Fabretti Fabretti

Interview

Wir müssen umdenken

T. Moench am 25.03.2020

Ein italienischer Ingenieur namens Andrea Frabetti bringt die englische Traditionsmarke Sunseeker auf einen neuen Kurs

BOOTE: Dass ausgewiesene Ingenieure wie Sie die kaufmännischen Geschicke
einer Werft übernehmen, ist in der Yacht­szene eher unüblich. Wie empfinden Sie Ihren Schritt vom Ferretti-Chefentwickler zum Sunseeker-CEO?

Andrea Frabetti: Es war und ist mein Anspruch, unseren Kunden die bestmöglichen Boote und Yachten anzubieten. Das galt für meine bisherigen Tätigkeiten in Italien genauso wie heute bei Sunseeker in England. Zu meiner Überraschung gab es aus Sicht eines Ingenieurs an den vorhandenen Sunseeker-Modellen einfach nichts mehr für mich zu tun. Im Klartext: Die Boote waren technisch perfekt, ich konnte sie einfach nicht mehr besser machen. Das heißt nicht, dass ich mir die neuen Modelle nicht ganz genau ansehe. Insgesamt glaube ich, dass es für eine Werft durchaus von Vorteil ist, wenn der CEO möglichst viel Wissen aus dem Yachtbau mitbringt. Das hilft mir, die Kollegen aus der Produktion zu unterstützen, und andererseits hilft es ihnen, weil sie mir nicht jedes Detail erklären müssen. Im Übrigen: CEOs mit Ingenieurtitel sind beispielsweise in der Automobilbranche durchaus üblich. In fast allen Vor­stands­eta­gen großer Automobilhersteller sitzen Techniker und Ingenieure. Das hat sicher seinen Grund.

BOOTE: Sie sprachen es an: Sie kommen aus Italien, dem Land des dolce vita, dem Land, in dem Design und Optik eine große Rolle spielen. Jetzt leiten Sie ein englisches Traditionsunternehmen. Gibt es Mentalitätsunterschiede im Yachtbau?

Frabetti: Oh ja, die gibt es! Ich kann nicht generell für englische Unternehmen sprechen, aber was ich bei Sunseeker in Poole vorfand, kannte ich so bisher nicht. Es gibt nicht wenige Mitarbeiter, die quasi ihr ganzes Berufsleben, angefangen von der Ausbildung bis hin zur Führungs­position, bei Sunseeker verbracht haben. 30-jährige Berufsjubiläen sind bei uns quasi an der Tagesordnung, das sucht man in vielen anderen Ländern, so auch in Italien, vergebens. Die Identifikation eines Sunseeker-Mitarbeiters mit "seinem" Boot ist viel größer, als ich es bisher kennengelernt habe. Auch freut es mich zu sehen, dass selbst einer unserer Gründervater, John Braithwaite, heute immer noch von Zeit zu Zeit in der Werft auftaucht, sich mit den Mitarbeitern unterhält und die aktuellen Modelle und Fertigungstechnicken begutachtet.

BOOTE: Apropos aktuelle Modelle. Wohin wird sich Sunseeker entwickeln, und wo sehen Sie für die Zukunft die größten Herausforderungen für Werften weltweit?

Frabetti: Moderne Yachtwerften wie unsere sehen den Hauptwettbewerb nicht mehr bei anderen Boots- oder Yacht­herstellern, sondern vielmehr bei Luxus-Ressorts, Hotels und High-End-Clubs. Unsere Kundschaft steht vor der Wahl, sich entweder ein Schiff oder aber eine Villa mit Meerblick, ein Strandhaus oder einen anderen Luxusurlaub zu gönnen. Das muss uns klar sein und unser Denken und Handeln beeinflussen. Es ist extrem wichtig umzudenken, über unseren maritimen Tellerrand hinauszuschauen und aus den so gewonnenen Erkenntnissen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Das ist auch der Grund, warum sich unsere Designer ihre Inspirationen überall, sei es in Hotels, bei Architekten oder in der Autoindustrie, holen und sie im Yachtbau einfließen lassen. Ein schönes Beispiel dafür sind beispielsweise unsere sogenannten Beach-Areas am Heck der Yachten. Dort, wo vor wenigen Jahren noch simple Badeplattformen waren, finden die Kunden heute komplett eigene Bereiche mit Bar-Einrichtungen, Duschen, Entertainment-Anlagen und ausreichend Platz für Sonnenliegen.

BOOTE: Der Brexit war und ist in aller Munde. Welche Gefahren sehen Sie für Sunseeker ?

Frabetti: Keine. Wir sind in der glück­lichen Lage, sehr viele Teile für unsere Boote in house zu produzieren. Das macht uns unabhängig, stabil und sicher.

Diesen Artikel finden Sie in der neuen Ausgabe von BOOTE!
 

T. Moench am 25.03.2020
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