Beneteau Flyer 6 Beneteau Flyer 6
Bootstests

Bénéteau Flyer 6

Peter Lässig am 02.03.2015

Bénéteau Flyer 6 – Ein Rumpf und drei unterschiedliche, gelungene Konzepte. Peter Lässig fuhr sie mit Außenborder zwischen 150 und 200 PS.

Beneteau Flyer 6

Test Beneteau Flyer 6

Bénéteau, eine der Großen beim Bau von Segel- und Motorbooten in Frankreich, hat sich zum 30. Jahrestag des ersten Marktauftritts der Flyer etwas Besonderes ausgedacht. Mit der Neukonzeption ihrer Boote für Außenbordmotoren in der 6-Meter-Klasse hebt sich die Werft von ihren Mitbewerbern ab.

Zwar haben sie das Boot nicht neu erfunden, aber auf ihre Weise einzigartig gestaltet. Neben der stilistischen Überarbeitung, dem Garant für Wiedererkennung, wurden das Bootsinnere, das Deck und der Rumpf modernisiert und auf den neuesten Stand der Technik gebracht. 

Bénéteau verwendet die sogenannte Air-Step-Technologie, bei der gezielt Luft unter den Rumpf geleitet wird. Das soll zu verbesserten Fahreigenschaften, größerer Stabilität und ökonomischerem Fahren verhelfen. Dieses System wurde für die Flyer 6 noch weiter angepasst. Die unter den Rumpf geleitete Luft bildet eine Art Schaumteppich, der Reibung vermindern soll. Die Werft hat bei den Flyer-6-Modellen, unter Beibehaltung des tiefen V-Rumpfes vorn, das Vorschiff im Decksbereich sehr breit gestaltet und die Bordwände im oberen Bereich bis zum Bug hin senkrecht durchlaufen lassen. Das hat beim Durchfahren von Wellen den Effekt, dass Spritzwasser überwiegend seitlich abgedrängt wird und nicht als Spray vornüber kommen kann. Ebenfalls positiv wirkt sich das auf den Platz im Vorschiff aus.

Bénéteau unterteilt die Versionen in Spacedeck, Sundeck und Sportdeck.
Spacedeck soll heißen, hier gibt‘s Raum. Dem ist auch so, denn das Vorschiff ist mit einer u-förmigen Sitzbank sowie einer vor dem Steuerstand ausgestattet. Dazwischen ist genug Raum für einen ordentlich dimensionierten Einstecktisch. Acht Personen sollen hier Platz finden. Im Vorschiff kann eine stabile Hängematte eingespannt werden, die als Sonnenliege fungiert. 

Die Sportdeck kann man optisch auch als Bowrider bezeichnen. Vor der Windschutzscheibe befindet sich auf jeder Seite eine Sitzbank, die auch genügend Fläche bietet, um die Beine auszustrecken. Für Sonnenhungrige trägt im vorderen Bereich ein Einlegepolster zur Vergrößerung der Fläche bei. Unter den Längsbänken wird wie bei der Spacedeck noch jede Menge Stauraum angeboten, nur mit dem Unterschied, dass sich in der Sportdeck das optionale Marine-WC unter dem Backbordbug-Polster befindet. Wer da ungesehen auf den Pott will, muss wohl ein Zelt dazukaufen und als Sichtschutz aufbauen? Mehr Platz zum Stauen gibt es unter dem Cockpitboden vorn, der durch eine große Klappe verschlossen ist.

Die Sundeck bietet, wie der Name schon verrät, eine durchgehende Sonnenliege im Bug. Darunter steckt aber auch eine Kabine, die zwei Personen Raum zum Übernachten bietet. Dass hier die Steh- und Sitzhöhe beschränkt ist, liegt an der Bauart. Ein Marine-WC (Extra) ist in Space- und Sundeck Steuerbord neben dem Eingang eingebaut. Während die Toilette in der Spacedeck offen steht, kann sie in der Sundeck zur Vergrößerung der Lie-gefläche mit einem Brett und Polster abgedeckt werden.

