Reportage: Mini-U-Boot „Euronaut“ - Klar zum TauchenFoto: Klaus Seelig

Leben an BordReportage: Mini-U-Boot „Euronaut“ - Klar zum Tauchen

 

28.9.2017, Lesezeit: 5 Minuten

67 Tonnen Gewicht, 7 Tage Tauchzeit: Mit der „Euronaut“ haben sich Carsten Standfuß und seine Tauch­kollegen einen Traum verwirklicht. Sie ist eines der wenigen privat gebauten U-Boote weltweit

„Alles klar zum Tauchen“: Mit ruhiger Stimme gibt Carsten Standfuß das entscheidende Kommando, damit die „Euronaut“ die Wasserober­fläche der Ostsee vor Rostock verlässt und in für mich unheimliche Tiefen abtaucht. Zugegeben, so richtig wohl ist mir nicht bei dem Gedanken, in wenigen Minuten in fast völliger Dunkelheit durchs Wasser zu gleiten.

Aber der eigentliche Vorgang des Abtauchens ist dann sehr viel unspektakulärer als gedacht. Langsam öffnet Standfuß die Ventile, um die Luft aus den Tanks zu lassen. Mit leichtem Zischen entweicht sie, und nur an den Instrumenten erkennt man, dass die „Euronaut“ die Wasseroberfläche verlassen hat.

  EuronautFoto: Klaus Seelig
Euronaut
  EuronautFoto: Klaus Seelig
Euronaut

Voller Konzentration beobachtet der Kommandant mit den drei Besatzungsmitgliedern die Anzeigen, um auf jede Unregelmäßigkeit schnell rea­gieren zu können. Dennoch hat er Zeit, mir etwas über das Schiff und seine Entstehung zu erzählen.

"Zwölf Jahre haben wir an der ‚Euronaut‘ gebaut und im Sommer wie im Winter jede freie Minute für das Schiff geopfert." Über Geld will er dabei nicht sprechen. Nur so viel: Zwei gut ausgestattete Einfamilienhäuser werden es wohl sein.

Und das, obwohl er aus Kostengründen viele Teile gekauft hat, die nie für ein U-Boot bestimmt waren. Die Sitze in der Kommandozentrale zum Beispiel stammen von einem Audi TT. Das Instrument, das die Sauerstoffsättigung des Innenraums anzeigt, kommt aus einem Krankenhaus, und das Gerät zur Messung der Unterwasserneigung ist ein Kurskreisel aus einem Flugzeug. Viele solcher Bauteile hat er bei Ebay ersteigert.

  EuronautFoto: Klaus Seelig
Euronaut
  EuronautFoto: Klaus Seelig
Euronaut

Man soll sich aber nicht täuschen. Die „Euronaut“ ist ein professionell gebautes Unterwasserfahrzeug mit beeindruckenden Daten.

Die Nenntauchtiefe beträgt 250 Meter. Bei einer Länge von 16 Metern und einem Durchmesser des Druckkörpers von 2,50 Metern bringt das Boot immerhin mehr als 67 Tonnen auf die Waage. Vor allem die 22 Millimeter starke Stahlhülle ist hierfür verantwortlich.

Drinnen ist in der Mitte zunächst Platz für einen kleinen Salon mit zwei Bänken, damit sich die Mannschaft bei längeren Tauchgängen auch ausruhen kann. Im hinteren Teil schließt sich der Maschinenraum an, in dem der dieselelektrische Antrieb mit 190 PS vor sich hin werkelt. In Richtung Bug folgt die Kommandozen­trale mit zwei Arbeitsplätzen rechts und links des Durchgangs; davor ist eine Druckschleuse montiert, durch die man in die Druckkammer gelangt. Diese ist so groß, dass zwei Taucher bequem darin untergebracht werden können.

  EuronautFoto: Klaus Seelig
Euronaut
  EuronautFoto: Klaus Seelig
Euronaut

Wegen dieses Raumes ist die „Euronaut“ eigentlich gebaut worden. Sowohl Carsten Standfuß als auch seine Mannschaft sind begeisterte Taucher. Sie alle vereint die Abenteuerlust und die Liebe zum Wracktauchen. In Nord- und Ostsee gibt es wohl noch Tausende unentdeckte Wracks, die von der Besatzung der „Euronaut“ aufgespürt werden wollen.

