ReportageJahrestreffen des Deutschen Dampfboot-Vereins

Jill Grigoleit

 · 03.03.2022

Reportage: Jahrestreffen des Deutschen Dampfboot-Vereins

Technik für alle Sinne: Mit an Bord beim Jahrestreffen des Deutschen Dampfboot-Vereins auf dem historischen Finowkanal in Nordbrandenburg

Ein durchdringender tiefer Pfeifton schallt durch Eberswalde. Wie eine Melodie längst vergangener Tage. Die vielen Zuschauer, die sich an den Terrassen­stufen der kleinen Uferpromenade versammelt haben, schauen erwartungsvoll in Richtung Flussbiegung. Man hört und riecht sie, lange bevor man sie sieht. Endlich taucht das erste Dampfboot auf. „Hier kommt die ,Prometheus‘! Ein wunderschönes Holzboot aus Xanten am Rhein, angetrieben von einer 2-Zylinder-Verbund-Maschine aus den USA.“ Joseph Schuck vom Deutschen Dampfboot-Verein stellt die Boote und ihre Eigner über einen Lautsprecher vor. Das diesjährige Jahrestreffen des Vereins findet auf dem historischen Finowkanal statt, der ältesten noch befahrbaren künstlichen Wasserstraße Deutschlands. Seit mehr als 400 Jahren verbindet der Kanal die Havel im Westen mit der Oder im Osten. Gut 100 Jahre ist es her, dass hier Dampfboote unterwegs waren. Die ehemals wichtige Wasserverbindung im Nordosten Brandenburgs gilt als Geheimtipp: Idyllische Landschaften, versunkene Industriekultur, die Waldstadt Eberswalde und zwölf historische Schleusen sorgen für Abwechslung und Entschleunigung. Genau das Richtige für die „Wiederentdecker der Langsamkeit“ mit ihren dampfenden Schmuckstücken.

Der Geruch, der vom Backfisch- und Räucherwurststand herüberweht, mischt sich mit den Rauchschwaden aus den Bootsschornsteinen. Ein Boot nach dem anderen biegt um die Ecke und präsentiert sich der winkenden Menge. Kinder klatschen vor Verzückung, als einer der Eigner an der Pfeifenleine zieht und Dampf ablässt. Der Anblick der liebevoll gepflegten, glänzenden Mechanik, die einst die industrielle Revolution auslöste, weckt nicht nur bei älteren Zuschauern nostalgische Gefühle. Die charmanten Oldtimer mit den Schornsteinen und der einfachen und umweltfreundlichen Technik locken auch junge Familien an. An Bord der „Prometheus“ freuen sich Philipp und Ewald Hackenbruch über das Interesse der Zuschauer. Das gemeinsame Hobby verbindet Vater und Sohn seit über 25 Jahren.

Gruppenbild: „Seraphine“ (links) von der Schweizer Seite des Bodensees, „Nepomuk“ (Mitte) aus Kraichtal in Baden-Württemberg und „Min Deern" (rechts) aus Herten im Ruhrgebiet. Vorn rechts: „Liberty Belle“ aus der Nähe von LuzernFoto: Thorsten Baering
Gruppenbild: „Seraphine“ (links) von der Schweizer Seite des Bodensees, „Nepomuk“ (Mitte) aus Kraichtal in Baden-Württemberg und „Min Deern" (rechts) aus Herten im Ruhrgebiet. Vorn rechts: „Liberty Belle“ aus der Nähe von Luzern

Aus ganz Deutschland und der Schweiz sind Dampfbootfahrer und -fahrerinnen für das Treffen nach Brandenburg gereist. Nach anderthalb Jahren Zwangspause wegen Corona war die Wiedersehensfreude dieses Jahr besonders groß. Seit fast 40 Jahren verbindet der Verein Dampfbootfreunde. Als Hackenbruch das Boot Anfang der Neunzigerjahre restaurierte, war er eine große Hilfe: „Man muss ja bei den anderen abgucken, was sie für Fehler machen, damit man die nicht wiederholt. Der Verein ist dazu da, dass das Know-how über die alte Technik am Leben erhalten wird, man sich gegenseitig hilft und dem Nachwuchs das Dampfen beibringt.“

Das Heimatgewässer der „Prometheus“ sind die Xantener Seen „Nordsee“ und „Südsee“. Ursprünglich sollte sie auf dem Rhein fahren. Deswegen entschied man sich für den breiten und niedrigen Kessel, was im Vergleich zu den schmalen, höheren Kesseln den Vorteil hat, dass es weniger schaukelt. „Außerdem muss ich viel seltener nachfeuern und regulieren“, erklärt Hackenbruch „so haben wir zwar etwas weniger Platz an Bord, aber im Notfall wüsste ich, selbst wenn ich das Feuer ausgehen lasse, komme ich noch ein paar Kilometer weit.“ Trockenes Buchenholz und Wasser – mehr braucht ein Dampfkapitän nicht. Und weil sie so umweltfreundlich sind, dürfen Dampfboote sogar auf Trinkwasser-Seen fahren.