In Space- und Sundeck sitzen Fahrer und Co hinter einem gleich aussehenden, zentralen Steuerstand, auch Centerconsole genannt. Eine Kunststoffschiebetür führt jeweils unter Deck und beide Fahrstände sind mit einer zu dunkel gefärbten Spoiler-Windschutzscheibe aus Kunststoff ausgerüstet, um die ein Reling-Handlauf herumläuft, der bei der Sundeck fehlt. Die Instrumente sind gut einsehbar und die Bedienelemente samt Schalter akzeptabel erreichbar. Auf der Sundeck monieren wir die Schaltbox, die uns zu nahe am Steuerrad angebaut wurde. Beim Manövrieren besteht die Gefahr, dass man unbeabsichtigt den Schalthebel betätigt und Gas gibt – gerade auch weil die Schaltung für den 175-PS-Suzuki elektrisch funktioniert, genauso wie beim 150-PS auf der Sportdeck. Der 200er auf der Test-Spacedeck wird hingegen konventionell mechanisch geschaltet.

Die Sportdeck ist mehr dem klassischen Bowrider nachempfunden, auf der Fahrer und Beifahrer jeweils getrennt an Steuer- und Backbord hinter Konsolen mit ebenfalls zu dunkler Kunststoffwindschutzscheibe sitzen. Die Scheibe ist durchgehend und kann für den Durchgang nach vorn mittig aufgeklappt werden. Auch hier hat der Fahrer alles im Griff und blickt auf die fast identische Instrumentierung.

Allen drei Fahrständen gemein ist, dass man nahezu zugfrei sitzt. Die allseits verstellbaren Schalensitze, in denen man sicher und bequem Platz nimmt, zählen bei allen Flyer 6 zum Standard. Kritik gibt es dagegen für Log und Kompass, da diese extra kosten. Schließlich sind die Boote für küstennahe Gewässer zertifiziert. Ein weiteres Minus sind die fehlenden Scheibenwischer, diese stehen auch nicht auf der Zubehörliste.

Gesteuert werden die Boote mit einer rein hydraulisch arbeitenden Lenkung, die in allen Belangen ihre Aufgabe akzeptabel erledigt. Fast fünf Umdrehungen beim Volleinschlag von einer zur anderen Seite verlangen etwas Geduld oder Geschwindigkeit beim Betätigen des Ruders. Allerdings verhindert das auch schnelle Reaktionen bei Extremmanövern, was diese letztlich dann milder ausfallen lassen.
Ab den Steuerständen sind alle drei Boote gleich gestaltet. Am Spiegel hängt ein Außenbordmotor bis maximal 200 PS, der im gekippten Zustand in einer großen Motorwanne genug Platz hat. Neben dieser befinden sich zwei integrierte, kleine Badeplattformen. Die an Steuerbord ist mit Staufach und Deckel versehen, die an Backbord dient jeweils als Heckeingang und beherbergt obenauf eine Klappbadeleiter, aber keinen Haltegriff.
Von den Wänden der Motorwanne führen gut abgedichtete Leerrohre, die Kabel und Schläuche enthalten, zum Motor.
Vor der Motorwanne befindet sich eine Cockpitsitzbank, die mit einem Handgriff nach vorn geklappt werden kann und samt Auflagen eine große Sonnenliege bildet, auf der zwei Personen bequem Platz haben. Besonders gefällt uns, dass mit kleinen Polstern eine Art Kopfkissen vor dem seitlichen Cockpithandlauf geschaffen werden kann.
In der Sitzbankrückwand ist eine Serviceluke eingebaut, durch die man an den Kraftstoffvorfilter mit Schauglas und Drainage gelangen kann. Kritik gilt hier dem Umstand, dass die Luke zu weit weg montiert ist. An den Kraftstoffhahn gelangt man durch eine Serviceöffnung in der Motorwanne – das passt.

