Bernd Böttger Bernd Böttger

Geschichte: Deutsche Teilung

Flucht über die Ostsee

Bodo Müller am 02.01.2021

In die Freiheit: Vor etwas mehr 50 Jahren erfand Bernd Böttger aus Sachsen den Aqua Scooter und floh damit unter Wasser aus der DDR in den Westen

Am Sonntag, dem 8. September 1968 schreibt der dänische Marineoffizier Christian Christiansen um Mitternacht die Wetterdaten ins Bordbuch des Feuerschiffs "Gedser Rev": Wind SE, 1–2 Bft., Luft 15 °C, Wasser 17 °C. Seine Seeposition liegt zwischen Gedser im Süden der Insel Falster und der Küste der DDR. "Gedser Rev" ist das wichtigste Seezeichen für die Navigation der berüchtigten Kadetrinne.

Punkt 4 Uhr morgens geht Christiansen zum wiederholten Male an Deck, um von der Wetterstation die Daten abzulesen. Es ist eine warme, sternenklare Nacht. Das Meer ist glatt. Aus Süden sieht er eine einzelne Welle auf sich zurollen. Was ist das? Kurz vor der Bordwand des Feuerschiffs verschwindet sie. Er schenkt der merkwürdigen Welle keine Bedeutung.

Plötzlich hört er eine menschliche Stimme. Mitten auf der Ostsee! Er rennt ins Steuerhaus und greift das Fernglas. Kein anderes Wasserfahrzeug ist zu sehen. Hat er sich getäuscht? Doch da ertönt die Stimme wieder: "Help, help!" Christiansen schlägt mit der Schiffsglocke Alarm. Wenige Sekunden später sind alle sechs Mann der Besatzung zur Stelle. Sie richten einen Scheinwerfer in die Dunkelheit und entdecken eine Person. Sofort werfen sie ihm eine Leine zu, an der sich der Unbekannte festhalten kann.

Minuten später hängt die Strickleiter außenbords. Christiansen legt sich eine Schwimmweste an, um dem vermeintlichen Schiffbrüchigen aus dem Wasser zu helfen. Doch der klettert schon lächelnd selbst nach oben – und benutzt dabei nur eine Hand, weil er in der anderen ein merkwürdiges Gerät hält.

"Guten Morgen, ich heiße Bernd Böttger und komme aus Sebnitz bei Dresden. Darf ich an Bord kommen?", fragt der Fremde im schönsten Sächsisch. Nicht nur das: Er darf duschen, erhält Kleidung und Frühstück. Die Dänen wollen wissen, wie er so weit schwimmen konnte und was das für ein Apparat ist.

"Ich bin nicht geschwommen," antwortet Bernd. "Das ist mein U-Boot. Ich habe mich nur rangehängt."
Christiansen sendet einen verschlüsselten Funkspruch an die Marineheimwehr nach Gedser. Die DDR-Volksmarine darf auf keinen Fall etwas davon erfahren. Gegen 10 Uhr kommt eine Barkasse längsseits. Bernd Böttger steigt mit seinem "U-Boot" um und betritt anderthalb Stunden später dänisches Festland. Dort wird er schon von einem Zeitungsreporter und einem Fernsehteam erwartet. Bernd gibt Interviews und führt seine Erfindung vor.

Einen Tag später in Lübeck wird Bernd von Journalisten umringt. Sein "Mini-U-Boot", das jetzt "Aqua Scooter" genannt wird, und die tollkühne Fluchtgeschichte erscheinen in allen großen Zeitungen. Die "Neue Revue" feiert ihn mit der Schlagzeile "Unter Wasser in die Freiheit – Die tollste Flucht des Jahres 1968". Er tritt öffentlich auf, unter anderem beim Sender Freies Berlin, und ist Gast der NDR-Sendung "Die Aktuelle Schaubude". In der "Arbeitsgemeinschaft 13. August", die in West-Berlin das Fluchtmuseum "Haus am Checkpoint Charlie" betreibt, stellt er sein "Mini-U-Boot" aus. Spätestens jetzt interessiert sich Stasi-Chef Erich Mielke persönlich für ihn.