Warten, dass sich das Schleusentor öffnet: „Penelopé“ vom Zürcher Obersee (links)Foto: Thorsten Baering
Warten, dass sich das Schleusentor öffnet: „Penelopé“ vom Zürcher Obersee (links)

Besondere Highlights sind die Treffen mit anderen Dampfbooteignern. „Einmal durften wir auf der Binnenalster fahren, zusammen mit der ,St. Georg‘, dem ältesten Dampfschiff Deutschlands“, schwärmt Ewald Hackenbruch. Dampfmaschinen hatten ihn schon in der Kindheit fasziniert. In den Siebzigerjahren machte er einen Dampflokomotiven-Führerschein. „Aber eine Lokomotive war zu groß, und auf Kanälen ist man doch etwas freier als auf Schienen, und so kam ich zum Dampfboot.“

Die Familie genießt die Ruhe an Bord. Das mache den Reiz des Dampfbootfahrens aus: dass die Maschine so schön leise läuft. Und dass es immer ein bisschen zu tun gibt. „Man muss heizen, man muss steuern, man muss nach der Maschine und dem Wasserstand gucken, und bei alldem sieht man noch, wo die Kraft herkommt! Das ist begreifbare Technik“, erklärt Philipp Hackenbruch.

Im Gegensatz zu vielen anderen im Verein sind die Hackenbruchs keine passionierten Bastler, sondern genießen eher das Fahren. „Viele hier im Verein sind ja begnadete Mechaniker und Techniker“, erzählt Ewald Hackenbruch. „Sie bauen ihre Boote selbst, ihre Maschinen, und manche gehen sogar so weit, den Kessel selbst zu bauen. Tolle Projekte, bei denen der Herstellungsprozess eigentlich das Wichtigste ist.“ Er schmunzelt: „Manche fürchten ja richtig, dass es irgendwann fertig wird, und freuen sich dann, wenn sie nach ein paar Metern Fahrt wieder was zum Schrauben haben.“ Eines dieser Projekte ist die „Sunrise“. Gerd Richter aus Düren hat den Rumpf, die Maschine und sogar den Kessel komplett selbst konstruiert und gebaut. Der Techniker und Maschinenbau-Konstrukteur im Ruhestand wollte in erster Linie einen Rumpf bauen, als ihm Anfang der 2000er zufällig eine Fachzeitschrift über Dampfmaschinen im Modellbau in die Hände fiel. „Ich dachte immer, das sei eher Spielzeug. Dann habe ich gesehen, dass das richtiger Maschinenbau ist. Daraufhin kam ich auf die Idee, eine Dampfmaschine in das Boot einzubauen. Das war das i-Tüpfelchen.“

Maschine des hölzernen KajütbootsFoto: Thorsten Baering
Maschine des hölzernen Kajütboots

