Jubiläum: 150 Jahre DGzRS - Sie kommen! Die Geschichte der SeenotretterFoto: DGzRS / Die Seenotretter

Leben an BordJubiläum: 150 Jahre DGzRS - Sie kommen! Die Geschichte der Seenotretter

Christian Tiedt 

12.10.2015, Lesezeit: 5 Minuten

Seit 150 Jahren hilft die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger in Seenot. Wir erzählen die Geschichte der kleinen Einheiten – der Motor- und Seenotrettungsboote entlang der Küsten.

„Vor jetzt einem Jahre ist ein Verein ins Leben getreten, der unter die besten Errungenschaften unserer Tage zu zählen ist und sicher einer reichen Zukunft entgegengeht. Es ist die deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, die am 29. Mai des verflossenen Jahres zu Kiel begründet wurde“.

Tochterboot „Tedje“ des ersten Serien-Seenotkreuzers „Theodor Heuss“.
Tochterboot „Tedje“ des ersten Serien-Seenotkreuzers „Theodor Heuss“.
Foto: DGzRS / Die Seenotretter
Die Seenotrettungsboote „Tamina“ (7m) und „Siegfried Boysen“ (12 m) im typischen Anstrich der Siebzigerjahre.
Die Seenotrettungsboote „Tamina“ (7m) und „Siegfried Boysen“ (12 m) im typischen Anstrich der Siebzigerjahre.
Foto: DGzRS / Die Seenotretter
1953: Auf dem Versuchsseenotkreuzer „Bremen“ kommt das erste Tochterboot zum Einsatz.
1953: Auf dem Versuchsseenotkreuzer „Bremen“ kommt das erste Tochterboot zum Einsatz.
Foto: DGzRS / Die Seenotretter
SRB „Wilma Sikorski“ ist das Typboot der modernen 9,5-m-Klasse.
SRB „Wilma Sikorski“ ist das Typboot der modernen 9,5-m-Klasse.
Foto: DGzRS / Die Seenotretter
Das Motorrettungsboot „Borkum“ – eine Konstruktion aus Kriegszeiten – war von 1945 bis 1963 im Dienst.
Das Motorrettungsboot „Borkum“ – eine Konstruktion aus Kriegszeiten – war von 1945 bis 1963 im Dienst.
Foto: DGzRS / Die Seenotretter
1925 stoßen die ersten gedeckten Motorrettungsboote zur Flotte, hier die „Hamburg“.
1925 stoßen die ersten gedeckten Motorrettungsboote zur Flotte, hier die „Hamburg“.
Foto: DGzRS / Die Seenotretter
Unter dem Schutz der Genfer Konvention und des Roten Kreuzes wird die Rettungsarbeit auch während des Krieges fortgesetzt.
Unter dem Schutz der Genfer Konvention und des Roten Kreuzes wird die Rettungsarbeit auch während des Krieges fortgesetzt.
Foto: DGzRS / Die Seenotretter
Zeitgenössische Fotomontage: Ein MRB kämpft sich Anfang der Dreißigerjahre durch schwere See.
Zeitgenössische Fotomontage: Ein MRB kämpft sich Anfang der Dreißigerjahre durch schwere See.
Foto: DGzRS / Die Seenotretter
Technischer Fortschritt: Ab Mitte der Dreißigerjahre über nehmen Raupenschlepper den Job von Zugpferden.
Technischer Fortschritt: Ab Mitte der Dreißigerjahre über nehmen Raupenschlepper den Job von Zugpferden.
Foto: DGzRS / Die Seenotretter
Früher Raketenapparat, um eine Leinenverbindung vom Strand zum Havaristen herzustellen.
Früher Raketenapparat, um eine Leinenverbindung vom Strand zum Havaristen herzustellen.
Foto: DGzRS / Die Seenotretter
Ruderrettungsboot auf dem Ablaufwagen, gezogen von einem Pferdegespann.
Ruderrettungsboot auf dem Ablaufwagen, gezogen von einem Pferdegespann.
Foto: DGzRS / Die Seenotretter
1999 nimmt „Bremen Rescue Radio“ den Betrieb auf. Die Seenotküstenfunkstelle gehört operationell zum MRCC Bremen.
1999 nimmt „Bremen Rescue Radio“ den Betrieb auf. Die Seenotküstenfunkstelle gehört operationell zum MRCC Bremen.
Foto: DGzRS / Die Seenotretter
Das Seenotrettungsboot „Doortje“, auch als Strandrettungsboot bezeichnet, war von 1971 bis 1988 im Dienst.
Das Seenotrettungsboot „Doortje“, auch als Strandrettungsboot bezeichnet, war von 1971 bis 1988 im Dienst.
Foto: DGzRS / Die Seenotretter
Das Festrumpfschlauchboot „Dora“ war 2003 das erste RIB in Diensten der DGzRS. damals noch unter dem Namen „Rescue Uecker“.
Das Festrumpfschlauchboot „Dora“ war 2003 das erste RIB in Diensten der DGzRS. damals noch unter dem Namen „Rescue Uecker“.
Foto: DGzRS / Die Seenotretter
2012 kommt ein Festrumpfschlauchboot erstmals als Tochterboot auf einem Rettungskreuzer zum Einsatz.
2012 kommt ein Festrumpfschlauchboot erstmals als Tochterboot auf einem Rettungskreuzer zum Einsatz.
Foto: DGzRS / Die Seenotretter
Tochterboot „Tedje“ des ersten Serien-Seenotkreuzers „Theodor Heuss“.
Tochterboot „Tedje“ des ersten Serien-Seenotkreuzers „Theodor Heuss“.
Foto: DGzRS / Die Seenotretter
Die Seenotrettungsboote „Tamina“ (7m) und „Siegfried Boysen“ (12 m) im typischen Anstrich der Siebzigerjahre.
Die Seenotrettungsboote „Tamina“ (7m) und „Siegfried Boysen“ (12 m) im typischen Anstrich der Siebzigerjahre.
Foto: DGzRS / Die Seenotretter
Die Seenotrettungsboote „Tamina“ (7m) und „Siegfried Boysen“ (12 m) im typischen Anstrich der Siebzigerjahre.
1953: Auf dem Versuchsseenotkreuzer „Bremen“ kommt das erste Tochterboot zum Einsatz.
SRB „Wilma Sikorski“ ist das Typboot der modernen 9,5-m-Klasse.
Das Motorrettungsboot „Borkum“ – eine Konstruktion aus Kriegszeiten – war von 1945 bis 1963 im Dienst.
1925 stoßen die ersten gedeckten Motorrettungsboote zur Flotte, hier die „Hamburg“.
Unter dem Schutz der Genfer Konvention und des Roten Kreuzes wird die Rettungsarbeit auch während des Krieges fortgesetzt.
Zeitgenössische Fotomontage: Ein MRB kämpft sich Anfang der Dreißigerjahre durch schwere See.
Technischer Fortschritt: Ab Mitte der Dreißigerjahre über nehmen Raupenschlepper den Job von Zugpferden.
Früher Raketenapparat, um eine Leinenverbindung vom Strand zum Havaristen herzustellen.
Ruderrettungsboot auf dem Ablaufwagen, gezogen von einem Pferdegespann.
1999 nimmt „Bremen Rescue Radio“ den Betrieb auf. Die Seenotküstenfunkstelle gehört operationell zum MRCC Bremen.
Das Seenotrettungsboot „Doortje“, auch als Strandrettungsboot bezeichnet, war von 1971 bis 1988 im Dienst.
Das Festrumpfschlauchboot „Dora“ war 2003 das erste RIB in Diensten der DGzRS. damals noch unter dem Namen „Rescue Uecker“.
2012 kommt ein Festrumpfschlauchboot erstmals als Tochterboot auf einem Rettungskreuzer zum Einsatz.
Tochterboot „Tedje“ des ersten Serien-Seenotkreuzers „Theodor Heuss“.