Ein Fall für die DDR-Staatssicherheit war Bernd Böttger bereits als Jugendlicher. Im Sommer 1958, Bernd ist 17 Jahre jung, hat er seine erste dreistufige Feststoff-Rakete, die hoch in den Himmel steigen soll, startklar. Auf einer Wiese unweit seiner Heimatstadt Sebnitz zündet er am 10. Juni 1958 den selbstgebauten Flugkörper. Er steigt auf und verschwindet im Himmelsblau. Dummerweise umkreist er nicht die Erde, sondern landet kurz darauf mitten im Hof des Volkspolizei-Kreisamtes von Sebnitz.

Gerade wieder in seiner Kellerwerkstatt angekommen, erhält Bernd Besuch von Männern in Ledermänteln. In seiner Hosentasche hat er eine Kartusche voller Schwarzpulver. Während ihm die Stasi-Männer im Keller Fragen stellen, lässt er hinter seinem Rücken den Sprengstoff in einem Brikett-Haufen verschwinden. Seine Jugendlichkeit schützt ihn vor Strafe.

Nach der 8. Klasse lernt Bernd Böttger im VEB Sächsisches Kunstseidenwerk Pirna den Beruf des Chemiefacharbeiters. Ab September 1958 arbeitet er dann im VEB Pyrotechnik Silberhütte in Harzgerode. Jetzt hat er auch beruflich mit Sprengstoff und Raketen zu tun. Die Stasi hat ihn weiter im Visier. Den Genossen wurde zugetragen, dass Bernd wisse, wie man Menschen mit auf dem Rücken geschnallten Raketentriebwerken über Hindernisse fliegen lassen kann.

Bernd ist wissbegierig und erfindungsreich. Nach nur einem Jahr Betriebszugehörigkeit wird er mit 18 Jahren zum Direktstudium an die Ingenieurschule Magdeburg delegiert. Nach nur fünf Semestern muss er die Fachschule jedoch ohne Abschluss verlassen. In einem Stasi-Bericht heißt es, dass er "wegen negativer Diskussionen" verwiesen wurde.

Bernd lernt tauchen und experimentiert mit Verbrennungsmotoren. Er besitzt zwei in den 1930er Jahren gebaute Opel-Pkw sowie mehrere alte Motorräder. Im Januar 1963 rodelt er vor den staunenden Sebnitzern mit seinem Propeller-Schlitten bergauf. Doch im Geheimen tüftelt der junge Erfinder an einem Gerät, das ihm die Flucht aus der DDR ermöglichen soll.

Seine Patentante aus Allensbach am Bodensee schickt ihm 1966 einen Neopren-Anzug mit Kopfhaube. Diese Nassanzüge für Taucher stellt seit 1954 die Firma Barakuda her. Mit einem Neo kann man sich stundenlang im Wasser aufhalten, ohne dass die Körpertemperatur sinkt. Bernd entscheidet sich, ein "Mini-U-Boot" zu bauen, an das er sich anhängen und unbemerkt durch die Ostsee schleppen lassen kann.

Die benötigte Leistung, um einen Menschen unter Wasser zu ziehen, schätzt er auf 1 kW oder 1,5 PS. Ein Elektromotor wäre leicht gegen Wasser abzudichten, da er keine Luftzufuhr benötigt. Doch es gibt keine Akkus, die genug Energie für eine derartig hohe Leistung über viele Stunden zur Verfügung stellen. Also muss er ein Tauchgerät mit Benzinmotor bauen.