Vor der Sitzbank eröffnet sich eine große Cockpitbodenluke, die neben der Batterie und dem Fäkalientank (Extra) noch jede Menge Stauraum bietet. Während die Batteriehauptschalter und Sicherungen bei Space- und Sundeck innerhalb der Centerkonsolen neben der Toilette eingebaut wurden, muss man in der Sportdeck den Cockpitbodendeckel im Durchgang nach vorn öffnen, um an Gleiches zu gelangen. Das ist allemal akzeptabel.
Hinsichtlich der Fahreigenschaften haben alle Flyer 6 überzeugt. "Getreten" haben wir die Spacedeck, da sie mit der stärksten Motorisierung bestückt ist, und wenn da das Boot besteht, dann allemal die mit den schwächeren Motoren, wie Sundeck mit 175 PS und Sportdeck mit 150 PS – alles Viertaktmotoren von Suzuki.

Vorwärts wie rückwärts fahrend durchmessen die Drehkreise in langsamer Fahrt maximal zwei Bootslängen; wird das Ruder bewegt, reagieren die Testboote prompt mit Kurswechsel. In Geradeausfahrt nehmen Personen, die im Boot den Platz wechseln, nur geringen Einfluss auf Kurs und Krängung. Zu unserem Erstaunen fahren die Testboote trotz einer V-förmigen Stufe im Rumpf rückwärts hin, wo sie sollen.

Die langsamen Geschwindigkeiten (5 kn) fahren wir mit allen Booten bei 1500 U/min, um die von den Rümpfen erzeugten Wellen auf akzeptabler Höhe zu halten. Auf keinem der Boote ist die Voraussicht beim Übergang von Verdränger- in Gleitfahrt gestört und bleibt auch stets erhalten. Als Höchstgeschwindigkeit loggen sich bei der Spacedeck 39 kn, bei der Sundeck 37 kn und bei der Sportdeck 35 kn in unserem GPS ein. Die wirtschaftlichste Gleitfahrt ermitteln wir für die Sundeck, wenn der 200er 3500 U/min dreht und das Boot 22 kn schnell fährt. Für die Sundeck mit dem 175er lauten die Zahlen 4000 U/min und 21 kn und für die Sportdeck mit dem 150er ebenfalls 4000 U/min und 20 kn.

Alle Boote sind mit dem gleichen Tank bestückt, also maximal 170 Liter Fassungsvermögen und haben folgende Reichweiten in wirtschaftlicher Fahrt: Spacedeck (200 PS) 148 sm, Sundeck (175 PS) 135 sm und Sportdeck (150 Ps) 130 sm. Alle drei Testboote erfüllen unsere Minimalforderung von mindestens 100 sm plus Reserve. Die Schalldruckwerte der Motoren, die bis auf den 175-PS-Suzuki, bei Marschfahrt unter der 85-dB/A-Grenze bleiben, bekommen von uns die Note "ausreichend".

Alle Extremmanöver verlaufen in voller Fahrt, dank Air-Step-Rumpf, stets moderat, da die Kurven an engster Stelle durch ventilierende Propeller beendet werden. In den immer enger verlaufenden Kurven neigen sich die Boote leicht zum Kurvenmittelpunkt und ziehen mit ganz beigetrimmten Motoren unbeirrt ihre Bahnen, während sie sich bis auf untere Gleitgeschwindigkeit von alleine abbremsen. Bei Space- und Sundeck durchmessen die engsten Kreise etwa zwei und bei der Sportdeck drei bis vier Bootslängen, bis die Propeller zu ventilieren beginnen.

