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Sicherheit an Bord

Sicherheit an Bord

Christian Tiedt am 24.09.2019

Prävention: Verantwortung, Sicherheitsausrüstung von Boot und Besatzung, Revierwahl und Törnplanung: Teil 1.

Die Verantwortung für die Sicherheit von Boot und Besatzung liegt beim Skipper; völlig unabhängig davon, ob es sich dabei um ein Schlauchboot, einen Daycruiser oder eine große Motoryacht handelt und wohin es gehen soll.

Manch ein Törn dauert nur Minuten, andere dafür Monate. Oder wie es um die Erfahrung der einzelnen Personen an Bord steht: Wer kennt sich mit Seemannschaft aus und welche Rollen können verteilt werden? Wie können die anderen helfen? Es ist Aufgabe des Skippers, all diese Faktoren in seine Überlegungen und Entscheidungen einzubeziehen – und das nicht erst nach dem Ablegen, sondern bereits bei der Planung und Vorbereitung der Reise.

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Neben diesen "Variablen", die etwas später behandelt werden, gibt es im Hinblick auf die gründliche Vorbereitung und größtmögliche Sicherheit jedoch auch eine "gesetzte Größe": die Ausrüstung und Ausstattung. Auf sie muss in jeder Situation und ohne Abstriche Verlass sein. Das bedeutet neben einem technisch einwandfreien Zustand auch, dass Vielseitigkeit und Leistungsfähigkeit stimmen müssen.

Natürlich benötigt man nicht unbedingt ein Radar, wenn man nur binnen unterwegs ist. Und auf einem Angelboot ist selten Platz für eine Rettungsinsel. Dennoch gibt es Dinge, die Pflicht sind und um die es im nächsten Abschnitt geht. Ist die Sicherheitsausstattung umfangreicher, umso besser! Denn ein wirklich gutes Sicherheitsgefühl führt auch dazu, dass man sich besser entspannen und noch mehr Spaß auf dem Wasser haben kann.

Die persönliche Ausrüstung

Der mit Abstand wichtigste Teil der Sicherheitsausrüstung jedes Besatzungsmitglieds ist die Rettungsweste. Die Situationen, in denen sie ihren Wert beweisen kann, wenn eine Person über Bord fällt, sind endlos – ein falscher Schritt, eine unerwartete Welle genügen, um das Gleichgewicht zu verlieren. Im Hafen, in der Schleusenkammer oder auf hoher See, am Steg, vor Anker oder in voller Fahrt.

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Wer aus gewisser Höhe unkontrolliert ins Wasser stürzt, kann nicht nur die Orientierung verlieren, sondern mitunter sogar das Bewusstsein – eine lebensbedrohliche Situation. Ohnmachtssichere Automatikwesten, die sich selbstständig aktivieren und aufblasen, schützen sogar in diesem Fall, indem sie die Person durch die Anordnung ihrer Auftriebskammern so drehen, dass sich zumindest der Kopf über Wasser befindet.

Neben der Rettungsweste gibt es noch eine Reihe weiterer Punkte, die für die Gesundheit der Besatzung wichtig sind: Die Bekleidung muss dem Revier und der Witterung angemessen sein und entsprechende Schutzfunktionen erfüllen können; also etwa bei starker Sonneneinstrahlung, Nässe oder Kälte. Festes Schuhwerk – besonders bei der Decksarbeit – gehört dazu.

Wenn es schnell gehen muss, kann eine plötzliche unglückliche Verletzung am blanken Fuß durch Kanten oder Beschläge schnell einmal das ganze Manöver durcheinander bringen. Ebenso wichtig ist die Sonnenbrille, die bei hohen Fahrtstufen auch als Windschutz für tränenfreien Durchblick sorgt) und eine passende Kopfbedeckung.

Dazu kommen Sonnenschutz zum Auftragen (selbst bei leichter Bewölkung wirkt die Wasseroberfläche noch wie ein Spiegel) und eventuell Mittel gegen austrocknende Haut. In jedem Fall muss ausreichend Trinkwasser an Bord sein. Achten Sie besonders darauf, dass Kinder zu jeder Zeit richtig ausgestattet sind.

Die Bootsausrüstung

Grundlegende Anforderungen an die Sicherheit beim Entwurf von Sportbooten gibt die EU-Richtlinie 2003/44/EC vor. Für die Sicherheitsausrüstung existieren dagegen hierzulande keine Vorschriften, lediglich Empfehlungen, die sich nach den vier Richtlinienkategorien A (früherer Zusatz "Hochsee") bis D (früher "Geschützte Gewässer) und den entsprechenden Einsatzgebieten orientieren.

Vorgeschlagen werden: Für die Kategorien A, B, C und D: zugelassene Positionsbeleuchtung, als einfache optische Seenotsignale die Flaggen "N" und "C", sowie eine rote Flagge binnen (vorgeschrieben), Absperrventile für Kraftstofftanks, Anker (der immer gut erreichbar und einsatzklar sein muss), Werkzeug, Außenbordleiter, Erste-Hilfe-Kasten, ABC-Pulverlöscher und Löschdecke, Rauchmelder, Handlampe, Nebelhorn, Handlenzpumpe, Pütz, Schleppleine, Bootshaken, Wurfleine, Fernglas, Echolot, Rettungswesten, Rettungsring, Rauchsignal (orange). 

