Porträt Lamborghini 63Marken im Vollrausch

Sören Gehlhaus

 · 20.08.2022

Porträt Lamborghini 63: Marken im VollrauschFoto: Werft

Tecnomar und Lamborghini erschaffen mit einem 63-Fuß-Gleiter das, was viele Kooperationen anstreben: Eintracht in Design und Fahrfreude.

Automobiles Design auf die See zu transferieren beabsichtigen viele Yachtgestalter dieser Tage. Allein in dieser Ausgabe präsentieren wir mit der Azimut Grande Trideck (Seite 84) und „Geco“ von Admiral Yachts (Seite 40) zwei Vertreter, die sich sportlicher Landfahrzeuge bedienen. Letztere gestaltete Gian Marco Campanino (GMC), der auch an der 20 Meter langen Tecnomar for Lamborghini 63 beteiligt war. Schließlich sind Tecnomar und Admiral Teil der toskanischen The Italian Sea Group (TISG), als deren Werftgestalter GMC gilt. Und das passt nicht nur aufgrund der geteilten Akronym-Affinität. Der große Vorteil der Tecnomar for Lamborghini 63 – hier ist es an der Zeit, mit TFL eine neuerliche Abkürzung einzuführen – liegt darin, dass beide Parteien in glaubwürdiger Weise gleichberechtigt beteiligt waren. Das bringt zuvorderst der wenn auch etwas sperrige Projektname zum Ausdruck.

Automobili Lamborghini gehört seit 1998 zur Audi AG und somit zum VW-Konzern, sitzt aber nach wie vor im italienischen Sant’Agata Bolognese, unweit der Rennstrecke von Maranello – und wurde zum Zeitpunkt der Tecnomar-Kontaktaufnahme noch von dem Italiener Stefano Domenicali geleitet. Als der ehemalige Formel-1-Teamchef von Ferrari auf den CEO von TISG traf, ging alles sehr schnell. Giovanni Costantino erinnert sich: „Wir waren sofort auf einer Wellenlänge.“ Bevor die Synergie zustande kam, machte Lamborghini zur Bedingung, volle Kontrolle über die Produktionskette zu erhalten und es mit einem Partner mit solidem Finanzhintergrund zu tun zu haben. Der erste Punkt wurde im Februar 2021 erfüllt, als Costantino in Marina di Carrara eine Halle einweihte, in der man sich ausschließlich der TFL widmet und die nur von autorisiertem Personal betreten werden darf.

MMA-Kämpfer Connor McGregor heizt die Euphorie um die Yacht von Lamborghini an

Die zweite Bedingung wurde im Juni 2021 mit dem Gang an die Mailänder Börse erreicht. Dem ging die finanzielle Rückendeckung von Giorgio Armanis Modegruppe und dem belgischen Pharmaunternehmer Marc Coucke voraus, die insgesamt mit 15 Prozent eingestiegen sind. In der ersten Jahreshälfte hat TISG einen Nettoumsatz von 80,9 Millionen Euro erzielt, was einem Anstieg von 99,5 Prozent gegenüber den 40,6 Millionen Euro entspricht, die man im gleichen Zeitraum des Jahres 2020 erzielte. In diesen Zeitraum fielen vier Verkäufe, darunter ein 46-Meter-Segelkatamaran, eine 66-Meter-Admiral-Yacht und eben zwei weitere Tecnomar for Lamborghini 63 – wodurch die Orderanzahl im hohen Zehnerbereich liegen dürfte.

Noch viel interessanter waren die Vorschusslorbeeren für dieses Kooperationsprojekt. Unter den frühen Auftraggebern befand sich der irische MMA-Kämpfer Conor McGregor, der die Werft medienwirksam besuchte und in der Folge – was viel entscheidender ist – seine Vorfreude auf den persönlichen Social-Media-Kanälen zum Ausdruck brachte. Das Resultat waren weitere TFL-Ordereingänge. Der Grund für die generelle Euphorie aber liegt tiefer, in der Designsprache der Supersportwagen mit dem Stier-Emblem. Mitja Borkert, Leiter des markeneigenen Gestaltungsbüros Centro Stile Lamborghini, erläutert in einer Videopräsentation: „Lamborghini hat die stärkste Design-DNA der Automobilwelt.“ Will heißen: Einen Lamborghini erkennt man als Lamborghini. Sofort. Und auf dem Wasser sollte das natürlich auch der Fall sein.