Gerds Frau Beatrix Richter genießt das leise Stampfen der Maschine vom Heck aus: „Er hat mich damals gefragt, und ich fand die Idee super. Er hat neben unserem Haus im Schuppen am Boot gebastelt. So war er immer in der Nähe. Und jetzt genießen wir das Resultat gemeinsam.“ Dass das Dampfbootfahren in vielen Familien zum gemeinsamen Hobby wird, liegt in der Natur der Sache. Man braucht mindestens zwei Leute an Bord. Einer steuert, der andere heizt. Die „Sunrise“ gleitet durch die geöffneten Tore der Eberswalder Stadtschleuse, der ältesten, sich noch in Betrieb befind­lichen Schleuse Deutschlands. Die Kolonne verabschiedet sich von den Zuschauern an der Stadtpromenade und nimmt Kurs auf den ruhigeren Abschnitt der Tagesroute. Wenn Gerd Richter über den Aufbau und die Details seiner Maschine spricht, ist er in seinem Element: „Die 1-Zylinder-Maschine mit rund 2,5 PS ist rundschiebergesteuert, aber im Gegensatz zu anderen Dampfmaschinen etwas moderner gestaltet, komplett aus korrosionsbeständigem Material. Wir haben Hochleistungskunststoffe für die Gleitkörper, Kolbenringe und die Schieberbuchse, sodass wir dem Dampf kein Öl beifügen müssen. Das Ganze ist wesentlich sauberer! Der Abdampf, der über den Außenbordkondensator wieder zu Wasser gemacht wird, kommt so komplett sauber wieder raus, und dann nimmt sich die Pumpe wieder das Wasser für den Kessel, ohne dass es durch mehrere Filterkammern müsste, die das Öl rausfiltern. Da bin ich ein bisschen der Revoluzzer in der Dampfmaschinenszene“, erzählt Richter zwinkernd und nicht ohne Stolz. „Wir brauchen weder Öl noch Fett an Bord. Geheizt wird nur mit Holz. Kein Diesel, keine Kohle!“ Er wirft ein paar Holzscheite in den Kessel, und wenige Sekunden später steigt die Temperaturanzeige auf 350 Grad. Der Druck steigt auf 7 bar, und augenblicklich wird das Boot schneller. In einer Kolonne mit Dampfbooten bedeutet das entweder, den Vordermann zu überholen oder Dampfablassen durch den Schornstein. Richter entscheidet sich für die erste Variante und zieht winkend an seinem Schweizer Kollegen Konrad Müller auf der „Penelopé“ vorbei.

Das Ehepaar Müller ist den weiten Weg vom Zürichsee angereist. Auch Müller hat sein Boot selbst konstruiert. Sechs Jahre lang arbeitete der Mechanikermeister nach Feierabend in seiner Firma an den Plänen für sein Boot. „Nach ca. 6000 Arbeitsstunden war es fertig“, erzählt er. „So kam das Boot zu seinem Namen. Weil meine Frau damals jeden Abend auf mich wartete wie Penelopé auf ihren Odysseus.“ In dem Rauchrohrkessel aus England führen 100 mit Wasser gefüllte Rauchrohre nach oben.

„Die Wasserstandan­zeige ist das Wichtigste auf einem Dampfboot, erklärt er, „Dampftechnologie hat auch ihre Gefahren, die muss man kennen. Wenn so ein Kessel trockenfällt, kann es gefährlich werden.“ Auch Müllers fahren lieber mit Holz als mit Kohle, weil es einfach sauberer ist. Der Nachteil: Auf sechsmal zwei Metern findet sich nicht allzu viel Platz zum Bunkern. Im Durchschnitt braucht die „Penelopé“ ca. 10 kg Holz pro Stunde. Elisabeth lacht: „Ich sag immer: Wenn wir von Rapperswil nach Zürich wollen, also einmal längs über den ganzen Zürichsee, brauchen wir drei Ikea-Taschen voll Holz!“ Müllers sind „Schönwetterfahrer“. Sobald die Sonne scheint, geht es aufs Wasser. Dann wird der Anker geworfen, eine Runde ums Boot geschwommen, und im Kessel werden Würstchen gebraten. Dampfidylle pur.

Freie Fahrt für die „Liberty Belle“. Seitliche Schaufelräder sind bei Booten dieser Größe eine besondere RaritätFoto: Thorsten Baering
Freie Fahrt für die „Liberty Belle“. Seitliche Schaufelräder sind bei Booten dieser Größe eine besondere Rarität

Diese Entschleunigung genießen Andreas und Gertrud Scholz manchmal wochenlang auf ihrer „Nepomuk“, dem einzigen Boot in der Vereinsflotte, auf dem auch geschlafen und gewohnt wird. Das mit Pantry, Schlüpfkajüte und Nass­zelle ausgestattete Boot kommt auf gut 600 Kilometer pro Jahr. Die 70 Jahre alte amerikanische Maschine, die Scholz in die holländische Schaluppe eingebaut hat, war einst auf dem Mississippi unterwegs. In den vergangenen acht Jahren waren es unter anderem Mosel, Weser und sogar die Ostsee rund um Rügen und Usedom. Vorher hatte der Maschinenbau- und Schweißfachingenieur acht Jahre lang in seiner Freizeit an dem Boot gebastelt und den Kessel konstruiert. Schon als Jugendlicher sei er von Dampflokomotiven fasziniert gewesen. Vor einigen Jahren dann machte das Ehepaar Scholz einen Bootsurlaub in Frankreich. „Nach einem Fahrfehler von mir hat meine Frau das Ruder übernommen und hat es bis zum Ende der Reise nicht mehr losgelassen!“, erzählt Andreas Scholz lachend. „Sie hatte solchen Spaß und war so begeistert vom Bootfahren. Da war klar, wir brauchen ein eigenes Boot. Und dann war relativ schnell klar, dass es ein Dampfboot sein muss. Dann kann sie Boot fahren und ich dampfen.“ Es ist schon ziemlich eng auf den 7-mal 2,50 Metern, wenn ein riesiger Kessel den größten Teil des Innenraums in Anspruch nimmt. Aber dank der klaren Aufgabenteilung kommen die beiden sich nicht in die Quere. „Das hat sich super eingespielt. Jeder weiß, wo er hinmuss. Meine Frau ist die Bootsführerin, ich bin Maschinist und Heizer. Ich habe am Ruder nichts zu suchen.“