Alle Testkandidaten absolvieren innerhalb von zwei Bootslängen die 180°-Wenden in einem Rutsch, ohne dass der Rumpf einhakt oder schaukelt. Nur neu Anfahren ist angesagt. Auf der Slalomstrecke bringt man die Boote ein wenig und ungefährlich über die Längsachse zum Pendeln. Bleibt dabei der Trimm auf optimaler Position stehen, vernimmt man leichte Ventilationsgeräusche der Propeller. Klaglos folgen die Boote beim Verreißen des Ruders dem eingeschlagenen Kurs. Während sich beim Test von Space- und Sundeck das Mittelmeer vor Palma de Mallorca von seiner ruhigen Seite zeigt, forderte es die später getestete Sportdeck bei Windstärken 4–5 Beaufort. Über das raue Kabbelwasser, mit Wellen bis etwa 50 cm Höhe sind wir in allen Richtungen mit Höchstgeschwindigkeit soweit komfortabel und immer trocken darüber hinweg gebügelt.

Was die Verarbeitung angeht, kann man die drei Testboote alle über einen Kamm scheren: Die Kunststoffverarbeitung außen und innen kann sich sehen lassen; dass innen nur im sichtbaren Bereich eine Schutzfarbe aufgetragen wurde, ist nicht untypisch. An der Ausstattung ist  wenig auszusetzen und was die Schottwanddurchbrüche sowie andere Schlauch- und Kabelwege betrifft, haben wir auf unbehandelte aber auch behandelte Schnittkanten geblickt. Einige Schnittkanten waren mit einem extra Schutz versehen und die Kabel vorbildlich in Leerrohre gesteckt.

Hinsichtlich der Elektrik blickt man an manchen Stellen auf geordnete Kabelbündel, an anderen auf Kabelgewusel. Auch die Holzverarbeitung variierte von verrundeten Kanten bis hin zu abgeplatztem Holz-Laminat. Das kann Bénétau besser. Insgesamt hinterlassen die drei Flyer-6-Modelle aber einen positiven  Eindruck. Bénétau rüstet die Boote fahrfertig aus und bietet neben der Standardausrüstung noch die Ausstattungspakete Dynamic, Ambition und Nordic an, die zum Teil wichtiges Zubehör wie den Analogkompass enthalten. Extra kosten Einstecktische und Außenpolster, Marine-WC, Druckwasseranlage mit Heckdusche oder ein Bimini. Ein Verdeck steht nicht im Angebot. Jedes Boot ist mit einem selbstlenzenden Ankerkasten in der Bugspitze bestückt, Winsch und Bugbeschlag kosten extra.

Lob: Neben einer elektrischen Lenzpumpe gibt es jeweils noch eine manuell bedienbare; das Cockpit ist nach außenbord selbstlenzend. Kritik: Die Beleuchtung hat keine Zulassung für den deutschen Teil von Nord-, Ostsee und Teile der deutschen Binnengewässer. Neben den Zubehörpaketen kann aber jeder sein Boot individuell ausrüsten, vom Angelrutenhalter bis zum Wakebordbügel ist alles im Angebot. Vorhanden sind zwei Doppel-T-Belegklampen am Bug und achtern, sowie Zugösen vorn und hinten. Die Werft geizt nicht mit Haltegriffen und Handläufen, aber bei den Badeleitern fehlt uns je ein Haltegriff. Die Fender befestigt man an den Reling-Handläufen und die Scheuerleisten passen.

Fazit

Bénéteau hat mit der Flyer-6-Serie eine Bootsreihe mit großer Wiedererkennung sowie guten und sicheren Fahreigenschaften auf den Markt gebracht. Ein Rumpf und drei Variationen mit jeder Menge Zubehör lassen dem Käufer die Qual der Wahl. Bekommt man das eine und andere Detail in den Griff und legt partiell bei der Verarbeitung noch nach, werden die Flyer 6 ihren Kundenstamm finden – zumal sie samt Motor, Zubehör und leichtgewichtigem Trailer noch in der 2-Tonnenklasse trailerbar sind.

Datenblatt: Beneteau Flyer 6

Werft: Bénéteau
Typbezeichnung: Beneteau Flyer 6
CE-Kategorie: C - Küstennahe Gewässer
Material von Rumpf und Deck: Kunststoff
Länge (m): 6,22 m
Breite (m): 2,52 m
Verdrängung (kg): 1,29 t
Preis: 19.635,00 €
Peter Lässig am 02.03.2015