„Enterprise“38-Meter-Yacht einmalig im Explorer-Segment

Christian Sauer

 · 06.05.2023

Raumschiff: Der US-Eigner wünschte  sich etwas Herausragendes und  Einzigartiges. Paszkowski und Baglietto nahmen die Herausforderung an und kreierten voluminöse 38-Alu-Meter
Foto: Maurizio Paradisi

Mit der 38 Meter langen „Enterprise“ schufen Francesco Paszkowski und Baglietto einen Alu-Verdränger für einen Trekkie-Eigner und beweisen ihr Gespür für Trends. Eine Fortsetzung ist nicht ausgeschlossen.

Nach der Otam 70HT „Darth Vader“ für einen geschwindigkeitsaffinen Star-Wars-Fan tauchen wir heute in das Star-Trek-Universum ein. Und das ist keine Science-Fiction. In großen Lettern prangt unübersehbar der Name des wohl berühmtesten Raumschiffes der Kino- und TV-Geschichte stolz am Heck der auffälligen Exploreryacht mit Aluminium-Rumpf. Wie schon zuvor bei zahlreichen Ablieferungen der Traditionswerft aus La Spezia zeichnete Francesco Paszkowski für das Exterieur verantwortlich. Das italienische „Traumpaar“, das sich schon vor langer Zeit einen festen Platz in den Annalen der Yachtgeschichte sicherte, begeistert bei „Enterprise“ aufs Neue mit innovativen Formen und praktischen Lösungen. „Der Eigner wünschte sich etwas Herausragendes und Einzigartiges“, erinnert sich der Designer aus Florenz an den Projektbeginn zurück. „Sie sollte sich von anderen Yachten unterscheiden und Transatlantik-Reichweite haben.“ Der Yachting-erfahrene Amerikaner war zuvor nach La Spezia gereist und sehr angetan von Bagliettos Bauqualität, den innovativen Konzepten und der Aufgeschlossenheit der Werft gegenüber US-Kunden. Am wichtigsten war dem Eigner jedoch, dass die eigenen Vertrauten gern mit den Italienern zusammenarbeiten wollten.

„Enterprise“ ist zur Realität geworden

Von dem Gesamtpaket überzeugt, wurde während der Miami Boat Show 2020 der Kaufvertrag für die 38-m-V-Line mit der Rumpfnummer 10235 unterzeichnet und diese nach knapp zwei Jahren Bauzeit im Frühsommer 2022 übergeben. „Was mit einem Blatt weißen Papier begann, ist Realität geworden“, zeigt sich der Eigner zufrieden. „Die Yacht fällt überall auf und die Leute fragen: ,Was ist das?‘“ Selbst in dem angesagten und wachsenden Explorer-Segment scheint „Enterprise“ einmalig – zumindest noch. Francesco Paszkowski fasst es so zusammen: „Die Yacht überzeugt durch die beeindruckende Breite von 8,80 Metern, der Verbindung von weichen Linien am Heck mit dem kraftvollen, nahezu geraden Steven, also dem Design eines Explorers und der Lebensqualität einer Luxusyacht.“ So parkt beispielsweise der Williams-505-Dieseljet-Tender nicht wie bei vielen anderen Explorern an Deck, sondern quer in seiner großzügigen Garage zwischen Motorenraum und Beachclub. Optisch versteckt wurde ebenfalls der Jetski inklusive des Zubehörs auf dem Vordeck.

Unterstrichen wird die maskuline Formensprache durch die silberne Metallic-Lackierung, verbunden mit schwarz getünchten Exterior-Details. Bewusst unterbrochen wird diese coole Optik durch prominent platzierte Holzzierelemente, etwa an den Stützpfeilern, und dem Teakboden, der wie alles an Bord hervorragend verarbeitet ist. Dazu passen die achtern auf dem Hauptdeck und auf dem Sonnendeck installierten Tischpaare, die sich entweder einzeln oder diagonal hochgefahren als ein großer Tisch nutzen lassen. „Aus den Vorgaben des Eigners resultierte eine Yacht, die in engen Kontakt zum Meer und zu ihrer Umwelt tritt“, erläutert Paszkowski und fügt hinzu: „Das haben wir sowohl durch den enormen Einsatz von Glas realisiert – in Form der sehr großen Fenster oder als verglastes Schanzkleid – als auch durch die große Badeplattform.“ Letztere ist zweigeteilt und bildet um 90 Grad hochgeklappt eine Art geschützte Terrasse knapp oberhalb der Wasserlinie.