So rühmt die erste große deutsche Illustrierte – ein Blatt mit dem züchtigen Namen "Gartenlaube" – das noch junge Seenotrettungswerk im Mai 1866, kaum ein Jahr nach seiner Gründung. Mit ehrlicher Begeisterung zählt man das bereits Erreichte auf: Dreizehn Bezirksvereine mit Rettungsstationen und -booten seien an Nord- und Ostsee eingerichtet worden, von Borkum bis nach Pillau – alles andere als eine Selbstverständlichkeit, schließlich umfasst das Gebiet zu damaliger Zeit noch eine Handvoll mehr oder weniger souveräner Staaten, vom Großherzogtum Oldenburg bis zum Königreich Preußen.

Doch der Autor wird mit seiner Einschätzung recht behalten: Denn die "reiche Zukunft" der Seenotretter hat damals gerade erst begonnen. Sie dauert bis heute an. Auch wenn sich die Technik geändert hat, ist die Aufgabe der Männer und Frauen der DGzRS auch nach 150 Jahren noch dieselbe: Helfen in der Not.

>>> 2. März 1912: Motorrettungsboot „Oberinspector Pfeifer“, Station Laboe

Mit gehöriger Skepsis blicken die Seeleute auf die frühen Verbrennungsmotoren: Schwachbrüstig und dennoch laut, störanfällig und im wahrsten Sinne brandgefährlich kommen sie daher – alles andere also als heilbringende Zaubermaschinen. Was nützen schließlich ein paar Pferdestärken, wenn einem das ganze Boot plötzlich um die Ohren fliegt? Da verlässt man sich lieber auf Bewährtes: Muskelkraft und Wind.

Doch da man bei auflandigem Sturm unter Segeln kaum durch die Brandung kommt oder sich von einer Leeküste freikreuzen kann, legen sich die Rettungsmänner in den ersten Jahrzehnten der DGzRS-Geschichte fast immer in die Riemen. Wird Alarm ausgelöst, wuchten kräftige Kaltblüter das Gespann mit dem 30 Fuß langen "deutschen Normal-Rettungsboot" über Dünen und Strand bis in die Wellen.