Dabei sind allerdings oft die physikalischen und medizi­nischen Rahmenbedingungen im Weg. Zum einen ist das Wasser in Nord- und Ostsee viele Monate so kalt, dass Tauchgänge nur kurze Zeit dauern können. Vor allem aber schränkt die Dekompressionszeit den Spielraum der Taucher sehr stark ein.

Je länger sich nämlich ein Mensch unter Wasser aufhält und je tiefer er dabei getaucht ist, desto länger braucht er für den Aufstieg, um seinen Körper wieder an den geringeren Druck über Wasser zu gewöhnen. Von der eigentlichen Tauchzeit bleibt damit oft nur ein Bruchteil für die eigentliche Arbeit unter Wasser übrig.

Die Druckkammer der „Euronaut“ ist dabei die Lösung. Der Druck in der Kammer kann dem Druck des umgebenden Wassers angepasst werden. Wenn dann eine große Luke im Boden geöffnet wird, dringt kein Wasser ins Boot ein – selbst in 250 Meter Tiefe. Die Taucher können also bequem aus- und einsteigen und die volle Tauchzeit ihrer Flaschen ausnutzen. Die Dekompressionszeit können sie dann später in aller Ruhe und im Warmen in der "Euronaut" absolvieren.

  Direkt vor der Kommandozentrale öffnet sich die Luke zur DruckkammerFoto: Klaus Seelig
Direkt vor der Kommandozentrale öffnet sich die Luke zur Druckkammer
  Direkt vor der Kommandozentrale öffnet sich die Luke zur DruckkammerFoto: Klaus Seelig
Direkt vor der Kommandozentrale öffnet sich die Luke zur Druckkammer

Dass das auch alles funktioniert, dafür steht Carsten Standfuß. Er ist Schiffbau­ingenieur und die "Euronaut" nicht sein erstes U-Boot. Davor hat der bekennende Beatles-Fan bereits die „Sgt-Pepper“ gebaut, damals das kleinste U-Boot der Welt. Die Erfahrungen aus diesem Projekt sind in die „Euronaut“ eingeflossen, nur dass alles etwas größer und leistungsfähiger ist. Selbst eine Mikrowelle, eine Spüle und eine Toilette sind an Bord. Das muss aber auch sein, denn die maximale Tauchzeit beträgt immerhin sieben Tage.

Und warum ein U-Boot? "In meiner Jugend habe ich mich für die Raumfahrt begeistert," erzählt der 51-Jährige. "Aber über den Abitur-Leistungskurs Maschinenbau und das anschließende Schiffbaustudium bin ich dann Schiffbauinge­nieur geworden." Doch die Sehnsucht nach dem Unbekannten hat ihn nie losgelassen, und so hat er mit dem Bau von U-Booten Beruf und Forscherdrang zusammengeführt.

Zum Steuern des Bootes braucht er übrigens lediglich den Sportbootführerschein, so wie für jedes andere Boot mit mehr als 15 PS. Für die Sicherheit hat Standfuß auch einiges getan. So wurden zum Beispiel sämtliche Schweißnähte des Rumpfes ge­röntgt, und für den absoluten Notfall sind unter dem Boot drei massive Stahlplatten von je einer Tonne angebracht, die von innen gelöst und abgeworfen werden können, sodass die „Euronaut“ dann von allein an die Wasseroberfläche kommt.

  EuronautFoto: Klaus Seelig
Euronaut
  EuronautFoto: Klaus Seelig
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Über die Jahre hat sich um ihn herum eine Gruppe von rund einem Dutzend begeisterter U-Boot-Fans und Hobbytaucher versammelt, die abwechselnd die vier- bis fünfköpfige Mannschaft stellen. Am Wochenende sind sie dann meist vor Rostock auf der Ostsee unterwegs und untersuchen U-Boot-Wracks aus dem Zweiten Weltkrieg oder untergegangene Handelsschiffe.

Carsten Standfuß wünscht sich noch mehr Interesse an seinem selbst gebauten U-Boot. Vor allem Taucher aus dem Ros­tocker Bereich wären als künftige Crewmitglieder hochwillkommen; aber er denkt auch an archäologische Institute oder private Unternehmen. „Wir wollen damit kein Geld verdienen, sondern unser Wissen, unsere Erfahrung und unsere Fähigkeiten für die Unterwasserforschung zur Verfügung stellen.“ Hauptsache, er kann mit der „Euronaut“ weiter der See auf den Grund gehen.