Frischluft und Bewegung: Beachclub und Gym an Bord

Auf den Beachclub dahinter, in dem ein Gym mit Crosstrainer und Laufband untergebracht wurde, ist Paszkowski besonders stolz. Die stark getönte Glasschiebetür garantiert neben der Frischluftzufuhr auch im geschlossenen Zustand einen Panoramablick – vorzugsweise auf das Meer und nicht auf einen Steg im Hafen. Für zusätzliche Raumhöhe und Tageslicht sorgen zwei breite Oberlichter. Dass sich Baglietto seit den 1990er-Jahren einen wertvollen Erfahrungsschatz bei immer aufwendigeren Glasarbeiten erarbeitet hat, davon zeugt neben der hüfthohen Verglasung des 87 Quadratmeter großen Sonnendecks ebenso der frei stehende Spa-Pool mit Mosaikboden und doppelten Glaswänden. Unter dem Hardtop, das sich auf Knopfdruck an zwei Stellen öffnet und die Sonne hineinlässt, zieht zuerst die schwungvoll gezeichnete Bar mit TV-Bildschirm die Blicke auf sich. Noch außergewöhnlicher ist jedoch die Flybridge: Zum einen findet man solch ein Freiluftdeck selten an Bord eines 38 Meter langen Vierdeckers und zum anderen fällt der Bereich durch seine futuristische Gestaltung auf. Der Eigner legte großen Wert auf den Open-Air-Steuerstand, von dem aus er seine Yacht am liebsten und häufig selbst steuert.

Ausstattung und Technik der „Enterprise“

Eine optimale Aussicht genießt ebenfalls der eigentliche Kapitän ein Deck tiefer durch die vertikalen Fenster sowie auf die vier großen Displays der integrierten Brücke von Telemar. Ihre Anzeigen lassen sich ebenso wie die fünf kleineren Displays unter der Decke individuell konfigurieren. Das Informationsangebot erscheint allumfassend und die redundante Auslegung der Systeme plus manuelle Notsteuerungen zeugen sowohl vom hohen Anspruch des Eigners als auch von der Werft. Ob das traditionelle Holz-Steuerrad tatsächlich oft genutzt wird, sei dahingestellt, es verleiht dem Hightech-Ambiente jedoch das gewisse Extra. Docking-Stationen an Backbord und Steuerbord sowie achtern auf dem Hauptdeck erleichtern das Manövrieren. Der Maschinenraum macht einen sehr wartungsfreundlichen Eindruck und punktet mit Plexiglaselementen im Boden, um die Technik sowie die Bilge darunter immer im Auge behalten zu können. Mit den beiden Caterpillar-Motoren erreicht der Baglietto-Explorer eine Höchstgeschwindigkeit von 18 Knoten und bei zwölf Knoten eine Reichweite von 3000 Meilen. Zumindest für das 38-Meter-Format bemerkenswert sind zudem die zwei elektrischen Finnen-Stabilisatoren von CMC, die auch vor Anker dem Rollen entgegenwirken, und vier Ballasttanks für den perfekten Trimm von „Enterprise“, die aufgrund der leichten Alukonstruktion einen Tiefgang von lediglich zwei Metern hat. Somit bleiben auch die Bahamas oder flache Buchten in der Karibik kein „unentdecktes Land“, um den Titel von einem der inzwischen 13 Star-Trek-Filme aufzugreifen.

Interior kommt aus New York

Die Hollywood-Blockbuster und diversen Serien rund um Kirk, Spock, Picard & Co. laufen wahrscheinlich oft auf dem riesigen TV im rumpfbreiten Oberdecksalon mit eigener Pantry hinter der Kapitänskabine. Das goldene Modell der USS Enterprise deutet ebenso auf einen eingefleischten Trekkie hin wie die tabletgroße Plakette des älteren Enterprise-Raumschiffes mit der Kennung NCC-1701-A auf dem Schreibtisch im Eingangsbereich der Eignerkabine. Viel Stauraum und die begehbaren Kleiderschränke für längere Aufenthalte an Bord wünschten sich der Eigner und seine Frau. Sie entwickelte zusammen mit Wendy L. Wilshin (WLW Design) aus New York und dem Baglietto-Team das Interior. Die Innenräume sind geprägt von der harmonischen Verbindung zwischen Alcantara und Leder, Marmor wie Weißer Namibia, Eichenboden, Eukalyptusfurnier mit Edelstahleinfassungen sowie Metallgewebe in diversen Variationen als durchgängiges Stilmittel. Ins perfekte Licht gesetzt wird der gelungene Materialmix durch die komplexe indirekte Beleuchtung und bodentiefe Fenster. Sie fluten die Eignerkabine an beiden Seiten, die von der stattlichen Breite und Deckenhöhe profitiert. Mit ihrem bemerkenswerten Volumen von 447 Gross Tons ist die 38 Meter messende „Enterprise“ vergleichbar mit „Emocean“ (Ausgabe 5/22), der Yachtpremiere von Rosetti und zugleich selbst eine Vertreterin der jüngeren Explorer-Generation.