Die Männer sind schon an Bord, in schwerem Ölzeug und mit Schwimmwesten aus Kork. Gegen den "furchtbarsten Aufruhr des Elements", gefrierende Gischt, Hagel und Schnee, schützt sonst nur der tief nach unten gezogene Südwester auf dem Kopf, denn die Boote sind ungedeckt, also offen. Sobald das schwere Holzboot aufschwimmt, greift der Vormann die Pinne, und mit vereintem Pullen geht es dem Ziel entgegen.

Erst als die Motorentechnik soweit gereift ist, dass die Stärken die Schwächen überwiegen, macht man sich bei der DGzRS an die Umrüstung. Eifrigster Fürsprecher dieses Schrittes ist der Bremer Gregor Pfeifer, der ein Vierteljahrhundert lang für die Gesellschaft als "Oberinspector" tätig war. Da ist es eine passende Würdigung, dass nach dem nur kurz zuvor Verstorbenen im Jahr 1911 auch das erste Motorrettungsboot der DGzRS benannt wird: die "Oberinspector Pfeifer".

Mit der Indienststellung des robusten Neubaus beginnt eine neue Zeitrechnung für die Seenotretter: Schon zwei Monate später wird der erste Einsatz auf der Kieler Förde vor Laboe gefahren, bis Jahresende hat man zwölf Menschen aus Seenot gerettet. "Das Boot und der Motor bewährten sich in der schweren See vorzüglich", attestierte der Vormann in einem Einsatzbericht. Das überzeugt – und man beginnt, die Flotte umzurüsten.

>>> 28. November 1951: Motorrettungsboot „Borkum“, Station Borkum

Nach den ersten Motorrettungsbooten wie der "Oberinspector Pfeifer" gewinnt die technische Entwicklung zu leistungsfähigeren Einheiten nach dem Ersten Weltkrieg zunehmend an Geschwindigkeit. Beispielhaft dafür steht die Rettungsstation auf Borkum inmitten der Emsmündung mit ihren Riffen und Sänden. Nach dem letzten Einsatz eines Ruderrettungsbootes 1926 wird das MRB "Hindenburg" auf der Insel stationiert, es verfügt bereits über einen Stahlrumpf und Doppelschraubenantrieb. 1932 folgt die größere "August Nebelthau", die wiederum 1937 von einer zweiten neuen "Hindenburg" abgelöst wird.

Mit einer Länge von 16 Metern, 200 PS Maschinenleistung und einem erstmals vollständig geschlossenen Ruderhaus weit achtern gilt das MRB bei seiner Indienststellung als fortschrittlichstes und leistungsstärkstes Boot der Flotte. Und dennoch: Auf einem Rettungseinsatz im Kriegsjahr 1941 geht die "Hindenburg" mit ihrer gesamten sechsköpfigen Besatzung aus bis heute unbekannten Gründen verloren. Ob tatsächlich eine Treibmine verantwortlich ist, wird nie geklärt.

  xFoto: DGzRS / Die Seenotretter
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Trotzdem sollen die Boote noch sicherer werden. Dazu gehört ein erhöhter Aufbau mit Fahrstand für bessere Sicht und zusätzlichen Schutz vor überkommenden Wellen. Nach diesen Prinzipien konstruiert man auch die "Borkum", die der Station seit ihrem Bau noch zu Kriegszeiten zugeteilt ist, und der am Abend des 28. November 1951 ihr größter Einsatz bevorsteht:

An diesem Tag zieht ein schwerer Nordweststurm über die Deutsche Bucht. Es ist bereits dunkel, als die Seenotfunkstelle auf der Insel einen Notruf auffängt: Die englische "Teeswood" ist nordwestlich der Tonne "Mövensteert-Nord" aufgelaufen. Schon wenige Minuten später rundet die "Borkum" mit drei Männern an Bord in voller Fahrt die Molenköpfe, mitten hinein in peitschende Hagelböen, um sich gegen Sturm und Flutstrom zu stemmen.

Bald ist der Havarist erreicht, Notraketen erhellen den Himmel gespenstisch. Da meldet die "Teeswood": "Schiff bricht durch!" Die Nordsee zeigte keine Gnade mit dem 60 Meter langen Dampfer, also muss es ganz schnell gehen. Sein Heck ist der Gewalt der Brecher voll ausgesetzt, immer wieder verschwindet es in Glocken aufbrandender Gischt. Die Besatzung drängt sich auf Brücke und Back zusammen.

Mehrere Anläufe benötigt die "Borkum", um längsseits zu kommen; nirgendwo gibt es Schutz vor Wind und Wellen, immer wieder wird sie hart gegen die Bordwand des Frachters geworfen. Doch die Beharrlichkeit der Seenotretter wird belohnt: Mann für Mann wagt den Sprung von der "Teeswood" auf das unter ihm schlingernde Deck – alle bis auf zwei, die über Bord gespült und nicht mehr gefunden werden. Doch dreizehn Seeleute werden so vor dem sicheren Tod bewahrt.

>>> DIE GESAMTE REPORTAGE FINDEN SIE IN DER AKTUELLEN NOVEMBER-AUSGABE VON BOOTE