Am besten gefällt ihm der Hühnerschreck-Motor, von 1954 bis 1959 der populärste Fahrrad-Hilfsmotor der DDR. Wegen der später produzierten Mopeds wird der Hühnerschreck jedoch nicht mehr hergestellt. Bernd beschafft sich aber ein gebrauchtes Exemplar. Offiziell heißt die Maschine MAW-Hilfsmotor, benannt nach dem Hersteller VEB Messgeräte- und Armaturenwerk in Magdeburg. Der 6 kg leichte 1-Zylinder-Zweitakter hat 49,5 cm3 Hubraum und eine Leistung von etwa 1 kW. Er ist sehr einfach und ohne jeden technischen Schnickschnack gebaut. Darum ist der Hühnerschreck extrem robust. Allerdings ist er auch sehr laut, was ihm zu seinem Namen verhalf.

Bernd dichtet wasserempfindliche Teile wie Vergaser, Zündspule und Unterbrecher mit Kunststoff ab. Für Ansaugluft und Abgase baut er einen etwa einen Meter langen Schnorchel. Im Sommer 1966 probiert er seine Entwicklung in verschiedenen Seen in der Umgebung von Sebnitz aus. Im September 1966 testet er sie bei Binz auf der Insel Rügen erstmals in der Ostsee. Ein Problem ist der Schnorchel für die Ansaugluft: Wenn er unterschneidet oder eine Welle darüber spült, stirbt der Motor ab. Außerdem ist das "U-Boot" sehr laut; jeder in der Umgebung hört sofort, dass da ein Hühnerschreck unter Wasser unterwegs ist. Bernd wird oft beobachtet. Er macht kein Geheimnis mehr daraus und testet seine Erfindung zu Saisonbeginn 1967 nun sogar im Sebnitzer Schwimmbad.

Am 14. Juni 1967 reist er mit Zelt und "U-Boot" im Kofferraum zum Templiner See nördlich von Berlin. Auf dem Weg dorthin trifft er sich in der Hauptstadt mit seiner Freundin, der Schülerin und Langstreckenschwimmerin Maja O.. Sie vereinbaren, dass sie gemeinsam in den Westen fliehen wollen.

Bernd besitzt einen neuen Neo. Für Maja hat er neben Schnorchel, Maske und Flossen noch eine alte Neoprenjacke, die er schon 1963 aus dem Westen bekommen hatte, mitgebracht. Eine von Majas Gymnastikhosen hat er mit gummiertem Material beklebt, das vor Kälte schützen soll. Auch eine Kopfhaube hat er gebastelt. Alles sitzt perfekt. Zur Sicherheit vereinbaren sie, keinen Kontakt mehr aufzunehmen. Am 20. Juli 1967 wollen sie sich an der Ostsee treffen. Am Templiner See unternimmt Bernd Probefahrten und verbessert einige Details. Dass es insbesondere in der Nacht einen solch höllischen Krach macht, stört ihn sehr. Doch das kann er nicht mehr ändern.

Am 28. Juni 1967 reist er nach Boltenhagen und meldet sich auf dem Zeltplatz Wohlenberger Wiek an. Boltenhagen ist der letzte Ort an der DDR-Küste, der von Urlaubern besucht werden darf. Hinter dem Ortsteil Redwisch am nordwestlichen Ende von Boltenhagen beginnt das Grenz-Sperrgebiet. Bernd sucht nach einem Platz zum illegalen Ablanden in der Nacht. Es ist Urlaubszeit, viele Leute sind am Strand. In seiner unkomplizierten Art plaudert Bernd mit den Soldaten und versucht, Details der Grenzsicherung herauszubekommen. Dabei ahnt er nicht, dass ihn die Stasi längst im Visier hat.

Am 7. Juli 1967 fährt er nach 20 Uhr mit dem Bus zur Steilküste zwischen Boltenhagen und Redwisch. Er spaziert am Strand entlang und hofft, eine wenig frequentierte Stelle für den heimlichen Start zu finden. Um 23 Uhr geht er nach Nordwesten zur Steilküste. Plötzlich springen zwei Soldaten aus den Büschen und richten ihre Kalaschnikows auf ihn: "Hände hoch! Sie sind festgenommen!"