Mastersuite der „Enterprise“

Auch die Mastersuite verzichtet als größte von insgesamt fünf Kabinen an Bord auf einen permanenten Balkon oder eine ausfahrbare oder herunterklappbare Lösung. Die maximal zehn Gäste des Eignerpaares finden auf dem Unterdeck vier Kabinen vor, mittschiffs zwei VIP- mit Doppelbett und davor die Kabinen mit jeweils zwei Einzel- sowie Pullmanbetten. Zusätzlich zu den Schränken in den Gästegemächern können sperrige Koffer in dem Stauraum neben der Treppe auf dem Unterdeck gelagert werden. In diesem warten auch Handtücher und Staubsauger auf die insgesamt sieben Crewmitglieder. Von hier führt ein versteckter Gang mit je zwei Waschmaschinen und Trocknern in den Bereich der Besatzung, inklusive der Messe und den ansehnlichen sechs Doppelkabinen. Beinahe weitläufig dimensioniert und mit Miele-Geräten ausgestattet präsentiert sich die Galley auf dem Hauptdeck. Von der angrenzenden, aber separierbaren Pantry nehmen die Speisen entweder den Aufzug zu einem der beiden darüber liegenden Decks oder werden direkt auf dem zentralen Speisetisch serviert. Der davor positionierte 75-Zoll-Bildschirm unterhält ebenfalls den Hauptsalon, der ohne Raumteiler auskommt. Selbst wenn der kombinierte Ess- und Wohnbereich durch die Laufdecks an dieser Stelle nicht die volle Breite des Rumpfes nutzt, merkt man „Enterprise“ auch hier ihr beträchtliches Volumen an.

Ob komplett aus Aluminium oder mit Stahlrumpf gebaut, mögen andere Explorer (noch) robuster und für die entlegensten Gegenden fernab der typischen Yachtreviere bis hin zur Antarktis prädestiniert sein. Diesen Anspruch erhebt die neue Baglietto jedoch gar nicht für sich und ist dennoch für weite Reisen gerüstet. Seit ihrem Stapellauf Ende Mai letzten Jahres sammelte sie bereits rund 3000 Seemeilen im Mittelmeer, bevor sie Ende November den Atlantik in Richtung Florida und Bahamas überquerte. Auch dort zieht sie viel Aufmerksamkeit auf sich. Folgerichtig scheint die Erfüllung des Wunsches von Francesco Paszkowski wohl lediglich eine Frage der Zeit zu sein: „Ich hoffe, dass ,Enterprise‘ die erste von zukünftig vielen Yachten ihrer Art werden wird. Ich wäre sehr stolz, das Design für eine brandneue und erfolgreiche Serie von Baglietto beizusteuern.“ Nicht allein die stärker in Erscheinung tretende jüngere Generation, sondern auch erfahrene Eigner, die statt eines prominenten Liegeplatzes in einer Marina lieber pittoreske Buchten und längere Törns bevorzugen, werden in Zukunft wohl noch stärker die Vorteile dieser nächsten Generation von Explorern zu schätzen lernen.


Technische Daten

  • Länge über alles: 38,07 m
  • Breite: 8,80 m
  • Tiefgang: 2,00 m
  • Verdrängung (halbvoll): 305 t
  • Gross Tonnage: 447 GT
  • Material: Alu
  • Motoren: 2 x Caterpillar C32
  • Motorleistung: 2 x 1417 kW
  • Geschwindigkeit (max.): 18 kn
  • Geschwindigkeit (Reise): 12 kn
  • Reichweite @ 12 kn: 3000 sm
  • Kraftstoff: 55 170 l
  • Wasser: 10 860 l
  • Navigation: Telemar
  • Konstruktion: Baglietto
  • Exteriordesign: Francesco Paszkowski
  • Interiordesign: WLW Design, Baglietto
  • Klasse: RINA C
  • Werft: Baglietto, 2022
  • Charterbroker: Burgess
  • Charterrate: 196 000 Euro pro Woche
Sonnendeck
Sonnendeck
Oberdeck
Oberdeck
Hauptdeck
Hauptdeck
Unterdeck: Zusätzlich zum Williams Dieseljet 505 begleitet ein 14 Meter langes Chaseboat von Maori die „Enterprise“
Unterdeck: Zusätzlich zum Williams Dieseljet 505 begleitet ein 14 Meter langes Chaseboat von Maori die „Enterprise“

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