Die fabelhafte Viertelmeile

Gernot Apfelstedt

 · 01.11.2013

Die fabelhafte ViertelmeileFoto: Thorsten Baering
Liquid Quarter Mile auf dem Bodensee

Liquid Quarter Mile: Mit dem Duell über die Distanz von 402 Metern setzt die Interboot seit 2005 mehr als ein publikumsträchtiges Programm-Highlight.

Liquid Quarter Mile auf dem Bodensee
Foto: Thorsten Baering

Die schönsten Dinge im Leben – wer hat diese Erfahrung nicht schon gemacht – ergeben sich rein zufällig. Bei Willi Hänsler steckte einer dieser "Zufälle" in einem Ausflug seines in Kressbronn-Gohren beheimateten Motoryachtclubs Obersee (MYCO) nach Friedrichs-hafen ins Zeppelin-Museum. Es liegt direkt am Hafen, der – es war Interboot-Zeit – ganz im Zeichen der Wassersport-Ausstellung stand.

Für Hänsler, der das Hobby Motorboot nicht nur in seiner Freizeit, sondern als Inhaber einer Bootsmotoren-&-Zubehör-Werkstatt in Neuravensburg auch beruflich lebt, willkommene Gelegenheit, sich an der Hafenmeile umzusehen. Da begegnet ihm Stephen Murkett wieder, den er vor einiger Zeit durch Probleme an dessen doppelmotorisierter Chris-Craft 27 Concept kennengelernt hatte.

Verlagssonderveröffentlichung

Nur, jetzt liegt Murkett nicht mit einem Kajütboot am Steg, sondern mit einer Baja 25 Outlaw, unter der geöffneten Motorhaube blinkt ein Mercury HP 525 EFI. Und Murkett ist nicht allein, sondern Teil eines Päckchens weiterer Bajas und anderer Offshore-Boote. Allesamt mit aufsehenerregendem Dekor und belagert von Menschentrauben, die nicht genug kriegen können von dieser prickelnden Atmosphäre. Die es kaum erwarten können, bis das Signal zum Aufbruch gegeben wird und der Chor der V8-er seinen Blubber-Kanon anstimmt, bevor auf dem Rennkurs vor dem Hafen der unvergleichliche Sound der Motoren zur vollen Entfaltung kommt.

Das Spektakel, das sich seit 2005 während der Interboot täglich zwischen 17 und 19 Uhr (außer Mittwoch und zweiter Messe-Sonntag) vor Tausenden von Zuschauern an der Friedrichshafener Uferpromenade vollzieht, heißt "Liquid Quarter Mile", ein Beschleunigungsrennen Boot gegen Boot über die Distanz einer Viertelmeile (etwa 402 m). Packende Duelle innerhalb von inzwischen elf Bootsklassen, eingeteilt nach PS oder Zugehörigkeit zu besonderen Gruppen, wie Jetski, Oldtimer oder Rennbooten (Superklasse). Am Schluss treten die beiden Schnellsten aller Klassen zum Finallauf um den Tagessieg an.

Dass Stephen Murkett, Porsche-Designer aus Gerlingen bei Stuttgart, von der ersten Stunde an bei der Liquid Quarter Mile mitfährt, hat ebenfalls mit Zufall zu tun. Er hatte von den kühnen Plänen der Messe gelesen und wollte spontan teilnehmen, ohne wirklich zu wissen, was auf ihn zukommt. Doch da war noch ein Problem: Seine "Wild Card" hat keine Bodenseezulassung! "Wir kriegen das hin", erinnert sich Stephen Murkett auf die erlösende Nachricht aus dem Schifffahrtsamt Friedrichshafen, das für die Dauer der Veranstaltung eine vorübergehende Bodensee-Zulassung ausstellte. Murkett und die Liquid Quarter Mile – das zündete sofort.

Zurück bei seinen Kumpels vom Rhein, die meisten aus der Poker-Run-Szene und vernetzt im Forum "Offshoreonly", erzählt er begeistert von seinen Erlebnissen und dem Tanz seiner Baja auf den Bodensee-Wellen – mit einem klaren Fazit: "Ihr müsst unbedingt mitkommen nächstes Jahr."

Das lassen die sich nicht zweimal sagen: Alexander Bollinger (Baja H2X "Sound of Silence", später Pantera SS 28 "Sunset Avenue"), Stefan Brümmel (damals Sonic Sportster 220, heute Aero-Tek 30 "Final Destination"), Klaus Adelmann (Baja 25 Outlaw "Legal Drug"), Marcus Schilling (Aero-Tek 28 Spirit "Bad Influence", später Activator 30 Sport und Cigarette 38 Top Gun), Michael Rauch (Donzi Z 33 Crossbow), Gunther Schwarz (Baja 26 Outlaw), Andreas Preuninger (Baja 272 Performance "Andiamo"), Torsten Rose (ab 2009 mit Baja 272 Boss "Booster"), Markus Schmidt (Baja 275 Performance, jetzt 26 Outlaw), Patrick Hofstetter (2008 Phantom 23, jetzt Baja 24 Outlaw "Pssst..!") und andere mehr kamen in den Folgejahren mit ihren Boliden von über 400 PS bis 1200 PS unter der Haube nach Friedrichshafen und gaben dem Messe-Event die besondere Note.