Dreieinhalb Monate sitzt Bernd in U-Haft in Dresden. Am 26. September 1967 klagt ihn das Kreisgericht Sebnitz "Wegen Vorbereitung zum illegalen Verlassen der DDR" an. Während der Verhandlung streitet Bernd die Anschuldigungen ab: Sein "U-Boot" habe er lediglich konstruiert, um das Wasserrettungswesen in der DDR zu revolutionieren. Da er selbst bereits im Sommer als Rettungsschwimmer gearbeitet hatte, klingt das Argument nicht völlig aus der Luft gegriffen und der Richter urteilt milde: Bernd bekommt eine Gefängnisstrafe von acht Monaten, die für zwei Jahre auf Bewährung ausgesetzt wird.

Seine Erfindung wird zwar eingezogen. Den für ihn so wichtigen Neoprenanzug erhält er aber zurück. Als Bernd auf freien Fuß kommt, hat er bereits ein neues und verbessertes Tauchgerät im Kopf. Die komplette Konstruktion hat er sich im Gefängnis ausgedacht. Es gibt keine Skizzen auf Papier, nur in seinem Gedächtnis. Und diesmal wird niemand etwas davon erfahren.

Kaum entlassen, beginnt er seine neuen Ideen in die Tat umzusetzen. Damit ihn der knatternde Zweitaktmotor nicht mehr verrät, werden die Abgase nicht direkt nach außen, sondern zunächst in einen faustgroßen Gummiball geleitet, der die Stöße des Kolbenhubs dämpft. Von dort gehen sie in den Tank, der deshalb auch nur bis zur Hälfte gefüllt sein darf, und weiter in die nächste Kammer, über der ein Schnorchel zum Ansaugen der Frischluft und ein Wasserabscheider sitzen.

Zuluft und Abgase werden also über ein und denselben Zugang geführt. Im Schnorchel herrscht bei laufender Maschine leichter Überdruck, sodass eventuell eindringendes Wasser ausgestoßen wird. Der Überdruck in der Luftkammer hat den Nebeneffekt, dass die Verbrennungsluft nicht angesaugt, sondern mit leichtem Druck in den Motor gepresst wird, was zu einem Turbo-Effekt führt.

Dass die Maschine einen Teil ihrer Abgase wieder in den Verbrennungsraum schickt, macht dem Zweitakter nichts aus. Es besteht nur das Risiko, dass die Zündkerze verrußt. Aus diesem Grund konstruiert Bernd die wasserdichte Stromzuführung so, dass er sie im aufgetauchten Zustand abnehmen und die Zündkerze ausschrauben und reinigen kann. Zu diesem Zweck kauft er eine Luftmatratze, die er auf See als "Arbeitsplattform" aufblasen kann. Der so präparierte Motor ist unter Wasser kaum zu hören.

Der 8. September 1968 ist ein warmer Spätsommertag. Bernd Böttger trifft nachmittags auf dem Zeltplatz Graal-Müritz östlich von Rostock-Warnemünde an der mecklenburgischen Ostseeküste ein, meldet sich beim Platzwart an und baut umgehend sein Zelt auf. Das Auto parkt er in Strandnähe, die Ausrüstung lässt er im Kofferraum. Dann inspiziert er unaufällig den Strand: Hier ist er zwar weit von der innerdeutschen Landgrenze entfernt, doch auch die Küste wird kontrolliert – zu Lande und zu Wasser. Derzeit ist jedoch keine Streife zu sehen.

Selbst am späten Abend ist die Luft noch immer 18 Grad warm und das Wasser misst 17 Grad. Es weht ein leichter Südostwind. Die Bedingungen sind nahezu ideal. Nur der dennoch vorhandene Seegang gefällt ihm nicht.
Um 22 Uhr zieht er einen Pullover an und darüber seinen Neoprenanzug mit Kopfhaube. Er nimmt Maske, Schnorchel und Flossen aus dem Auto, schließt die Kofferraumklappe wieder und sieht um sich: Die Ferienzeit ist schon vorüber, nicht ein Urlauber ist unterwegs. Jetzt oder nie!