Zusätzlich nur für die Kategorien A, B und C: Seereling, Ersatzanker, Leckdichtungsmaterial, Radarreflektor, Bilgenpumpe, Magnet- und Peilkompass, Log, GPS, Navigationsmittel, Kartenplotter mit aktueller Software, klassische Papierseekarten und nautische Handbücher zum Revier, Sicherheitsgurte, Fallschirmraketen, Handfackeln.

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Zusätzlich nur für die Kategorien A und B: Treibanker, Schallsignalanlage, Glocke, UKW-Sprechfunkanlage mit GMDSS sowie eine ausreichend dimensionierte Rettungsinsel.

Schließlich zusätzlich nur für die Kategorie A: ein Sextant für die Navigation und eine Seenotfunkbake (EPIRB).

Viele der Ausrüstungsgegenstände, die erst für die "höheren" Kategorien vorgeschlagen sind, findet man allerdings auch längst auf anderen Booten.

Das gilt beispielsweise für elektronische Navigationsmittel und UKW-Funk. Einige Ausrüstungsgegenstände erwähnt allerdings auch diese Vorschlagsliste nicht – vielleicht auch deshalb, weil ihr Vorhandensein nicht nur guter Seemannschaft entspricht, sondern allein schon dem gesunden Menschenverstand.

Dazu zählen Leinen in ausreichender Länge, Anzahl und gutem Zustand, als Festmacher oder für andere Zwecke, und ebenso Fender der richtigen Größe. Wer keine ausreichende Reling hat, sollte zumindest auf einen rutschsicheren Decksbelag und auf leicht zu erreichende, solide Handläufe oder Griffe achten.

Besonders für Manöver muss das Vorschiff bei kleinen wie bei größeren Booten jederzeit sicher zugänglich sein; die Breite und Beschaffenheit des Seitendecks sind hier die entscheidenden Kriterien. Ebenfalls hilfreich: ein Beiboot, das zumindest mit Rudern ausgestattet ist. Dabei zählen keinesfalls nur ausgewachsene Dingis in eigenen Davits – selbst ein kleines Schlauchboot kann schon den entscheidenden Unterschied machen. Und ein Modell mit Luftboden lässt sich außerdem selbst an Bord leicht und schnell aufbauen.

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Außenborder sind übrigens nicht nur im Zusammenhang mit Beibooten ein Thema; als Hilfsmotoren können sie auch größere Kajütboote manövrierfähig halten, wenn der Hauptantrieb ausfällt. Besonders Yachten, die für weite Fahrtstrecken ausgelegt sind wie beispielsweise Trawler, sind für diesen Fall häufig sogar mit einem zusätzlichen fest eingebauten Motor als get-home-system ausgerüstet.

Apropos Außenborder: Auch die Quickstop-Leine gehört zur Sicherheitsausrüstung. Sie sollte – an Arm oder Bein befestigt – selbst auf kurzen Strecken Pflicht sein, egal, ob das Boot nur über Pinnensteuerung oder ein richtigen Fahrstand mit festen Sitzen verfügt, und unabhängig davon, ob man allein oder zu mehreren unterwegs ist.

Die richtige Kombination

Neben der Ausrüstung ist die umfassende Vorbereitung jedes Törns (und im weiteren Reiseverlauf auch jedes einzelnen Törntages) die wichtigste Voraussetzung für eine entspannte und sichere Reise. Wenn ein Revier zum ersten Mal befahren wird, sollte im Vorfeld umso mehr Zeit in die Lektüre der entsprechenden nautischen Literatur und des Kartenmaterials investiert werden.

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Sie informiert nicht nur über die allgemeine Beschaffenheit eines Gebietes, wie Gezeiten, Strömungs- und Witterungsverhältnisse, sondern auch über später wichtige Details und Parameter, also etwa Ansteuerungen, Wassertiefen und vorhandene Liegemöglichkeiten generell, von Ankerbuchten über Vereine und kommerzielle Marinas bis hin zu den Stadthäfen.

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Außerdem klären sie über rechtliche Fragen auf, etwa im Hinblick auf Einklarierungs- oder Registrierungsformalitäten, insbesondere Verkehrs- oder Umweltvorschriften oder die Zuständigkeit und Alarmierung von Behörden und Rettungsdiensten. Erst wenn man sich mit einem Revier eingehend beschäftigt hat, lässt sich bewerten, ob es als Ziel infrage kommen sollte.

Die Eignung des Bootes

Sind Seetüchtigkeit, Ausrüstung und Reichweite des eigenen Bootes den Verhältnissen und Distanzen des betreffenden Reviers angemessen? Wie sieht es mit den Durchfahrtshöhen besonders bei festen Brücken und mit der Wassertiefe aus – besonders, wenn es sich um ein Gezeitenrevier oder ein Fließgewässer mit veränderlichen Pegelständen handelt?