Die Kolonne passiert die dritte Schleuse und lässt Eberswalde hinter sich. Vorbei geht es an sattgrüner Ufervegetation, die sich den Kanal zurückzuerobern scheint, sodass man fast vergessen könnte, dass man sich auf einer künstlichen Wasserstraße befindet. Als Letztes gleitet ein ganz besonderes Exemplar durch das Schleusentor: Das kleinste, aber mit durchschnittlich 1000 km pro Jahr das am weitesten gereiste Boot der Flotte, die „Liberty Belle“. Dabei ist der einzige Raddampfer des Vereins mit nur 70 Umdrehungen noch gemächlicher unterwegs als die anderen. Fast wie in Zeitlupe treibt die Welle die seitlichen Schaufelräder an. An Bord sitzen Martha und Beat Bolzern aus Luzern mit ihrem Bootshund Bella. Unbeeindruckt vom Zischen und Pfeifen und den winkenden Menschen am Ufer, liegt die achtjährige Sheltie-Hündin in ihrem geflochtenen Körbchen auf dem Heck. Von klein auf ist sie mit Martha und Beat auf den verschiedensten Gewässern in ganz Europa unterwegs gewesen. Von der Loire im Westen bis zur Elbe im Osten, von den schottischen Seen im Norden bis zum Canal Grande in Venedig. Für die Brücken Venedigs wurde der Schornstein der „Liberty Belle“ kurzerhand klappbar gemacht.

„Prometheus“ in EberswaldeFoto: Thorsten Baering
„Prometheus“ in Eberswalde

Seit über 30 Jahren verbinden Martha und Beat Bolzern zwei Leidenschaften: das Reisen und die Faszination für Dampfmaschinen. Viele Jahre waren sie auf der ganzen Welt unterwegs, überall dort, wo noch Dampfloks fuhren. Als die Ära der Dampflokomotiven auch in den letzten Dampf-Mekkas China und Afrika zu Ende ging, fassten sie einen Entschluss: „Wir haben uns gesagt, dann müssen wir eben selbst Dampf machen! Und wir wollten unbedingt einen Raddampfer.“ Anderthalb Jahre lang suchten sie weltweit, bis sie 2004 endlich fündig wurden. Seither haben sie das 1987 in England gebaute Boot mehrfach an ihre Bedürfnisse angepasst. Ein zweites Steuerrad nahe der Dampfmaschine sorgt mittlerweile dafür, dass notfalls auch einer von ihnen alleine Manöver fahren kann. Eine neue Dampfmaschine und neue Schaufel­räder haben das Boot auch für längere Fahrten sicher gemacht.

Bei der Mündung des Finowkanals in den Oder-Havel-Kanal taucht Backbord als letztes Highlight der Tour „Europas größter Schiffsfahrstuhl“, das Schiffshebewerk Niederfinow, auf. Dann neigt sich das Dampfboot-Treffen nach sechs Tagen und 32 Kilometern dem Ende. Auf dem Oderberger See wird es noch mal etwas ungemütlicher. Einige der schmalen Boote haben ganz schön zu kämpfen. „Gib Dampf!“, hört man einen den Kapitäne gegen den Wind rufen. Die letzten Holzscheite werden in die Kessel geworfen, und dann geht es unter Volldampf in den Endspurt.

Noch mehr Informationen? Die Reportage “Die Wiederentdeckung der Langsamkeit” finden Sie mit weiteren Bildern in BOOTE-Ausgabe 03/2022 – seit dem 16.02.2022 am Kiosk oder online im Delius Klasing-Shop.

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