Vergleich - JetbooteFoto: Dieter Wanke

MotorbooteVergleich - Jetboote

Johannes Erdmann  

29.4.2021, Lesezeit: 6 Minuten

Doppelt cool: Jetboote sind selten. Deshalb haben wir die Chance genutzt, zwei Vertreter ihrer Gruppe zu einem (nicht ganz ernst gemeinten) spontanen Rennen antreten lassen

Der übliche BOOTE-Test ist das Produkt monatelanger Organisation und Planung. Boote müssen organisiert, Reisen gebucht, Fotograf und Kameramann engagiert und das Wetter muss mit kritischem Auge beobachtet werden. Nichts wird dem Zufall überlassen. Landet ein Test im Heft, steckt eine Menge Arbeit dahinter. Nur bei diesem hier ist alles anders.

"Hey, Johannes", spricht mich Dennis Pfister von Boote-Pfister aus Schweinfurt zwischen dem Test der Saxdor-Zwillinge und einer SeaRay SDXE 270 an. "Ihr seid doch fast fertig mit eurem Programm … Wir haben gerade eine Scarab hereinbekommen. Hast du Lust auf ein Rennen gegen einen Waverunner, Jet gegen Jet?" Es ist Mitte Oktober. Der Main ist lausig kalt, der Himmel bedeckt. Alles andere als ein Witterungsgrad, für den die beiden Boote entwickelt und geschaffen worden sind. "Klar", überrascht mich meine Antwort. "Das könnte ziemlich cool werden." Im doppelten Sinne.

Noch mehr Informationen? Den Vergleich der Jetboote mit technischen Daten und weiteren Bildern finden Sie in BOOTE-Ausgabe 05/2021 seit dem 21.04.2021 am Kiosk oder online im Delius Klasing-Shop.Delius Klasing-Shop.

Meine Neugierde ist groß, denn den Yamaha GP1800R habe ich vor einigen Monaten schon gefahren und weiß: Das Ding ist unheimlich schnell. Doch der Kontrahent ist ja nicht irgendein Boot, sondern eine Scarab. Spätestens seit "Miami Vice" kennt jeder den Namen dieser filmogenen Boote, der Inbegriff wurde für eine Synthese aus Design, Stil und Schnelligkeit. In der Werbung für die berühmte Wellcraft Scarab 38 KV lautet der Slogan gar: "Der einzige Weg, dieses Boot einzuholen, ist im Fernsehen."

Doch die Scarab 255 ID stammt nicht aus demselben Hause wie der aus den Se­rien der Achtzigerjahre. Nach der Partnerschaft mit Wellcraft ist die Marke Scarab letztlich in der Beneteau-Gruppe gelandet, die nach dem Ausstieg von SeaDoo nun eine Lücke gesehen hat, um eine Serie kleiner, schneller Jetboote zu etablieren. Da kam der Markenname Scarab gerade recht. Das Boot reiht sich optisch wunderbar in die ehrwürdige Familie ein: Die Sitze sind mit edlem Kunstleder bezogen, ein Glascockpit schafft das Ambiente eines Düsenjets – um den es sich bei dem Boot mit den zwei Rotax-Motoren im Heck ja auch tatsächlich handeln könnte. Wir werden sehen ... Die Probefahrt vor dem Rennen ist schon mal spannend, denn es erfordert ein wenig Umdenken beim An- und Ablegen. Schließlich muss das Rad durch die Jet­antriebe rückwärts genau entgegengesetzt eingeschlagen werden. Der Gashebel wirkt oldschool und den alten Scarab-Modellen entnommen. Die Beschleunigung ist beachtlich, und dank der Jets sind extrem enge Glitschkurven möglich. Der Spaßfaktor ist groß. Doch wird die Scarab 255 ID auch gegen den Waverunner bestehen?

  Der Scarab 255 ID bietet reichlich Platz, viel Komfort und dank seiner zwei Rotax-Jetantriebe auch sehr viel Fahrspaß bei geringem TiefgangFoto: Dieter Wanke
Der Scarab 255 ID bietet reichlich Platz, viel Komfort und dank seiner zwei Rotax-Jetantriebe auch sehr viel Fahrspaß bei geringem Tiefgang
  Der Scarab 255 ID bietet reichlich Platz, viel Komfort und dank seiner zwei Rotax-Jetantriebe auch sehr viel Fahrspaß bei geringem TiefgangFoto: Dieter Wanke
Der Scarab 255 ID bietet reichlich Platz, viel Komfort und dank seiner zwei Rotax-Jetantriebe auch sehr viel Fahrspaß bei geringem Tiefgang

Der GP1800R ist nämlich mit seinem 4-Zylinder-Motor mit 250 PS ebenfalls gut bestückt und mit seinem Leergewicht von 350 Kilogramm deutlich leichter als die Scarab mit 1660 Kilogramm. Rechnet man das PS-pro-Kilo-Verhältnis aus, dann ist der Waverunner mit 0,7 PS pro Kilogramm sogar mehr als doppelt so stark motorisiert wie die Scarab mit 0,3 PS pro Kilo. Trotzdem sind wir gespannt, ob sich das auch in der Performance zeigen wird.