Eine halbe Stunde später legt Bernd einen sechs Kilo schweren Bleigürtel um und nimmt sein "U-Boot" aus dem Kofferraum. In der anderen Hand hat er Flossen, Schnorchel und Maske. Er geht schnurstracks zum Strand, zieht die Flossen an, setzt Brille und Schnorchel auf und watet in die Brandung. Im hüfttiefen Wasser stehend, sieht er sich ein letztes Mal um. Er wird dieses Land nie wieder sehen. Da hört er plötzlich Stimmen. Ein Mann ruft: "Do gucke ma’, da jeht bei dor Gälte noch enor schwimm’." Es wird höchste Zeit! Mit einer Drehung am Propeller startet Bernd den Motor und hängt sich hinter seine Erfindung, die sofort anzieht. Dank seines Bleigürtels geht das Gespann sofort auf Tiefe. Sekunden später ist an der Oberfläche nichts mehr zu sehen oder zu hören.

Erst nach langer Zeit wagt er wieder aufzutauchen, um sich zu orientieren. Er ist allein auf dem nächtlichen Meer. Die Küste der DDR liegt als flacher dunkler Streifen hinter ihm. Nur die Scheinwerferlichtkegel der Wachtürme wandern über die dunkle Wasseroberfläche. Bernd ist schon so weit vom Ufer entfernt, dass ihn niemand mehr sehen kann. Er sucht das Sternbild des Großen Wagens und die fünffache Verlängerung seiner Hinterachse: Dort ist der Polarstern! In dieser Richtung muss Dänemark liegen – und etwa auf halbem Wege das dänische Feuerschiff "Gedser Rev". Er hält es jedoch für wenig wahrscheinlich, das Schiff trotz seiner starken Laterne auf dem weiten Weg übers Meer zu treffen. Er weiß nicht einmal, welche Kennung das Licht von "Gedser Rev" hat, denn Seekarten dürfen in der DDR nicht frei verkauft werden.

Bernd schätzt die Geschwindigkeit, mit der ihn sein "U-Boot" zieht, auf fünf Stundenkilometer. Er ist in Hochstimmung. Das verbesserte Modell mit seinen vielen technischen Neuerungen konnte er zuvor nie testen. Doch seine Erfindung läuft wie ein Schweizer Uhrwerk. Und der Motor ist extrem leise.

Gegen Mitternacht hört er lautes Dröhnen. Das ist nicht sein Zweitakter! Er taucht auf und erschrickt. Ein Wachboot der Grenzbrigade Küste, die der Volksmarine unterstellt ist, hält auf ihn zu! Sein erster Gedanke: Sie haben ihn entdeckt! Sind sie gekommen, um ihn festzunehmen? Oder wollen sie ihn durch die Propeller ziehen? Oder "gnädigerweise" nur erschießen? Bernd sieht den grauen Bug nur wenige Meter vor sich. Schnell stellt er seinen Motor ab, atmet tief aus und lässt sich dank seines Bleigürtels und seines schweren "U-Bootes" in die Tiefe sinken. Genau über sich hört er die Schiffsdiesel. Er weiß, dass er die Luft länger anhalten kann, als es die Ärzte raten.

Er muss wieder hoch, sonst stirbt er. Doch seine Kräfte reichen nicht mehr. Er wirft den Bleigürtel ab und schnellt nach oben. Vom Wachboot sieht er nur noch das Heck. Er atmet mehrmals tief durch. Ob sein Motor wieder anspringt? Mit ganzer Kraft dreht er am Propeller, und sein "U-Boot" erwacht zu neuem Leben. Das beflügelt auch ihn. Er lässt sich jetzt, da er keinen Bleigürtel mehr hat, kurz unter der Wasseroberfläche durch die Ostsee ziehen und schiebt eine kleine Welle vor sich her.