Der kann sich auch Willi Hänsler nicht entziehen. Was ebenso Folgen hat. "Dass die vom Rhein kommen und zeigen, wie man Boot fährt", packt den Bodensee-Skipper offensichtlich an der Ehre. So beschließt er, von da an selber mitzufahren. 2008 meldet Hänsler sich mit einem Novurania-Festrumpfschlauchboot (5,7-l-OMC-Innenborder, 260 PS) erstmals zum Duell auf der Viertelmeile.

Doch dann schafft er sich sein eigenes Markenzeichen für die Liquid Quarter Mile: die "Orange Fun", eine schlanke Flechter Arrowshaft 25 (7,80 m x 2 m), motorisiert mit einem auf 290 PS getunten 5,7-l-MerCruiser. Ein Bekannter hatte das Teil in einem "sehr schlimmen Zustand" (im Rumpf waren Löcher) bei eBay ersteigert und aufgegeben. Ein Fall für Willi: Er restauriert die Rarität (nur sieben Baunummern) von Grund auf: Boot umgedreht, zwei Lagen Laminat auf den Rumpf, spachteln, schleifen, wieder spachteln und so weiter, dann lackieren – und schließlich der Innenausbau.

Auch dem Motor tut Hänsler Gutes: Er kriegt neue Kolben und eine "gescheite" Nockenwelle. Zur Liquid Quarter Mile 2009 erstrahlt die Fletcher in neuem Glanz. Als "Orange Fun" beschert sie ihrem neuen Eigner seither in der Klasse K5 (201–300 PS) Spitzenplatzierungen. "Die ersten 200 Meter gewinne ich immer", sagt Hänsler. Ab da wird es richtig spannend. Denn dann sind auch die schwereren Offshore-Boote auf Touren gekommen.

Natürlich will Willi Hänsler – wie jeder Teilnehmer – das Optimum aus Boot und Motor herausholen (schon um den am Ufer fasziniert mitfiebernden Zuschauern etwas zu bieten), natürlich freut er sich über neue Bestmarken, aber ums Gewinnen geht es ihm – auch das verbindet ihn mit vielen langjährigen LQM-Teilnehmern – nicht in erster Linie. Viel wichtiger sind ihm Wiedersehen, Gemeinschaft und Austausch mit den anderen Powerboat-Leuten und Schraubern. Gerade mit denen vom Rhein, die ihm mit den Jahren ans Herz gewachsen sind.

Was auf Gegenseitigkeit beruht: "Unser Fremdenführer" nennen die Offshoreonly-Jungs liebevoll ihren Willi, der als Lokalmatador am LQM-freien Mittwoch ("Interboot Night") traditionell für die Zielkoordinaten des gemeinsamen Bootsaufluges zuständig ist. "Willi fällt jedes Mal was Neues ein", sagt Baja-Fan Markus Schmidt, dem ein emotionaler Ausbruch ob eines technischen Problems den Spitznamen "Mr. Dynamite" eingebracht hat. Was aber keinesfalls bedeutet, dass er "mit dem Messer zwischen den Zähnen" fährt. Bei allem sportlichen Ehrgeiz, Tagesbester zu werden – "Sicherheit geht vor".

Solches Verantwortungsbewusstsein passt so gar nicht zu den Klischees und Vorurteilen, die es gemeinhin über Männer mit leistungsstarken Motorbooten gibt. Auch der Gemeinschaftssinn nicht. Den pflegen sie ebenso außerhalb der Liquid Quarter Mile, während der der BMK-Hafen in Langenargen inklusive seiner beiden Hafenmeister Wolfgang Müller und Rolf Krause stets aufs Neue zu einer Art zweiter Heimat wird.

So trifft man sich das ganze Jahr über regelmäßig zu Stammtischen, nimmt an Poker-Run-Veranstaltungen teil, verabredet sich zu gemeinsamen Bootsausflügen, gegen Saisonende zum "Fuel Blow Out" oder auf Weihnachtsmärkten zum "Glühwein Fill-in". Kurz – man lebt das Offshoreonly-Motto: "Gemeinsam starten, gemeinsam fahren, gemeinsam ankommen und nicht zuletzt gemeinsam feiern und Spaß haben!"

Der wohl beliebteste Treffpunkt der Offshoreonly-Clique ist das Reffenthal, ein Rhein-Altarm nördlich von Speyer. Da findet man immer "Reffis", gesellt sich einfach dazu. "Kurz vor der letzten Interboot lagen wir dort zu zwölft im Päckchen", erinnert sich Patrick Hofstetter, dessen Powerboat-Leidenschaft 2006 am Friedrichshafener LQM-Steg von Stephen Murkett & Co. neu entfacht wurde. Gleich darauf meldete er sich beim Offshoreonly-Forum an und ist seither Teil der Szene.