Gibt es Tankstellen direkt am Wasser oder Bunkerboote? Und wenn ja, muss auch sichergestellt sein, dass dort die richtige Kraftstoffart angeboten wird. Wären als Alternative zumindest Straßentankstellen in Reichweite? Ebenfalls muss geklärt werden, welche Häfen und Liegeplätze für das eigene Boot infrage kommen.

Auch hier spielen die Abmessungen wie Tiefgang und Breite eine entscheidende Rolle. Erst an der Hafeneinfahrt zu merken, dass man nicht in die Boxen passt oder gar nicht erst soweit zu kommen, weil es davor zu flach wird, führt zu ärgerlichen Stresssituationen, die sich bei gründlicher Vorbereitung leicht vermeiden lassen.

Ein weiterer Punkt in diesem Zusammenhang ist zusätzliche revierspezifische Ausrüstung: Wäre vielleicht ein Schleusenhaken hilfreich, ein zusätzlicher Ersatzkanister, zusätzliche längere Leinen oder ein Fenderbrett? Auch in dieser Hinsicht geben die meisten Törnführer hilfreiche Tipps, was besonders wichtig ist.

Beschaffenheit des Reviers

Wie anspruchsvoll ist das Törngebiet darüber hinaus? Verschiedene Faktoren können hier binnen wie seeseitig bedeutsam sein, beispielsweise die generelle Beschaffenheit der Küste oder des Uferverlaufs, des Tiefenprofils sowie die Entfernungen zwischen Häfen oder anderen geeigneten Liegestellen, die Ausprägung der Gezeiten oder die Stärke der Strömungsverhältnisse, Pegel- und Wasserstände.

Gibt es feste Fahrwasser (möglicherweise sogar mit eigenen Verkehrsregeln) und wie gut ist die Bezeichnung mit Seezeichen (bei Tag und Nacht)? Gibt es hier eventuell Unterschiede zu bekannten Revieren? Muss mit Berufsschifffahrt gerechnet werden und wie sieht es mit dem Verkehrsaufkommen allgemein aus?

Die Eignung der Besatzung

Der Skipper selbst hat in dieser Hinsicht die volle Verantwortung: Reicht die eigene Erfahrung und Seemannschaft für die zu erwartenden Törn- und Revierverhältnisse aus – und gilt das auch dann noch, wenn ein neues Ziel angesteuert wird, das mit persönlich weitgehend unbekannten Situationen aufwartet, wie etwa Gezeiten oder Großschifffahrtsschleusen?

In diesem Fall ist gründliche Vorbereitung besonders wichtig. Gleiches gilt natürlich für jedes einzelne Besatzungsmitglied und für die Crew als Ganzes. Stimmt die Gruppendynamik? Schwierige Verhältnisse  führen unweigerlich zu besonderen Belastungen beim Miteinander.

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Wetter und Witterung

Welche Wind- und Wetterbedingungen sind zur Reisezeit vorherrschend, muss mit extremen Ausnahmen gerechnet werden? Können besondere Wetterphänomene auftreten, zum Beispiel lokale Wetterlagen, schnell und überraschend einsetzende Stark- und Sturmwinde oder häufiger Nebel?

Landseitige Infrastruktur

Gibt es ausreichend Liegeplätze (und Ausweichmöglichkeiten? Eventuell muss vorab eine Anmeldung erfolgen. Wie sind darüber hinaus die Service- und Versorgungsmöglichkei­ten (Betriebszeiten)? Wo kann man slippen und kranen? Welche Sprache wird gesprochen?


Die Streckenplanung

Die Streckenplanung selbst hängt natürlich in erster Linie davon ab, wie viel Zeit zur Verfügung steht. Wenn man wirklich Urlaub machen möchte, sollte "Kilometerfressen" nicht das Ziel sein. Kommt man (besonders in der Hauptsaison) zu spät an, sind die Liegeplätze möglicherweise schon vergeben und die Geschäfte zu (von Sehenswürdigkeiten ganz zu schweigen). 

Ruhetage und Reservetage sind für die Sicherheit wichtig: Zum einen werden Pausen auf längeren Törns benötigt. Zum anderen kann das Wetter einen durchgetakteten Etappenplan schnell durcheinanderbringen. Wer jeden Tag fahren muss, um die nötige Strecke zu machen, setzt sich unnötigem Druck aus – auf Kosten der Sicherheit.

Selbst eine Reihe von sehr langen Tagen auf dem Wasser kann schon anstrengend sein, egal ob man binnen oder buten unterwegs ist. Fahrtwind, direkte Sonneneinstrahlung und Seegang zehren zusätzlich an den Reserven – besonders, wenn ein Crewmitglied nicht regelmäßig mit dem Boot unterwegs ist.

Sechs bis sieben Stunden pro Tag sollten deshalb bei der Planung nicht überschritten werden, auch in diesem Fall inklusive Reserve, versteht sich.

Diesen Artikel finden Sie in der April-Ausgabe 2019 von BOOTE. Hier erhältlich.

Christian Tiedt am 24.09.2019