Da springt vor ihm etwas aus dem Wasser. Ein Dorsch, so groß, wie er ihn noch nie gesehen hat. Bernd ist in Hochstimmung. Sein Motor schnurrt ohne Aussetzer. Er hat keine Uhr. Am östlichen Horizont scheint das Licht heller und rötlicher zu werden. Kann das ein Vorbote des Sonnenaufgangs sein? Aber die Sonne geht doch erst gegen 6.30 Uhr auf. Bernd war noch nie nachts auf dem offenen Meer.

Vor sich sieht er Lichter. Sie blinken im unterschiedlichen Rhythmus in Rot und Grün. Sind es Fahrwassertonnen? Über allem blinkt ein weißes Licht, das viel heller zu sein scheint. Ist das schon Dänemark? Sein "U-Boot" zieht ihn weiter durch die inzwischen glatte See. Bernd hält mit dem Kopf über Wasser Ausschau. Das blinkende Weiße ist schon ganz nahe. Er nimmt das Gas weg und steuert zum Heck des fremden Schiffes. Dort weht im leichten Südwind eine große rote Flagge mit weißem Kreuz. Am Heck liest er den Heimathafen "Kopenhagen". Bernd schaltet den Motor aus und ruft erst "Hallo". Niemand antwortet. So laut er kann schreit er jetzt: "Help, help!" Da flammt ein Scheinwerfer an Bord auf. Er ist gerettet.

In Westdeutschland wird Bernd Böttger als Flüchtling des Jahres 1968 gefeiert. Er ist 28 Jahre jung, gut aussehend, sportlich trainiert und strahlt stets gute Laune aus. Vor allem ist er ein kreativer Erfinder. Von Nikotin, Alkohol oder Drogen hält er nichts. Stattdessen trinkt er Tee aus selbst gesammelten Kräutern. Schöne Frauen liegen ihm zu Füßen. Es interessiert ihn wenig. Mehrere Firmen bieten ihm Arbeit an. Bernd glaubt, dass er jetzt ein freies und selbstbestimmtes Leben führen kann. Er ahnt nicht, dass ihn die Stasi auch im Westen im Visier hat.

Die Firma Babcock & Wilcox in Oberhausen, die technische Systeme zur Energiegewinnung entwickelt und hohen Wert auf den Forscherdrang seiner Mitarbeiter legt, bietet ihm an, sein "U-Boot" zur Serienreife weiterzuentwickeln. Bernd ist begeistert und zieht im Januar 1969 nach Oberhausen in die Annabergstraße. Im Juni sieht man ihn in der Deutschen Unterwasser-Forschungsstation BAH II, die eine Tauchstation im Bodensee betreibt. Am 15. September 1969 schließlich wird sein zur Serienreife entwickelter Babcock-Scooter der Öffentlichkeit vorgeführt. Ihm werden gleich drei internationale Patente erteilt.

Seiner Mutter in Sebnitz berichtet der erfolgreiche Erfinder in Briefen stolz von seinem neuen Leben. Doch sie macht sich Sorgen. Sie und ihre Söhne Horst und Achim wurden bereits von der Staatssicherheit abgeholt und verhört. Auch Nachbarn und Bekannte wurden befragt. Aus Sorge, dass die Post kontrolliert werden könnte, korrespondieren sie zeitweise über die Adressen von Verwandten. Die Mutter bekommt Besuch von einem Geschäftsmann aus Sebnitz. Er sagt, dass er beruflich in den Westen reisen darf und bietet an, dass er ihre Post mitnimmt, um sie "drüben" einzustecken oder sogar persönlich abzugeben. Die Mutter nimmt dankend an. Sie ahnt nicht, dass der hilfsbereite Fremde ebenfalls für die Stasi arbeitet.