Wie auch Michael Beyrer, der sich aber mit seinem LQM-Debüt Zeit lässt, bis er das "passende Boot" hat. Nein, nicht die Checkmate, mit der er schon eine Weile auf dem Bodensee unterwegs ist – etwas ganz Besonders soll es sein. Und das findet der Maschinenbau-Ingenieur im Februar 2009 nach halbjähriger Durchforstung des US-Bootsmarktes in den Vereinigten Staaten, die er alljährlich zur Miami Boat Show besucht: eine Nordic 28 Heat, im Motorraum ein Mercury Racing HP 600 SCI mit Kompressor.

Dieser Motor-Typ ist mittlerweile auch mit Stephen Murketts "Wild Card" liiert. Die Überführungstour per Miet-Pickup und Trailer über mehrere Tausend Kilometer im tiefsten Winter vom Bundesstaat Utah zum Schiff nach Europa ist ein Abenteuer für sich. Fahrer und Boot haben den Härtetest an Land bestanden, auf dem Wasser demonstrieren sie ihn seit 2010 während der Interboot an der Friedrichshafener Uferpromenade.

All diese Power-Boote mit den dazugehörenden authentischen Typen geben der Liquid Quarter Mile das besondere Flair. Doch sie sind es nicht allein, die das Beschleunigungsrennen zu einem in Europa beispiellosen Event gemacht haben. Es ist die Mischung mit den "normalen" Booten, ob von Ausstellern oder Freizeitskippern, die ihr Hobby mit derselben Leidenschaft leben und mit demselben Spaß und Ehrgeiz in das Kopf-an-Kopf-Rennen gehen: "Dabei sein ist alles." Der olympische Gedanke vereint die LQM-Gemeinde.

Ihr gehört der Bootsbauer Bernd Hiltergerke – mit seiner Hilter Royal 660 auch ein Mann der ersten Stunde – ebenso an wie Martin Kiesecker mit seinem Schlauchboot Wiking 480 Wega, der 79-jährige Dr. Rüdiger Trupp mit seinem Fahrer Dr. Gutheil in der Hellwig Milos V 630 IB "Ticonderoga", der LQM-Sieger von 2010, Helmut Dürnberger mit seiner Talon "Red Devil", Roland Adamek und sein mit 20 PS getriebenes 3,50-m-Bötchen Silent Craft Baby Sport (BOOTE 12/09), der Schweizer Bootsbauer Rolf Zurfluh und sein noch kleineres Funboat "Bienchen" oder der nach eigenen Worten "bootskranke" Norbert Gimpl.

Für ihn kam die zündende Idee von Interboot-Projektleiter Dirk Kreidenweiß, Viertelmeilerennen von der Straße einfach aufs Wasser zu übertragen und Motorbootsport hautnah ans Publikum zu bringen, wie gerufen. Seither überrascht Gimpl immer wieder mit neuen Booten, Projekten und jeder Menge Adrenalin auf der Quarter Mile – egal ob er am Steuer eines Zodiac-RIBs 600 Yachtline sitzt, in einem Zapcat, einem Katamaran-Prototyp mit 400-PS-Small-Block oder dem "Bienchen" von Rolf Zurfluh.

Der hatte Gimpl, der in Herrenberg einen Kfz-Motorenservice betreibt und sich auch mit Außenbordmotoren bestens auskennt, um Rat gefragt: "Norbert, ich hab was Großes vor mit dem Bienchen. Es muss richtig schnell werden." Dass er bei Gimpl und dessen Trimm- und Propeller-Trickkiste an der richtigen Adresse war, konnte man bei der LQM 2012 live erleben: Aus "Bienchen" war "Superbienchen" geworden ...

So viel Speed all die Boote auch bringen, die neue Macht der Liquid Quarter Mile sind die Jetskis, bei glattem Wasser wegen ihres schnellen Antritts und einem optimalen Verhältnis von PS zu Gewicht über die kurze Distanz kaum zu schlagen: 2011 gewann Natalie Rauschendorfer aus Friedrichshafen mit dem Sea Doo GTX Limited iS 260 ihres Vaters in 14,44 Sekunden die LQM, 2012 schnappte sich Ralf Rauschendorfer selbst den Titel, brauchte aber mit 16,61 Sekunden deutlich länger als die Tochter bei ihrem Traumlauf.

Dass so eine Show auf dem Bodensee einmal im Jahr für eine Woche während der Interboot überhaupt möglich ist, wirkt angesichts des mit strengen Vorschriften bewehrten Reviers fast wie ein Wunder. Den Grund nennt der glückliche Initiator Dirk Kreidenweiß: "Alle ziehen an einem Strang, geben dem Sport eine Chance." Das Schifffahrtsamt des Bodenseekreises, der Oberbürgermeister der Stadt Friedrichshafen, die Wasserschutzpolizei, die Messe Friedrichshafen als Veranstalter und nicht zuletzt der professionell und sicherheitsbewusst agierende Organisator, das Match Center Germany aus Langenargen – alle verbindet eines: Sie wollen nicht verhindern, sondern ermöglichen, was Tausende Zuschauer erfreut, der Region guttut und dem See nachweislich nicht schadet.

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