Das Flaggschiff von Yamaha schwimmt sehr stabil und hoch auf dem Main. Wirklich angenehm, denn nasse Füße möchte ich bei den 8 Grad Lufttemperatur im Moment noch nicht bekommen. In der Scarab mit Windschutzscheibe und hohem Freibord fühlt sich der Fahrer bei diesem Wetter jedoch deutlich geschützter. Ich drehe einige Runden, um den Motor des Wave­runners warm zu fahren. Ob das bei diesem Wetter möglich ist? Die Anzeige bleibt jedenfalls noch lange auf "kalt". Dann gehen wir auf die Startpositionen.

Noch mehr Informationen? Den Vergleich der Jetboote mit technischen Daten und weiteren Bildern finden Sie in BOOTE-Ausgabe 05/2021 seit dem 21.04.2021 am Kiosk oder online im Delius Klasing-Shop.Delius Klasing-Shop.

Das Kameraboot gibt den Startschuss, und ich ziehe den Gashebel durch wie den Abzug einer Pistole. Der Waverunner schießt dermaßen los, dass ich mich vor Schreck nur an den Griff klammern kann, während zeitgleich meine Mütze vom Kopf fliegt. Gefühlt ist es ein Ritt auf einer Kanonenkugel. Doch ich bleibe auf dem Gas. Der GP1800R beschleunigt und beschleunigt. Ich vermeide es zu grinsen, denn die Erfahrung habe ich bei der letzten Fahrt mit diesem Modell gemacht: Ist der Mund erst offen, bekommt man ihn kaum mehr zu. Die Wangen schlackern. Es ist lausig kalt. Doch er hat eingesetzt: der Rausch der Geschwindigkeit. Auf dem Wasser fühlen sich die knapp über 110 km/h um Welten schneller an als auf der Straße. Überhaupt: Wer hat schon mal 60 Knoten auf dem Wasser erlebt? Am Ende der Geraden reduziere ich die Geschwindigkeit. Nicht zu schnell jedoch, denn ausgleiten kennt der GP1800R nicht. Lasse ich den Gasgriff einfach los, dann laufe ich Gefahr, vornüber abzusteigen. Ich drehe mich um und sehe nach einer Weile die Scarab her­anpreschen. Dass der Waverunner etwas schneller ist, habe ich vermutet, aber so viel schneller? Wahnsinn.

Das Kameraboot holt uns ein. Eine Jeanneau 10.5 WA mit 2 x 300 PS. Für ein paar schöne Fotos "Jet gegen Jet" sollen wir dynamisch neben dem Boot fahren. Doch irgendwann beginnt der Fotograf wild zu fuchteln und will mir signalisieren, gefälligst nicht so schnell zu fahren. Doch viel langsamer als 20 Knoten lässt sich der Waverunner nicht bewegen, ohne schwerfällig zu werden, was auf Kosten der Steuerdynamik geht.

Als Nächstes sollen wir im Kielwasser spielen und mit Anlauf ein paar Sprünge vollführen. Hier ist die Scarab mit ihrem Gewicht deutlich im Vorteil und kann deutlich waghalsigere Sprünge machen. Schließlich ist das Wasser eiskalt, und ich möchte auf keinen Fall baden gehen. Die steile Heckwelle macht es mir nur möglich, dicht hinter dem Heck des Kameraboots durchzuspringen, wo die Welle etwas flacher ist. Langsam annähern, kurz vor der Welle den Gashebel durchziehen – und augenblicklich springt der Jet los wie ein von der Hornisse gestochenes Pferd über die Hürde. Einige Male setze ich derart hart ein, dass eine Wasserwand über mich hinwegknallt. Entweder das, oder ich habe die Schallmauer durchbrochen. Spaßfaktor: gigantisch!

Foto: Dieter Wanke
Foto: Dieter Wanke

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Als wir nach fast einer Stunde zurück am Steg sind, bin ich trotz Neoprenanzug völlig durchnässt und durchgekühlt, aber auch Dennis Pfister klettert klatschnass aus der Scarab. "Naa, wie gefiel er dir?", fragt er mich. Ich stammel: "Eine Rakete. So schnell hatte ich ihn wirklich nicht in Erinnerung!" – "Ich habe ihn auch ein wenig leichter gemacht und optimiert", gesteht er, "ich wollte mal dein ängstliches Gesicht sehen, wenn du den Hahn durchziehst." Die Überraschung ist ihm gelungen. Kein Wunder also, dass die Scarab keine Chance hatte.