Wenige Wochen nach der Präsentation seines Scooters endet Bernds Zeit bei Babcock & Wilcox. Die ILO-Werke in Pinneberg bei Hamburg, die zum amerikanischen Rockwell-Konzern gehören, wollen Bernd Böttger sowie die Rechte an seiner Erfindung und an den Patenten haben. Sie bieten ihm eine eigene Forschungsabteilung an, ein Monatsgehalt von 1800 DM sowie im ersten Jahr zusätzliche Tantiemen von 200 000 DM für seine Patente. Die Einnahmen aus den Patenten sollen sich in den nächsten drei Jahren auf etwa 1,2 Millionen DM steigern.

Bernd schwebt im Glück. Er zieht nach Pinneberg in die Pension von Frau Braun in der Stettiner Straße und arbeitet in seiner eigenen Forschungsabteilung in den ILO-Werken. Das Unternehmen produziert eine breite Palette von Spezialmotoren – vom Rasenmähermotor bis zum Torpedo-Antrieb. Den größten Umsatz macht ILO als Hersteller von Moped-Motoren für mehrere westdeutsche Firmen. Bernd steht ein breites Sortiment von 2-Takt-Benzinmotoren zur Verfügung. ILO produziert aber auch Spezialmotoren für das amerikanische Militär.

Bernd erhält den Auftrag, neben dem zivilen Aqua Scooter für den Tauchsport auch eine militärische Variante für die Kampfschwimmer der U.S. Navy zu entwickeln. Alles ist streng geheim. Bernds Forschungsabteilung ist innerhalb des Werkes hermetisch abgeschirmt. Der militärische Aqua Scooter soll leistungsstark sein und geräuschlos bis zu 15 km/h schnell unter Wasser fahren können.

Das bleibt der HVA, der "Hauptverwaltung Aufklärung", die beim Ministerium für Staatssicherheit für Auslandsspionage zuständig ist, nicht verborgen. Man legt einen Aktenvorgang dazu mit dem Namen "Taucher" an und sammelt so viele Informationen über Böttgers Leben wie möglich. Der DDR-Geheimdienst findet heraus, dass er Auto und Schlauchboot besitzt und am Wochenende an Nord- oder Ostsee ist, um seine Tauchapparate auszuprobieren. Er ist Einzelgänger. Manchmal reist er nach Frankreich oder Spanien, um seine Scooter, die inzwischen in verschiedenen Varianten erhältlich sind, im Mittelmeer zu testen. Will die Stasi Bernd zurückholen, um seine Erfindung in den Dienst des Sozialismus zu stellen? Haben die Militärs des Warschauer Paktes ein Interesse? Oder wollen sie Bernd liquidieren?

Bernd spart das viele Geld, um sich eine Segelyacht zu kaufen und damit um die Welt zu segeln. In einem Brief an seine Mutter vom 12. August 1971 schreibt er: "Seit Sonntag habe ich einen neuen Zimmernachbarn. Er ist aus Dresden und vor ca. 4 Wochen abgehauen über Ungarn – Jugoslawien – Österreich. Er ist ein prima Kumpel. Das bemerkenswerte aber ist, dass bereits jetzt sein Vater von drüben hier zu Besuch ist."

Bernd ist blauäugig und macht sich wenig Gedanken über seinen neuen Nachbarn Erich Wolfgang K. Auch am Mittelmeer hat Bernd neue Freunde: Sie wohnen in Perpignan im Süden Frankreichs kurz vor der spanischen Grenze. Am Samstag, dem 26. August 1972, besucht sie Bernd dort. Sie verabreden sich für den nächsten Tag zum Tauchen in der Cala Joncols, die bereits auf spanischer Seite liegt. Bernd fährt mit seinem Auto einen Abend zuvor in die beliebte Bucht, wo er im Zelt übernachtet.

Sonntag früh fahren Jean Paul B., seine Frau Jaqueline und sein Schwager mit ihrem Motorboot "Norfeu", das im Hafen der spanischen Stadt Rosas liegt, zu Bernd in die Cala Joncols. Gegen 10.30 Uhr treffen sie sich. Bernd geht mit an Bord der "Norfeu".

