Jürgen Tracht. BVWW Jürgen Tracht. BVWW
Interviews

Vom Bittsteller zum Partner

Ingrid Bardenheuer am 21.04.2013

WSV-Reform und Wassertourismus: Der BVWW sieht Bund und Skipper in der Pflicht. Jürgen Tracht, Geschäftsführer des Verbandes, im BOOTE-Interview.

Jürgen Tracht. BVWW

Jürgen Tracht, Geschäftsführer des BVWW, im BOOTE-Interview

Durch die Reform der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) droht das Wassertourismusnetz in ganz Deutschland auszudünnen. Neue Ideen sind nun gefragt. Wir sprachen mit Jürgen Tracht, Geschäftsführer des Bundesverbandes Wassersportwirtschaft (BVWW).

BOOTE: Wenn über alternative Betreibermodelle nachgedacht wird, dann meist für einzelne Wasserstraßen. Ist das ein sinnvoller Ansatz?

Jürgen Tracht: Nicht aus unserer Sicht. Wir leben vom gesamten Netzwerk. Unser Ziel muss sein, die wassertouristische Infrastruktur auf allen Wasserwegen zu erhalten und zu verbessern. Wir denken auch, dass sich die Wassersportler an der Finanzierung der Infrastruktur beteiligen müssen.

BOOTE: Warum?

Jürgen Tracht: Alle sollen ihren Beitrag dazu leisten, dass man in Deutschland über alle Wasserwege frei fahren kann. Und wir glauben, dass man sowas nur finanzieren kann, wenn sich die Nutzer ebenfalls da-ran beteiligen. Wir brauchen Beiträge vom Bund, vielleicht von den Ländern, aber eben auch von den Wassersportlern. Wir haben mal gerechnet. Wenn wir einen Topf nur für wassertouristische Maßnahmen hätten, in den jährlich 50 Millionen Euro fließen würden, dann kämen wir schon ziemlich weit.

BOOTE: Welchen finanziellen Beitrag müssten die Bootsfahrer in dieser Beispielrechnung leisten?

Jürgen Tracht: Wir stellen uns ein gestaffeltes Modell vor. Je nach Einstufung wären das nach unseren Berechnungen zwischen 10 Euro und 120 Euro pro Boot und Jahr. Wir sind da in einem Bereich, bei dem wahrscheinlich keiner "um Gottes willen" sagen wird. Auf diese Weise könnten zwischen 15 und 18 Millionen Euro in den Topf kommen.

BOOTE: Und der Rest?

Jürgen Tracht: Bei einer Summe von 15 bis 18 Millionen Euro können wir zum Bund sagen: Das ist kein marginaler Beitrag mehr, nun erwarten wir deinen Beitrag. Auf eine solche Art könnten die 50 Millionen Euro zusammenkommen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass man keine Forderungen stellen kann, wenn man nicht selber etwas beiträgt. Dann ist man Bittsteller. Wir müssen aber vom Bittsteller zum Partner werden. Und zum Partner werden wir nur über Beiträge.

BOOTE: Wer soll das Ganze organisieren?

Jürgen Tracht: Ein Gremium, in dem alle Beteiligten vertreten sind, und das eine Koordinierungs- und Steuerungsfunktion übernehmen kann. Die WSV soll weiterhin für den Verkehr und die Sicherheit auf dem Wasser verantwortlich bleiben.

BOOTE: Nutzungsentgelte schrecken Wassertouristen ab, sagen Kritiker.

Jürgen Tracht: Das würde doch bedeuten, dass in Frankreich auch niemand durch die Gegend fährt. Oder in England. Warum sollte ein Tourist wegbleiben, wenn er eine Abgabe zahlt, die ihn nicht überfordert, und deren Sinn er einsehen kann?

BOOTE: Was wird dann jetzt der nächste Schritt sein?

Jürgen Tracht: Weiter mit den Sportverbänden sprechen. Sie müssen verstehen, dass wir an einer Nutzerfinanzierung nicht vorbeikommen.

Mit Jürgen Tracht sprach Ingrid Bardenheuer
 

Ingrid Bardenheuer am 21.04.2013