zweite Steuerstand im beheizbaren Salon, der auch Regen- oder Schlechtwetterfahrten ermöglicht. Die nach oben offene Pantry ist funktionell ausgestattet und bietet ausreichend Arbeits- und Bewegungsflächen. Den Motorraum füllt ein Fünfzylinder-VW-Marine-Diesel mit satten 120 PS, der das Stahlschiff auf maximal 11 kn beschleunigt. Bug- und Heckstrahlruder lassen das 13-m-Boot bei Bedarf auf der Stelle drehen.

Die Komfortausstattung der Passion-Premium-Serie umfasst darüber hinaus ein Fernsehgerät in jeder Kabine, Mikrowelle und einen üppigen 100-l-Kühlschrank plus separater Kühlbox. "Gegessen und gesessen" wird entweder unter Deck in der Dinette oder bei schönem Wetter auf dem überdachbaren Achterdeck. Kurzum: Bootsleute finden auf der Passion 12.60 Premium alles, was sie zum entspannten Urlaubstörn benötigen.

Fahren

Das Ablegen beider Boote geht problemlos vonstatten. Einziger Unterschied: Während das Stahlboot sich bei eingelegtem Gang im Standgas quasi geräuschlos in Bewegung setzt, muss der Hausbootkapitän schon etwas beherzter den Gashebel drücken. Die Leistungs- und Hubraumdifferenz und der vergleichsweise kleine Außenborder-Propeller verlangen nach mehr Drehzahl am Heck des Bungalow-Bootes.

In Fahrt erweist sich das Hausboot gegenüber seinem "Stahlkollegen" als überraschend ebenbürtig. Sowohl bei der Beschleunigung als auch beim Kurswechsel folgt der Alu-Katamaran den Steuer- und Gasbefehlen seines Skippers unmittelbar und erstaunlich leichtfüßig. Auch der befürchtete seitliche Versatz durch Wind oder Strömungen bleibt aus. Das Bunbo fährt bei Reisegeschwindigkeit von etwa fünf Knoten wie an einer unsichtbaren Schnur gezogen stur geradeaus. Lenkkorrekturen, wie bei vielen Monorumpfbooten nötig, bleiben dem Bunbo-Kapitän erspart. Kommentar des Testers: "Das Ding fährt besser, als es aussieht."

Beim Manövrieren auf engstem Raum, wie beispielsweise in Häfen, hat die stählerne Passion 12.60 aufgrund ihrer Bug- und Heckstrahlruder dann allerdings die Nase klar vorn. Während sich das Bunbo nur mit kräftigen Gasstößen von "Vor" auf "Zurück" (und gleichzeitigem Ruderlegen) auf dem Teller drehen lässt, stellt diese Übung für das Stahlboot kein Problem dar. Daumen und Zeigefinger einer Hand genügen, um die 13-m-Yacht auf jeden passenden Liegeplatz zu manövrieren. Doch Obacht: In Rückwärtsfahrt versetzt das breite Heck, typisch für Wellenantriebe, nach Backbord.

Während sich der Skipper auf der Passion 12.60 je nach Wetterlage zwischen dem Innen- und dem Außensteuerstand entscheiden kann, sitzt der Bunbo-Kapitän mehr oder weniger ungeschützt auf seiner halb überdachten Terrasse. Den besseren Rundumblick hat dabei der Passion-Skipper aufgrund der deutlich höheren Sitzposition. Hinzu kommt, dass der Aufbau des Bunbo keinen direkten Blick nach achtern zulässt. Hier
muss der Kapitän sich mit Lkw-Außenspiegeln begnügen.

In puncto Kraftstoffverbrauch bei Reisegeschwindigkeit liegen beide Boote mit etwa 2 l/h (Bunbo Benzin, Passion Diesel) gleichauf. Aufgrund der geringen zulässigen Höchstgeschwindigkeiten in den meisten Charterrevieren spielt dieser Punkt aber ohnehin nurmehr  eine untergeordnete Rolle.

Fassen wir unsere direkten Vergleichs-erfahrungen zusammen, ergibt sich folgendes Bild: Obwohl von vielen Traditionsskippern  als schwimmende "Gartenlauben" verspottet, bieten Hausboote wie das Bungalow-Boot insbesondere Boots-einsteigern die ideale Möglichkeit, sich dem Hobby Bootfahren von der rein praktischen Seite zu nähern. Es ist unproblematisch im Gebrauch und aufgrund seiner "gutmütigen" Fahreigenschaften auch für ungeübte Skipper sicher zu beherrschen.

Hinzu kommt, dass Hausboote sowohl in der Anschaffung als auch im Charterbetrieb deutlich preiswerter sind. So kostet eine Woche Bunbo nur rund die Hälfte einer "normalen" Charterrate. In Zahlen ausgedrückt sieht das so aus: Eine Woche Bunbo schlägt mit rund 1100 Euro zu Buche, die Passion 12.60 Premium kostet im selben Zeitraum knapp das Doppelte.

Das Stahlboot spielt seine Stärken natürlich bei längeren Reisen aus. Es ist, unabhängig vom Wetter, voll nutzbar und insbesondere auf offenen Gewässern – wie beispielsweise die Müritz oder andere größere Seen – die komfortablere Wahl. Wind und Wellen muss auf diesem Boot niemand scheuen. Hinzu kommt der schiffige Charakter und das damit verbundene Image. Aufgrund der Aufteilung liegen die Kabinen der Passion 12.60 weit voneinander entfernt, was der Privatsphäre zugutekommt. Auf dem Hausboot schläft man Tür an Tür.

Langer Rede kurzer Sinn: Für Einsteiger und Gelegenheitswassertouristen ist ein Hausboot eine gute Möglichkeit, sich preiswert auf dem Wasser zu bewegen und erste Eindrücke und Erfahrungen in diesem Metier zu sammeln. Anspruchsvolle Bootsurlauber mit Sinn fürs Maritime greifen zum traditionellen Charterboot – auch wenn man dafür etwas mehr auf den Tisch blättern muss.

Torsten Moench am 16.11.2013