Sönke Nielsen Sönke Nielsen

Interview: Sönke Nielsen

Menschen zu retten ist mein Lebensinhalt

Rainer Herzberg am 08.11.2019

Einer unserer Redakteure traf sich mit einem Kommandant eines SAR-Helikopters der Marine zum Interview

BOOTE: Herr Nielsen, Sie sind Kapitänleutnant und Kommandant eines SAR-Hubschraubers vom Typ Westland Sea King Mk 41 der Deutschen Marine. Ihre Einsatzgebiete sind die Nordsee und die Ostsee. Ist das ein Traumjob?

NIELSEN: Ja, ganz klar. Als ich mich bei der Marine beworben habe, wollte ich eigentlich Navigator werden und zur See fahren. Bei der Bewerbung wurde mir aber angeboten, Hubschrauberpilot auf dem Sea King zu werden. Da habe ich Ja gesagt.

BOOTE: War Ihnen denn klar, dass Sie damit automatisch in der SAR-Fliegerei landen würden?

NIELSEN: Das war mir schon bewusst, nur was da tatsächlich auf mich zukommt, ist mir erst während der Ausbildung richtig deutlich geworden.

BOOTE: Der Sea King ist nicht nur der größte Helikopter der Marine, sondern auch sehr komplex. Wie lange braucht man, um für SAR-Einsätze fit zu sein?

NIELSEN: Gut vier bis fünf Jahre muss man rechnen, bis man das gesamte Einsatzspektrum beherrscht.

BOOTE: Und das wäre?

NIELSEN: SAR – Search and Rescue – bedeutet ja "Suchen und Retten". Ist jemand auf See in Not, egal ob Schwimmer, Sportboot, Fischer oder Seeschiff, werden wir alarmiert, um den Havaristen zu orten und, wenn möglich, schnelle Hilfe zu leisten.

BOOTE: Sind Sie denn nur über See im Einsatz, oder werden Sie auch mal aufs Festland gerufen?

NIELSEN: Eigentlich schon über See, aber letzte Woche haben wir eine schwangere
Frau, bei der verfrüht die Wehen einsetzten, bei Nacht auf einer Insel abgeholt und nach Cuxhaven in die Notaufnahme geflogen. Das kommt halt auch schon mal vor.

BOOTE: Sie fliegen bei jedem Wetter, oder sind Sie da eingeschränkt?

NIELSEN: Nein, wir sind da einiges gewohnt und fliegen bei Nacht und Nebel, Sturm, Schnee, Regen und schwerer See. In der Regel melden sich unsere Kunden ja immer erst, wenn es dicke kommt oder bei technischen Problemen. Motorausfall bei Sportbootfahrern ist da etwa sehr beliebt.

BOOTE: Haben Sie ein Beispiel?

NIELSEN: Oh ja! Gerade vor ein paar Tagen wurden wir zu einem Sucheinsatz bei Nacht in die Ostsee gerufen. Zwei Angler sind mit einem Schlauchboot rausgefahren, dessen Außenborder ausfiel. Sie galten inzwischen als vermisst. Nach längerer Suche in stockdunkler Nacht entdeckten wir rechts von uns ein kurzes Aufblitzen. Es waren die Angler, die mit einer Taschenlampe Lichtzeichen gaben. Dem inzwischen ausgelaufenen Seenotrettungskreuzer konnten wir die genaue Position mitteilen und blieben so lange beim Schlauchboot, bis die Jungs in Schlepp genommen wurden.

BOOTE: Einer einfachen Taschenlampe haben sie die Rettung zu verdanken?

NIELSEN: Exakt, und die sollte bei Nachtfahrt grundsätzlich an Bord sein.

BOOTE: Haben Sie auch schon mal kuriose Einsätze erlebt?

NIELSEN: Verrückte sind genug auf den Meeren unterwegs! Zwei Polen sind mit einem Ruderboot von Danzig nach England unterwegs, als sie nachts bei zunehmenden Winden und hoher See in der Deutschen Bucht in Not geraten. Per Handy melden sie sich beim MRCC in Bremen. Wir waren sehr schnell im Seegebiet vor Ort und haben die beiden nach langer Suche nur deshalb entdecken können, weil wir das blau leuchtende Display des Handys oben auf den Wellen immer mal kurz ausmachen konnten. Den Rest erledigte der Seenotrettungskreuzer.

BOOTE: Herr Nielsen, was steht bei Ihnen ganz oben auf der persönlichen Prioritätenliste, das Fliegen oder die Rettung? 

NIELSEN: Es ist schon eine große Herausforderung, einen solch komplexen Hubschrauber unter allen Wetterbedingungen zu fliegen, und es macht natürlich auch Spaß, aber das Retten von Menschenleben gibt diesem Job erst seinen Sinn und ist zum Inhalt meines Lebens geworden.

Diesen Artikel lesen Sie in der neuen Ausgabe von BOOTE, die es ab dem 13.11.2019 am Kiosk gibt. Außerdem hier erhältlich!

Rainer Herzberg am 08.11.2019