Freie Bühne: Das offene Heck dominiert eine Liegewiese, die Stufen werden bei Nacht von LEDs unterleuchtet
Foto: Werft

Gestaltungseinflüsse aus dem Futurismus

In der Gestaltung von Sportwagen ist kein Designparameter so elementar wie die Dachlinie, sie zieht sich vom Kühlergrill bis in das Heck. Sie steigt typischerweise so flach an, wie sie abfällt, und ist vergleichbar mit dem Decksprung, in diesem Fall ist es ein erkennbar negativer. Lamborghini-Formgeber Mitja Borkert nennt den Pacegeber der Silhouette „Gandini-Linie“, in Anlehnung an den Countach. Marcello Gandinis berühmtestes und kürzlich neu aufgelegtes Modell präsentierte Lamborghini erstmals vor 50 Jahren und knüpfte damit an den italienischen Futurismus an, bekannt etwa von den Agip-Tankstellen der 1950er-Jahre oder der Riva-Zentrale „La Plancia“ in Sarnico. Automann Borkert, der zuvor bei Porsche die Exteriorverläufe vorgab, entwickelte die TFL-Linien gemeinsam mit GMC und dem Tecnomar-Team.

Ebenso elementar beim Skulpturieren von Sportwagen sind die Luftein- und -auslässe, zeugen sie doch, wenn auch indirekt, von der Leistung, die in dem Motor schlummert. Bei der TFL ist es ein konventioneller Dieselantrieb aus zwei Zwölfzylindern von MAN mit jeweils 1471 Kilowatt Leistung. Sie beschleunigen den Drei-Stufen-GFK-Rumpf auf 63 Knoten und atmen Luft über Lufteinlässe ein, die wie die Diffusoren im Heck in den Farben der italienischen Flagge leuchten und am Ende des horizontalen Fensterbandes liegen. Das ist in den Unibody-Rumpf als ein großes Sechseck eingearbeitet und greift ein seit jeher prägendes Stilelement von Lamborghini auf. Es taucht auch in der Eignerkabine im Bug auf, etwa als sechseckiges Waschbecken oder Bullauge. In der achterlichen Zweibettkabine von Baunummer eins ziert die Wände ein weiteres Lambo-Signet, das Y. Tecnomar bietet alternativ eine große Frontsuite mit Galley hinten an oder eine Lounge-Version ganz ohne Schlafstätte, aber mit Entertainment-Loft und Eignerbad.

Formsymbiose: Lamborghini-Designchef Mitja Borkert und TISGs oberster Gestalter Gian Marco Campanino setzten auf Kanten, Kurven und Detailtreue.Foto: Werft
Formsymbiose: Lamborghini-Designchef Mitja Borkert und TISGs oberster Gestalter Gian Marco Campanino setzten auf Kanten, Kurven und Detailtreue.

Verknappung macht die Yacht zum Sammelobjekt

Nicht nur inspiriert, sondern tatsächlich von Lamborghini geliefert werden die Sitze und Start-Stopp-Schalter des hypermodernen Cockpits. Hier ist der Anteil von Sichtkarbon sehr hoch, heutzutage ein Markenzeichen von Lamborghini-Fahrzeugen. Aufbauten, Deck und das von den Roadster-Modellen beeinflusste Hardtop laminiert Tecnomar mit höchstem Kohlefaseranteil. Wie beim Hybridmodell Sián FKP 37 bilden die LED-Streifen am Bug ein Ypsilon. Und wie von dem Sián wird es von der 63 Fuß langen Tecnomar for Lamborghini nur 63 Exemplare geben. Das bis ins kleinste Detail auskonzeptionierte Powerformat wird, wie bei limitierten Supersportwagen üblich, mit Sicherheit auch reine Sammler begeistern. Fragt sich, ob diese Exponate dann in Hallen „stranden“ oder für die gelegentliche Nutzung mit Wasser in Kontakt kommen.

Technische Daten Lamborghini 63

  • Länge über alles: 20,00 m
  • Breite: 5,42 m
  • Tiefgang: 1,30 m
  • Verdrängung (leer): 24 t
  • Material: GFK, Karbon
  • Motoren: 2 x MAN V12
  • Motorleistung: 2 x 1471 kW
  • Geschwindigkeit (max.): 63 kn
  • Geschwindigkeit (Reise): 40 kn
  • Reichweite: 210 sm @ 40 kn
  • Kraftstoff: 3600 l
  • Wasser: 600 l
  • Gäste: bis zu 5
  • Crew: 2
  • Konstruktion: Tecnomar
  • Exteriordesign: Centro Stile Lamborghini, Gian Marco Campanino
  • Interiordesign: Gian Marco Campanino
  • Klasse: CE „B“
  • Werft: The Italian Sea Group, 2021
  • Startpreis: ab 3,1 Mio. Euro
Bruder und Schwester: Das Auto (Sián FKP 37) und die Yacht kommunizieren über ihre Y-Frontscheinwerfer. Von beiden werden je 63 Stück produziert.Foto: Werft
Bruder und Schwester: Das Auto (Sián FKP 37) und die Yacht kommunizieren über ihre Y-Frontscheinwerfer. Von beiden werden je 63 Stück produziert.

Dieser Artikel erschien zuerst bei unserem Schwester-Magazin BOOTE-Exclusiv

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