Der 27. August 1972 ist ein wunderschöner, sonniger Sonntag. Schon am Vormittag sind viele Ankerlieger vor Ort. Gemeinsam fahren die neuen Freunde mit Bernd auf der "Norfeu" zu den engen Felsenbuchten, die sich wenige hundert Meter weiter in Richtung Osten anschließen. An Bord wird viel gelacht.

Gegen 11 Uhr springt Bernd mit Schnorchel, Maske, Flossen und seiner selbst gebauten Harpune ins Wasser, um etwas fürs Frühstück zu jagen. Jean Paul B. legt danach seine Tauchausrüstung mit Pressluftflasche an und geht auch auf Tiefe. Um 11.30 Uhr kommt Jean Paul an die Oberfläche geschossen und schreit um Hilfe. Bernd liegt regungslos in elf Metern Tiefe auf einem Felsen. Er bringt ihn selbst nach oben. Sie rufen ein schnelleres Motorboot heran und rasen zum nächsten Arzt in der sechs Seemeilen entfernten Hafenstadt Rosas. Der spanische Arzt Dr. Pereira kann nur noch den Tod feststellen. Bei der späteren Obduktion wird als Todesursache "ersticken" protokolliert.

Einen Tag später verschwindet sein Zimmernachbar Hals über Kopf aus der Pension in Pinneberg. Bernds Mutter bittet um Genehmigung einer Westreise, um von ihrem toten Sohn Abschied nehmen zu dürfen. Obwohl sie bereits Rentnerin ist, lehnt die Stasi ab. Stattdessen wird ihr Bernds Asche zugestellt.

Nach der Wende versucht Bernds jüngerer Bruder Achim Böttger den mysteriösen Tod des "Republikflüchtigen" aufzuklären. 1993 stellte er bei der ZERV (Zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität) Strafanzeige wegen Mordverdachts durch die Staatssicherheit. Die Zeugen, die Bernd unmittelbar vor und nach seinem Tod gesehen haben, leben noch immer in Perpignan. Doch niemand macht sich die Mühe, am Tatort zu ermitteln. Stattdessen fällt den Beamten der ZERV nicht mehr ein, als den ehemaligen Stasi-Chef von Sebnitz zu befragen, ob die Absicht bestanden habe, Bernd Böttger im Westen zu ermorden. Er verneint.

Im Oktober 1995 schreibt die Staatsanwaltschaft Berlin an Achim Böttger, dass "erfolgversprechende Ermittlungsansätze nicht ersichtlich sind" und darum das Verfahren eingestellt wird. Achim Böttger hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass irgendwann ein Zeuge oder ein Schriftstück aus den Stasi-Archiven Auskunft darüber geben werden, durch welche Umstände sein Bruder starb – und warum.

Die Erfindung von Bernd Böttger lebt weiter: In den ILO-Werken wird der zivile Aqua Scooter in Serie gebaut. Der dazu verwendete 2-Takt-Motor hat einen Hubraum von 48 cm3 und entwickelt bei 4000 U/min eine Leistung von 2 PS. Die leistungsstärkere militärische Version sieht man in James-Bond-Filmen. Wie viele Aqua Scooter für die U.S. Navy produziert werden, bleibt geheim. Zum Kampfeinsatz kamen sie erstmals im Oktober 1973 im Jom-Kippur-Krieg, als israelische Kampfschwimmer mit ihrer Hilfe den Suezkanal durchqueren.


Ende 1990 werden die Tore der ILO-Werke für immer geschlossen. Der Aqua Scooter mit Verbrennungsmotor wird noch lange in Italien weiter hergestellt. Heute gibt es so leistungsstarke Akkus, dass seine modernen Nachfolger von Elektromotoren angetrieben werden. Sie sind ein beliebtes Freizeitgerät geworden. Nur wenige wissen, dass ihr Erfinder aus Sachsen kam – und damit in die Freiheit floh.

Bodo Müller am 02.01.2021
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