1986: Virgin Atlantic ChallengeFoto: BOOTE-Archiv

Motorboote1986: Virgin Atlantic Challenge

Christian Tiedt 

2.12.2011, Lesezeit: 3 Minuten

Im September 1986 machte ein bis dahin eher unbekannter britischer Unternehmer groß von sich reden – auch in BOOTE. Sein Name: Richard Branson.

  Virgin Atlantic ChallengerFoto: BOOTE-Archiv
Virgin Atlantic Challenger
  Virgin Atlantic ChallengerFoto: BOOTE-Archiv
Virgin Atlantic Challenger

Die Erfolgsgeschichte von Richard Branson ist ein modernes Märchen der anderen Art: Vom Verleger der eigenen Schülerzeitung schaffte es der findige Brite zum milliardenschweren Großunternehmer. Inzwischen geadelt, steht sein Name hinter dem Virgin-Imperium mit Musikgeschäften und Fluglinie. Immer wieder sucht Branson aber nach dem Abenteuer und nimmt Rekorde in Angriff, etwa im Heißluft-ballon oder auf Rennseglern.

Den Anfang machte jedoch „Virgin Atlantic Challenger“: Mit einem Offshore-Rennboot will Branson 1985 das „Blaue Band“ erobern – auch wenn die legendäre Trophäe für die schnellste Atlantiküberquerung eigentlich nur an Passagierliner vergeben wird. Aber um den Pokal geht es ihm nicht, der Rekord allein ist interessant.

Zu schlagen sind drei Tage, zehn Stunden und 40 Minuten: Die Bestmarke stellte der Passagierdampfer „United
States“ bereits 1952 auf – mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 35,59 Knoten. Doch im ersten Anlauf scheitert das ambitionierte Projekt: Die „Virgin Atlantic Challenger“ sinkt nur 200 Seemeilen vor dem Ziel in England, die Crew rettet sich jedoch.

Da das Wort „aufgeben“ im Vokabular von Richard Branson kaum vorkommt, wird umgehend der zweite Versuch vorbereitet. Beim Bau des neuen Bootes fließen die bereits gesammelten Erfahrungen ein. Schon ein Jahr später – im Sommer 1986 – ist die „Virgin Atlantic Challenger 2“ zum Start bereit. In Rekordzeit wurde der
22,02 m lange Monohull aus Aluminium fertig gestellt, für den nötigen Speed auf dem dreitägigen Sprint sorgen zwei MTU-Diesel mit jeweils 2000 PS und Oberflächenantrieben.

Zehn Tonnen wiegt das Boot, auf jedes unnötige Gramm Ballast wurde verzichtet. Im Gegensatz zur Vorgängerin hat man diesmal jedoch zumindest Ruhesessel für die Crew eingebaut. Kojen? Fehlanzeige. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 50 Knoten, der Durchschnitt zu Beginn bei „nur“ 47 Knoten – um eine „Zeitreserve“ aufzubauen.

Vor der Küste Neuschottlands wartet schon der erste Tanker, 12 000 l Diesel werden in gut einer Stunde übernommen, und schon geht es weiter. Doch der Seegang wird rauer. Während die Geschwindigkeit kaum abnimmt und das Rennboot von einem Wellenkamm zum nächsten donnert, spürt die sechsköpfige Crew jedes Einsetzen wie einen Hammerschlag. Im Nebel vor Neufundland dann das zweite Tank-Rendezvous, diesmal mit einem Bohrinsel-Versorger. Doch der „Stoff“ ist schlecht, weißer Rauch quillt aus den Auspuffrohren: Wasser im Diesel!

Das Rennen gegen die Stoppuhr beginnt jetzt richtig, alles muss gereinigt werden. Auf See eigentlich kaum zu schaffen – doch der deutsche Mechaniker, extra abgestellt von MTU, vollbringt das Wunder. Nochmal tanken, weiter geht’s! Noch mehr Nebel, dann die Dunkelheit der Nacht; wer ein Auge zubekommt, hat Glück. Jede Stunde müssen die Maschinen nun gestoppt werden, um die Kraftstofffilter zu wechseln, doch der Vorrat geht zur Neige. Ein Flugzeug wirft Nachschub ab.

Am Ende wird es knapp, 600 Seemeilen noch. Regen setzt ein, zwei der drei Navigationssysteme fallen aus. Dann das Ziel – der Leuchtturm von Bishop Rock und die Scilly-Inseln! Und die Zeit? „Zwei Stunden, neun Minuten und 35 Sekunden waren wir schneller als die „United States“, schreibt damals BOOTE-Mitarbeiter Dag Pike, der als Navigator mit an Bord war. „Das war knapp. Aber was macht das schon?“